Was wurde im Jahr 2015 eigentlich aus all den großen vergessenen Themen?

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Was wurde im Jahr 2015 eigentlich aus all den großen vergessenen Themen?

Ebola? Flug MH370? Griechenland? #BringBackOurGirls?
18.12.15

Aufmerksamkeit ist ja bekanntlich ein ziemlich begrenztes Gut. Das gilt sowohl im Leben von (fast) jedem Einzelnen von uns, als auch für unsere Gesellschaft im Gesamten, und insbesondere natürlich für die (sozial)mediale Welt. Gibt es erst mal ein spektakuläres Ereignis als Auslöser, bestimmt ein konkretes Thema die öffentliche Diskussion zwar oft tage- oder wochenlang, häufig aber nur, um ein bisschen später wieder in kollektive Vergessenheit zu geraten. Dabei ist es nur ein Teil des Problems, dass die Medienwelt komplett aufhört über ein Thema zu berichten—das tut sie in den seltensten Fällen—sondern eher, dass das Interesse des Publikums nach einiger Zeit einfach wegbricht.

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Teilweise verlieren Medien—auch wir—dann aber doch einzelne Themen komplett aus den Augen. In manchen Fällen auch Geschichten, die man selbst erst auf den Radar der Öffentlichkeit gebracht hat. Deshalb wollen wir euch rechtzeitig zum Ende des Jahres einen Überblick über einige Themen und Geschichten geben, die vor einiger Zeit noch so omnipräsent waren, dass man fast glauben hätte können, die Weltöffentlichkeit würde sich nie wieder mit etwas anderem beschäftigen—bevor sie dann doch in der Informationsflut untergegangen sind.

Was wurde eigentlich aus Ebola?

Wenn euer Langzeitgedächtnis halbwegs intakt ist, könnt ihr euch vermutlich noch daran erinnern, als die größte Ebola-Epidemie der Geschichte Westafrika heimsuchte. Trotzdem waren es vor allem einzelne Krankheitsfälle in Europa und den USA—insgesamt sechs an der Zahl—, die eine Berichterstattungswelle auslösten und stellenweise zu einer Hysterie führten, die ihresgleichen suchte. Als sich die Neuerkrankungen wieder auf Afrika reduzierten, nahm diese Panik ein sehr abruptes Ende und viele Menschen vergaßen wieder darauf, permanent in Angst vor einer Ansteckung zu leben (vermutlich, weil ihnen andere Themen in den Sinn kamen, vor denen sie in permanenter Angst leben mussten).

Ein gutes Jahr später hört man so gut wie gar nichts mehr von Ebola. Die Epidemie selbst ist indes immer noch nicht offiziell vorbei. Sie konnte inzwischen stark eingegrenzt werden und im November hieß es kurzfristig sogar, sie sei nun de facto zu Ende, nachdem in Guinea die letzte infizierte Patientin, von der man wusste, geheilt worden war. Doch nur wenige Tage später wurde in Liberia erneut ein Krankheitsfall bestätigt. Und auch wenn epidemische Ausmaße stark eingegrenzt wurden konnten, hat Ebola die betroffenen Länder in vielen Bereichen—etwa dem Gesundheitssystem—um Jahre in ihrer Entwicklung zurückgeworfen.

… Flug MH370?

Beinahe zwei Jahre ist es jetzt her, dass die Malaysia Airlines-Maschine auf bis heute ungeklärte Weise verschwand und zum größten Mysterium in der Luftfahrt-Geschichte wurde—inklusive einer Suchaktion im indischen Ozean, die gleichermaßen gigantisch wie ergebnislos war, und einigen der sensationellsten und absurdesten Verschwörungstheorien, die wir je gehört haben.

Im Juli diesen Jahres wurde durch einen Zufall ein allererstes angespültes Wrackteil auf der Insel La Reunion gefunden, das eindeutig dem verschollenen Passagierflugzeug zugeordnet werden konnte. Danach waren die Hoffnungen sehr groß, dass bald auch andere Teile der Malaysia Airlines-Maschine gefunden werden könnten—allen voran die Blackbox, die Aufschluss darüber geben könnte, was am 8. März 2014 wirklich passiert ist.

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Aber die Suche gestaltet sich auch ein halbes Jahr später fast gleich erfolglos wie vorher. Seit kurzem gibt es immerhin eine neue, genauer definierte Prioritätszone im Indischen Ozean, in der gesucht wird. Die australischen Behörden geben sich—nicht zum ersten Mal—zuversichtlich, im Laufe des nächsten halben Jahres zu finden.

… #BRINGBACKOURGIRLS?

