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Sex

So vögelt das Tierreich

Ausgerechnet im katholischen Münster gibt es ein Museum, das sich ganz ernsthaft und sehr intensiv mit dem Thema Paarungsverhalten von Mensch und Tier auseinandersetzt.

von Cornelius von Cramm
14 November 2013, 12:54pm

Münster ist katholisch. Streng katholisch. Katholischer als der Papst, würden manche sagen (zumindest katholischer als der jetzige). Der  Dom ist stets gut besucht und wer möchte, kann seine Beichte bei einem Priester des Opus Dei ablegen. Auf den ersten Blick also kein guter Nährboden für eine Ausstellung des westfälischen Museums für Naturkunde, deren Titel zwei Reizwörter der katholischen Kirche enthält: Sex und Evolution.

Das Museum beschreibt seine Ausstellung folgendermaßen:

Die Schau mit 450 Exponaten und Objekten widmet sich auf über 500 Quadratmetern der „schönsten Sache der Welt“. Den Besucher erwarten Einblicke in die verschiedensten Facetten der sexuellen Fortpflanzung im Tier- und Pflanzenreich und deren Bedeutung für die Evolution. Und auch der Mensch mit seiner Sexualität ist Thema der Sonderausstellung.

Klingt schonmal interessant. Mein Zug hatte eine Stunde Verspätung, ich bin müde und darf mein dringend benötigtes Wasser nicht in die Ausstellung nehmen.

Im ersten Raum empfangen mich viele ausgestopfte Tiere, pärchenweise im Liebesspiel vereint. Eine Orgie der Tierwelt.

Ein Hirschpärchen nimmt die Mitte des Raumes ein. Drumherum paaren sich Wiesel, Elster, Igel, Fuchs und Hase. Selbst ein Schmetterlingspärchen gibt sich der Ekstase hin. Allerdings muss ich feststellen, dass die Schmetterlinge aus Pappe und Draht hergestellt sind.

Vielleicht ist der Koitus zwischen echten Schmetterlingen dann doch zu anrüchig. Menschen beim Sex werden auch dargestellt—aber nur in Form von vier Füßen. Der spannende Rest verschwindet unter einer Decke in der Wand.

Stachel sind nicht immer praktisch.

Der nächste Raum ist den Zwittern gewidmet. Ich erfahre, dass beim Geschlechtsakt der kalifornischen Weinbergschnecke der Penis der einführenden Schnecke häufig abgetrennt wird. Die entmannte Schnecke kann fortan nur noch den weiblichen Part spielen und fristet ein Dasein als Frau unter Zwittern. Dafür rächt sie sich dann beim nächsten Liebespartner. Wieso gibt’s die dann überhaupt noch? Die Gattung müsste sich doch mittlerweile komplett kastriert und damit fortpflanzungsunfähig gemacht haben. Wikipedia klärt mich auf: Passiert nur bei 5 % aller Liebesakte. 

Der nächste Raum ist dem männlichen Kampf um die Platzierung des Erbguts gewidmet. Ein Video zeigt ein Libellenpärchen: der Libellenmann schabt zunächst mit einer speziellen Vorrichtung an seinem Penis den Samen seines Vorgängers aus dem Geschlechtsteil des Weibchens und pumpt danach seinen eigenen hinein. Dort bleibt er dann so lange, bis der nächste Libellenmann vorbeikommt. Sieht nicht sehr appetitlich aus, aber Libellen denken über unser Liebesspiel wahrscheinlich ähnlich.

Auf einem Bildschirm werden drei Strichmännchen beim Tanzen gezeigt. Zu „Let me entertain you“. Strichmännchen A gefällt mir. Tanzt nicht zu viel und nicht zu wenig. Strichmännchen A ist klarer Favorit. Strichmännchen B hüpft albern in der Gegend rum. Pirouetten, jede Menge Herumfuchteln mit den Armen etc. Strichmännchen C nickt ein bisschen mit dem Kopf. Ich kann wählen, welches Männchen am besten tanzt. Selbstverständlich Männchen A! Nach meiner Wahl wird mir das Gesamtergebnis aller Wählenden präsentiert. Männchen B liegt uneinholbar vorne. Dummes Aufschneidermännchen ...

Die daneben stehende Informationstafel will mir erklären, dass das Verhalten ... Ist mir egal!  Ich will's gar nicht wissen.

Im nächsten Raum wird mir ein präparierter Walpenis präsentiert. Er ist mit Feigwarzen übersät. Der ehemalige Besitzer scheint ein Schwerenöter gewesen zu sein. Daneben befriedigt sich ein homosexuelles Delfinpärchen aus Pappmaché. Und das funktioniert so: Der eine Delfin führt zur Lustbefriedigung seinen Penis an das Blasloch des anderen. Da müsste man mal eine Erhebung machen, ob es so was beim Menschen auch gibt.

Überhaupt: Die Menschen hier. Alle eher bieder, betreten, leise. Menschen, die die Ausstellung vielleicht aus anderen Gründen als dem reinen Informationsgewinn besuchen, sind auf den ersten Blick nicht auszumachen. Der große Mann mit der roten Hose kommt mir zwar merkwürdig vor, aber das reicht wohl noch nicht, um ihm eine deviante sexuelle Prägung zu unterstellen.

Auffallend ist, dass alle mit verschränkten Armen durch die Gegend laufen. Ich ertappe mich selbst dabei. Die einzigen Menschen ohne verschränkte Armhaltung sind die wenigen Kinder. Hat das was zu bedeuten? Denken die Erwachsenen gerade an ihre eigenen Eskapaden? Oder versuchen sie die ganze Zeit, krampfhaft genau nicht daran zu denken? Vielleicht beschleicht uns auch das Gefühl, dass wir ja eben auch Tiere sind.

Der letzte Raum nimmt das Sexleben der Menschheit zu verschieden Epochen und in verschiedenen Kulturen unter die Lupe. Ein eigens von der Polizei Hannover bereitgestelltes Fotoalbum, das Anfang des letzten Jahrhunderts konfisziert wurde, zeigt Herren und Damen beim Lack- und Lederspiel. Sieht harmlos aus. Keine Genitalien oder Brüste. Keusche Sexpraktiken aus heutiger Sicht.

Der letzte Abschnitt zeigt mir auf Tafeln eine Reihe von Rezepten für Aphrodisiaka. Draußen wartet mein Wasser. Das reicht mir vorerst.

Fazit: Wer eine grenzüberschreitende, polarisierende Ausstellung über die Abgründe des Sexlebens in der Tierwelt erwartet, wird wohl enttäuscht werden. Interessant und aufschlussreich ist die Ausstellung aber allemal. Da hat die katholische Kirche wohl nochmal ein Auge zugedrückt.

Die Ausstellung Sex und Evolution läuft noch bis zum 19. Oktober 2014 im LWL-Museum für Naturkunde, Sentruper Straße 285, 48161 Münster.

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