Ich habe Angst vor dem Essen und Angst vor dem Hungern

Einmal verlor mich selbst in einem Abgrund aus Analogkäse, Familienpackungen von Gummikram und Schokolade—und Abführmitteln. Ein paar Leute fragten mich, ob ich schwanger sei. So konnte es nicht weitergehen.

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09 Juli 2016, 4:00am

Illustrationen von Joel Benjamin

Was kam zuerst, die Angstzustände und die Depressionen, oder die Probleme mit dem Essen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. So lange ich zurückdenken kann, haben meine Depressionen und Angstzustände mit meinen Essstörungen getanzt, und mal führt die eine Störung, mal die andere.

Als ich 14 war, machte ich Strandurlaub mit meinen Eltern und wusste nicht, dass das, was ich empfand, Depressionen waren. Die Pubertät war scheiße, und sie wurde noch beschissener, als ich von wunderschönen Teenagermädchen umgeben war, deren winzigen Bikini-Bodys mit meinem Schwabbelkadaver so wenig gemeinsam hatten, dass sie schon wie eine andere Spezies wirkten. Ich wollte mir das Fleisch wegschneiden: Waden, Oberschenkel und Bauch. Doch am allermeisten wollte ich mich selbst wegschneiden. Ich beschloss, dass ich es verdient hatte zu hungern, doch eine Stunde später hatte ich mich schon halb durch ein Baguette von der Größe eines Footballs gefuttert: Schinken, Putenwurst, Brie und Butter. Ich wusste nicht, wie es zu dem Baguette gekommen war, als hätte ich einen Fress-Filmriss gehabt. Doch als es in meinem Bauch ankam, löste es mich von meinem grässlichen Körper und versetzte mich in einen Zustand der Euphorie.

Als das Brot aufgegessen war, wurde ich jedoch wieder in die Realität ausgespuckt. In dieser Realität bedeutete das Essen, das mir eben noch Halt gegeben hatte, Selbsthass. Ich fühlte mich, als würde ich mich auflösen—als wäre ich ein Nichts. Anders als das befreiende Nichts, in das mich das Baguette versetzt hatte, war diese Art des Verschwindens von tiefer Scham durchzogen.

Jahrelang hatte ich Essen eingesetzt, um meine Depressionen im Zaum zu halten. Ich suchte Zuflucht in einem täglichen Programm aus getoasteten Burritos, Fruchtgummis, Bagels mit geschmolzenem Käse, chinesischem Brathähnchen, Pizza, belegten Baguettes mit einer dicken Schicht Mayo, Brownies und Schoko-Cookies. Aber nun war die Scham des Essens stärker geworden als die Linderung, die es mir sonst brachte. Ich begann, Essen als die Ursache meiner Ängste zu sehen statt als ihr Heilmittel. Es schien mir auf einmal effektiver, diese Gefühle im Zaum zu halten, indem ich meine Nahrungsaufnahme zügelte, anstatt mich ihr hinzugeben.

Gegen Ende meiner Teenagerzeit versuchte ich, mit extremen Diäten meine Ängste zu behandeln. Die greifbare Mathematik des Kalorienzählens war das beste Mittel gegen diese ungezügelte Furcht vor dem Unbekannten. Ich machte es schrittweise, indem ich jede Woche meine Kalorienzufuhr ein wenig verringerte. Ich entwickelte seltsame Verhaltensweisen: Ich klaute Essen oder warf Putenstücke aus dem Autofenster, wenn sie über meine zugeteilte Tagesration hinausgingen. Als die Kalorien anfingen, mich zu zählen, war ich nicht länger auf Diät. Ich war magersüchtig.

Die nächsten Jahre verbrachte ich in einem Strudel aus Hungern und Fressattacken. Ich "heilte" meine Magersucht sowie meine Ängste mithilfe von Alkohol und Gras. Einen meiner ersten Alkohol-Abstürze hatte ich bei einem mitternächtlichen Pfannkuchen-Buffet; ich erzählte allen dort, ich sei Jim Morrison. Oft bediente ich mich an den Snack-Automaten auf dem Uni-Campus. Später lag ich umgeben von leeren Snacktüten und Schokoriegel-Packungen irgendwo in einem Korridor. Ich fühlte mich wirklich frei! Dann machte ich eine Trennung durch, verfiel wieder in Depressionen und die Fressattacken wurden tiefer und düsterer. Ich verlor mich selbst in einem Abgrund aus Analogkäse, Familienpackungen von Gummikram und Schokolade, und Abführmitteln. Ein paar Leute fragten mich, ob ich schwanger sei. So konnte es nicht weitergehen.

Also "heilte" ich meine Gewichtszunahme und Depressionen mit Unmengen MDMA sowie Speed, das ich mir in Form von Diätpillen besorgte. Ich sah verdammt heiß aus. Leider war ich auch süchtig.

