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Ich habe eine Woche lang Lebendfutter aus der Tierhandlung gegessen

Mäuse, Käfer und Würmer zu essen, ist gar nicht so schlimm, wie man zunächst denken mag. Mit den richtigen Rezepten kann es sogar ganz lecker sein—und gesund.
29.4.14

Fotos von Steven Smith

Glaubt man den Umweltexperten da draußen, ist die weltweite Fleischproduktion ökonomisch nicht mehr tragbar. Der Durchschnittsamerikaner isst 122 Kilo Fleisch im Jahr und liegt damit auf dem zweiten Platz hinter Luxemburg (komischerweise).

Laut EPA ist die Massentierhaltung schuld an 28 Prozent der weltweiten Methanemissionen, hauptsächlich dank Kühen. Dieses Methan, das einen großen Beitrag zur globalen Erwärmung stellt, hat bereits zu extreme Trockenphasen in Teilen der Länder verursacht, in denen Rinder gezüchtet und das zur Versorgung der Rinder notwendige Getreide angebaut wird. Und die Wasserversorgung verkorksen sie damit auch. EPA berichtet weiter: „Agrikulturelle-Nonpoint-Source-Umweltverschmutzung war die Hauptquelle von Wasserqualitätseinbrüchen in begutachteten Flüssen und Seen, die zweitgrößte Quelle an Beeinträchtigungen von Feuchtgebieten sowie ein Hauptfaktor zur Verseuchung von begutachteten Meeresarmen sowie Grundwasser.“ Oder kurz gesagt: Wir müssen nachhaltige, genießbare und nahrhafte Alternativen zu traditionellem Fleisch finden. Deshalb entschied ich mich, sieben Tage lang eine Mahlzeit am Tag durch Proteinquellen, die man in lebendigem Zustand in Zoohandlungen kaufen kann, zu ersetzen.

An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich keine Ultraveganerin bin, die predigen wird, wie abgefuckt die Massentierhaltung ist. Ich esse ja selbst verdammt viel Fleisch. Dieses kleine Experiment war also nur dafür da, herauszufinden, welche verschiedenen tierhaltigen Mahlzeiten ich als Alternative zubereiten kann, sobald Hamburger nur noch den 1% vorbehalten sein werden.

Bevor ich mit dieser Ernährung begann, befragte ich meinen Arzt, um sicherzugehen, dass ich keine Massenpandemie durch irgendeinen mutierten Virus auslösen würde. Als ich ihm von meinem Plan erzählt, setzte er sein Kinn auf seiner Hand ab und nickte höflich, wirkte aber eher unbesorgt.  „Gibt es da nichts, worüber ich mir Sorgen machen sollte?“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf und warnte mich lässig davor, Mäuseinnereien zu essen. „Nehmen Sie sie auf jeden Fall raus.“ „Klar“, sagte ich. „Ich will ja nicht ihre Scheiße essen.“ Nach einer Pause sagte er mir ohne einen Hauch von Ironie, wo ich am günstigsten regional aufgewachsenes Rinderfilet finden konnte.  Und so fuhr ich, von meinem Hausarzt gesegnet, zur Tierhandlung, um Lebensmittel einzukaufen.

Tag 1: Grillenpfannkuchen

Nährwertangabe: Eine Portion entspricht 100g Grillen. Jede Portion enthält 121 Kalorien, 12,9g Protein, 5,5g Fett. 

Zutaten

440g Mehl

Eine Tasse Grillen

Zubereitung: 

Die Grillen für ein bis zwei Stunden ins Tiefkühlfach legen, danach für zwei Minuten sprudelnd kochen lassen. Sieben und abkühlen lassen. Die sauberen und kühlen Grillen auf Backpapier auslegen und bei 150°C für 45 Minuten backen.

Antennen und Beine vorsichtig entfernen; sie fallen leicht ab. Die Grillen mit einem Nudelholz oder mit einem Stößel zerdrücken, bis sie in kleine, braune Stückchen zerteilt sind. Unzureichendes Zerdrücken ergibt kleine Gesichter, die dich aus dem Teig anstarren. Mehl für die Pfannkuchen nutzen.

Erste Eindrücke

Grillen riechen fischig—ein Aroma, welches zweifelsfrei durch ihren Lagerort im Tierladen in dicken Plastikeimern neben blauen Aquarien verschlimmert wird. Um meinen Instinkt zu überlisten, redete ich mir ein, dass das Aroma, das von meinen Pfannkuchen aufstieg, nach Mandeln duftete.

