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Sex

Ein paar weniger bekannte Fakten über David Bowie

Ein Rückblick auf die weniger gut beleuchteten Abschnitte im Leben des Thin White Duke.

von Gavin Haynes
15 Januar 2016, 11:27am

Eines Tages wird dieses sensible Gewirr aus Menschen und Orten, das deine Person darstellt, für immer verschwinden. Dabei ist es ganz egal, wer du bist—eines Tages wird sich dein Körper gegen dich wenden und dich umbringen. Das scheint das beherrschende Gefühl zu sein, das diese Woche unser aller Unsterblichkeitsvorstellungen gehörig ins Wanken bringt: Wenn der Tod Bowie erwischt hat ... nun, dann erwischt er mich vielleicht auch irgendwann.

Bei den unzähligen wohlformulierten Nachrufen, die schon verfasst wurden, erscheint es wenig sinnvoll, jetzt noch einen weiteren poetischen Erguss auf den Blumenberg in der Hauptstraße 155—sorry, David-Bowie-Straße 155—in Berlin-Schöneberg zu werfen. Aber es gibt durchaus noch ein paar interessante Dinge, die sich zu Tage fördern lassen, wenn man die ausgetretenen Pfade verlässt und sich auf die Dinge konzentriert, die bei den meisten Nachrufen dem Schneidetisch zu Opfer fallen.

Also bitteschön:

David Bowies Vater hat sein ganzes Geld dabei verloren, die Karriere seiner ersten Ehefrau voranzutreiben

Ihr Name war „Chérie, the Viennesse Nightingale" [die Wiener Nachtigall], oder einfach Hilda—eine Jazz-Sängerin, in deren Namen der bis über beide Ohren verliebte 26 Jahre alte John Jones eine desaströse Revue auf die Beine stellte. In den 1930ern war Jones außerdem Inhaber einer Piano-Bar—dem Boop-a-Doop in der Charlotte Street im Londoner Stadtteil Soho—, bevor er schließlich gezwungen war, einen Job als Portier anzunehmen. Am Ende sollte er dann aber einen weitaus besseren Job in der Kinder-Charity Barnado's finden. Bowies Mutter—Peggy Burns, eine ehemalige Kino-Platzanweiserin—war davor ebenfalls schon verheiratet gewesen.

Er hatte einen Halbbruder, der Selbstmord begangen hat

Cane Hill ist auf dem Cover von The Man Who Sold The World zu sehen und Bowie schrieb eine ganze Reihe von Songs über psychische Krankheiten—am offensichtlichsten wohl „All the Madmen" und etwas verschachtelter in „Bewlay Brothers", dessen Titel von vielen als lautmalerische Umschreibung von „Bowie Brothers" interpretiert wird. Die Boulevard-Presse warf Bowie später vor, seinen Bruder verstoßen zu haben (Bowie ging nicht auf die Beerdigung, weil er befürchtete, dass dann daraus ein Medienzirkus werden würde).

Die Wahrheit sah allerdings ganz anders aus. Der zehn Jahre ältere Burns hatte dem jungen Bowie so ziemlich an alles herangeführt, was ihn in seiner frühen Phase geprägt hatte: Jazz, die Beats, Science Fiction, R'n'B, Buddhismus. Inmitten der stumpf-schwerfälligen Reihenhäuser von Bromley, wo Bowie einen Großteil seiner Kindheit verbrachte, war Terry wie ein Leuchtturm, der ihm den Weg in eine Welt fernab der vorstädtischen Tristesse wies. Und Bowie nahm dankend an, was er ihm anbot.

Jahre Später, 1993, spielte er die Rolle seines Halbbruders in einem Interview jedoch wieder runter, indem er sagte, dass er eine ganze Menge auf seinen älteren Bruder projiziert hätte. „Ich glaube, dass ich seine Bedeutung unterbewusst übertrieben habe", sagte er. „Ich habe diese Heldenverehrung erfunden, um ein wenig von meiner Schuld und meinem Versagen loszuwerden und mich von meinen eigenen Komplexen zu befreien."

