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Rassismus unter Berliner Obdachlosen

Der brodelnde Konflikt zwischen alteingesessenen Obdachlosen und zugezogenen Roma.

von Marcus Karl
27 Februar 2015, 5:30am

Foto: Hiroyuki Koshikawa

Als Jungspund in Berlin gelandet lud ich den ersten Obdachlosen, der mich fragte, ohne zu zögern, auf ein Bier ein. Ich war gerade dabei, mich von der romantischen Vorstellung der Landstreicher zu verabschieden und suchte nach Fakten. Mein Leben lang bin ich gereist und habe erfahren, wie sich Abhängigkeit vom Gutdünken der Menschen anfühlt. Ich entwickelte eine starke Empathie für die Menschen auf der Straße, suchte immer öfter ihren Kontakt und das Gespräch. Schließlich begann ich in den Endzügen meines Studiums in einer Notunterkunft für Obdachlose ehrenamtlich zu arbeiten. Vor ungefähr einem Jahr wurde die Unterkunft „weggentrifiziert", wie man so schön sagt, geschlossen und bis heute findet sich keine neue Immobilie.

Schätzungsweise 24.000 Obdachlose gibt es in Deutschland , nicht zu verwechseln mit der deutlich höheren Zahl an Wohnungslosen. Wer weder über Wohneigentum noch über angemieteten Wohnraum verfügt, gilt als wohnungslos. Wohnungslosigkeit gibt es in verschiedenen Formen und wird versucht, mit gemeindebehördlichen Mietwohnungsprojekten und betreutem Wohnen aufzufangen. Straßenobdachlosigkeit wird wiederum als „letzte Stufe der Deklassierung" bezeichnet und meint die Gruppe von Menschen, die dauerhaft kein Dach über dem Kopf haben , die im Freien nächtigen oder an anderen öffentlich zugänglichen Stellen.

In Berlin vermutet man ungefähr 4000 Obdachlose und unter jenen herrscht generell ein erbitterter Konkurrenzkampf um die kostenlosen oder -günstigen Schlafplätze in den Notunterkünften und im Straßenzeitungsverkauf—Ruhe und Geld, neben Essen die lebenswichtigsten Faktoren auf der Straße.

Dieses Foto und weitere Fotos in diesem Text gehören zu einer Serie von Hiroyuki Koshikawa, die vergangenes Jahr in VICE veröffentlichte wurde.

Es ist eine harte Realität und nur spannend, wenn man sie von außen beobachtet. Während meiner Zeit in der Unterkunft bemerkte ich allerdings eine interessante und wenig schöne Entwicklung: Auf der Flucht vor unhaltbaren Zuständen und in der Hoffnung auf gute Arbeit sind zwischen 2006 und 2012 circa 16.000 Bulgaren und etwa 9.000 Rumänen nach Berlin gekommen, besonders in den letzten Jahren machten sich viele auf den Weg. In Deutschland werden keine offiziellen Statistiken zu ethnischer Zugehörigkeit geführt, aber Senatsverwaltungen, Quartiersmanagements und zivilgesellschaftliche Organisationen weisen darauf hin, dass es sich bei den Menschen zu einem hohen Anteil um Roma handelt , die meist aus höchst prekären Verhältnissen kommen.

Ein Teil von ihnen hat Schwierigkeiten, erfolgreich anzukommen, landet (vorerst) auf der Straße und bildet damit weitere Konkurrenz um die knappen Güter im Blickfeld der Obdachlosen. Der Konflikt scheint vorprogrammiert und die Ablehnung ist mehr als offenkundig und endet manchmal im unverhüllten Rassismus. Während sich ein Großteil der Gesellschaft Sorgen um Rente und Steuern macht, brodelt es weithin unsichtbar unter den Ärmsten der Armen.

Seit einem Jahr arbeite ich nicht mehr aktiv in dem Bereich. Als ich aber neulich mit meinem Lieblingsromastraßenmusiker plauderte, klagte er von den vielen Anfeindungen und brachte mich wieder zum Grübeln, lenkte meinen Fokus wieder auf diesen Konflikt. Wie kommt es dazu, wie kam es dazu und wie äußert er sich im Einzelnen? Warum besonders die Roma und wie ist die derzeitige Situation? Ich mache mich auf die Suche, um die tieferen Ursachen und Gründe in Erfahrung zu bringen und mir ein Bild der derzeitigen Lage zu machen.

