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Politik

Das ist die neue AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel

Jung, lesbisch und wortgewandt. Trotzdem gibt sie einen Mist von sich, wie man ihn von AfDlern kennt.

von Lea Albring
24 April 2017, 11:58am

Foto: Imago | future image

Sie ist das Negativ des AfD-ler-Klischees vom alten, wütenden Mann: eine junge, gebildete, lesbische Kosmopolitin. Seit Sonntag ist Alice Weidel gemeinsam mit Alexander Gauland Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl. Auf ihrem Lebenslauf stehen eine Promotion über Chinas Rentensystem und Goldman Sachs als ehemaliger Arbeitgeber. Unter Familienstand: eingetragene Lebenspartnerschaft, zwei Söhne. Hat sie überhaupt noch was gemeinsam mit dem weißen, männlichen Wutbürger?

Hat sie: das gemeinsame Feindbild – Muslime. Weidels Ambitionen sind klar. Ende 2016 sagte sie der Zeitschrift Cicero: "Wenn es die AfD nicht schafft, irgendwann Regierungsverantwortung zu übernehmen, dann wird es dieses Land nicht schaffen." WAS genau dieses Land nicht schaffen soll, lässt sie offen. WER genau diese Frau ist, können wir euch jetzt schon sagen.

Ökonomin, Islam-Feindin, Medienprofi

Bernd Luckes Euro-Kritik hat Weidel 2013 zur AfD gebracht. Die 38-Jährige ist strikt gegen den Euro-Rettungsschirm für Griechenland, will die D-Mark zurück und fordert immer wieder den "Dexit". Sie gilt als Marktradikale, beim Wort "Abschaffung" fällt ihr nicht nur der Euro ein, sondern auch die Erbschaftssteuer und der Mindestlohn.

Screenshot: Facebook

Ihr zweites großes Thema: Einwanderungspolitik. Der Islam ist für Weidel eine "archaische Kultur", in einem Gastbeitrag in der Jungen Freiheit warnte sie vor "der Islamisierung unserer Gesellschaft." (Das wird man ja noch sagen dürfen.) Auf Facebook lässt sie sich über "südländisch" aussehende Täter aus und schreibt:

Screenshot: Facebook

Weidel ist zwar noch nicht auf der Maus ausgerutscht (zumindest behauptet sie das nicht), ihre Worte und ihre politischen Einstellungen sind trotzdem oft menschenverachtend und völlig realitätsfern.

Auf Wahlplakaten warnt sie beispielsweise vor einem türkischen Schariastaat in Deutschland, Nationalisten beklatschen sie dafür.

Sicher ist: Den Kurs AfD-Polemik muss sie nicht mehr besuchen. Im Oktober 2016 schreibt sie auf Facebook, deutsche Steuerzahler würden einem "Millionenheer von ungebildeten Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika eine Rundumsorglos-Vollversorgung finanzieren". Scorer-Punkte bei Pegida sind ihr damit sicher. Genauso wie mit der Behauptung, (danke Merkel), die Bundeskanzlerin sei "selbstverständlich" mitverantwortlich für den Tod einer jungen Frau in Freiburg, die mutmaßlich von einem Asylbewerber vergewaltigt und getötet wurde.

Ein Blick auf ihre politische Vita zeigt: Auch die ist nicht lupenrein. Weidel ist seit 2015 Mitglied im AfD-Bundesvorstand, wo sie den Ausschuss "Euro und Währung" leitet. Im Bundesvorstand hat sie zuletzt mit Frauke Petry für ein Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke gestimmt – und ist gescheitert. Genauso wie bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg letztes Jahr. Da ging sie ohne Erfolg als Direktkandidatin für den Landtagswahlkreis Bodensee ins Rennen. Und das war nicht ihre letzte Schlappe. Im März dieses Jahres wurde sie nicht zur Landesvorsitzenden von Baden-Württemberg gewählt, unterlag mit 15 Stimmen in einer Stichwahl. Im 10-köpfigen AfD-Landesvorstand sitzen nun ausschließlich Männer.

Jenseits ihrer eigenen Partei kennt man Weidel vor allem durch ziemlich wortgewandte Talkshow- und Fernsehauftritte.

In der Selbstzerfleischer- und Machtkampf-Partei AfD fallen Menschen wie Weidel schnell auf, die vor einer Kamera stehen können, ohne gänzlich unangenehm rüberzukommen. Anders als die meisten in ihrer Partei weiß Weidel, was man braucht, um als Politiker halbwegs ernst genommen zu werden. Dem Cicero sagte sie: "Wir müssen aufhören, öffentlich über die Probleme der Partei zu sprechen. [...] Alles, was in den nächsten Monaten zählt, ist Einigkeit und Disziplin." Alice Weidel, eine Maulkorb-Verteilerin als Spitzenkandidatin? So wie die AfD momentan drauf ist, ist es schwer vorstellbar, dass die Partei sich von irgendwem disziplinieren lässt.

Jung, lesbisch – und kein bisschen besser als der Rest der AfD

Weidel wuchs in der Nähe von Gütersloh auf und studierte VWL und BWL in Bayreuth. Sie promovierte über das chinesische Rentensystem, arbeitete bereits für Goldman Sachs, Allianz Global Investors und bei der Bank of China. Heute ist sie Unternehmensberaterin. Ihre Rolle dabei: Strukturen und effiziente Abläufe schaffen. Man versteht, warum sie im AfD-Vorstand gebraucht wird.

Sie macht kein Geheimnis um ihre Homosexualität und zieht mit ihrer Partnerin, einer Schweizer Film- und Fernsehproduzentin, zwei Söhne groß. Als familienpolitische Sprecherin bei der AfD käme sie allerdings wohl genauso wenig in Frage wie Olivia Jones. Die Partei vertritt ein streng-konservatives Familienbild, das an die Vater-Mutter-Kind-Rollenverteilung in den 1950ern anknüpft: Bücher, die LGBT-Familien abbilden, möchte sie an öffentlichen Schulen verbieten. Ihre Freunde fanden es nicht alle so toll, als Weidel Karriere bei den Rechtspopulisten machte. Einige, sagte sie dem Cicero, hätten sich einfach nicht mehr bei ihr gemeldet, andere sagten offen, dass sie mit niemandem befreundet sein wollen, der in der Höcke-Partei mitmischt.

In den kommenden Wochen wird sich entscheiden: Ist Alice Weidel eine Frauke Petry 2.0 oder das freundliche Alibi-Gesicht neben Haudegen Gauland? Dass sie ausgerechnet diesem einen Maulkorb verpasst: sehr unwahrscheinlich. Unsere Prognose: Da, wo wir gerne einen Maulkorb verteilen würden, bei Diskriminierung von Muslimen und Flüchtlingshetze, wird sich die AfD auch in Zukunft nicht zurückhalten.

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