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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
LEGAL HIGHS

(Halb-)Legale Räusche: Poppers

Wer regelmäßig an den kleinen, nach Chloroform riechenden Fläschchen mit der Aufschrift „Nur als Raumduft zu verwenden“ oder „Achtung, CD-Reiniger“ schnüffelt, hat zwar legalen Spaß, aber auch Probleme beim Sehen.

von Markus Lust
24 Oktober 2014, 10:45am

Foto von Lorena Cupcake | flickr | cc

Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben wir in unseren rauschverliebten Jugendtagen alle das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb packen wir ab heute die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs“ aus—also zu Räuschen, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Letztes Mal war Ägyptischer Lotus dran. Jetzt Poppers.

Die meisten Menschen haben keine besondere Bindung zu ihrer Nasenschleimhaut. Das liegt daran, dass sich die meisten Menschen abgesehen von gelegentlichem Niesen, Nasenbluten oder Nachtkokainkonsum nicht wirklich mit ihrer Nasenschleimhaut auseinandersetzen müssen. Ich würde sogar darauf wetten, dass in diesem Artikel jetzt schon öfter das Wort „Nasenschleimhaut“ vorkommt, als die meisten Menschen es in ihren letzten 5 Lebensjahren gelesen, geschrieben oder gehört haben.

Wenn dem so ist, kann mein innerer Sherlock mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ihr keine regelmäßigen Poppers-Konsumenten seid. Wer nämlich gewohnheitsmäßig an den kleinen, nach Chloroform riechenden Fläschchen mit der Aufschrift „Nur als Raumduft zu verwenden“ oder „Achtung, CD-Reiniger“ schnüffelt, für den ist das nasse Innenleben seines olfaktorischen Apparats ein wertvoller und vom Absterben bedrohter Teil seines Körpers.

Poppers machen nicht nur, dass du dich fühlst wie in einem Gay-Club aus den späten 80ern, sondern auch, dass dein Naseninnenleben über die Jahre zu etwas wird, das du bisher nur von Awareness-Plakaten für Schmetterlingskinder kanntest. Außerdem verursachen sie komische Kopfschmerzen, erhöhten Blutdruck und generelles Unwohlsein nach gerade mal 30 halb-okayen Trip-Sekunden, sodass man einen ganzen Abend Tequila-Exzess in weniger als 2 Minuten durchleben kann—und sich spätestens 3 Minuten später die Frage stellt, was zur Hölle man sich dabei gedacht hat (während man schon wieder einen Nasenflügel über das giftige Fläschchen stülpt).

Was ich damit sagen will, ist, dass Poppers nicht gut für euch sind und eigentlich kein 30-Sekunden-Gefühl der Welt die Gefahr von bleibenden Schäden an euren klugen Köpfen rechtfertigt. Andererseits gilt dasselbe wohl für so ziemlich alle Rauschmittel von Alkohol über Sport bis Zucker. Und da Poppers in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgrund des Arzneimittelgesetzes zwar nicht verkauft werden dürfen, aber der Konsum völlig legal ist, rate ich allen vernunftgesteuerten Menschen, den Artikel an dieser Stelle als beendet zu betrachten und wie bei alten Buch-Adventures („Wenn du die Ork-Höhle mit dem gezückten Säbel betreten willst, blättere zu Seite 68“) auf direktem Weg zu unserer Startseite zurückzukehren, während wir hier legale Rauschgeschichten austauschen.

Im Bild: Das Gefühl von Poppers. Nicht im Bild: Poppers. Foto von Nana B. Agyei | Flickr | CC BY 2.0

Dem Rest von euch kann ich nur sagen: Poppers sind zwar furchtbar, aber auch nicht furchtbarer als ein Abend voller Shots—und ich kann mich da an ein paar ziemlich schlimme Abende erinnern, die mit Tequila beim Kebab-Stand, unzähligen Scherben, den Worten „Guter Kunde“, einem Polizeieinsatz und viel Erbrochenem geendet haben. Die gute Nachricht ist, dass euch alles das bei Poppers nicht passieren wird. Es sei denn, ihr nehmt sie in Kombination mit Alkohol, was dazu führt, dass sich (zumindest in eurem Gedächtnis) ein schwarzes Loch öffnet und ihr die nächsten Stunden in einem Zustand geistiger Spaghettifizierung verbringen werdet.

Das liegt einerseits an der gefäßerweiternden Wirkung des Amylnitrits (wegen dem Poppers in den USA auch abgekürzt „amyls“ heißen) und andererseits daran, dass Abende, an denen erst mal die Poppers ausgepackt werden, selten die sind, wo man vorhat, sich um 23:00 Uhr die Schlafmaske über die Augen zu ziehen und das neueste Walklänge-Album aufzulegen. Ursprünglich wurde Amylnitrit als Mittel gegen Herzkrankheiten wie Angina pectoris entwickelt, konnte sich aber wegen seiner viel zu kurzen Wirkung nicht durchsetzen.

Es hat schon seinen Grund, warum Poppers seither in erster Linie auf Gay-Websites und in Sexshops verkauft werden und man bei einer Google-Bildersuche nach Poppers-Konsum fast ausschließlich Goa-Trance- und Love-Parade-Fans findet, die eine hohe Affinität zu öffentlichen Auftritten mit nacktem Oberkörper und Neonhüten haben. Immerhin wird seit jeher die muskelentspannende und analsex-fördernde Wirkung beschworen und die Droge von allen ernsthaften Drogenfreunden eher als pubertärer Kinderkram gesehen—was wohl daran liegt, dass die meisten noch keine so große Überdosis hatten wie ich.

