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Reisen

So fahrt ihr umsonst mit der Deutschen Bahn

Ich habe Bahn-Mitarbeiterinnen zum Weinen gebracht—und das nur, weil ich mit einem 500-Euro-Schein bezahlen wollte.

Jan-Henrik Dobers

Eigentlich will ich an diesem herrlichen Sonntagmorgen nur aus dem Allgäu, dem südlichsten Zipfel Deutschlands, mit dem Zug nach Hamburg fahren—natürlich mit gültigem Fahrticket, denn ich bin ein gesetzestreuer Mensch. Eigentlich. Mit knisterndem 500-Euro-Schein in der Tasche machte ich mich also auf zum Fahrkartenschalter meines Vertrauens—und konnte nicht wissen, welche Verkettung verhängnisvoller Ereignisse ich damit lostreten würde. 772 Kilometer später kam schließlich die Erkenntnis: Das ist bessere Unterhaltung als Mitten im Leben und Hallo Robbie zusammen. Ich bin die Strecke am Ende für null Euro gefahren und habe die Mitarbeiter der Deutschen Bahn zum Weinen gebracht.

Doch fangen wir ganz von vorne an.

Ohne EC-Karte, ohne Kreditkarte schreite ich ins Reisezentrum und werde mit einem freundlichen Lächeln am Schalter begrüßt. Aus dem Hinterzimmer duftet es nach frischem Kaffee. „Ein Ticket nach Hamburg, bitte", sage ich. „Das sind dann 142 Euro", entgegnet mir die Bahn-Angestellte. Dann kommt mein großer Auftritt, Spannung wie in Brechts Dreigroschenoper. Ich zücke die 500-Euro-Note und möchte bezahlen. Meine Eintrittskarte in die Bürokratiehölle trägt die Nummer N17044817907.

Die eben noch gut gelaunte Bahn-Mitarbeiterin erstarrt. Intuitiv greift sie nach dem Geldschein und hält auf halber Strecke zu ihrer Kasse inne. „Ich kann Ihnen kein Ticket verkaufen. So viel Wechselgeld haben wir nicht."

Ihre Hand mit meiner Banknote darin zittert. Sie sucht den Blick ihrer Kollegin, die mich fragt, ob ich mir nicht Geld von meiner Begleitung leihen könne, die mich an den Bahnhof gebracht hatte. „Geld leihen? Ich habe hier doch kein Kaufladengeld dabei", entgegne ich. Weil ich wenigstens versuchen möchte, den Riesen kleinzumachen, frage ich noch in der Bäckerei und im Zeitschriftenladen nach, ob man ihn wechseln könne. Eine Frage, die aus Sicht der beiden Verkäufer wohl allzu dreist erscheint. Ich werde rüde abgewiesen. Warum löst diese Banknote nur so viel Entsetzen aus? Unverrichteter Dinge kehre ich an den Schalter zurück.

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„Dann kann ich Ihnen kein Zugticket verkaufen", sagt die andere Dame von der Bahn. „Das heißt, ich fahre ohne Ticket? Dann müssen sie mir das schriftlich geben." Gesagt getan. Als ich dieses offizielle Dokument dann ausgehändigt bekomme, bin ich zwar kein stolzer Besitzer einer Fahrkarte, aber ehrenhafter Besitzer eines ökologisch gewonnenen Blatt Papiers, auf dem die Bahn-Angestellte schreibt: „Konnte auf 500 Euro nicht rausgeben." Welch' Schlichtheit!

Freudig setze ich mit meinem offiziellen Deutsche-Bahn-Dokument in den ersten Regional-Zug meiner Verbindung und warte wie ein kleiner Junge darauf, kontrolliert zu werden. Sollte es wirklich so einfach sein? Könnte jeder, der mit einem 500-Euro-Schein ein Ticket lösen möchte (sei er nun echt oder nicht), komplett umsonst mit der Bahn fahren? Es zischt hinter mir. Die Tür geht auf und die Schaffnerin schreitet auf mich zu.

Dieser Typ reibt sich in der U-Bahn gerne an fremden Frauen.

„Die Fahrkarten bitte", ruft die Kontrolleurin. „Was sagen Sie, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich mir eine Fahrkarte kaufen wollte, es aber nicht konnte, weil niemand Wechselgeld hatte?", frage ich sie. Ich Sadist. Es dauert, bis sie antworten kann. Fragendes Gesicht. „Ich weiß jetzt wirklich nicht, was ich mit Ihnen machen soll." Kurz überlegt sie zu telefonieren. Sie durchsucht ihre Taschen—vielleicht nach meinem Wechselgeld? „Ich bin ratlos", sagt sie hektisch und wischt sich eine Schweißperle von der Stirn. „Fragen Sie im nächsten Zug, ob Sie dort ein Ticket lösen können." War ich anfangs einfach nur genervt von der Gesamtsituation, beginnt sie nun, mir ziemlichen Spaß zu machen.

