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Sex

Das ist nicht witzig - oder doch?

Die „Disease Pariah News“ waren ein AIDS-Quilt aus Lachern.
1.3.11

1990 war AIDS in den schwulen Communitys dieser Welt noch ein kaum verstandenes, gruseliges Schreckgespenst, und sich mit HIV anzustecken kam mehr oder weniger einem Todesurteil gleich. Es war gleichzeitig das Jahr, in dem die Zeitschrift Diseased Pariah News zum ersten Mal erschien. DPN war die erste Publikation von und für HIV-Positive, und es war definitiv die einzige Publikation von und für HIV-Positive, die lustig war. Wie ihr euch bei dem Titel (der übersetzt soviel wie „News für Aussätzige“ heißt) sicher denken könnt, sind die Gründer des Blattes, Tom Shearer und Beowulf Thorne (geborener Jack Foster, alias Danger Penis) nicht von der weinerlichen, spirituellen Sorte. Sie haben sich mit einer tödlichen Krankheit angesteckt und dann halt einfach das Beste daraus gemacht. DPN bestand aus Artikeln wie „Die Top Ten der Tricks, wie man blaue Flecke vermeidet, wenn man zu lange auf seinem ausgemergelten Arsch gesessen hat“ und „Welches Nahrungsergänzungsmittel ist am Leckersten?“. Es gab den illustrierten Psychotest „Bist du ein seine HIV-Infektion geheimhaltender Republikaner?“ und „Der stilsichere AIDS-Terrorist“, ein Bild, auf dem ein Werkzeuggürtel mit Blutfläschchen für die taktische Verwendung abgebildet war. Und wer könnte die „AIDS Barbie“ oder „Kaposi’s Sarcoma Ken“ vergessen? Tom Shearer ist 1991 während der Arbeit an der zweiten Ausgabe gestorben. Beowulf Thorne starb 1999. Tom Ace, der 1991 zum Herausgeberteam stieß, führte die Zeitschrift bis zu ihrer letzten Ausgabe 1999 weiter. Wie viele Zeitschriften aus dem Zeitalter vor dem Internet, verschwand das Blatt nach seiner Blütezeit aus dem Bewusstsein der Leute. Erst vor Kurzem hat der 29-jährige AIDS-Geschichtsenthusiast Tom Leger alte Kopien der Zeitschrift wieder ausgegraben und ein Onlinearchiv eingerichtet (diseasedpariahnews.com). Über ihn gelang es mir, Tom Ace, den einzigen überlebenden Herausgeber der DPN, ausfindig zu machen. Er lebt—gesund und munter—in Colorado.

Vice: Das neue DPN-Archiv hat sofort ein sehr positives Echo hervorgerufen. Warum, denkst du, erinnern sich die Leute so gerne an das Magazin?
Tom Ace: Ich denke, wer unser Magazin einmal gesehen hat, vergisst es sicher nicht so schnell. Was war euer Zielpublikum?
Schwule Männer wie wir, die zu der Zeit mit HIV oder AIDS lebten. Tom Shearer hat in unserer ersten Ausgabe geschrieben: „Unser redaktionelles Konzept hat nichts damit zu tun, AIDS als Chance oder spirituelles Geschenk des Himmels zu verstehen. Oder als eine Strafe für unser verdorbenes Verhalten.“ DPN hat sich von Anfang an bemüht, vernünftig zu bleiben. Wir sahen AIDS als Krankheit an, und unser Hauptelement war Humor. Wir haben auch nicht versucht, Werbekunden anzuziehen. Als Inspirationsquelle nannte ich immer MAD. Hat es dich furchtlos gemacht, ein Magazin zu machen, während du vielleicht kurz davor warst zu sterben?
Wir waren in vielem sehr arglos. Die fünfte Ausgabe enthielt eine Schallplatte mit Melodien, für die wir keine Rechte hatten. Und Mattel hätte auf die „AIDS Barbie“ auch mit wenig Verständnis reagieren können. Wir dachten: „Wer wird schon eine Zeitschrift verklagen, die von Leuten gemacht wird, die im Sterben liegen?“ Was war der beste Hassbrief, den ihr je bekommen habt?
