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Popkultur

Durch ,The Human Centipede 2‘ habe ich das Leben lieben gelernt

Dieser abscheuliche Film brennt sich vielleicht in deinem Gedächtnis fest, aber er will dir auch etwas mitteilen: Nicht alles ist so scheiße, wie du denkst!
19.11.14
Szenze auf The Human Centipede 2

2011 entsprang The Human Centipede 2: Full Sequence dem kranken Gehirn von Tom Six. Es ist ein Monster, das seinen Vorgänger in Sachen Verdorbenheit noch einmal um Längen übertrifft. Wenn es in dem Film überhaupt um irgendetwas geht, dann darum, wie es sich anfühlt, wenn dein Gesicht mit einem Tacker am Arsch eines Fremden befestigt wird—ein Fremder, der dann erstaunliche Mengen an Scheiße in deinen unwilligen Mund befördert.

Der Film konzentriert sich auf Martin Lomax, ein—sagen wir es so, wie es ist—fast immer schweigender Loser mittleren Alters mit Asthma, der noch bei seiner Arschloch-Mutter wohnt, seinen Tausendfüßler mit lebenden Insekten füttert und dabei „Eeeeeee" sagt. Von Anfange bis Ende ist das Ganze eine selbstreferenzielle Sache. Martin ist wie besessen vom ersten Teil der Human Centipede-Reihe und schaut sich am Anfang des Films gerade dessen Ende an.

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So wie Martin machen sich ohne Zweifel auch die meisten von uns Gedanken darüber, ob es wirklich möglich ist, einen menschlichen Tausendfüßler zu erschaffen, indem man ein paar Leute an „Arsch und Mund" zusammennäht und so ein zusammengesetztes Verdauungssystem zu kreieren. Im Gegensatz zu uns (obwohl ich hier nicht für alle sprechen kann) erregt dieser Gedanke Martin jedoch so sehr, dass er sich mit Schleifpapier einen runterholt.

Während ich diese Zeilen tippe, läuft The Human Centipede 2 im Hintergrund. Das ist eine schreckliche Aussicht und ihr versteht mittlerweile hoffentlich, welches beunruhigende Gefühl das in mir aufkommen lässt—so als wäre mir klar, dass einer meiner Fingernägel gefährlich nahe an der Wurzel abgeschnitten werden muss. Und doch spürt ein gewisser Teil von mir auf eine perverse Art und Weise einen komischen Hauch von Vorfreude.

Bestürzt schaue ich dabei zu, wie Martin seine Opfer mit einer Brechstange bearbeitet und sie dann nackt und gefesselt in einer Lagerhalle gefangen hält. Er trennt ihr Kniesehnen durch (alles in Großaufnahme zu sehen), schlägt ihnen ihre Zähne aus (alles in Großaufnahme zu sehen) und tackert unwillige Münder an Ärsche (ihr wisst Bescheid), bis er vor Freude buchstäblich heult: Er hat die traurigste Polonäse-Kette erschaffen, die du je in deinem Leben gesehen hast.

Nachdem er seinen zehn Opfern Abführmittel verabreicht hat, schaut er dabei zu, wie sie alle ihren Mageninhalt in den Mund der Person hinter sich drücken, bis es nicht mehr weiter geht. Es scheint so, als sei für diesen Film der Ausdruck „bis zum Erbrechen" erfunden worden.

Ich bin kein Fan des Horror-Genres. Und was Gore betrifft, so habe ich ungefähr fünf der Saw-Filme gesehen. Nach The Human Centipede 2 ist das jedoch so, als würde ich damit angeben, jede Episode von Kochduell gesehen zu haben—bloß dass das Ganze nur schwer zu überstehen ist, ekelhaft realistisch daherkommt und (zum Glück) eine Schwarzweiß-Optik besitzt. (OK, nicht komplett. Keine Angst, Six setzt in den entsprechenden Szenen auch die Farbe Braun ein.)

Zum ersten Mal habe ich The Human Centipede 2: Full Sequence im schicksalhaften Sommer von 2012 gesehen. Ich war bei meinem besten Freund zu Besuch, der in der Woche heiratete. Wir hatten schon eine ganze Weile damit zugebracht, uns mehrere Folgen von An Idiot Abroad anzuschauen, aber wie sagt man doch so schön: In den Tagen vor deiner Hochzeit willst du dir auf jeden Fall einen Film über das Tackern von Lippen an Ärsche ansehen. Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes, etwas Blaues und The Human Centipede 2.

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Wir sahen das Ganze als eine Art Mutprobe. Am Anfang lachten wir noch und redeten über Filme, die für ihre Ekelhaftigkeit und ihren Horror berüchtigt sind. Man hört sich die Beschreibungen an und stellt sich das alles dann vor. Es reicht aber nicht aus, um tatsächlich Spuren zu hinterlassen. Wir konnten uns nicht wirklich ausmalen, wie widerlich der Film sein würde. Wir waren jung und ja, wir waren auch dumm. Wenn wir einen Blick in die Zukunft hätten werfen können, dann hätten wir uns wohl nicht mit vor Ekel verzerrten Gesichtern durch das mit Kacke verschmierte Gemetzel gekämpft. Aber so blieb uns das Ganze nicht erspart.