Ein gutes Jahr arbeitete ich einen Abend in der Woche ehrenamtlich in einer der Berliner Notunterkünfte für Obdachlose. Ein Jahr wurde ich immer wieder unfreiwilliger Zeuge von antisemitischen Parolen, offener Ablehnung und Ausgrenzung. Ich erinnere mich noch gut an einen prägenden Moment in unserer Notunterkunft, der zurückblickend sehr bezeichnend für die allgemeine Stimmung bei uns war.

Sach mal, dit ist hier ja wie im Hotel Bukarest! Dit jeht gar nicht!

Ich kam gerade zu meiner Schicht und wollte in der Suppenküche noch einen Kaffee organisieren, da schob sich die alte Frau schnaufend an mir vorbei. Ihr Gesicht wirkte leicht aufgeblasen, schimmert rötlich und glänzte fettig: „Sach mal, dit ist hier ja wie im Hotel Bukarest! Dit jeht gar nicht!", polterte sie, warf einen wütenden Blick auf die zehn vermeintlichen Roma am langen Tisch, grabschte schnaufend ihre beiden Taschen und stapfte wieder raus. Ich war verwirrt. Es gab doch noch genug freie Plätze an den anderen Tischen und die Essenausgabe war ebenfalls noch im Gange.

Ich schlängelte mich zum Tresen und versuchte zu bestellen, musste aber warten, da sich die Thekenfrau und zwei Straßenzeitungsverkäufer einen offenen und hitzigen Schlagabtausch lieferten, allerdings spielten alle im selben Team: „Ich wette, die kommen wieder als Erste zur Weihnachtsfeier und fressen alles auf! Das kann doch nicht sein!", seine Hände stützte er zur Bekräftigung aufgefächert auf den Tresen. „So'ne Scheiße, da hab ick ken Bock drauf! Nich mal Weihnachten hat man da Ruhe!", bellte es zurück und der Dritte stimmte ein: „Das müsst ihr vom Verein aus verhindern! Die haben gestern schon wieder die ganzen Spendenklamotten als Erste durchgewühlt und nur Kacke da gelassen."

Während sich mir der Magen rumdreht, brainstormen die Drei, ob man den Einlasskartenverkauf für die Feier so arrangieren kann, dass die Roma nichts mitbekommen und somit auch keinen Zugang haben werden.

Ich bekam schließlich einen guten heißen Kaffee und schlich mich durch den meckernden Mob nach oben zu meiner Kollegin. Beim Eintreten las sie meinem Blick: „Sie haben's schon wieder gemacht, oder? Zu mir meinte die Dicke mit der Brille neulich, wir sollten endlich mal eine Quote einführen, damit die Deutschen auch mal einen Platz zum Schlafen bekommen. Ich habe mal die Gäste der letzten Monate durchgeschaut. Völliger haltloser Quatsch, dieser Vorwurf." Wir stießen mit dem Kaffee an und schüttelten den Kopf. Wo waren wir hier eigentlich gelandet? Anscheinend an einem Patz, wo man „so etwas wohl noch mal sagen darf."

Foto: Grey Hutton

Das Ganze liegt inzwischen einen Winter zurück und wie die Weihnachtsfeier ausging, kann ich nicht sagen, mir war die Lust vergangen, dort aufzutauchen. Die Notunterkunft hat inzwischen geschlossen, die Suppenküche hat neues Obdach gefunden und ich bin raus aus der Sache, verfolge die Entwicklung aber jetzt wieder aufmerksam.

Und siehe da, manche Sache ändern sich nicht, wie etwa die Grundeinstellung zu den Roma und Südosteuropäern etwa—wie immer eher ungünstig. In den Augen vieler sind sie alle Diebe, Zuhälter und gewalttätig. Sie stehen noch immer ganz unten in der Hackordnung, nicht nur generell in der Gesellschaft, auch bei den Obdachlosen. Im Kreise von Schwachen und Ausgestoßenen sind sie für einige nur der nervige Bodensatz, auf den man gut verzichten könnte . Aber woher kommt diese offenkundige Ablehnung, dieser Hass gegenüber Menschen mit ähnlichem Schicksal, ähnlichen Problemen? Ich habe bereits meine Vermutungen und beginne ein paar der Berliner Notunterkünfte und Missionen abzuklappern, um zu erfahren, was die anderen Experten denken.