Wir fanden es lustig, wenn wir von einem Gefängniswärter eine Nachricht bekamen, dass sie die Zeitschrift einem Insassen, der sie gekauft hatte, nicht aushändigen konnten. Ein Buchladen verlangte, dass wir uns öffentlich entschuldigen und alle unverkauften Kopien aus dem Vertrieb zurückziehen. Es kam auch vor, dass sich Druckereien weigerten, das Magazin zu drucken, nachdem sie es gesehen hatten. Es gab eine Organisation in Texas, die uns aufforderte, ihnen keine weiteren Ausgaben zu schicken, weil wir die Art „freizügigen“ Lebensstil propagierten, der überhaupt erst zu der Epidemie geführt habe. Wir fanden diesen Spruch so toll, dass wir ihn bei der nächsten Ausgabe auf einen dieser „Desinfiziert“-Streifen druckten, die man normalerweise über gerade gereinigte Hoteltoiletten legt, den wir aber stattdessen um das Heft wickelten. Wie hat die schwule Community auf das Blatt reagiert?
Im Großen und Ganzen waren die Reaktionen ermutigend. Wenn es zu einer Ausgabe widersprüchliche Meinungen gab, wussten wir, dass sie uns gelungen war. Die „AIDS Barbie“-Sache, die du erwähnt hast, war sehr populär.
Eine weitere Idee, die wir hatten, dann aber nie umgesetzt haben, war „AIDS Barbies Malibu Traumhospiz“. Wer dachte sich diese Sachen aus?
Das waren Wulfs Ideen. Er hatte eine unglaubliche Fantasie und er wusste viel über Biologie. Gegen Ende seines Lebens—Wulfs größte Leidenschaften waren die DPN und Pflanzen—gestaltete er seinen Garten mit einer eklektischen Auswahl an Pflanzen. Besonders mochte er seine Stapelien, eine Pflanze, deren Blüten nach vergammeltem Fleisch riechen und von Fliegen bestäubt werden. Und wie war das mit der „Meat Market“-Seite, romantischen Kontaktanzeigen für Typen mit HIV? Ich liebe die Anzeige, deren Überschrift lautete: „Komm und nippe von den Krumen, die bei diesem Bankett der Bakterien übrig geblieben sind“. Wart ihr damit für den Beginn ein paar lebenslanger Romanzen verantwortlich?
Nicht, dass ich wüsste. Ein Typ aus San Francisco flehte Wulf einmal an, eine Anzeige wieder zurückzuziehen, deren Titel lautete: „Diese Kanone verschießt den Tod“. Darunter folgte dann ein Text, wo er erklärte, dass dies seine Art sei, bekanntzugeben, dass er HIV hatte. Wulf ließ sich aber nicht beirren und druckte sie trotzdem. Gibt es irgendetwas, bei dem du bereut hast, es bei DPN abgedruckt zu haben?
Der Artikel, in dem wir unterschiedliche Poppers verglichen haben, wäre mir heute zu drogenfreundlich, aber ich finde es immer noch cool, dass wir ein Labor beauftragt haben, die chemischen Bestandteile der unterschiedlichen Marken zu untersuchen. Allerdings muss man auch dazusagen, dass die Nitrite zu den harmloseren Drogen gehörten. Das war in der Zeit vor Viagra, was ja in Kombination mit Poppers sehr gefährlich ist. Warum war euer Maskottchen eine Comicmaus?
Es ist eine OncoMouse, eine patentierte Züchtung von Versuchsratten, die im Alter von unter zwei Jahren spontan Krebs entwickeln. Sie sind die Parias der Natur. Sie taten uns leid und wir erhoben sie zum Maskottchen. Ihr habt die Ereignisse rund um den Tod eures Herausgebers Tom Shearer in einer fast Slapstickhaften Geschichte geschildert [„Verdammt! Einer unserer Herausgeber ist tot!“ DPN #3]. Ich fand die Stelle super, wo sein Freund am Telefon einem anderen Kumpel erzählt, was gerade passiert: „Er ist am Sterben … er ist am Sterben … OK, er ist tot.“ Die Geschichte geht dann in einem Billigkrematorium weiter, wo sie „sie für nur 795 Dollar eintüten, verbrennen und in eine Urne packen“! Ist das wirklich so passiert?
Ja. Und habt ihr wirklich einen Teil von Tom Shearers Asche in die Tinte der Ausgabe vom Heft #4 getan?
Ehrlich gesagt, nein. Aber Wulf hat einen Tom-Shearer-Briefbeschwerer gemacht aus einer durchsichtigen Substanz mit darin eingefassten Dingen: einem Foto von Tom, ein paar Flocken seiner Asche und einer Retroviral-Kapsel. Dein erster, fiktionaler Beitrag in DPN handelte von einem HIV-positiven Mann, der sagt, dass er lieber keinen Safer Sex praktizieren würde. Es heißt darin: „Es macht trotzdem nicht so viel Spaß wie Arschficken, so wie Gott es geschaffen hat.“ Was denkst du heute darüber?
