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Euro 2016

Die Wiederauferstehung des walisischen Fußballs

2010 stand Wales in der FIFA-Rangliste noch auf Platz 112. Nun hat man sich gerade seine allererste EM-Teilnahme gesichert. Der Grund dafür ist nicht zuletzt ein Superstar, der wirklich Bock auf die Nationalmannschaft hat.
13.10.15
Photo by PA Images

Vor 20 Jahren hatte der walisische Fußball (mal wieder) einen Tiefpunkt erreicht. Nachdem man die WM 94 nur denkbar knapp verpasst hatte, wurde die darauffolgende EM-Qualifikation zu einem einzigen Disaster. Das wichtigste Turnier im europäischen Fußball sollte im Nachbarland England stattfinden, doch schnell war klar, dass Wales in Gruppe 7 die EM nur vom Fernseher aus verfolgen würde. Am Ende wurde man Gruppenfünfter (von insgesamt sechs Teams), und nur weil man im direkten Vergleich besser als Albanien abschnitt, rutschte man nicht auf den letzten Platz. Noch vor Wales landete Moldawien, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre allererste Qualifikation bestritten. Auch Neuling Georgien konnte Wales in die Schranken weisen und hatte am Ende sieben Punkte mehr auf dem Konto.

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Die Ergebnisse, die Wales damals auf den vorletzten Platz spülten, waren größtenteils sehr ernüchternd—mit einer (typischen) Ausnahme. So patzte man in Georgien mit 0:5 (auch das Heimspiel ging verloren). Ebenso erwähnenswert ist die 0:3-Heimklatsche gegen Bulgarien. Gleichzeitig gelang es derselben Mannschaft, beim Spiel gegen Deutschland in Düsseldorf einen Punkt zu erkämpfen. Vielleicht sollte das einen aber gar nicht allzu sehr überraschen. Wales war historisch gesehen schon immer besser, wenn man als Underdog ins Spiel gehen konnte. Ging es hingegen gegen vermeintlich schwächere Teams, hatte man oft das Nachsehen.

Dabei sah es auf dem Papier immer ziemlich gut aus: Gary Speed, Ian Rush, Barry Horne, Neville Southall und Co. waren allesamt Stammspieler in der Premier League. Nur der Star der Mannschaft, Ryan Giggs, ließ sich kaum—insgesamt nur zweimal während der Quali für die Euro 96—blicken. Dabei war er nicht einmal verletzt, denn für seine Vereinsmannschaft Manchester United absolvierte er in jener Saison mehr als 40 Spiele.

Horne und Giggs nach einer erneuten Niederlage Mitte der 90er-Jahre | Foto: PA Images

Das erste Tor für Wales in der enttäuschenden Quali für die EM 96 schoss ein gewisser Chris Coleman. 20 Jahre später hat genau dieser Mann als Trainer der walisischen Nationalmannschaft den Sprung zum Endturnier in Frankreich geschafft. Nach dem Spiel in Bosnien-Herzegowina stand fest, dass man in seiner Gruppe B mindestens Zweiter werden würde. Die Spieler lagen sich überall auf dem Platz in den Armen. Doch qualifiziert hatte man sich vor allem dank der drei Siege in Folge gegen Israel, Belgien und Zypern.

Bevor man sich für die EM in Frankreich qualifizieren konnte, stand einzig und allein die WM-Teilnahme 1958 auf der Habenseite. Ansonsten ist die walisische Fußballhistorie übersät mit bitteren Pleiten und einigen Es-hat-so-wenig-gefehlt-Momenten. Da wäre zum Beispiel der verschossene Elfmeter von Paul Bodin, der dem Land die Teilnahme an der WM 94 gekostet hat. Oder auch das knappe Ausscheiden gegen Russland in den Playoffs zur EM 2004. Stand man 1995 noch auf Platz 61 der FIFA-Rangliste, reichte es zwei Jahre später nur noch für Platz 102. Nicht dass es danach wirklich besser wurde. Vor gerade mal fünf Jahren stand man auf einem enttäuschenden 112. Rang. Als vor rund einem Jahr das erste Qualispiel für die EM in Frankreich auf dem Programm stand, hielten sich die optimistischen Prognosen verständlicherweise in Grenzen.

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Und es begann scheinbar wieder so, wie man es von der walisischen Mannschaft gewohnt war. Im Spiel in Andorra geriet man schnell in Rückstand (das schafft auch nicht jeder), konnte zwar durch Bale schon kurz darauf ausgleichen, biss sich aber ansonsten am leidenschaftlich verteidigenden Fußballzwerg die Zähne aus. Sollte es wieder nicht gegen einen glasklaren Underdog zu einem Sieg reichen? Gegen eine Mannschaft, die in der Qualifikation für die WM in Brasilien noch zehn Niederlagen am Stück und 30 Gegentore kassiert hatte?

Als die letzten zehn Minuten anbrachen, stand es noch immer 1:1. Dann bekam Wales in der 81. Minute einen Freistoß zugesprochen. Bale legte sich den Ball zurecht. Und traf zum 2:1-Endstand.

