Anzeige
Tech

Gehackt oder gefälscht: Der seltsame Fall des Facebook-Accounts „Selina Akim“

Die Münchner Polizei untersucht verschiedene Facebook-Posts, die möglicherweise Opfer zum Tatort des Amoklaufes locken sollten.

von Johannes Hausen
25 Juli 2016, 10:55am

Ein Screenshot des mittlerweile gelöschten Facebook-Accounts „Selina Akim", den Twitternutzer @greezer getweetet hatte. Unkenntlichmachungen: Motherboard

„Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ, ich spendiere euch was, wenn ihr wollt, aber nicht zu teuer."

Screenshots dieser ominösen Facebook-Statusmeldung verbreiteten sich noch am Abend nach dem Amoklauf von München zahlreich auf Twitter. Eine Facebook-Nutzerin mit dem User-Namen Selina Akim hatte über ihr Profil dazu aufgerufen, um 16 Uhr in die McDonalds-Filiale am Münchner Olympia-Einkaufszentrum zu kommen—dem Ort, an dem David S. um 17:52 Uhr seinen Amoklauf begonnen hatte und mit einer Waffe (welche er bisherigen Ermittlungen zufolge illegal im Darknet erworben hatte) neun Menschen und anschließend sich selbst tötete.

Unter anderem der Journalist Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk hatte einen Screenshot des Facebook-Aufrufs getwittert, in der Hoffnung, das jemand das entsprechende Konto verifizieren könne. Zugespielt worden sei ihm der Screenshot von einer Schülerin aus München. Auch andere Twitternutzer verbreiteten Screenshots der insgesamt drei Statusmeldungen, die am Tag der Tat vor der Tatzeit abgesetzt worden waren.

Wie man auf den Screenshots erkennen kann, hinterließen bereits wenige Stunden nach der Tat mehrere Facebook-Nutzer unter den Statusmeldungen wütende und andächtige Kommentare ob der Tat von David. S. Besonders erstaunlich erscheint die Tatsache, dass man in den Kommentaren bereits den Namen David S. lesen konnte, noch bevor die Polizei München diesen offiziell verkündet hatte, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. Auch hätten einige Facebook-Nutzer die Einladung von „Selina Akim" wohl schon vor der Tatzeit damit kommentiert, dass es sich bei den Posts doch nur um einen Fake handele: "Der Account ist fake, 100 % (...), der kerl ist psychisch gestört und will nur aufmerksamkeit", wird ein Nutzer, der sich anschließend auch bei der Polizei gemeldet haben soll, von der SZ zitiert. Tatsächlich scheint sich nach bisherigem Ermittlungsstand unter den Opfern von David S. auch niemand befunden zu haben, der der Facebook-Einladung auf dem Profil von „Selina Akim" gefolgt war.

Am Samstag äußerten sich dann schnell auch offizielle Stellen zu dem ominösen Facebook-Konto: Auf einer Pressekonferenz erklärten Ermittler, dass sie davon ausgingen, dass der Täter über ein „gehacktes" Facebook-Profil verdächtige Nachtrichten verschickte. Auch Innenminister De Maizière wiederholte die Vermutung eines gehackten Profils im Verlauf des Tages.

Tatsächlich handelt es sich aber wohl eher um einen Fake-Account, wie im Laufe des Wochenendes zunehmend klarer wurde. Das Profil, das mittlerweile gelöscht wurde—unklar ist, von wem—war bereits im Mai mit geklauten Bildern angelegt worden. Am Samstagnachmittag meldete sich dann ein Mädchen aus Frankfurt, das auf Twitter ebenfalls den Vornamen Selina trägt zu Wort. Sie erklärte, dass für den Account von „Selina Akim" ihre Bilder geklaut worden seien und bat eindringlich darum, ihr zu helfen, die Bilder aus den sozialen Medien zu entfernen:

In mehreren Tweets wendet sie sich verzweifelt an Journalisten und andere Nutzer, von denen einige sie aufgrund ihrer vermeintlichen Verwicklung in den Amoklauf anfeinden: „Leute bitte helft mir, die Scheisse so gut es geht aus dem Netz zu holen. #SelinaAkim ist ein Fake welcher meine Bilder benutzt hat, danke."

Das einzige Bild auf dem Twitterprofil der Frankfurter Selina, welches mittlerweile gelöscht wurde, zeigt fünf Frauen. Ob sich unter diesen dieselbe Frau befindet, die auf den beiden Fotos des Facebook-Accounts „Selina Akim" zu sehen ist, ist mit bloßem Auge trotz einer gewissen Ähnlichkeit nicht eindeutig zu erkennen. Auch eine umgekehrte Bildersuche auf Google bringt keinen Aufschluss über eine mögliche Verbindung zwischen den Bildern des Facebook-Profils und der Twitternutzerin, die gegenüber den Medien keine weiteren Angaben zu ihrer Person machte und auch sonst keine Stellungnahme abgegeben hat, außer dass sie erklärte, dass ihre Eltern verständlicherweise nicht möchten, dass sie mit den Medien spräche. Am heutigen Montag ist ihr Profil schließlich von Twitter verschwunden.

Inzwischen kamen Spekulationen über Facebook-Einträge eines weiteren Nutzers auf, der ebenfalls im Vorhinein dazu aufgerufen haben könnte, am Freitagabend den Ort des Attentats aufzusuchen. Am gestrigen Sonntag verkündete die Polizei München die Festnahme eines 16-Jährigne Afghanen, der mit David S. befreundet gewesen sein soll. Er hatte sich selbst am Freitagnachmittag unmittelbar nach der Tat bei den Beamten gemeldet und sich schließlich durch widersprüchliche Aussagen selbst verdächtig gemacht, möglicherweise von den Tatabsichten des David S. gewusst zu haben.

Bei der jüngsten Pressekonferenz, die live auf Facebook übertragen wurde, erklärte die Polizei zwar, von den weiteren Facebook-Posts zu wissen, man könne aber nicht bestätigen, ob sie tatsächlich von dem Festgenommenen stammen und ob sie zum Tatort einladen sollten.

Allerdings erklärte man, dass eine WhatsApp-Konversation des 16-Jährigen mit David S. wiederhergestellt werden konnte, welche der Freund des Täters gelöscht hatte, bevor er sich am vergangenen Freitag bei der Polizei meldete. Aus dieser Unterhaltung geht hervor, dass der 16-Jährige gewusst haben muss, dass David S. eine scharfe Waffe besaß. Außerdem gehen die Ermittler davon aus, dass er sich kurz vor der Tat mit David S. in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrum getroffen hat, sich zur Tatzeit selbst aber nicht mehr am Tatort aufgehalten hat. In den Gesprächen hätten sich die beiden Personen außerdem über die Erstellung von Fake-Accounts auf Facebook ausgetauscht. Ob hinter dem Account von „Selima Akim" also möglicherweise nicht David S., sondern der gestern festgenommen 16-Jährige Freund des Täters steckt, wird weiterhin Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen bleiben.