Ich werde weitergeschickt von A nach B, von B nach C und von dort wieder nach A.

Grundsätzlich kein leichtes Unterfangen. Während der Kälteperiode tingle ich für einige Wochen durch die Stadt, telefoniere und horche. Gesprächig sind die Wenigsten. Oft will man erst einmal von nichts wissen. Zumindest nicht von dem Konflikt zwischen deutschen Obdachlosen und Roma. Man gibt sich vorsichtig, möchte mit der Sprache nicht so richtig herausrücken oder hat zu dem Thema ehrlich nichts zu sagen. Aber doch, jetzt wo ich es erwähne, man hat von diesem Konflikt mal etwas mitbekommen aber eben nicht hier, nur woanders. Ich werde weitergeschickt von A nach B, von B nach C und von dort wieder nach A. Ich versuche mein Glück in der größten Berliner Notunterkunft nahe des Hauptbahnhofs. Sie wird maßgeblich von Nordosteuropäern besucht, von Roma gibt es hier tatsächlich wenig Spuren. Ich stelle mich abends in die Schlange und sehe heruntergewirtschaftete alte kranke Menschen, die für sich alleine stehen und ins Leere blicken. Schnoddernasen und zerfurchte Gesichter, das sind die alten Straßenbrüder und -schwestern. Vielen fallen bereits die Augen zu und manche können sich nur schwer auf den Beinen halten, kippen im Sekundenschlaf zur Seite weg. Das Leben auf der Straße ist verdammt anstrengend, dass sieht man hier mehr als deutlich. Diese Menschen sind den ganzen Tag unterwegs um Essen und Trinken, um Geld und Schlafplatz zu organisieren und werden in der Regel nirgends mit Kusshand begrüßt. Das nagt und zernagt den Menschen. Dazu schreibt die Bundezentrale für politsche Bildung: „Die Belastung, die mit dem ungesicherten Leben eins ,Landfahrers' oder ,Stadtstreicher' verbunden sind, haben bei längerer Dauer körperliche und psychische Schäden sowie vorzeitige Alterung zur Folge und verringern die Lebenserwartung um etwa zehn Jahre." Das deckt sich mit meinen Eindrücken. Die Leute sehen früh gealtert und strahlen wenig Energie aus.

Neben dem hypnotischen Geräusch des kollektiven Schniefens höre ich russische und polnische Sprachfetzen, sehe gut gebaute Männer, teils stark angetrunken und laut am Palavern. Ihr verbaler Austausch dominiert den Geräuschpegel. Sie tragen nicht die üblichen Attribute, die man nach einiger Zeit auf der Straße bekommt. Ihre Haut sieht gut aus, die Zähne sind relativ vollständig und Blick und Körperhaltung sind forsch und gerade. Was hat es mit diesen kräftigen Osteuropäern auf sich? Warum stehen sie bei einer Notunterkunft in der Schlange?

Die Situation ist in Deutschland nun einmal deutlich besser als bei ihnen zu Hause, viele verdingen sich hier als Tagelöhner und schuften auf dem Arbeiterstrich, das meiste Geld schicken sie nach Hause.

Ich versuche mit zwei Osteuropäern ins Gespräch zu kommen, um herauszufinden, wer sie sind, aber die Sprachbarriere ist unüberwindbar. Mir wird zu kalt, die Schlange bewegt sich in einer knappen Stunde keinen Meter, also laufe ich nach vorne zu einem der drei Securitys und verwickle ihn in ein Gespräch.

Der Mann in der schwarzen Jacke erklärt mir, dass es sich hier maßgeblich um Wohnungslose aus dem Osten handelt. Die Situation ist in Deutschland nun einmal deutlich besser als bei ihnen zu Hause, erklärt er, viele verdingen sich hier als Tagelöhner und schuften auf dem Arbeiterstrich, das meiste Geld schicken sie nach Hause. Dort haben sie auch oft noch Haus, Kind und Kegel. Die Polen, Litauer und Russen machen hier in der Unterkunft manchmal 70-80% aus, konkretisiert der Riese mit den beängstigenden Lederhandschuhen und freundlichen Lachfalten: „Das Problem ist nur, dass sie zu viel trinken!", sagt er lachend und schaltet blitzschnell wieder in den Sicherheitsmodus, da hinter mir in der Schlange ein Gerangel beginnt. Ich warte, bis er die Sache geklärt und einen dicken betrunkenen Mann mit drei Regenschirmen unterm Arm aus der Reihe gezogen hat. Dann ist er wieder bei mir: „Viele schämen sich auch, dass sie es hier nicht geschafft haben und trauen sich nicht mehr nach Hause. Hierher kommen sie, um billig zu übernachten. Es gibt eben verschiedene Gruppen von Bedürftigen."

