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Popkultur

Onlinepetitionen—nichts als eine weitere Geißel der Menschheit?

In Online-Petitionen fordern die Menschen die interessantesten Dinge. Ein Recht auf Marmelade oder die Deportation von Justin Bieber. Aber nützen sie überhaupt etwas?
30 Januar 2014, 8:00am

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Die Aufforderung, sich nur ein paar Sekunden Zeit zu nehmen um diese oder jene Sache via Onlinepetition zu unterstützen kennt man ja aus seinem Newsfeed von diversen kritisch-avandgardistischen Facebookfreunden oder euren Tanten aus der Provinz, die das Cyberweb beziehungsweise Social Media gerade für sich entdeckt haben. Es kostet nur eine Minute Lebenszeit um benachteiligten Gruppen, wie zum Beispiel Delfinen, Edward Snowden oder dem Wissenschaftsministerium quasi damit das Leben zu retten. Praktischerweise in etwa so lange, wie das Buffern der neuen Folge Game of Thrones!

So erspart man sich, diverse Charity-Bälle zu besuchen oder das Kleid, das man bei der letzten Oscar Verleihung getragen hat, zu versteigern. Gutes tun ist so leicht, und wenn du die Onlinepetition auch noch teilst und deine 856 besten Facebookfreunde zum Sharen und Unterzeichnen aufforderst, kann man damit auch gleich effektvoll zeigen, dass man der Gesellschaft auch etwas zurückgeben will. Eine Charity Gala im Eigenheim–endlich auch für den kleinen Mann!

Mal abgesehen davon, dass man sich mit solchen Dingen gut profilieren kann, muss man sagen, dass wohl alle, die schon mal was davon gehört haben zumindest ganz tief im dunkelschwarzen Zynistenherz das Leiden von drogenabhängigen Straßenkindern nicht gut finden und eine Beendigung desselben gutheißen würden. „Eine Onlinepetition zu unterschreiben ist besser, als sich das 70ste Schminktutorium auf Youtube anzuschauen, im Wissen, dass man eh immer zu faul sein wird, das je nachtzumachen“, sagen die Petitionsposter. „Ich verbanne alle, die sowas posten, sofort und unwiederbringlich aus dem Newsfeed, weil das ist nervig und ich muss mich dann fremdschämen“, sagt die Clubkidjugend, die immer noch fest dran glaubt, nach dem 10-Jahre-langen Thewi-Studium wird sich wohl was ergeben. Aber im Unterschied zu anderen Formen von Facebookagitation—wir alle kennen oder posten täglich ca. 300 Beiträge zum Thema Vegan sein ist super und richtig—sind Onlinepetitionen so richtig fragwürdig. Im echten Leben und so.

Zum Spaß hab ich selbst mal eine Petition auf einer der üblichen inoffiziellen Plattformen, zu denen Avaaz, Compact, Change.org und openPetition zählen, erstellt. Es ist wirklich alles total einfach und praktisch. Man braucht weder seinen richtigen Namen, noch eine gültige E-Mail-Adresse anzugeben, irgendein Konsensthema breittreten und schon kann man sich nach einiger Zeit eine Datei mit einigen privaten Daten der Unterzeichner runterladen, um diese dann zu übermitteln oder vielleicht auch mal drüberzuschmökern. Ohne dabei Besonderes im Sinn zu haben natürlich.

Bei Avaaz zum Beispiel ist man „Mitglied“, sobald man eine Petition unterzeichnet hat. Das bedeutet, man wird immer wieder via der angegebenen Emailadresse freundlich darauf hingewiesen, welche Petitionen noch interessant sein könnten! Total praktisch eben! Das Problem mit den meisten derartigen Anbietern ist—und das ist schon lange kein Geheimis mehr—dass diese beim näheren Hinsehen ein klein wenig dubios sind. Die Mitarbeiter von Gulli.com haben sich schon die Arbeit gemacht, lesenswerte Interviews mit den Pressesprechern einiger der bekanntesten Petitionswebsite-Firmen zu machen.

Vielleicht überlegt ihr euch es nächstes Mal einfach kurz nochmal, bevor ihr der Internetmenschheit zeigen wollt, was ihr für eine gute Haut seid, und wie eure Emailadressen und Interessen aussehen. Oder aber ihr treibt euch einfach mehr bei Anbietern so genannter offizieller Petitionen herum. Die Stadt Wien hat da etwa einiges Interessantes zu bieten:

Erhöhung des Ordnungsmandats bei nicht beseitigtem Hundekot – Für mehr Sauberkeit & Fairness

Stoppt das Nikolausverbot

Rettet Grinzing - UNESCO Weltkulturerbe

RECHT AUF MARMELADE