Geschmack 

Grillen schmecken wie Mandeln, wenn du dir Mandeln vorstellst, und wie Garnelen, wenn du dir irgendwas anderes außer Mandeln vorstellst. Der Geschmack ist unterschwellig, aber wenn du ihn in mit Sirup beträufelten Pfannkuchen schmeckst, wird er verstärkt. Ich empfehle, das Grillenmehl stattdessen in eine saftige Pastete umzuwandeln. Ähnlich wie Nüsse bringen die Grillen ein befriedigendes Knuspern ins Esserlebnis.

Tag 2: Mehlwurmfritten

Nährwertangabe: Ein einzelner Mehlwurm kann auf 10,6% Protein, 3,1% Ballaststoffe, 420ppm Kalzium und 10,01% Fett zerteilt werden. 

Zutaten: 

Eine frische Kartoffel

2 Dutzend Mehlwürmer—gekocht

Ein Tasse gehackte Schalotten

Zubereitung: 

Die Mehlwürmer für mindestens eine Stunde ins Tiefkühlfach geben. Aus dem Tiefkühlfach nehmen und für zwei Minuten kochen. Die Kartoffel der Länge nach ungepellt in dünne, lange Stäbchen schneiden. Öl in einer tiefen Pfanne erhitzen. Die Streifen, Mehlwürmer und Schalotten zusammen braten, bis die Würmer und Kartoffeln goldbraun sind. Herausnehmen und nach Geschmack mit Seesalz, Chilipulver und Cayennepfeffer würzen.

Erste Eindrücke

Mehlwürmer sind verglichen mit Rind nicht gerade besonders protein- und eisenhaltig, aber sie verbrauchen etwa einen Zentimeter Platz pro Stück und benötigen kaum Ressourcen. Außerdem ist der kleine Plastikbehälter, in dem sie geliefert werden, recyclebar, und sie versteifen im Tiefkühlfach, wodurch sich die Zubereitung kein bisschen pervers anfühlt.

Geschmack 

Frittiert schmeckt alles gut, und Mehlwürmer sind da keine Ausnahme. Die Fritteuse und der Cayennepfeffer überdecken jeglichen abschreckenden Geschmack, aber die Würmer selbst haben keinerlei Geruch, bevor man sie kocht, und werden danach leicht und knusprig, ein perfekter Zusatz zu dem zarten Inneren der Kartoffel. Dies war auch eines der am schnellsten kochbaren Gerichte aus meinem Menü, was ein paar Bonuspunkte wert ist.

Tag 3: Mäusekuchen

Nährwertangaben: Mäuse bestehen laut Feline-Nutrition.org zu 55% aus Protein und zu 19% aus Fett.

Zutaten: 

Vier tote, gehäutete, gekochte Mäuse

Zwei gekochte Kartoffeln

Eine viertel Tasse geriebener Cheddar

Eine halbe Tasse gemischtes Gemüse (in meinem Fall aus der Dose)

Zubereitung: 

Lerne in kürzester Zeit, wieso Rind und Geflügel exzessiv verarbeitet und verpackt werden (ohne ihre Köpfe), indem du versuchst, die Innereien aus einer erschütternd weichen, verformbaren Kreatur zu entfernen, die dich daran erinnert, wie sehr du Feivel, den Mauswanderer geliebt hast.

Sobald du vorsichtig alle rettenswerten Stücke Mausfleisch entfernt hast, die sich hauptsächlich im Hinterteil befinden (eine saubere Nagelschere benutzen, falls keine Kleintierausweidwerkzeuge vorhanden), gib sie in kochendes Wasser, während du deinen Shepherds Pie vorbereitest (Kartoffeln kochen, Käse reiben, Gemüsedose öffnen). Koche alle Zutaten zusammen für 30 Minuten bei 190°C.

Erste Eindrücke

Idealerweise solltest du deine Maus aus dem Tierfutterladen kaufen. Kaufe auf GAR KEINEN FALL eine Maus, die zum Haustierdasein gezüchtet wurde, für deinen Kuchen. Als ich das versuchte, sagte mir die Dame im Laden, die Haustiermäuse seien „vollgepumpt mit Antibiotika“ und würden jedes Tier töten, dem du sie verfütterst. Diese weisen Worte könnten mir das Leben gerettet haben.

Bedauerlicherweise führen die meisten Tierfutterläden keine lebendigen Futtermäuse. Meiner hatte jedenfalls keine, weshalb ich mich eiligst um einen Ersatz kümmern musste. Ich hatte gelesen, dass wilde Mäuse, die durch Wände und grasige Weiden rennen, nicht zum Verzehr geeignet sind, da man nicht weiß, was sie alles gegessen haben könnten, also entschied ich mich, eine beliebte Alternative zu versuchen: Arktische Mäuse.