Kommen wir noch einmal nach Afrika: 2014 rückten die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Teilen Nigerias für ein paar Wochen in den Fokus der Öffentlichkeit, als über 200 Schülerinnen von Mitgliedern der Terrororganisation Boko Haram entführt wurden. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte die #BringBackOurGirls-Kampagne, die von zahlreichen berühmten Persönlichkeiten unterstützt wurde.

Die Lage in den von Boko Haram terrorisierten Gebieten ist auch eineinhalb Jahre nach #BringBackOurGirls weiterhin katastrophal. Die Anschläge der Gruppe haben sich 2015 verdreifacht—Boko Haram tötet offiziellen Angaben nach sogar mehr Menschen als der IS. Und die entführten Mädchen wurden nie zurückgebracht: Von insgesamt 219 Schülerinnen fehlt auch heute noch jede Spur. Im November konnte das Militär im benachbarten Kamerun immerhin 900 andere Geiseln aus der Gewalt der Gruppe befreien.

… dem Klimawandel?

Trommelwirbel: Den Klimawandel gibt es immer noch. Und zwar in gewohnt katastrophaler Form—auch, wenn das Thema, das vor ein paar Jahren noch komplett mediendominierend war, seither auf der medialen Prioritätenliste sehr weit nach unten gerutscht ist. Der Klimagipfel in Paris hat zwar wieder kurzfristig stärkere Aufmerksamkeit auf die damit einhergehenden Probleme gelenkt (zumindest als Arnold Schwarzenegger dort vorbeigeschaut hat und demonstrativ mit einem Fahrrad durch die Stadt gefahren ist).

Das globale Wetter entwickelt sich aber gleich schlecht wie eh und je: 2015 wird als heißestes Jahr in der Geschichte der Wetteraufzeichnung eingehen. Vermutlich wird es ein Jahr später aber schon von 2016 als heißestem Jahr abgelöst werden—das läuft nämlich seit 2010 jedes Jahr so. Große Erwartungen hat man jedenfalls an das Abkommen, das am Ende der Pariser Verhandlungen von allen 195 teilnehmenden Staaten unterzeichnet wurde und von vielen Seiten als größter Erfolg nach Jahren der Stagnation gilt.

… all den gewalttätigen amerikanischen Cops?

Vor allem die Aufstände in Ferguson und die Black Lives Matter-Bewegung trugen dazu bei, dass Menschen nicht nur im eigenen Land, sondern auch hier in Europa in den letzten beiden Jahren anfingen, zu registrieren, wie viel Polizeiwillkür in den USA tatsächlich herrscht. Polizeigewalt, die auf Video festgehalten wurde, gab dieser Willkür ein Gesicht. Sie sorgte für die überfällige mediale Aufmerksamkeit und Todesfälle wie die von Sandra Bland, Tamir Rice, Eric Garner oder Michael Brown heizten die Debatte zusätzlich an.

Das Fehlverhalten der Beamten hat seither tatsächlich etwas häufiger Konsequenzen—zumindest statistisch gesehen: 2015 wurden dreimal so viele US-Polizisten wegen Mordes oder Todschlages angeklagt wie bisher, nämlich exakt 15. Ein Beispiel: Michael Slager—jener Polizist, der im April den 51-jährigen Afroamerikaner Walter Scott nach einer Fahrzeugkontrolle erschossen hatte und dabei gefilmt wurde—muss ich in einem Verfahren wegen Mordes verantworten. Bei einer Verurteilung droht ihm eine Strafe zwischen 30 Jahren Haft und lebenslänglich. Eine andere gute Nachricht: Der etwas manisch wirkende Polizist, der im Sommer in Texas mit gezückter Waffe eine Poolparty gecrasht und dabei eine 14-jährige niedergerungen hatte, ist seither nicht mehr als Polizist tätig.

… den Zwischenfällen mit der österreichischen Polizei?

Problematische Zwischenfälle mit der Polizei beschränken sich sich natürlich nicht auf die USA. Auch hierzulande gab es immer wieder Kritik am Verhalten von Beamten (natürlich in etwas anderen Dimensionen). Im Sommer haben wir zusammen mit dem Falter ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie Polizisten einen festgenommenen und bereits gefesselten Taschendieb am Hals packen, ihn ohne ersichtlichen Grund auf den Boden werfen und der Mann mit dem Kopf aufschlägt—danach wurde das Ganze von den Polizisten in den Protokollen so dargestellt, als hätte sich der Mann die Verletzungen selbst zugezogen.