Foto: Hiroyuki Koshikawa

Das klingt einleuchtend und nachvollziehbar. Aber was ist mit den Roma? Wo sind sie und hat mein Gesprächspartner den Konflikt zwischen Einheimischen Obdachlosen und Roma ebenfalls beobachtet? Fehlanzeige. Hier seien kaum Roma, die sind irgendwo anders. Und der Konflikt zwischen Roma und den anderen sei hier nicht präsent. Stress gebe es immer nur auf persönlicher Ebene, wenn sich einer vordrängelt oder so, nicht wegen der Herkunft. Letztere Aussage kann ich schwer einordnen, denn wer weiß, was dieser Schrank unter „Stress" versteht, schließlich kommt es seinen Angaben nach zufolge abendlich zu zwei bis drei Schlägereien.

Dennoch bin ich etwas schlauer. Die Beweggründe und Umstände zwischen den Nord-Osteuropäern und den Roma sind also relativ ähnlich. Aber wenn die Roma und die Osteuropäer ein so sehr ähnliches Schicksal hat, woher kommt dann die so einseitige Ablehnung? Wie kommt es, dass die Pöbelei bei uns in der Notunterkunft meist nur den Roma, nicht den Osteuropäern galt?

Ich besuche weitere Notunterkünfte und spreche mit Angestellten und Ehrenamtlichen, aber auch hier derselbe Tenor: Von dem Konflikt weiß man erstens nichts, zweitens hat man zwar davon gehört und dritten muss das irgendwo anders stattfinden. Außerdem sieht man die Roma kaum noch, wenn dann nur vereinzelt. Tatsächlich, das fällt mir auch auf. Wo sind die eigentlich alle? Dennoch—mir dämmert langsam, dass man nicht offen mit mir spricht und so ändere ich meine Herangehensweise. Ich spreche nun direkt die Zeitungsverkäufer an, die Bettler, die Menschen auf der Straße. Diejenigen, die direkt mit der Zuwanderung der Roma konfrontiert werden.

Jetzt wird es aufschlussreich, nach einigen Gesprächen formt sich ein Bild. Man fürchtet sich vor den Roma. Es gibt Neid. Sie sind knallharte Konkurrenten auf einem umkämpften und gefährlichen Gebiet, Konkurrenten um die knappen Ressourcen des billigen Wohnens und der begehrten Tagelöhner-Jobs. Hier bestätigen sich meine Beobachtungen, meine Vermutungen für die Ursachen der Ablehnung und des Konflikts. Die Betroffenen und Involvierten sind stinksauer. Sie sind es leid. Sie sind alles leid. Ihr Leben läuft nicht glänzend und wenn es schlecht läuft, ist ein Schuldiger oder ein Gruppe von Schuldigen ein gutes Ventil. Ich hake nach. Sicherlich, das System und die Politik ist auch Grund für die Misere ... aber diese Roma! Es scheint wie so oft, dass man sich etwas Sichtbares sucht, etwas Greifbares und projiziert alles Üble der eigenen Lebenswelt auf die Personengruppe.

Ich telefoniere mit ehemaligen Kollegen und füge die Puzzlestücke zusammen.