Ich entschloss mich dazu, die ominöse „Nicht für Menschenkonsum geeignet“-Beschriftung zu ignorieren, die sich auf der mit toten Mäusen gefüllten blauen Box befindet. Der Hersteller möchte nicht verantwortlich für meine Entscheidungen sein, aber diese kleinen Viecher wurden in einem sterilen Labor aufgezogen, was man von einem Durchschnittshähnchennugget nicht behaupten kann.

Geschmack

Man möchte glauben, Mäuse schmecken „Genau wie Schweinefleisch!“, aber das tun sie nicht. Beachtet man, wie wenig Fleisch ich von ihren traurigen kleinen Knochen schaben konnte, war der Geschmack meiner Maus potent und um einiges mehr in Richtung überreifes Kaninchen als Schwein, was ehrlich gesagt auch Sinn macht.

Ich verbrachte den Großteil der Nacht damit, mir Panik zu machen, an einer exotischen Krankheit zu sterben. Den ganzen darauffolgenden Tag konnte ich den Nachgeschmack von Maus hinten auf meinen Zähnen schmecken.

Tag 4: Bananen-Wurm-Muffins

Zutaten 

Eine halbe Tasse Backfett

170g Zucker

2 Bananen, zerdrückt

220g Mehl

Ein Teelöffel Backnatron

Ein Teelöffel Salz

Eine halbe Tasse gehackte Walnüsse

Zwei Eier

Eine vierte Ttasse trockengeröstete Mehlwürmer

Zubereitung

Alle Zutaten in einer großen Schüssel mischen. In gefetteter Muffinform bei 175°C für 45 Minuten backen.

Erste Eindrücke

Bananamuffins sind verdammt leicht zu machen, und Würmer hinzufügen geht schnell. Dieses Mal habe ich die „riesigen“ statt und nicht die großen gekauft. Hätte ich vorausgeplant, hätte ich es wahrscheinlich andersherum gemacht (XXL-Mehlwürmer passen besser zu Pommes).

Geschmack

Bananen-Wurm-Muffins sind überraschend köstlich. Meine waren etwas trocken, weil ich sie für eine ganze Stunde im Ofen gelassen hatte, so wie im ursprünglichen Rezept angegeben. Halte dich an die verkürzte Backzeit und du wirst sie lieben. Komplett bananig, keine wurmige Textur. Wird dich den ganzen Morgen lang satt halten.

Tag 5: Ausgebackene und gebratene kleine Fische

Nährwertangabe: Ähnlich Ährenfischen, aber vollgepackt mit Protein (besonders im Vergleich zu anderen Fischarten). Minows können im Ganzen gegessen werden, was ich auch gemacht habe. 

Zutaten

Ein Dutzend lebendiger Kleinfische

Zu gleichen Teilen Mehl und Maismehl (genug, um alle Kleinfische komplett zu bestäuben)

Pflanzenöl

Zubereitung

Meinem freundlichen Köderverkäufer Craig nach endet man die Leben von Kleinfischen am besten durch Hinzufügen von Salz in ihr Wasser. Einfach, aber nicht gerade effizient. Meine Kleinfische überlebten und fingen an, auf gruselige Art und Weise gegen die Innenseite des Styroporeimers zu schwimmen, als würden sie ihn fressen wollen. Oder ihre gefallenen Kameraden.

Ich wollte sie so schnell wie möglich von ihrem Leid erlösen, also schüttete ich sie in ein Sieb, bedeckte es mit einem Teller und hielt mir die Ohren zu, während sie zuckend erstickten. Ich empfehle, sie lieber direkt auf diese Art und Weise zu töten.

Sobald die Fische tot sind, spül sie mit kaltem Wasser ab und bestäube sie mit der Mehlmischung, die du vorbereitet und in eine Schüssel gegeben hast. Erhitze Öl in einer tiefen Pfanne und werfe die Fische hinein, bis sie goldbraun sind. Ich mag sie besonders knusprig, was sich als hervorragende Entscheidung herausgestellt hat.

Erster Eindruck

Meine frittierten Kleinfische waren eine Erinnerung daran, wie einfach es ist, sich neue Kochgewohnheiten anzugewöhnen. Hätte ich im Vornherein die schnelle Tötungsmethode gekannt, hätte ich eine Mahlzeit entdeckt, die weniger Zubereitungszeit benötigt als Fertigspaghetti.

