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Krise in der Ukraine

Der fragile Frieden in Kiew

Ein Update über den brüchigen Frieden in Kiew nach dem Chaos des gestrigen Tages.
21.2.14

Brennende Barrikaden in Kiew. Foto von Phil Caller.

Die Krise in der Ukraine entwickelt sich schnell. Gestern wurde ein neuer Rekord im Blutvergießen erreicht, als der Waffenstillstand zwischen Demonstranten und Polizei von einer Explosion aus scharfer Munition und Brandbomben abrupt beendet wurde. Obwohl es heute wieder Berichte von Schüssen gab, scheinen die Gespräche zwischen Oppositionsführern und dem Präsidenten Wiktor Janukowitsch endlich zu Ergebnissen geführt zu haben.

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Heute morgen wurde berichtet, dass Janukowitsch sich auf einen Deal eingelassen hat, der unter anderem die Bedingung enthält, dass die Präsidentschaftswahlen noch vor Ende dieses Jahres neu abgehalten werden müssen. Weitere Bedingungen beinhalten die Bildung einer Koalitionsregierung und Verfassungsänderungen, die die Befugnisse des Präsidenten einschränken würden.

Trotzdem mahnen EU-Amtsträger zur Vorsicht und betonen, dass die Gespräche noch andauern. VICE News-Redakteur Henry Langston berichtet von den Straßen Kiews über den brüchigen Frieden.

VICE: Hi Henry. Die Opferzahlen schienen gestern pausenlos in die Höhe zu klettern. Was hast du da draußen gesehen?
Henry Langston: Das stimmt leider. Wir waren unterwegs, aber die ukrainischen Medien berichten mittlerweile von mindestens 75 Opfern. Dazu kommen Tausende Verletzte. Nachdem, was wir gesehen haben, sind einige der Verletzten ihren schweren Wunden mittlerweile erlegen.

Was hast du gemacht, seit wir das letzte Mal mit dir gesprochen haben?
Seit dem letzten Mal ist Phil [Caller, von VICE News] zum Hotel zurück, um unsere Batterien aufzuladen und etwas zu Essen zu holen. Dann sind wir zur Michaelskirche, die hinter dem Unabhängigkeitsplatz liegt. Sie wurde in ein Feldlazarett verwandelt, es gibt sogar eine improvisierte Leichenhalle, wie im Hotel Ukraine. Da wurden Leichen hingebracht und im Garten aufbewahrt, damit andere Demonstranten oder Sanitäter sie identifizieren können.

Die Leichen von Demonstranten in einer provisorischen Leichenhalle. Foto von Henry Langston.

Das stelle ich mir ziemlich chaotisch vor.
War es auch. Manche Demonstranten kommen jetzt schon mit kleinen Zetteln in ihren Taschen auf den Platz, auf die sie ihre Daten geschrieben haben—die Familiennamen, Adressen, Telefonnummern und so weiter. Wenn ihnen was passiert, können die Leute ihre Familien kontaktieren. Leider haben nicht alle Demonstranten das dabei, deshalb dauert es länger, sie zu identifizieren. Wir haben mit einem Arzt geredet, der seit dem Morgen da ist und die Verletzten behandelt. Er sagte, dass ihm mehrere Leute auf dem Operationstisch gestorben sind. Am Anfang hatten sie nicht die Ausrüstung, um die Art von Blutungen zu stoppen, die reinkamen. Im Laufe des Tages brachten aber mehr und mehr Leute Ausrüstung vorbei, manches davon ist ziemlich hochwertige Gerät. Die Ärzte haben nicht gefragt, wo es herkommt, aber es hat ihnen ermöglicht, ein paar der am schwersten Verletzten zu behandeln, bis sie in ein Krankenhaus gebracht werden konnten.

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Wurde den ganzen Tag über gekämpft?
Nein, gegen 3 Uhr morgens ukrainischer Zeit hörte es auf. Was passierte dann? Eine weitere unklare Pattsituation?
Ja, und bislang haben die Demonstranten den Boden, den sie die Tage vorher verloren hatten und gestern wiedererobert haben, gehalten. Heute Morgen sahen die Barrikaden zudem weitaus höher aus, als sie es zuvor waren. Ständig werden mehr Molotow-Cocktails, Lebensmittel, Wasser und andere Dinge herangetragen, um die Verteidiger der Barrikaden zu unterstützen.

Demonstraten bei der Herstellung von Brandbomben. Foto von Henry Langston.

Gestern eskalierte die Gewalt abermals. Wie haben die Menschen darauf reagiert?
Wir liefen über den Unabhängigkeitsplatz und sahen dabei eine Gruppe Frauen, die zusammen mit einigen Typen diese großen 5-Liter-Wassercontainer mit zerkrümeltem Styropor und Benzin füllten. Oben stopften sie einen Lappen rein und bauten so riesige Molotow-Cocktails. Das Styropor fungiert als Verdickungsmittel und die Flüssigkeit wird zu einer Art Napalm. Es bleibt brennend an der Haut und Panzerung kleben. So erklärten sie mir das zumindest. Ich bin mir nicht sicher, wie sie die Dinger werfen wollen, aber das ist neben einer Kugel wirklich das Letzte, von dem ich getroffen werden wollte, wenn ich ein Polizist wäre. Jesus.
Ja, und wir trafen gestern ein paar Typen, die uns erzählten, dass die Polizei improvisierte Sprengkörper herstellt. Sie umwickeln ihre Blendgranaten mit Nägeln und Schrauben. Die Granaten blenden die Demonstranten und die Schrapnelle finden ihren Weg. Leute zeigten uns die Schrauben und Nägel dieser IEDs. Man hat also ab und an Schusswechsel zwischen beiden Seiten und dazu diese verrückten Bomben.

Demonstranten in Kiew. Foto von Henry Langston.

Es geht also ziemlich gewalttätig zwischen beiden Seiten zu.
Ja, wir sprachen mit einem Arzt, der uns erzählte, dass er einen Jungen operiert hat, der aber auf seinem OP-Tisch verstarb. Eine Kugel traf ihn im Nacken und schoss durch eines seiner lebenswichtigen Organe. Er hatte den Kontakt zu seiner Mutter und rief sie an. Sie erzählte ihm, dass der Junge Geld von jemanden aus der Regierung bekommen hatte, um nach Kiew zu reisen. Der Arzt dachte also, er wäre ein sogenannter Titushki—einer dieser von der Regierung bezahlten Schläger—und er sei aus irgendwelchen Gründen in den Rücken geschossen worden. Da stellt sich natürlich die Frage, was für Waffen die Demonstranten haben, denn es wurden auch einige Polizisten erschossen, aber nur vereinzelt und nicht sehr zahlreich. Wie dem auch sei, die Demonstranten haben nicht dieselbe Art von Bewaffnung wie die Polizei, die AKs und Scharfschützengewehre hat. In Clips und auf Fotos, die ich gesehen habe, konnte ich erkennen, dass die Demonstranten vorwiegend Jagdgewehre haben. Hier und da mal eine Schrotflinte und eine Pistole. OK. Danke Henry, und pass auf dich auf. 

Folgt Henry auf Twitter für Updates: @Henry_Langston