Die ganze Situation ist bei so einer heterogenen Zusammenkunft von Menschen, wie es bei den Obdachlosen der Fall ist, nicht besonders leicht zu verstehen. Offenbar kommen in immer größeren Wellen Roma aus Rumänien und Bulgarien, manchmal Ungarn, nach Berlin, von denen einige die Notunterkünfte in Anspruch nehmen. Teils verdienen diese ihr Geld dann auf dem Arbeiterstrich, teils als Straßenmusiker und einige vielleicht auch auf anderem Wege. Manche nutzen aber auch die Verdienstmöglichkeiten des Verkaufs von Straßenzeitungen, um sich über Wasser zu halten. Und eben hier herrscht ein knallharter Kampf. Es gibt Reviere, feste U-Bahnstrecken und Ehrenkodexe. Menschen sind auf die Verkaufserlöse angewiesen, leben davon oder überschreiten mit Hilfe dieses Zubrots die Schwelle zu einem menschenwürdigen Dasein. Die, aufgrund ihres Äußeren deutlich erkennbaren, „Neuen" kann man da nicht gebrauchen. Diese verringern den Absatz und machen nur Ärger, so berichtete mir ein langjähriger Verkäufer. Ich höre wilde Geschichten von Schlägereien und Drohungen, Diebstahl und Überfall. Es scheint mir unmöglich, hierbei Räuberpistole und Wahrheit auseinanderzuhalten. Fakt für die Zeitungsverkäufer scheint aber, dass die Roma Job und Geld klauen und sich dabei auch noch ordentlich daneben benehmen, die ganze Zunft in Verruf bringen. Und dazu wollen die auch noch irgendwo pennen. Hier kommen die Notunterkünfte ins Spiel.

Aus meiner Zeit in der Unterkunft kenne ich den Ablauf, das Prozedere der Platzvergabe. Meist funktioniert es so, dass diejenige Person, die als Erstes da ist, auch den Schlafplatz bekommt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, der wird weggeschickt, meistens zu der größten Berliner Unterkunft nahe des Hautbahnhofs. Das ist die einzige Unterkunft, die quasi niemanden abweist, man darf bei voller Auslastung anscheinend auch auf den Bänken und Tischen liegen.

In den 1990ern wurden mindestens 107 obdachlose Menschen getötet, 92 Übergriffe zählte das Innenministerium von NRW 2010, mindestens 278 Obdachlose sind seit 1991 erfroren.

Nun stehen die Obdachlosen also in gegenseitiger Konkurrenz um das schützende Dach überm Kopf. Im Winter möchte niemand draußen sein, das ist ungemütlich und kann tödlich enden. Man kann erfrieren oder in die Hände von gewaltbereiten Personen geraten, die sich mit Vorliebe um Obdachlose kümmern, da man von denen wenig Wiederstand erwarten kann. In den 1990ern wurden mindestens 107 obdachlose Menschen getötet, 92 Übergriffe zählte das Innenministerium von NRW 2010, mindestens 278 Obdachlose sind seit 1991 erfroren, als sie auf Parkbänken, unter Brücken, in Abrisshäusern, Gartenlauben und ähnlichen Orten nächtigten, alleine im Winter 2009/2010 erfroren 14 Menschen .

In meiner Zeit in der Unterkunft war das Wegschicken der anfragenden Menschen der schwerste Teil der Arbeit. Man sieht in diesem Moment in ihren Augen nicht nur Enttäuschung, sondern oftmals auch Angst. Fragt man nach, kann fast jeder eine Horrorgeschichte aus dem persönlichen Erfahrungsschatz zu nächtlichen Übergriffen zum Besten geben.

Ein wichtiger Fakt bei dem Wettlauf um die Plätze ist, dass die meisten der deutschen Obdachlosen, meiner Erfahrung nach, eher den Typus des Einzelgängers verkörpern. Dazu kommt, dass ein Großteil der Menschen ein Problem mit Drogen oder Alkohol hat oder hatte und/oder die psychische und/oder physische Gesundheit angeschlagen ist. Ob man nun Job und Wohnung verloren hat, weil man zu viel getrunken hat und dann krank wurde oder begonnen hat zu trinken, weil Job und dann auch Wohnung weg waren, das ist völlig durchwachsen und unterschiedlich. Auffällig ist nur, dass diese Attribute bei einem sehr hohen Anteil der Obdachlosen gemeinsam auftreten und vielleicht dazu führen, dass viele sich alleine durchschlagen.

Foto: Grey Hutton

Auf der anderen Seite hat man die körperlich und geistig relativ fitten eingewanderten Roma, die sich sehr gut selbst organisieren und vernetzen. Sie kommen nicht abgekämpft mit letzter Kraft hier an, sondern sind tatenlustige Glücksritter, die hier ein neues Leben aufbauen wollen. Sie verstehen zwar meist weder Sprache noch Bürokratie, aber sich die Hand reichend vermitteln viele sich gegenseitig die freien oder frei werdenden Plätze in den Unterkünften. In einigen Unterkünften darf man nur eine Nacht bleiben, in anderen wiederum mehrere Tage oder sogar Wochen. Bekommt man nun mit, dass ein Platz frei wird, geht in der Peergroup schnell eine SMS rum. Man spielt sich also die freien Plätze zu. Als Einzelgänger schaut man dabei dann natürlich blöd aus der Wäsche. Zudem sammeln sich die Roma manchmal in größerer Zahl in den Suppenküchen, um sich dort auszutauschen und einfach zusammen zu sein.