DPN hat Safer Sex implizit immer unterstützt. Ich hoffe doch, dass die von uns vermittelte grundsätzliche Nachricht war, dass man eine HIV-Infektion auf jeden Fall vermeiden sollte. Wir waren einfach ehrlicher, was unsere Gefühle gegenüber diesen Dingen betraf. Als ich positiv diagnostiziert wurde, sprach der Typ von der Gesundheitsvorsorge mit mir darüber, wie ich meinen Lebensstil am besten der Krankheit anpassen könnte. Irgendwie kamen wir auf das Thema zu sprechen, Sperma zu schmecken und zu schlucken. Ich sagte, dass das viele Schwule antörnt und dass sie es vermissen würden. Ich fand, dass er zugeben sollte, dass Safer Sex ein Opfer ist, aber eins, das zu erbringen sich lohnt. Er sagte daraufhin, dass vielleicht eines Tages jemand einen synthetischen Ersatzstoff entwickeln würde, der so schmeckt wie echtes Sperma. Das hat er wirklich gesagt. Was hältst du vom Barebacking? Es scheint, dass viele junge Männer sich weniger Sorgen machen als früher.
Ich sage den Leuten, dass sie sich nicht wirklich mit HIV anstecken wollen können. Ich habe das Glück gehabt, es 23 Jahre lang zu überleben, aber auch so hat es Nebeneffekte, von denen ich mit Sicherheit sagen kann, dass es sich lohnt, sie zu vermeiden. Das ist vielleicht leicht gesagt für jemand, der mit 51 Jahren nicht mehr einen ganz so starken Sexualtrieb hat, aber es gibt im Leben wirklich noch andere Sachen außer Sex. Sex ist super, aber das ist der Rest des Lebens auch. Hast du je gedacht, dass man AIDS auch als „sexy“ ansehen könnte?
Nein. Bugchasing habe ich nie verstanden. Und die doppelseitigen Aktfotos von HIV-positiven Männern, die unter „Interessen“ Dinge nannten wie ihre aktuelle T-Zellenkonzentration und ihre Lieblingspillen oder -behandlungen? Oder der Typ mit dem G-String aus Spritzen? Habt ihr diese Sachen als sexy empfunden?
Ja! Ich meine das in dem Sinne, dass sie sexy sein sollten und, meiner Meinung nach, auch so rüberkamen. Einige waren eher Parodien, aber selbst dann waren sie sexy. Was hast du damals von POZ gehalten, dem ersten Mainstream-Lifestylemagazin für HIV-Positive?
POZ wurde um den Zeitpunkt der dritten oder vierten Ausgabe von DPN herum gegründet. Wir hatten eigentlich wirklich kein Problem mit POZ, aber natürlich wurde es trotzdem automatisch zu einem Ziel unseres Spotts. Was denkst du über die an AIDS erkrankten Schwulen, die ihre Krankheit auf die Regierung von Ronald Reagan und später dann Bush senior schoben?
Im Rückblick ist es relativ klar ersichtlich, dass AIDS weniger Aufmerksamkeit bekam, als es hätte bekommen sollen. Wenn es sich nicht auf Schwule und Drogenabhängige konzentriert hätte, hätten die Leute sich sicher schneller darum gekümmert. Die Einstellung „Sollen sie doch ruhig abkratzen“ war sehr viel verbreiteter als heute—in der Öffentlichkeit und unter den Kommentatoren. Reagans Einstellung spiegelte da eher die Grundstimmung der damaligen Zeit wieder. Ich würde nicht sagen, dass wir so sehr auf Leute wie Reagan fixiert waren, dass wir sie zu Sündenböcken gemacht hätten, aber wir warfen ihm und anderen vor, die fortschreitende Krise zu ignorieren. Wen konnten wir für diese Dinge verantwortlich machen? Es war ein bisschen wie bei MAD, die ja auch nicht einfach darauf aus waren, Leuten Vorwürfe zu machen, sondern nur die Absurdität der Welt kommentieren wollten. In meinem Privatleben habe ich nie jemand für meine Erkrankung verantwortlich gemacht. Bei DPN sahen wir HIV selbst als den Hauptübeltäter an. Vermisst du Tom und Beowulf?
Oh, ja. Sicher. Ich denke, ein Magazin wie DPN wäre damals nicht unbedingt entstanden, wenn sie es nicht gemacht hätten. HIV hat mir viele Menschen geraubt, die mir sehr nahe standen. Ich vermisse sie nach wie vor. Definitiv.