Man kann die Wichtigkeit des Real-Stars für den Erfolg von Wales gar nicht hoch genug einordnen. Nach dem Spiel in Bosnien-Herzegowina sagte ein freudestrahlender Bale, dass ihm die geglückte EM-Quali genauso viel bedeuten würde wie der Gewinn der Champions League im letzten Jahr. Und das Verrückte: Ihm kaufe ich das sogar ab. Denn im Gegensatz zu Giggs hängt Bales Herz wirklich an seiner Nationalmannschaft. Giggs hatte hingegen fast nichts anderes im Kopf als den Erfolg von Manchester United.

Bale nach dem Sieg gegen Andorra | Foto: PA Images

Bale hat in der laufenden Qualifikation viele wichtige Tore geschossen, aber ich behaupte, dass keines so wichtig war wie sein Freistoßtreffer in Andorra. Wäre Wales damals mit 1:1 in die Qualifikation gestartet, gegen ein Team, das sich für gewöhnlich fünf Buden und mehr fängt, bin ich sicher, dass die Spiele darauf einen anderen Verlauf genommen hätten.

Denn auch wenn man beim Fußballzwerg nicht gerade brillieren konnte, hat man dank eines späten Treffers drei Punkte mit nach Hause genommen, fast schon wie im Stile einer Spitzenmannschaft. Und dieser Sieg gab ihnen den Auftrieb, den sie brauchten, um in sechs Spielen darauf ohne Niederlage zu bleiben: Nach einem hart erkämpften Punkt zu Hause gegen Bosnien-Herzegowina schlug man Zypern mit 2:1, kam in Belgien zu einem überraschenden 0:0 und gewann danach—wie bereits angesprochen—drei Spiele in Folge: 3:0 in Israel, 1:0 gegen Belgien und 1:0 in Zypern. Danach war man schon so gut wie qualifiziert und hätte im Heimspiel gegen Israel mit einem Sieg alles klarmachen können.

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Aber Wales wäre wohl nicht Wales, wenn es genau so rund gelaufen wäre. Die historische Qualifikation für die EM sollte am Ende nicht vor heimischen Fans, sondern in Bosnien-Herzegowina eingetütet werden. Und natürlich nicht mit einem Sieg oder Unentschieden, sondern einer Niederlage (0:2).

Ich habe neulich gehört, wie jemand über die walisische Nationalmannschaft meinte, da würden „Gareth Bale und zehn Glückspilze" zusammenspielen. Auch wenn ich weiß, was der Typ damit meinte, muss ich sagen, dass die Aussage die Wahrheit nur ungenügend abbildet. Die Abwehr um Kapitän Ashley Williams hatten einen riesigen Anteil am Erfolg der Mannschaft. Mit gerade mal vier Gegentoren zählt die Abwehr von Wales zu den besten der gesamten EM-Qualifikation (Deutschland hat sich beispielsweise neun Treffer gefangen).

Kapitän von Swansea City und der walisischen Nationalmannschaft: Ashley Williams ist in seinem Heimatland ein gefeierter Star | Foto: PA Images

Auch viele weitere Spieler hatten ihren Anteil an der geglückten Qualifikation: Aaron Ramsey, zum Beispiel, hat zwar nicht immer Topleistungen abrufen können, doch seine bloße Präsenz auf dem Platz war dennoch enorm wichtig für die Mannschaft. Hal Robson-Kanu hat im Heimspiel gegen Zypern den Siegtreffer erzielt. Auch Neil Taylor, Ben Davies und Joe Ledley haben allesamt eine tolle Qualifikation gespielt. Vielleicht war der Kader von 1995 auch nicht schlechter als der heutige, der große Unterschied zu damals besteht aber darin, dass der aktuelle Superstar der Mannschaft wirklich Bock auf die Nationalmannschaft hat und die Einzelspieler ein echte Einheit bilden.

Ob Wales nun nach der Vorrunde wieder die Koffer packen muss oder am Ende sogar für eine große Überraschung sorgt, die Zeichen für den walisischen Fußball stehen so oder so gut. Bale und Ramsey sind gerade mal 26 bzw. 24 Jahre alt und werden ihrer Nationalmannschaft noch viele weitere Jahre erhalten bleiben. Gleichzeitig klopfen von unten viele junge Talente an. Außerdem trägt Wales seine Heimspiele mittlerweile in einem Stadion aus, das regelmäßig ausverkauft ist, weswegen endlich auch die Atmosphäre stimmt. Dazu stellt man mit Swansea einen etablierten Premier-League-Vertreter und ist auch in der zweiten Liga durch Cardiff vertreten. Und selbst in Südwales, wo seit ehedem Rugby das Sagen hat, ist eine wachsende Fußballkultur zu beobachten.

In Wales freut man sich riesig auf die EM in Frankreich. Und da Frankreich nicht weit entfernt liegt, ist mit Heerscharen von Auswärtsfans zu rechnen. Klar träumen viele Fans von großen Heldentaten ihrer Mannschaft. Doch den meisten ist klar, dass alles, was jetzt noch kommt, reine Zugabe ist. Die allererste Qualifikation für eine Europameisterschaft ist an sich schon ein wahnsinniger Erfolg für das 3-Millionen-Land. Das Warten hat endlich ein Ende.