So erklärt sich vielleicht das Bedrohungsgefühl vieler Obdachloser. Die Roma sind im Gegensatz zu vielen Einheimischen nicht alleine unterwegs, sie sprechen eine Sprache, die man nicht versteht: Unbekanntes und Unverständliches macht Angst.

Zudem schaffen es viele Roma, relativ pünktlich bei den Notunterkünften aufzutauchen und die Plätze abzuräumen. Pünktlichkeit ist beim „Wer zuerst kommt"-Prinzip eine entscheidende Komponente, bei den klassischen Obdachlosen allerdings kein sehr ausgeprägter Wert.

Aber gut, ich mache mich weiter auf die Suche nach Roma, möchte mit ihnen sprechen. Aber wo sind sie? Ich kann nirgends mehr welche entdecken. Sie verschwinden scheinbar mehr und mehr von der Bildfläche der Obdachlosenszene, frequentieren die Notunterkünfte immer weniger. Wie kommt das?

Die haben sich einfach zu oft daneben benommen.

Ich gehe zu der Suppenküche von damals, möchte schauen, ob ich dort ein paar der Roma treffe, die früher regelmäßig bei uns gewohnt haben. Am Tresen sehe ich ein neues Gesicht und bestelle wieder einen Kaffee. Sentimentale Gefühle steigen auf. Das neue Gesicht ist erst ein halbes Jahr dabei und berichtet, dass diese Problematik mit den Roma etwas vor ihrer Zeit gewesen sein muss, wirklich erlebt hat sie das nicht. Aber gelöst, das wusste sie, wurde es in gewissem Maße dadurch, dass eine Art Hausverbot für „eine größere Gruppe" ausgesprochen wurde. „Die haben sich einfach zu oft daneben benommen", bekomme ich als Grund genannt. Wie praktisch, dann braucht man auf der Weihnachtsfeier zukünftig also auch keine mehr Angst um das Essen zu haben

Ich kontaktiere einen meiner alten Chefs, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Berliner Obdachlosenszene und noch immer, nun aber anderweitig, engagiert und erfahre, dass tatsächlich in diesem Jahr besonders viele sogenannte „Matratzenlager" entstanden sind. Da viele der frisch Zugezogenen weder das bürokratische Verständnis noch die finanzielle Sicherheit haben, um eine eigene Wohnung zu mieten, ist ein Markt entstanden. So werden von ominösen Hausbesitzern ein Haufen Matratzen in quasi leere Wohnungen geschmissen und diese Schlafstellen werden dann tageweise vermietet und mit einer Menge anderer Personen im Raum geteilt. Von circa 30 solcher Häuser, Schrottimmobilien genannt, berichtet der Neuköllner Roma-Statusbericht 2014. Auch untervermieten immer öfter Hartz-IV-Empfänger ihre finanzierten Wohnungen zu stolzem Preis an Roma weiter und in Nordberlin hat jüngst ein Besitzer eines alten Bürogebäudes alte Räume zur kurzfristigen Miete geöffnet. Die Immobilie wird in zwei bis drei Jahren abgerissen, bis dahin kann man dort provisorisch für drei bis fünf Euro die Nacht wohnen, so erzählt mir der Mitarbeiter einer Notunterkunft unter vorgehaltener Hand.