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Er hatte eine rücksichtslose Ader

1964 verließ er seine erste, wenig erfolgreiche Band, The King Bees, und reiste die Themse hoch nach Margate, wo er für die R'n'B-Gruppe The Lower Third vorspielte. Der Rest der Band war eigentlich davon ausgegangen, ein ebenbürtiges Bandmitglied ins Boot geholt zu haben, aber David Bowie entschied sich kurzerhand dazu, sich selbst eine Sonderrolle zu geben. Im Namen der Gruppe veröffentlichte er eine Pressemitteilung, in der stand: „Hiermit werden Sie über die Existenz von Davie Jones and the Lower Third informiert."

Anfang der 1970er, nachdem Mick Jagger ihm ein paar Coverentwürfe des belgischen Künstlers Guy Peellaert gezeigt hatte, beauftragte Bowie Peellaert hinter Jaggers Rücken, das Cover für Diamond Dogs zu machen. Es gibt bei Bowie reichlich Beispiele für solche Momente, in denen ehemalige Freundschaften plötzlich zerbrachen.

Die Meisten scheinen seine Rücksichtslosigkeit jedoch mürrisch akzeptiert zu haben. Irgendwie wird es ja jeder, der plant, sich in eine Art Pop-Art-Mannequin zu verwandeln, derartig auf Ruhm und Erfolg abgesehen haben, wie es für uns kaum vorstellbar ist. Michael Lippman, der 1975 Bowies Manager war, beschrieb Bowie als „sehr charmant und freundlich. Gleichzeitig [konnte er] sehr kalt und egoistisch sein ... Er wollte die Welt beherrschen."

Wandmalerei in Brixton | Foto: Jake Lewis

Er war „The Man Who Fucked The World"

Bowie hatte sich zu einem pan-galaktischem Pan der Polyamorie stilisiert und an diesem Bild war wenig gekünstelt. Während der 1970er, als er sich in seiner wegweisenden „offenen" Ehe mit Angie befand, lud er regelmäßig Mädchen, die er bei Partys erblickt hatte, zum spontanen Sex im Badezimmer ein. Auch innerhalb der Ehe waren die Bowies sehr offen: „Angie und David haben in der Oakley Street die großartigsten Orgien abgehalten", erinnerte sich das ehemalige Londoner It-Girl Vicki Hodge. „Alle fickten mit allen. Mick Jagger kam regelmäßig vorbei und machte mit. John [ihr Freund] erzählte mir, dass David zuschaute, während er Sex mit Angie hatte."

Susan Sarandon, Tina Turner, Lulu, Ronnie Spector: Das sind nur ein paar der (bekannten) Eroberungen Bowies. Er beschränkte sich auch nicht bloß auf Frauen. Er schlief mit seinem Pantomime-Lehrer Lindsay Kemp und Kemps Kostümdesignerin Natasha Korniloff. Als das Paar erkannte, was Bowie gemacht hatte, versuchten beide, sich umzubringen. Sie überlebten.

In den frühen 80ern hatte Bowie eine dreijährige Liebelei mit Susan Sarandon und in den späten 80ern war er mit der 20 Jahre jüngeren Tänzerin Melissa Hurley verlobt. Sie trennten sich allerdings wieder und im Oktober des gleichen Jahres traf er Iman auf einer Party in Los Angeles.

Trotz seines sexuellen Erfolgs war er ein eingefleischter Pantomime

Es war die Begegnung mit Kemp, die Bowie vom lausbübischen Sänger mit der Heintjefrisur, der Songs wie „The Laughing Gnome" trällerte, zu dem genialen wandelnden Monument der Selbstkonstruktion werden ließ, als das er heute bekannt ist.

Kemp war ein Pantomimekünstler, der Bowie in dieser weithin verspotteten Kunst sowie in einigen kulturellen Abwandlungen unterrichtete. Er lehrte Bowie, seinen Körper einzusetzen, zu posieren, zu tanzen. Er stellte ihm Kabuki vor, die japanische Onnagata-Tradition, bei der männliche Schauspieler weibliche Rollen spielen.

„Kabuki passt überraschend gut zu Bowie", erklärte der Kulturkritiker Ian Buruma. „[Es ist] ein Theater der extravaganten, stilisierten Gesten. An den Höhepunkten frieren die Schauspieler ihre Bewegungen ein wie in einem Foto, während sie eine besonders dramatische Pose halten. Bowie wurde nie zu einem großen Schauspieler, aber er wurde ein guter Poser, im besten Sinne dieses Wortes. Er bewegte sich immer mit einer seltsamen Grazie."

