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Wie Stadion-Bezahlkarten Fans seit Jahren abzocken

Ein ARD-Verbrauchertest offenbart: Der FC Bayern kann mit Restbeträgen auf den Bezahlkarten mal eben ein Profigehalt zahlen. Und wer sein Geld zurück haben will, muss selber zahlen.

von Benedikt Niessen
17 November 2016, 12:25pm

Foto: Imago

„Das Bier kannst du hier nicht mit deinem Zehner zahlen, das geht bei uns nur noch bequem und bargeldlos". Mit solchen Aussagen und dem Bezahlkarten-System müssen sich vor allem Auswärtsfans seit Jahren herumschlagen. Für die Vereine ist das bargeldlose Zahlen „bequem", während sich im Fan-Geldbeutel bunte Plastikkarten aus Nord wie Süd mit Restbeträgen stapeln. Ein Verbrauchertest der ARD deckte nun auf, wie Fans „regelrecht abgezockt werden".

Es war eigentlich eine nette Idee: Bargeldloses Bezahlen in Stadien sollte die Schlangen vor den Imbissständen kürzer machen und dem Fan schneller zu Bier und Bratwurst bringen. Der Verein hatte zudem die Kontrolle über diebisches Personal und sofort eine digitalisierte Kostenabrechnung auf dem Tisch liegen. Mittlerweile muss sich der Stadionzuschauer bei jedem zweiten deutschen Erst- und Zweitligisten Geld auf eine spezielle Prepaid-Karte laden, um an Essen oder Trinken im Stadion zu gelangen. Der ausführliche Test von ARD und einigen Verbraucherschützern (samt interaktiver Karte mit allen Stadien der ersten beiden Ligen) in Dortmund, München, Frankfurt, Berlin und auf Schalke untermauerte nun den Ärger vieler Fans.

Wir alle wissen, dass die Bezahlkarten schnell zu mehr Konsum animieren, weil der festgelegte Mindestbetrag einer Aufladung meist den Preis eines Getränks übersteigt. Aufgrund der oftmals unrunden Preise—die der Test vor allem in München und Frankfurt kritisierte—bleibt immer ein Restbetrag übrig. Der FC Bayern nahm dem Bericht zufolge im Jahr 2010 etwa 2,4 Millionen Euro Gewinn allein durch nichtabgeholte Guthaben ein. Die Angaben über die jährlichen Erträge will jedoch kein Verein öffentlich machen. „Für Heimfans, die regelmäßig ins Stadion gehen, ist es lästig—aber noch in Ordnung. Bei Auswärtsfans wird das System misslich", erklärt auch Sig Zelt, Sprecher der Fanorganisation ProFans, auf Nachfrage von VICE Sports. „Man kommt—wenn überhaupt—erst in einem Jahr wieder. Bis dahin ist das Guthaben vielleicht schon verfallen oder die Karte unauffindbar." Eine Rückzahlungsoption gibt es zwar in der Theorie, aber nicht in der Praxis.

„Nach dem Spiel müssen besonders Auswärtsfans schnell zum Zug, Bus oder Auto für die stundenlange Rückfahrt nach Hause", erklärt Zelt. „Durch die langen Schlangen an den wenigen Rückgabe-Countern hat man sehr oft gar keine Chance, dies wahrzunehmen." Während man in Dortmund oder Frankfurt trotz Bezahlkarten-Systems im Auswärtsblock noch mit Bargeld zahlen kann, muss man unter anderem auf Schalke oder in München eine Bezahlkarte besitzen, um an Getränke oder Snacks zu gelangen. Vor allem die Rückerstattung von Kartenguthaben und -pfand wird dem Fan bei beiden Klubs erschwert.

Die Rückzahlung des Restguthabens per Überweisung kostet in Gelsenkirchen eine Gebühr von drei Euro und kann bis anderthalb Jahre (!) dauern. In der Münchener Allianz Arena benötigt man die sogenannte Arena Card sogar zur Ausfahrt aus dem Parkhaus und nimmt so zwingend Kartenpfand und Restguthaben mit nach Hause. Wie auch in Frankfurt oder Augsburg ist dort eine Rückerstattung zeitlich befristet und kostet Geld.

Zwar kamen die Stadien in Dortmund und Berlin bei der genauen Überprüfung besser weg, doch auch dort kritisierten ARD und Verbraucherschützer, dass die so wichtigen AGBs mit Informationen wie etwa Rückerstattungsfristen nicht aushängen. „Das bargeldlose Bezahlsystem nutzt dem Betreiber zu 90 Prozent, den Fans jedoch kaum", fasst ProFans-Sprecher Zelt nüchtern zusammen.

Zwar wünschen sich die meisten Fans wieder normales Bezahlen mit Bargeld, wie beispielsweise noch in den Stadien in Mönchengladbach, Hamburg oder Nürnberg, doch dieser „Rückschritt" ist kaum realistisch. „Es gibt keinen Druck für die Stadionbetreiber, denn die Umsätze sind nicht zurückgegangen. Die meisten Fans haben sich an den Zustand gewöhnt", so Zelt. „Eine Kompromisslösung wäre ein einheitliches Bezahlsystem. Sonst ist die DFL bei der Lizenzierung auch immer so streng—wieso nicht auch hier?" Die DFL wollte sich dazu, wie auch die meisten Vereine, auf Nachfrage der ARD nicht äußern. Beim BVB oder dem FC Augsburg etwa würde man dieser Idee zwar zustimmen, jedoch werde eine einheitliche DFL-Karte nicht für umsetzbar gehalten.

Für die Zukunft hofft ProFans-Sprecher Zelt auf fanfreundlichere Lösungen: „Mal sehen, ob vielleicht der ARD-Test ein Umdenken einleitet." Das hat er vielleicht schon. Bei Schalke 04 will die Verbraucherzentrale NRW laut BR die Gebühren verbieten lassen. Die Verbraucherzentrale in Hessen prüft derzeit rechtliche Schritte gegen das Frankfurter Stadion wegen zu langer Wartezeiten, zu wenig Personal und Rückgabestellen sowie der Gebühr für die Rücküberweisung.

Der Stadionbetreiber in Frankfurt reagierte darauf und will für noch schnelleres Bezahlen im Stadion eine App fürs Handy anbieten. „Das halte ich für gefährlich. Das System soll anonym bleiben", warnt Zelt. „Bei zwölf bestellten Bier pro Spieltag auf eine Karte oder App eines Stadionbesuchers könnte man zum Beispiel schnell falsche Schlüsse ziehen—auch wenn sich der Besitzer nur bei den Freunden für die Mitfahrt im Auto revanchiert." Und das Märchen vom schnelleren Bezahlen mit Stadionkarte löste er auch noch auf: „Wir sehen nicht, dass es den Bezahlvorgang schneller gemacht hat."

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