Vom Angebot der kostenfreien oder -günstigen Übernachtungen werden Roma aber anscheinend systematisch weggedrängt. Eine Person, die anonym bleiben möchte, berichtet, dass es in ihrer Berliner Notunterkunft unter der Hand eine Anweisung gab, Roma auch öfters mal abzuweisen und Plätze für „Deutsche" freizuhalten, dass es eine Art inoffizielle Quote gab. Zudem berichtet sie, dass eine der großen Berliner Obdachlosenzeitschriften sich ein kluges System überlegt hat. Die Zeitungen sollen an den zentralen Verkaufsstellen nur noch an deutschsprachige Weiterverkäufer abgegeben werden. Ich besuche so eine Verkaufsstelle und gebe mich als potenzieller Weiterverkäufer aus, der gleich auch für einen Freund mit fragen möchte, der noch kein Deutsch spricht. Nichts zu machen, was sollen denn die Kunden denken. Irgendwie erscheint so eine Regelung nachvollziehbar, andererseits kennt Not und Obdachlosigkeit keine Sprache. Die anonyme Person besteht auf Nachfrage darauf, dass man somit vorbeugen möchte, dass die zugezogenen Roma auf dem Markt weiter mitmischen können. Da man kein Auswahlverfahren aufgrund von Nationalität, Ethnie oder Aussehen machen kann, ist die Sprachregelung ein geschickter Schachzug: Auf den ersten Blick nachvollziehbar, auf den zweiten Blick Unsinn. Die großen Obdachlosenzeitschriften müssen sich wohl kaum vor unfähigen Weiterverkäufern schützen. In Berlin sind sie schließlich riesige Marken und prinzipiell weiß fast jeder Passant, was es damit auf sich hat, wenn eine Person mit der Zeitung an der Ecke steht oder durch die U-Bahn schlurft. Ob ein Käufer nur bei Deutschsprachigen Kaufen möchte oder nicht, das kann schließlich jeder selbst entscheiden. Zudem müssen die Weiterverkäufer die Zeitungen erst kaufen, um sie zu höherem Preis weiterzuverkaufen. Das finanzielle Risiko liegt demnach völlig bei ihnen und nicht beim Verlag. Wenn man ohne ausreichende deutsche Sprachkenntnisse die Zeitschrift nicht an den Mann bringen kann, merkt man es von selbst und der Schaden liegt bei der Person, nicht bei der Straßenzeitung. Ich spreche mit meinem alten Chef und er ist sich sicher, dass es maßgeblich ein vorgeschobener Grund ist, im Kern will man eine zu hohe Verbindung zwischen Roma und der Zeitschrift vermeiden, da es sich ungünstig auf den Absatz auswirken könnte.

Es ist ein Zustand, auf dem Fremdenhass gedeihen kann, wo zu wenig an die Öffentlichkeit kommt und zu viel weggeschaut wird.

Die Lage ist verzwickt. Grundsätzlich braucht es ein völlig anderes System der Integration und Obdachlosenhilfe. Die Notunterkünfte sind ursprünglich für Menschen gedacht, die auf der Straße gelandet sind, weil in ihrem Leben etwas gründlich schief ging. Seit einigen Jahren werden die Unterkünfte vermehrt von Personen in Anspruch genommen, die von woanders kommend hierzulande ihr Glück suchen und zum Start eine günstige Unterkunft benötigen. Selbstverständlich sind diese auch bedürftig, schließlich fliehen sie meist vor unhaltbaren Zuständen. Aber solange es nicht genug Plätze für alle gibt, und die gibt es definitiv nicht einmal ansatzweise in Berlin, leiden sowohl die „klassischen Obdachlosen" als auch die Neuankömmlinge und ein Konflikt spitzt sich zu, dessen Schuldfrage auf einer systemischen Ebene liegt. Er wird aber auf persönlicher Ebene ausgetragen und kann (und wird) schlimme Folgen für die Beteiligten haben. Es ist ein Zustand, auf dem Fremdenhass gedeihen kann, wo zu wenig an die Öffentlichkeit kommt und zu viel weggeschaut wird. Auf Deutschlands Straßen demonstriert man gegen Pegida und Co. aber gleichzeitig wird sichtbar für alle und dennoch unsichtbar für die meisten der Streit um Elemtares gestritten; der klassischen Argumentation „Die Ausländer nehmen uns ..." folgend.

Die Europäische Union brachte Reisefreiheit und flexible Arbeitsplatzwahl, sie ist ein großartiges Geschenk und ein progressives Projekt wie kaum etwas anderes seit dem Mauerfall. Aber wenn in einer sozialen Gesellschaft gehobelt wird, dann muss sich jemand um die Späne kümmern. Und die Roma? Es ist das alte Lied. Wo sie herkommen, wurden sie als Untermenschen behandelt. Hier nehmen sie in Anspruch, was sie in Anspruch nehmen können und dürfen und was auch andere Gruppierung in selber Weise aus selber Motivation tun und dennoch bekommen sie wieder eine voller Ladung Hass und Ablehnung zu spüren.