Kemp und Bowie brachten zusammen eine Show auf die Bühne, die sie Pierrot in Turquoise nannten.

„Sein Alltagsleben war das Theatralischste, was ich jemals gesehen hatte", sagte Bowie über Kemp. „Er lebte alles, was ich mir unter einem Bohemien vorstellte."

Und so fing auch Bowie an, seinen Alltag in Fantasie zu verwandeln, und schon bald wurde seine Fantasie zur Realität aller Anderen.

Er hat einmal einen Pool exorzieren lassen

„Ich hatte in dieser Droge eine Seelenverwandte gefunden", sagte Bowie Paul Du Noyer 2002 im Bezug auf Kokain. „Na ja, eigentlich auch mit Speed. Die Kombination."

Er liebte schnelle Drogen, wie er sagte. Er hasste alles, was ihn langsamer machte. Und Kokain beschleunigte von den frühen 1970ern bis zum euphorischen Höhepunkt 1975 definitiv seine Muse. Er hatte eine übermenschliche Toleranz dafür, bei der Leute in seinem Umfeld nicht mithalten konnten. Sessions wurden aufgeschoben oder ganz abgesagt, weil der Thin White Duke auf seinen Dealer wartete, und dabei immer mehr dieser Figur zu ähneln begann, wie er sie einst beschrieben hatte: „Eine sehr arische, faschistische Type. Ein Möchtegernromantiker, der nicht das Geringste fühlt, doch der jede Menge neoromantisches Zeug erzählt."

Einer der Hauptzeugen dieses Wahnsinns war Glenn Hughes, der Bassist von Deep Purple. Er hatte Bowie angeboten, in seinem Haus in Los Feliz unterzukommen. „David hatte Höhenangst und wollte den Aufzug nicht betreten", erinnerte sich Hughes später. „Er ist nie über den dritten Stock hinaus gegangen. Niemals. Wenn ich ihn in den Aufzug bekam, war es beängstigend. Er war paranoid, also wurde ich auch paranoid. Wir haben im privaten Kreis gefeiert."

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Nach einer Phase, in der er mit Jimmy Page herumgehangen war, entwickelte Bowie eine Obsession für das Buch Psychic Self-Defense, angeblich zum „Selbstschutz gegen paranormale Bösartigkeit" geschrieben, und begann, alle Flächen mit Pentagrammen zu bemalen (was er später in den Zeilen „Don't look at the carpet / I drew something awful on it" in „Breaking Glass" fiktionalisiert verarbeitete).

Wie Hughes es beschreibt: „Er neigte zu sehr bizarren Ausführungen über Aleister Crowley oder die Nazis oder Numerologie ... Er stand total unter Strom. Wahnhaft unter Strom. Ich konnte mit ihm nicht mithalten. Er war aufgrund seiner Paranoia die ganze Zeit angespannt und dann erzählte er auch noch dauernd Sachen, bei denen ich keine verdammte Ahnung hatte, wovon er redete. Er fing an über das Zeug zu schwadronieren und ich wusste einfach nicht, was es zu bedeuten hatte."

Bowie, der in Kalifornien nicht allzu weit von dem Haus wohnte, in dem die Manson Family Sharon Tate, die damals hochschwangere Ehefrau von Roman Polanski, ermordet hatte, wurde immer besessener von der Vorstellung, dass die Ereignisse aus Polanskis Film Rosemaries Baby sich in seinem Leben manifestierten.

„Er hatte so eine ganz fixe Idee darüber, dass es diese schwarzen Mädchen gab, die versuchten, ihn dazu zu bringen, sie zu schwängern, um ein Teufelsbaby zu machen", sagte die Warhol-Jüngerin Cherry Vanilla. „Er hat mich gebeten, ihm eine weiße Hexe zu organisieren, die den Fluch brechen würde, der auf ihm lastete, also habe ich den Kontakt hergestellt."