Als ich vor 11 Jahren clean wurde, schienen sich meine Essgewohnheiten eine Zeit lang einzupendeln. Doch alte Gewohnheiten lassen sich schwer besiegen, und heute kämpfe ich wieder damit, dass ich meine Kalorienzufuhr einschränke. Ich würde sagen, dass mein Essverhalten gestört ist, aber dass ich keine "Essstörung" habe (auch wenn Menschen, die mich kennen, das vielleicht anders sehen). Sicher, ich bin immer noch eine verkorkste Esserin, aber ich bin keine Magersüchtige. Ich kriege meine Tage. Mir wächst kein Fell mehr auf den Armen, damit ich nicht erfriere.

Für mein gestörtes Essverhalten entschuldige ich mich auch bei niemandem. Ich empfinde es so, dass es mich nicht umbringt, und daher auch niemand sonst darüber entscheiden darf. Ich esse zwar jeden Abend einen großen Becher fettarme Eiscreme mit fünf Packungen Zuckerersatz, aber meine seltsamen Essensrituale gehören mir allein. Niemand kann sie anfechten. In Zeiten der Depression haben sie mir etwas Süßes geboten, auf das ich mich am Ende des Tages freuen konnte. Im Würgegriff der Angstzustände schienen sie mich an den Planeten zu binden und mir Geborgenheit zu bieten. Wie ich in meinem Essay I Want To Be a Whole Person But Really Thin geschrieben habe, scheint gestörtes Essverhalten bei mir zu funktionieren—oder zumindest hat es mir noch nicht genug Leid bereitet, um mich zum Umdenken zu bewegen.

In letzter Zeit habe ich aber das Gefühl, dass die Lebensweise, die ich so lange verfolgt habe, meine Depressionen und Angstzustände nicht länger abschwächt. Tatsächlich macht diese extreme Überwachung meines Konsums das alles sogar schlimmer. Inzwischen merke ich, dass mein Blutzuckerspiegel sinkt und den Weg für eine Panikattacke ebnet, wenn ich mir nicht ausreichend zu essen erlaube oder meine Mahlzeiten verschiebe. Ich bezweifle, dass ich mich so lethargisch fühlen würde (ein Symptom von Depressionen), wenn ich besser genährt wäre. Es ist, als würden meine Bewältigungsmechanismen jetzt genau die Zustände verschlimmern, die sie einst lindern konnten.

Vor Kurzem bin ich auf dem kalifornischen Küstenstreifen Big Sur einen schmalen Highway entlang gelaufen. Ich entschied mich dafür, am Straßenrand zu laufen, anstatt in die Berge auszuweichen, weil ich meine Zeit auf einer flachen Strecke stoppen wollte. Ich musste wissen, dass ich genau 87 Minuten lang gelaufen war—so viel war noch in meinem wöchentlichen Fitnessplan übrig, der garantieren sollte, dass ich nicht zunahm. Die Strecke war gefährlich, aber emotional fühlte ich mich dort sicherer.

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Die Natur strömte von allen Seiten des Highways auf mich ein: riesige smaragdgrüne Klippen und das türkisfarbene Meer, der gelbe Kalifornische Mohn, krumme Kiefern, und die Rohrkolben, die sich rhythmisch wogen. Ich fühlte mich irgendwie mit der Natur im Einklang. Aber gleichzeitig fühlte ich mich, als hätte ich einen strammen Gurt um die Brust.

"Warum kriege ich immer so schlecht Luft?", fragte ich laut. "Liegt es an Unterernährung?"

Der Wind ließ einen Augenblick lang nach. Die Berge waren still. Wenn die Natur einen Geist, eine Seele hatte, dann wusste sie, dass ich es wusste: Ich selbst bin die Ursache meines Leidens. Und ich leide wegen Essen mehr als nötig.

Ich weiß nicht, wie mein nächster Schritt aussehen wird. Wie viel Leid ist zu viel Leid? Werde ich weiterhin einfach untätig bleiben? Ich wünschte, ich wäre motivierter. Ich wünschte, ich könnte allen, die selbst Probleme mit dem Essen haben, sagen, dass ich den Ausweg gefunden habe, das Wundermittel. Die Frage nach der richtigen Lebensweise ist nicht einfach. Oft widersprechen sich die Antworten, die wir darauf finden, oder wir klammern uns an Dingen fest, die uns schaden, weil die Vorstellung vom Loslassen uns Angst macht. Vielleicht werde ich morgen anfangen, Frieden zu schließen—mit dem Essen, meinem Körper und dem Geist der Natur. Ich kann nur nicht behaupten, diesen Punkt schon erreicht zu haben.

Wenn du mit einer Essstörung kämpfst, kannst du dich an die Telefonberatung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wenden.