Syronics on Speed

​100 Dinge, die ich als Syrer an Berlin liebe – Teil 1

Seit zwei Jahren lebt der Schriftsteller Aboud Saeed als Flüchtling in der deutschen Hauptstadt. Eine Liebeserklärung.

von Aboud Saeed
22 Februar 2016, 10:28am

Aboud Saeed ist ganz rechts | Foto: Privat

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen Der klügste Mensch im Facebook daraus machte, das später sogar als Taschenbuch erschien. Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Als wir ihn gefragt haben, ob er eine Kolumne für uns schreiben will, dachte er ursprünglich, wir seien der Spiegel. Er hat sich aber auch nach Aufklärung des Missverständnisses bereit erklärt, hier einmal in der Woche für uns zu schreiben—über sein Leben in Berlin und das, was er in Syrien zurückgelassen hat.

100 Dinge, die ich an Berlin liebe:

  1. Das Jobcenter
  2. Den Görlitzer Park
  3. Das türkische Hühnerhaus gegenüber dem Görlitzer Park
  4. Den Jazzclub im Görlitzer Park
  5. Den amerikanischen Saxophonspieler im Jazzclub im Görlitzer Park, der wie Morpheus aus Matrix aussieht und glaubt, er sei Louis Armstrong
  6. Die Nachtbusse, besonders der N1
  7. Paule's Metal Eck
  8. Die Barfrau in Paule's Metal Eck mit dem weinroten Haar
  9. Meinen Kumpel Martin, der mit mir dort Billard spielt
  10. Die Revaler Straße an Sams- und Sonntagen
  11. Die wertvollen Bier- und Wasserflaschen, die an Frei- und Samstagen auf der Revaler Straße herumliegen
  12. Sämtliche Kaiser's-Filialen und die 24 Stunden, die sie geöffnet haben
  13. Die Pfandflaschenautomaten im Kaiser's
  14. Den KitKat-Club, aber ohne den Türsteher, der davorsteht
  15. Den Busfahrer, der nicht darauf achtet, ob das Ticket noch gültig ist oder nicht
  16. Die türkische Frau, die mittwochs und donnerstags im Kaiser's an der Kasse arbeitet
  17. Den hohen Turm am Alexanderplatz, der mir jedes Mal den Weg weist, wenn ich mich verlaufe
  18. Die Lächeln, die in der U-Bahn ohne jeglichen Anlass verteilt werden
  19. Die Bars, in denen man tags- und nachtsüber rauchen darf
  20. Die Weserstraße mitsamt des Mädchens, das darauf Rad fährt, dass ihm die Haare fliegen
  21. Den Flughafen Schönefeld. Und nein, und nein, und noch mal nein zum Flughafen Tegel, zu dem weder S- noch U-Bahnen fahren!
  22. Die Shawarma-Sandwiches für 1,50 Euro
  23. Der Soldat, der die ganze Zeit am Checkpoint Charlie steht (und ich träume von einem Selfie mit mir und dem ganzen deutschen Volk im Hintergrund)
  24. Die Firma Audi, die mich zu einem Event eingeladen hat, um sich mit mir zu profilieren, und die schicken Mädchen, der kostenlose Alkohol, der dort verteilt wird, die edlen Sessel und die respektablen reichen Gäste
  25. Das Berghain. Ich träume davon, einmal mit den Türstehern zu stehen und den Leuten auch sagen zu können: Du darfst rein, du nicht
  26. Die älteren Touristen, denen ich winke und „Hallo!" zurufe, während ich auf der Oberbaumbrücke stehe und sie auf einem Schiffsdeck, das gerade unter mir vorbeifährt, zu Mittag essen
  27. All die Fenster, auf die ich von meiner Wohnung aus blicke, wo die Lichter schon immer ab neun Uhr abends aus sind
  28. Meinen Nachbar David und die Geschichte der BRD und der DDR, die er mir, jedes Mal wenn ich ihn treffe, von Neuem erzählt
  29. Die Graffitis auf der Berliner Mauer, die ich nicht kapiere (und ich wünscht', ich hätt' ein Smartphone mit Kamera, und dann mach ich ein Selfie, die Graffitis des deutschen Volkes im Hintergrund und vorne ich und das Mädel, das den Auslöser drückt mit Duckface)
  30. Die mit den roten Mützen, die an Bahnhöfen herumstehen und alle Abfahrtszeiten wissen
  31. Den Winter, mit seinem Wetter, seiner Dunkelheit und den leuchtend weißen Gesichtern
  32. Die Fastfoodkette McDonald's, und das Gefühl von Gerechtigkeit, das ich im Inneren ihrer Filialen verspüre
  33. Das VICE Magazine und die Chefredakteurin, deren Namen ich zwar nicht kenne, die aber für mich und all meine Fehler die Verantwortung trägt

... es folgen weitere.

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.