Mein schönstes und gleichzeitig gruseligstes Poppers-Erlebnis hatte ich in einem meiner früheren Jobs, als ich als Texter für ein Internettelefonie-Start-up arbeitete. Wenn ihr euch jetzt denkt, dass „Internettelefonie“ und „Start-up“ zirka so gut zusammenpassen wie „Visitenkarten“ und „3D-Drucker“, habt ihr natürlich recht. Und wenn ihr euch jetzt fragt, wozu eine Website mit Sprüchen wie „Billig ins Ausland telefonieren“ eigentlich einen Texter braucht, der mehr Können mitbringt als Google Translate und Auto-Correct, natürlich ebenso. Entsprechend bestand meine Arbeit auch hauptsächlich darin, die Filmdatenbank auf archive.org abzuarbeiten und jeden Tag mindestens zwei Klassiker zu schauen, während ich nebenbei im Chat-Fenster wüste Beschimpfungen über meinen Chef tippte, damit es so aussah, als würde ich schreiben (was auch immer ich schreiben hätte sollen). Den anderen ging es nicht viel anders. Zum Glück habe ich damals noch geraucht und auch noch mehr getrunken, sodass ich a) die Rundum-Panorama-Dachterrasse für ausgiebige Rauchpausen nutzen konnte und b) mit Bier und Schnaps die Zeit zwischen den Pausen besser vergessen konnte.

Jedenfalls war es die Art von Job, bei dem man Poppers schon zu den Cornflakes braucht und eines Abends nutzten wir die Büroräumlichkeiten für eine kleine Feier, um unseren Unmut in kinetische Partyenergie umzuwandeln. Dazu gehörte eine umfassende Garnitur an Schnäpsen, ein Batzen Rauchbares, ein obligatorisches Screening von Fear and Loathing in Las Vegas über den Dächern Wiens und, natürlich, ein kleines Arsenal an CD-Reinigern, die alle ein wenig anders rochen und deshalb der Reihe nach durchgekostet werden mussten. Im Zuge des Abends gab es dann zwar einen kleinen Zwischenfall mit einem Pizzaboten, aber sonst keine nennenswerten Vorkommnisse—sofern man 8 bis auf die Unterhose durchgeschwitzte Start-up-Loser, die Bier aus dem 7. Stock erbrachen, Poppers in ihren Gesichtern verschütteten und Fellatio auf dem Office-WC simulierten, nicht mitzählt.

Foto von Lorena Cupcake | Flickr | CC BY 2.0

Wie so oft bei Poppers ist die Erinnerung an den eigentlichen Rausch genauso schnell wieder verflogen wie die Wirkung selbst. Aber was ich bis heute weiß, ist, wie es mir am nächsten Tag ging. Und an den nachfolgenden 4 Tagen.

Ich bemerkte das Problem zum ersten Mal auf dem Weg in die Arbeit, als ich versuchte, die Abfahrzeit der U-Bahn von der Anzeigetafel abzulesen (ich war natürlich 3 Stunden zu spät dran, was ich daran erkannte, dass rund um mich längst Asia-Boxen statt Croissants gegessen wurden). So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte die Ziffer einfach nicht erkennen. Wie es aussah, hatte ich über Nacht die Fähigkeit, meinen Blick zu fokussieren verloren. Als ich dann in der Arbeit ankam und auf ein leeres, weißes Word-File starrte, erkannte ich das echte Problem: Immer dort, wo ich meinen Blick hinrichtete, war nur einen schwarzen Fleck. Das schwarze Loch, das Poppers im Gedächtnis verursachen, war auf meine Netzhaut übergeschwappt und in meinen Sehnerv gekrochen. Es hatte meine Pupille verätzt, meine Sehfähigkeit dauerhaft geschädigt und mir meine letzte Freude—nämlich das Anschauen von Creative-Commons-Filmen in der Arbeitszeit—genommen.

Am dritten Tag überlegte ich zu ersten Mal, vielleicht doch zu einem Augenarzt zu gehen. Ich entschied mich dagegen, als ich den Arztbesuch in Gedanken durchspielte und keine zufriedenstellende, harmlose Antwort auf die Frage, wie diese Beschwerden denn zustande gekommen waren, fand. „Na ja, Herr Doktor, ich habe versucht, nachzusehen, ob in meiner Flasche CD-Reiniger eigentlich noch genügend schleimhautverätzende Flüssigkeit enthalten ist, um damit meine Bravo Hits zu säubern und habe leider keinen anderen Weg gefunden, als mein Auge direkt an den Flaschenhals zu setzen und den CD-Reiniger umzudrehen. Ja, danach habe ich dasselbe bei meinem zweiten Auge gemacht. Wieso?“

Im Nachhinein ist das Ganze eine lustige Anekdote von einem beschissenen Job und einem adäquaten Rausch mit entsprechenden Erblindungs-Folgen. Damals, als ich noch nicht wusste, dass sich meine Sehkraft nach einer knappen Woche wieder normalisieren würde, verbrachte ich die Tage jedoch in Panik vor meinem Sinnesverlust.

Was die Moral von der Geschichte ist, weiß ich leider auch nicht. Ich nehme Poppers heute jedenfalls nicht mehr bei Partys oder Filmabenden. Manche munkeln (ähem), Selbstbefriedigung mit Poppers würde für einen halbwegs adäquaten Sex-Ersatz sorgen—was ihr übrigens wirklich nicht ausprobieren solltet, weil es das nächstbeste zu einer Sucht verursacht, das ihr euch von Poppers holen könnt. Andererseits: Zumindest habt ihr dann andere Probleme als eure Nasenschleimhaut.

Eure Lieblings-Bravo Hits könnt ihr auch auf Twitter mit Markus besprechen: @wurstzombie

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