Die weiße Hexe war eine ehemalige Journalistin und Wicca-Enthusiastin namens Walli Elmlark. Sie führte einen Exorzismus in seinem Haus durch, auf dessen Höhepunkt, wie Angie Bowie später schrieb, „der Pool anfing zu blubbern. Er blubberte stark—vielleicht ist ‚brodelte' ein besseres Wort—, auf eine Art, die sich nicht durch Filter oder Ähnliches erklären ließe."

„Under the God" von Tin Machine

Du hast die Band vielleicht gehasst, aber Tin Machine machte ihn wieder glücklich

Bowies Karriere lässt sich in gewisser Hinsicht als eine Reihe magnetischer Partnerschaften betrachten—Mick Jagger hatte in jeder Ära einen Keith Richards. Mick Ronson. Brian Eno. Tony Visconti. Robert Fripp auf Scary Monsters. Nile Rodgers auf Let's Dance. Und dann, am Ende seiner immer schlimmer werdenden Pop-Phase der 80er, Reeves Gabrels, ein „rechtschaffener" Frickler und ausgezeichneter Sessionmusiker, dem er auf der Glass-Spiders-Tour begegnete.

„Ich blicke mit großer Zuneigung auf die Jahre mit Tin Machine zurück", sagte Bowie gegenüber Uncut. „Ich kann dir nicht sagen, wie sehr sie mich aufgeladen haben. Reeves hat mich aus meiner Niedergeschlagenheit gerüttelt und mir eine Art Licht gezeigt. Er hat gesagt: ‚Sei wieder abenteuerlustig.' Ich finde seitdem meine Stimme und eine gewisse Autorität."

Selbst nachdem Tin Machine völlig floppte, blieb Gabrels Bowies erste Anlaufstelle in Sachen Gitarre, sein Einfluss setzte sich auf Black Tie White Noise, Outside, Earthling und Hours... fort.

Wenige haben ihm jemals gedankt, doch im starken Gegensatz zu dem Image des kreativen Einzelgängers, das er immer verkörperte, brauchte Bowie seine Unterstützer.

Bowie spricht darüber, wie Iman die „Vorstellung der Liebe konkret gemacht" hat

Sein Eheglück mit Iman klingt fast genauso verlockend wie jede pansexuell-kreative Koks-Eskapade

Bowie hat gesagt, er habe „den Kindern schon in der Nacht unseres Kennenlernens Namen gegeben". Zehn Jahre später, im August 2000, kam Alexandria Zahra Jones auf die Welt, als Iman bereits 45 war und das Paar die künstlichen Befruchtungsversuche aufgegeben hatte.

„Ihre Anziehung auf mich war unmittelbar und allumfassend", sagte Bowie dem britischen Hello Magazine in jenem Jahr. „Ich konnte vor Aufregung vor unserem ersten Date nicht schlafen. Dass sie meine Frau werden sollte, war in meinem Kopf schon eine ausgemachte Sache. Ich war in meinem ganzen Leben vorher keine Sache mit solcher Leidenschaft angegangen. Ich wusste einfach, dass sie die Eine ist."

„Meine Ehe ist genauso fantastisch, wie ihr alle sie euch vorstellt", verkündete Iman etwa zur selben Zeit. „Wir standen uns schon immer sehr nahe, aber wenn das irgendwie möglich ist, dann ist unsere Bindung nur enger geworden. Da ist eine Freude und eine Zufriedenheit, die wir beide sehr deutlich spüren."

Dieses private Glück liefert eine teilweise Erklärung für Bowies lange unproduktive Phase zwischen Reality von 2003 und seinem überraschenden Comeback 2013. Er saß mit seiner Tochter auf dem Sofa und sah fern, oder malte, während Iman neben ihm saß und stickte. Bowie wird als eine Reihe von künstlerischen Exhibitionismen in Erinnerung bleiben, doch in den 1990ern war seine Ruhmeslust bereits zugunsten eines sehr häuslichen Liebesnests abgeflaut.

„Ich habe nicht länger das Gefühl von Einsamkeit, das ich früher verspürt habe", sagte er 2003. „Und das war sehr, sehr stark."

Die rührende und ein wenig ernüchternde Erkenntnis, die wir daraus ziehen können, ist die, dass wir am Ende nur eine Sache zurücklassen, und zwar Liebe. Selbst wenn wir David Bowie heißen.