Im ICE zwischen Augsburg und Hamburg gibt es dann die Fortsetzung. Dieses Mal als Oper mit schreiendem Kind im Hintergrund. Auch hier: Kein Wechselgeld, kein Zugticket, nur das Angebot einen „Überzahlungsgutschein" zu lösen. Die Bahn möchte in einem solchen Fall, dass der Kunde einen Gutschein löst und den Restbetrag im nächsten Reisezentrum ausgezahlt bekommt. Ich hatte Angst, dass das nächste Reisezentrum bargeldarm war und lehne freundlich, aber bestimmt ab. Die junge Schaffnerin mit den feuerroten Haaren verzweifelt, fragt mich, welche Kreditkarten ich besitze und ist den Tränen nahe. Ungelogen. Auch diese Fahrt darf ich unbehelligt fortsetzen. Wie viele der Fahrgäste, die den Wert eines Wocheneinkaufs in ihr Ticket investieren mussten, mich jetzt hassen—ich kann es nur ahnen.

Nach dem (gescheiterten) Versuch im ICE von Augsburg nach Hamburg, endlich einen Fahrschein zu lösen, stecken mein 500-Euro-Schein und ich in einer Sinnkrise. Ich schreibe der Bundesbank und frage, warum es so schwierig ist, eine solche Banknote loszuwerden, ob die Menschen davor Angst haben und warum man immer gleich das Gefühl vermittelt bekommt, ein Zuhälter zu sein. Der Pressesprecher Claus Brumberg versucht, es mir zu erklären: „Bargeld wird—genauso wie elektronische Zahlungsmittel—auch zu illegalen Zwecken missbraucht." Gerade bei großen Geldscheinen, die zu normalen Zahlungszwecken nahezu nie verwendet werden, ist das Misstrauen besonders groß. Auch, weil in der Presse immer wieder ein Zusammenhang zwischen großen Geldscheinen und der Schattenwirtschaft hergestellt wird. Claus Brumberg gibt mir dann noch einen Literaturtipp mit auf den Weg: Die ersten Euros von Antti Heinonen, was einen guten Überblick über die Stücklungsstruktur der Euro-Banknoten vermittle. Ich ärgere mich, das Buch nicht auf meiner siebenstündigen Zugfahrt gelesen zu haben.

Zeit, auch noch mal bei der Bahn selbst nachzufragen, wie zur Hölle so etwas eigentlich passieren kann. Ich werde ja wohl nicht die einzige Person gewesen sein, die jemals versucht hat, eine Fahrkarte im Wert von deutlich über hundert Euro mit einem 500-Euro-Schein zu bezahlen—oder?

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Der Bahn-Sprecher, der wie immer anonym bleiben möchte, holt aus. In seiner Haut stecken möchte man nicht. Juristen, die vor Gericht argumentieren und in einer schlechten Ausgangslage stecken, sagen immer Wörter wie: „Selbstverständlich", „in der Regel", „grundsätzlich" und „es kommt darauf an". Der Bahn-Sprecher schreibt mir: „Selbstverständlich wird auch eine 500-Euro-Banknote im Reisezentrum angenommen. In der Regel kann ein solcher Schein gewechselt werden." Falls nicht, besteht „grundsätzlich die Möglichkeit, in den Fernverkehrszügen ein Ticket zu lösen".

So weit, so aussagelos. „In Ausnahmesituationen kann es jedoch vorkommen, dass nicht genügend Wechselgeld zur Verfügung steht, zum Beispiel an einem Wochenende mit geringerer Schalterbesetzung direkt nach Öffnung des Reisezentrums", erklärt er dann allerdings und ich werde hellhörig. Ich möchte natürlich wissen, welchen Notfallfahrplan die Bahn-Mitarbeiter in diesen Ausnahmesituationen zu beachten haben und welchen Verhaltenskodex es einzuhalten gilt. „Es besteht die Möglichkeit, dass der Reiseberater erst noch weitere Kunden bedient, um so noch mehr Wechselgeld zu erhalten. Dies hängt natürlich davon ab, ob der Kunde noch genügend Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hat", sagt der Bahn-Sprecher. Zeit hatte ich, andere Kunden kamen keine. Schade.

Die Moral von der Geschichte: Lila Scheine sind die viel bessere Fahrkarte. Einfach mal auf das Smartphone verzichten, eine 500-Euro-Note einstecken und auf gute Unterhaltung hoffen. Ohne Garantie.


Titelfoto: laurent gauthier | Flickr | CC BY 2.0