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Deutschland macht französischen Rotwein besser

Selbst Napoleons Truppen mussten 1806 bei der Besetzung von Lübeck einsehen, dass der in den Weinkellern der Stadt gelagerte Bordeaux, der sogenannte Rotspon, einfach besser schmeckt als das Zeug von zu Hause.

von Barbara Woolsey
15 April 2016, 1:00pm

Foto mit freundlicher Genehmigung von H. F. von Melle

1806 besetzten Napoleons Truppen Lübeck, plünderten die Weinkeller und machten dabei eine unglaubliche Entdeckung: Die dort gelagerten Flaschen französischen Rotweins schmeckten noch besser als der Bordeaux aus der Heimat.

Das hat sich später bestätigt, indem man Fässer in Frankreich mit Wein befüllte und jeweils ein paar in Deutschland und Frankreich lagerte. Das Ganze gibt immer noch Rätsel auf, Experten sind jedoch der Meinung, dass der sanfte, vollmundige Geschmack dadurch zustande kam, dass die Eichenfässer beim Transport auf dem Schiffimmer hin und her rollten und auch durch die kühle, feuchte Luft in Norddeutschland.

Dieser Rotspon—Spon ist plattdeutsch für Span, wohl weil sich das Holz der Fässer rot färbte—gilt immer noch als regionale Besonderheit. Erst neulich hatte ich eine Flasche gekauft und nur ein paar Tage später war sie verschwunden; mein Freund und sein Kumpel fanden, dass das einer der besten Rotweine war, die sie jemals getrunken haben. Danke fürs Teilen, Jungs.

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Foto mit freundlicher Genehmigung von H. F. von Melle

Heute ist Rotspon weniger bekannt, obwohl er eigentlich einer der ältesten Weine Europas ist und seine Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Dank dieses Weines war Lübeck, das Haupt der Hanse, bis ins 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Handelsplätze Nordeuropas für Wein.

„Lübeck war eine sehr mächtige Stadt", erklärt Melf Koch, ein Sommelier, der den 1853 in Lübeck gegründeten Weinhandel H. F. von Melle leitet. „In der Hafenstadt wurde entweder Wein verkauft oder weiter nach Norden verschifft. Die Händler mussten dafür immer eine Gebühr zahlen, damit hat die Stadt gute Geschäfte gemacht."

Trotz des Niedergangs der Hanse hält man in Lübeck bis heute an der Rotspon-Tradition fest.

Bei H. F. von Melle kann man beispielsweise fünf Sorten kaufen, die meisten Bestellungen kommen aus dem skandinavischen und deutschen Raum. Der Umsatz ist stabil und sogar ein bisschen angestiegen, seit der 2009er Rotspon aus Lalande-de-Pomerol des Händlers in einem Wettbewerb in Bordeaux die französischen Weine geschlagen hat.

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Foto mit freundlicher Genehmigung von H. F. von Melle

„[Rotspon] schmeckt sowohl den ,Anfängern' als auch den Experten", sagt Melf Koch. „Ein angenehmer, samtiger Geschmack, bei dem jeder sagt: ,So sollte Rotwein schmecken.'"

„Die Menschen interessieren sich immer mehr dafür", meint auch Sommelière Christiane Breede, die beim fast 400 Jahre alten Weinhandel Carl Tesdorpf in Lübeck arbeitet. „Letzte Woche habe ich ein Paket nach Shanghai geschickt, auch das passiert."

Natürlich schmeckt der Rotspon, den man heute bei den Lübecker Weinhändlern kaufen kann, vollkommen anders als der aus Napoleons Zeiten oder davor.Aus wirtschaftlichen Gründen und wegen geltender Hygiene- und Qualitätsbestimmungen reift der Wein mittlerweile nur in Frankreich in Fässern. Dann wird er per LKW nach Lübeck transportiert und dort in Flaschen abgefüllt und eingelagert. Heute wird der Rotspon nicht nur aus Bordeaux, sondern aus einer Mischung aus Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah und ähnlichen Sorten gemacht.

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Foto mit freundlicher Genehmigung von H. F. von Melle

„In der Flasche reift er noch stark nach",erklärt Christiane Breede. „Herr Tesdorpf fliegt nach Südfrankreich, trifft sich dort mit den Weinbauern und wählt die beste Mischung sorgfältig aus, bevor der Wein hierher kommt."

Ein paar Weinhändler außerhalb von Lübeck stellen ihren eigenen Wein her und nennen ihn dann Rotspon. Das finden einige problematisch, auch unter Anbetracht der Tatsache, dass die kleine 200.000-Einwohner-Stadt Lübeck mit ihrer mittelalterlichen Architektur und den Stränden vor allem vom Tourismus lebt. Die Weinhändler Tesdorpf und von Welle sind nicht nur kleine lokale Geschäfte, sondern vor allem Institutionen mit jahrhundertelanger Tradition: Tesdorpf ist Deutschlands älteste Weinhandlung. Durch das historische Gebäude der Firma werden regelmäßig Führungen inklusive Weinverkostung angeboten.

Deshalb hat sich die Stadt Lübeck mit der Bitte an die EU gewendet, anderen Weinhändlern nicht mehr zu gestatten, ihren Wein „Rotspon" zu nennen. Sie hoffen auf eine geschützte Ursprungsbezeichnung, sodass ein Rotspon in Lübeck abgefüllt und verkauft werden muss. Bis jetzt ist nur die Bezeichnung „Lübecker Rotspon" geschützt.

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Foto mit freundlicher Genehmigung von Carl Tesdorpf

Seit 20 Jahren verkauft auch der österreichische Weinhandel Jurtschitsch einen beliebten Rotspon; die Firma meint, dass sie nur in Österreich die Rechte an dem Namen haben.

„Vor 20 Jahren suchten wir nach einem Namen für unseren Wein und einer unserer Chefs schlug diesen vor", erklärt Bettina Fischer, die bei Jurtschitsch im Vertrieb arbeitet. „Es gab vor ein paar Jahren [über den Namen] viele Diskussionen, aber ich denke mittlerweile hat alles seine Richtigkeit."

Für Lübecker Weinhändler gibt es aber nur einen einzigen Rotspon.

„Er ist zwar [in der Art der Herstellung] nicht vergleichbar mit dem von früher", sagt Melf Koch, „aber es geht darum, eine regionale Tradition zu bewahren."