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Europawahl 2014

Streit um den Bart der Kanzlerin

Bei der bevorstehenden EU-Wahl wird es auch um die Frage nach der Vormachtstellung der deutschen Exportinteressen in der "Wirtschaftsunion" gehen. Wir haben uns angeschaut, wo diese Vormachtstellung herkommt.
4.3.14

Fotomontage aus dem David Icke Forum.

Angie als Hitler: Man kennt das Bild als beliebtes Transparent bei Demos von Griechenland bis Portugal, als Auch-Offline-Meme mit Wachstumspotential. Besser als jeder gelehrte Aufsatz bringt es folgenden doch eher komplexen Sachverhalt auf einen schnell verständlichen Punkt:

„Die Währungs- und Wirtschaftspolitik der EU begünstigt die deutsche Exportwirtschaft. Das geht uns auf den Wecker, weil es zu Ungunsten kleinerer, traditionell importabhängiger Volkswirtschaften geht. Alles, was im ,faulen Süden' der EU nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird privatisiert und ins Ausland verkauft, und das bloß, damit sicher kein VW-Zulieferer in Bielefeld zusperren muss. Die EU betreibt deutsche Arbeitsmarkt-, also Sozialpolitik auf unsere Kosten, und die deutschen Medien haben auch noch die Stirn, uns vorzuwerfen, wir würden über unsere Verhältnisse leben. Geh also bitte scheißen, Deutschland! What with your history and all!“

Nicht Angela Merkel, sondern Dee Dee Luxe. Foto von David Shankbone.

Nun lässt sich darüber streiten, ob es nicht ein bisschen dick aufgetragen ist, die Person Merkel just mit dem größten Massenmörder der Geschichte gleichzusetzen—wobei sich unser Mitleid mit der Kanzlerin in Grenzen hält: If you can't stand the heat usw. Nicht so leicht bestreiten lässt sich die zugrundeliegende These, dass die EU zusehends auch ein Projekt deutscher Großmachtbestrebungen ist. Auch das Gelaber der neuen deutschen Verteidigungsministerin und des deutschen Bundespräsidenten über mögliche Bundeswehreinsätze in letzter Zeit sind da gute Indikatoren.

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Aber: Das Symbolbild auf den Transparenten ist nicht ganz zu Ende gedacht. Klar: „Sozialpolitik in 'Schland auf Kosten der Mittelmeer-Kanaken“, das klingt ungefähr nach dem Wirtschaftsmodell Deutschlands anno 1939 (Polen und andere ausräubern und von dem Ertrag arische Mütterrenten zahlen). Bloß ist die heutzutage angewandte Methode zum Ausräumen Hütchenspiel, nicht Raubmord.

Weshalb die Kanzlerin auf diesen Transparenten zwar zurecht Bart trägt—bloß ist der Bart der falsche. Was von Rechts wegen ins Kanzelerinnengesicht gehört, wenn man schon der Meinung ist, es auf Plakaten spazierentragen zu müssen, ist ganz eindeutig der stolze Kaiser-Wilhelm-Schnauzer, nicht die Hitler'sche Bremsspur.

So hier. Foto aus dem Bundesarchiv.

Denn klar hat Deutschland durch seine wiedervereinigte Stellung in der EU den Krieg gewonnen. Aber nicht den Zweiten, sondern den Ersten, den von 1914 bis 1918. Woher ich das wissen will?—Nun:

Das Septemberprogramm von Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg, das so heißt, weil es im September 1914 geschrieben wurde, listete die Kriegsziele der pickelhaubigen Deutschländer Würstchen im Einzelnen auf. Neben allerhand Provinzen-hin-und-her-Geschiebe im Benelux und der Forderung zur "Schaffung eines mittelafrikanischen Kolonialreichs" steht dort wörtlich:

„Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen und eventl. Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“

… und das unterscheidet sich vom Ist-Zustand auf unserem schönen Kontinent doch nur durch den Bindestrich zwischen Österreich und Ungarn.

Folgt Stefan auf Twitter: @Shmizza