Geschmack

Etwa bei der Hälfte erwischte ich einen, der tatsächlich nach Fisch schmeckte. Das beunruhigte mich. Bis zu dem Moment fand ich die Mahlzeit geradezu köstlich.

Knusprig und heiß. Passt gut zu Bier.

Tag 6: Grillen-Pad-Thai

Zutaten:

100g Reisnudeln

Drei Teelöffel Fischsoße

Ein Teelöffel Sojasoße

Drei Teelöffel frisch gepresster Limettensaft

Zwei Teelöffel Zucker

Erdnussöl

Eine Tasse Grillen

Zwei Knoblauchzehen

Zwei Eier, geschlagen

Zwei Esslöffel Schalotten, fein gehackt

Eine Tasse Bohnensprossen

Ein, zwei Esslöffel Koriander (Koriander schmeckt wie Seife, aber wenn du’s magst …)

Zerdrückte Erdnüsse, je nach Geschmack

Zubereitung

Die Fischsoße, Sojasoße, den Limettensaft und den Zucker in eine Schüssel geben und mischen. Erdnussöl in einem Wok erwärmen und die Grillen auf mittlerer bis hoher Hitze kochen. Eier auf der anderen Seite des Wok rühren. Grillen und Ei herausnehmen und beiseitelegen. Knoblauch und Schalotten in den Wok geben und kurz durchbraten.

Soßenmixtur, Grillen und Eier zurück in den Wok geben und durchwärmen. Reisnudeln für etwa zehn Minuten kochen. Nudeln sieben und in den Wok geben. Bohnensprossen dazugeben und gründlich mischen. Mit Erdnüssen und Koriander verfeinern.

Erste Eindrücke

Am sechsten Tag war ich bereits so ein alter Hut beim Grillenkaufen, dass ich genau wusste, wie meine Antwort lautete, als der Junge hinter der Kasse mich fragte, ob ich „Pappe oder Papier für die Viecher“ will. (Pro-Tipp: Pappe gibt den Grillen etwas, woran sie hängen können, damit sie nicht im Beutel rumspringen und dich gruseln.)

Tatsächlicher Geschmack

Dies war das Gericht, auf das ich mich am meisten gefreut hatte, und ich versaute es. Ich erwartete, dass der fischige Geschmack der Grillen gut zu diesem klassischen Gericht passen würde, und ich bin mir sicher, das hätte er auch. Mein erster Bissen war überfordernd und salzig, und anfangs dachte ich, die Sojasoße wäre schuld. Es stellt sich heraus, dass Erdnussöl nicht gerade wie jedes andere Öl funktioniert. Ich sah nicht, dass es angebrannt war, aber das war es. Eine Enttäuschung, aber auch der Grund, weshalb ich wahrscheinlich wieder einmal Grillen essen werde, sobald dieses Experiment vorbei ist.

Tag 7: Schokoladenüberzogene Grillen

Zutaten: 

Leicht-gesüßte Schokoladenchips fürs Backen

Grillen

Zubereitung:

Geröstete Grillen nehmen und in geschmolzene Schokolade tunken.

Erste Eindrücke

Der siebte Tag war zufälligerweise auch mein Geburtstag, also dachte ich mir, ich gönne mir etwas Süßes. Schokolade, ähnlich wie Frittieren, macht alles köstlich.

Geschmack

Ja, die Schokolade hat irgendwie die bösartigen Garnelenkräfte der Grillen zerstört und sie zurück in knusprige Mandeln verwandelt. Die perfekte Art und Weise, mein Experiment zu beenden.

Fazit

Mäuse, Käfer und Würmer zu essen, ist nicht so schlimm, wie unsere Erste-Welt-Privilegien uns glauben lassen. Solange du die richtigen Rezepte hast, kann es geradezu köstlich sein—und sogar gesund. Durch meine siebentägige Diät verlor ich 1,5kg. Ich hatte durch das Experiment mehr Energie und bemerkte keine Übelkeit oder sonstige Krankheiten.

Leider haben wir uns alle Gewohnheiten durch eine lange, unbedachte Kette an nicht nachhaltigen Entscheidungen antrainiert. Der große, über Generationen etablierte Cheeseburger-Bratsoßen-Express läuft noch auf Hochtouren, während ich das hier schreibe. Auch wenn das zutiefst fehlerhafte System nicht unser Werk war, liegt die Bürde des Fehlerbehebens bei uns, und ein paar Mahlzeiten am Tag mit leckeren Käfern zu ersetzen, ist nicht der schlechteste Start dazu.