Die Polizei reagierte nach der Veröffentlichung schnell. Die Beamten wurden unmittelbar nach der Veröffentlichung aus dem Außendienst abgezogen. Vier Monate später steht das Ermittlungsverfahren in diesem Fall vor dem Abschluss: Nicht nur die beiden Polizisten, die in dem Video zu sehen sind, sondern auch zwei weitere Beamte, die in die Protokollierung des Falles eingebunden waren, müssen sich auf eine Anklage einstellen, wie der Falter berichtet. Ein weiterer Fall, über den wir 2015 berichtet haben, war der eines jungen Mannes, er seiner eigenen Aussage nach von Wiener Polizisten aus keinem erkennbaren Grund abgesehen von seiner Hautfarbe festgenommen wurde, und nachdem sich keine Indizien gegen ihn finden lassen konnten, trotzdem anzeigt wurde—aufgrund von angeblich falschen Behauptungen. Dieser junge Mann hat sich einen Anwalt genommen und die Anzeige angefochten. Und er hat uns berichtet, dass er damit erfolgreich war: Er muss die Geldstrafe nicht zahlen, da die Vorwürfe gegen ihn unhaltbar waren.

Der Ost-Ukraine?

Man könnte fast meinen, zwei große Kriege direkt vor den Toren der EU sind für die Öffentlichkeit einer zu viel, um beide im Auge zu behalten. So würde es sich zumindest erklären lassen, dass man mittlerweile oft wochen- oder monatelang nichts von von dem Konflikt in der Ostukraine mitbekommt. Dabei halten die Kämpfe dort bis heute ungehindert an, ohne Aussicht auf irgendeine Form von Entspannung. Die ukrainische Regierung etwa will weiter aufrüsten und ihr Heer laut eigenen Aussagen zum mächtigsten in ganz Europa machen. Die Krim, die im November ja von Unbekannten auf ukrainischer Seite durch gezielte Sprengungen von Strommasten wochenlang komplett von der elektrischen Versorgung abgeschnitten wurde, ist seit einigen Tagen ans russische Stromnetz angekoppelt—Wladimir Putin ist zu diesem Anlass auf die annektierte Halbinsel gereist, um diesen symbolischen Akt persönlich zu vollführen.

… Griechenland?

Griechenland und die dortige Krise erscheinen immer dann für ein paar Tage am Radar der Öffentlichkeit, wenn es 5 vor 12 ist und man plötzlich damit rechnen muss, dass das Land jede Minute aus der EU fliegt. Meistens ist das unmittelbar vor einem Referendum oder der Entscheidung über ein großes Reformpaket der Fall. Im Land selbst sind die Konsequenzen aber natürlich immer spürbar: Laut einer Studie leidet jeder zweite Grieche aufgrund der Krise unter Angstzuständen, innerer Unruhe und Unsicherheit.

Die Privatisierung öffentlicher Unternehmen schreitet in der Zwischenzeit voran: 14 griechische Flughäfen sind seit Dezember Teil von Fraport, dem Betreiber des Frankfurter Flughafens. Erst am Dienstag hat das griechische Parlament in letzter Minute ein Milliarden-Reformpaket abgesegnet—viele der wichtigen Entscheidungen bezüglich des Reformkurses sind aber noch immer ausständig.

…Lampedusa und der Flüchtlingsroute über das zentrale Mittelmeer?

Die einzige Themen, die das ganze Jahr über praktisch ununterbrochen in aller Munde waren, waren Syrien, die IS-Miliz und allem voran Flüchtlingskrise—sie haben die klassische Aufmerksamkeitsdauer längst überspannt. Aber auch bei so einem omnipräsenten Thema geraten manche Aspekte in Vergessenheit.

Die kleine italienische Mittelmeerinsel Lampedusa war noch Anfang des Jahres das Symbol für Massenflucht, Schiffskatastrophen und tausende Tote. Mittlerweile hat sich der Schauplatz komplett auf die Balkanroute und das östliche Mittelmeer bei Griechenland verlagert. Aber heißt das, dass die zentrale Mittelmeerroute Richtung Italien de facto nicht mehr existiert?

Auf der zentralen Mittelmeerroute—also der von Libyen nach Italien—sind alleine dieses Jahr unfassbare 2.738 Menschen ertrunken. Tatsächlich nimmt die Zahl der Toten aber zumindest seit Mitte des Jahres deutlich ab—besonders auf dieser konkreten Route. Dort haben sich die tödlichen Unfälle in den letzten beiden Monaten beinahe ein Ende genommen—was einerseits an der aktivere Hilfe auf europäischer Seite liegt, noch mehr aber daran, dass sich die Routen Richtung Griechenland verlagert haben und im Gegenzug dort mehr Tote zu beklagen sind. Grund, sich zu freuen, gibt es jedenfalls in keinster Weise—vor allem, weil Experten bereits jetzt davor warnen, dass die Zahl der Unglücke unmittelbar nach dem Winter wieder zunehmen wird.

Tori auf Twitter: @TorisNest