Man sagt ja, dass man aus seinen Fehlern lernt. Im Nachhinein kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass du dir den ekelhaftesten Film aller Zeiten allein schon wegen deiner persönlichen Entwicklung ansehen solltest. Wenn man bedenkt, dass das British Board of Film Classification Human Centipede 2 als „mögliches Gesundheitsrisiko für potenzielle Zuschauer" beschrieb, dann wurde deine Neugier bestimmt geweckt. Es folgt nun der Grund, warum du dieser Neugier nachgeben solltest.

Es handelt sich hier nicht um einen guten Film. Es ist sogar ein ziemlich elendiger Film. Eigentlich sind das nur 86 Minuten voller Scheiße, Geschrei und Blut. Aber dank The Human Centipede 2 bin ich froh, am Leben zu sein. Vor dem Anschauen des Streifens war meine Welt im Vergleich dazu wie eine unschuldige Blumenwiese im Sonnenschein. Kennst du den Spruch „Man weiß etwas erst zu schätzen, wenn man es verloren hat"? Nun, lass dir gesagt sein: Du weißt etwas erst zu schätzen, wenn du gesehen hast, wie ein Glatzkopf sein festgetackertes und mit Scheiße verschmiertes Gesicht vom Anus eines inkontinenten Fremden wegreißt.

The Human Centipede 2 lässt dein Leben vergleichsweise richtig gut aussehen—sowohl im Bezug auf die Prämisse als auch auf die Produktion. Meine Eltern wünschen sich vielleicht insgeheim, dass ich einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen hätte, aber eine bestimmte Vorstellung zaubert mir immer ein Lächeln ins Gesicht: Tom Six isst mit seinem Vater und seiner Mutter zu Abend und sie fragen ihn, was er in letzter Zeit so gemacht hat.

Tom: Ach, das Übliche. Ich mache immer noch diese Filme.
Papa Six: Nun ja, wenn es dich glücklich macht.
Mama Six: Schatz, reichst du mir bitte die Soße?
Papa Six: An was arbeitest du gerade?
Tom: Ach weißt du, im aktuellen Film geht es um einen fettleibigen Außenseiter mit Glubschaugen, der eine Kette aus zehn Menschen bildet, indem er sie das Gesicht am After der Person davor festmacht. Dann verabreicht er ihnen ein Abführmittel und schaut dabei zu, wie sie die Scheiße vom Vordermann essen müssen. Einer von ihnen schiebt einen lebenden Tausendfüßler in den Hintern des Typen.
Papa Six: Um Himmels willen!
Mama Six: Tom, was hast du eigentlich immer mit Ärschen?

Ein Wort wird oft mit Filmen assoziiert: Realitätsflucht. Wir gehen ins Kino, um uns selbst zu vergessen. In Ryan Gosling sehen wir den Mann, der wir gerne sein würden. Wir stellen uns bis ins kleinste Detail vor, wie wir mit Scarlett Johansson ein Bad nehmen. Beim Filmschauen kann sich unsere Fantasie voll ausleben: Wir wünschten, wir könnten ebenfalls Banken ausrauben; wir wünschten, wir könnten ebenfalls unsere Feinde mit einem Schlag umhauen; wir wünschten, wir könnten ebenfalls einfach in eine Bar gehen und „Das Übliche" sagen. Horrorfilme sind in dieser Welt eher ein kranker Störenfried. Warum haben wir überhaupt den Wunsch, uns mit so etwas zu belasten?

The Human Centipede 2 ist eine andere Art der Realitätsflucht. Diese düstere, fast nicht auszuhaltende Tortur schafft es, dass du alles in deinem tollen Leben mehr zu schätzen weißt: Die Farben sind schöner, deine bessere Hälfte ist noch besser und die Tatsache, dass dir nicht die Zunge mit einer Zange herausgerissen wird, ist ein Anlass zum Feiern. George Clooneys aktueller Film entlässt dich mit dem ärgerlichen Erkenntnis in die Welt, dass du eben nicht George Clooney bist. The Human Centipede 2 lässt dich froh darüber sein, dass du noch alle Gliedmaßen besitzt und nicht von einem Typen gefickt wirst, der aussieht wie Gollum nach 30 Jahren in einem Süßigkeitenladen.

Wenn ich bessere Laune bekommen will, dann muss ich einfach nur an The Human Centipede 2 denken und mich darüber freuen, dass mein Leben bei Weitem nicht schrecklich deprimierend ist. Dazu kommt noch, dass der Film die Fähigkeit hat, dich mental zu stärken: Wenn man das Ganze erst einmal überstanden hat, dann kann man es mit allem aufnehmen. Ich glaube, ich könnte jetzt auch Chirurg werden. Immer her mit dem Blut und den Knochen. Nichts wird mir etwas ausmachen. Ich bin durch die Hölle gegangen und dort hat alles die Farbe von Scheiße.

The Human Centipede 2 verfolgt dich. Über die letzten beiden Jahre hinweg habe ich es wirklich schwer gefunden, den Film aus meinem Kopf zu verbannen. Deshalb ist er so abstoßend, es aber gleichzeitig auch so wichtig, ihn gesehen zu haben. Wenn sich ein Film in deinem Kopf festsetzt, dann will er dir etwas sagen. Es war vielleicht nicht die eigentliche Absicht von The Human Centipede 2, aber dieser Streifen zeigt dir, wie schön dein Leben ist. Keine Angst, alles ist gut. Dir geht es mit Sicherheit nicht so schlecht wie den Leuten im Film und du bist bestimmt bei Weitem nicht so krank im Kopf wie sein Schöpfer.