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In zwei Jahren könntest du deinen Kopf transplantieren lassen

Schon 2017 sollen Kopftransplantationen möglich sein, wie ein Neurowissenschaftler dank seiner neuen Methode zur Rückenmarksfusion verspricht. Aber wer bist du eigentlich, wenn dein Kopf auf einem anderen Körper sitzt?

von Theresa Locker
27 Februar 2015, 9:30am

Vom zweiköpfigen Schäferhund bis zum reparierten Rückenmark aus Nasenzellen: Transplantationsethik ist vertrackt.  Bild: ​Wikimedia Commons​Tsujigiri | ​Gemeinfrei

„Haltet euch fest!", beginnt der Arzt seinen TEDxTalk im zypriotischen Limassol. Und dann präsentiert er dem Publikum eine medizinische Prozedur zur Lösung der Frage: Wie verbaue ich einen Kopf auf einen anderen Körper?

Seit vielen Jahrzehnten versuchen Forscher, zur Heilung von Querschnittslähmung das Rückenmark wieder mit dem Gehirn zu verbinden—mit mäßigem Erfolg. Im vergangenen November wurde erstmals das bei einer Messerstecherei verletzte Rückenmark eines Patienten mit Zellen aus seiner Nase soweit repariert, dass er mittlerweile wieder gehen kann.

Doch die enormen technischen Hürden, die sich aus der Neuverkabelung der Nervenbahnen des Kopfes mit dem Rückenmark ergaben, sind nun bald passé, versichert der italienische Arzt Dr. Sergio Canavero. In einem ​Paper beschreibt er, wie Probleme überwunden werden können, die bei früheren Versuchen zur totalen Lähmung vom Kopf abwärts führten. Was momentan nur in Photoshop einfach zu bewerkstelligen ist, soll schon in zwei Jahren Wirklichkeit werden: Eine echte Kopftransplantation. 

Profitieren könnten neben Querschnittsgelähmten mit Organversagen auch Patienten mit Muskelschwäche, denen die Kontrolle über einen neuen Körper ein ganz neues Leben ermöglichen könnte. Auf der AANOS 2015, einer chirurgischen Konferenz, will der Forscher von der Turiner Gruppe für fortgeschrittene Neuromodulation im Juni sein Protokoll zur Fusion des Rückenmarks vorstellen.

Hier ist Dr. Canaveros TEDxTalk, bei dem er die Komplikationen der Rückenmarkstransplantation anschaulich mit einer Packung Spaghetti erklärt:

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Spätestens seit Aufkommen der ersten Groschenromane sind Kopftransplantationen ein Thema, das die Fantasie von Science Fiction-Autoren und Narrativen von Frankenstein bis Futurama beflügelt—gern in Verbindung mit einem irre kichernden, größenwahnsinnigen Wissenschaftler. 

In den 50er Jahren experimentierte der russische Wissenschaftler Vladimir Demikhov mit der bahnbrechenden Bastelei eines fortan zweiköpfigen Schäferhundes, leider ohne großen tatsächlichen Erfolg. Den konnte zwanzig Jahre später der vom russischen Kollegen beeindruckte US-Forscher Robert White vorweisen. Selbstverständlich mussten für die erste Kopftransplantation mal wieder Rhesusaffen herhalten, die ganze neun Tage überlebten. 

Whites Idee war, beispielsweise Steven Hawking einen neuen Körper zu verschaffen—dann wäre der zwar immer noch querschnittsgelähmt, würde aber von der besseren Durchblutung des jüngeren Unterbaus profitieren, so seine Logik. Ein Kurzfilm über Whites Forschung, in dem der transplantierte, zuckende Affenkopf mit Pinzetten traktiert wird, findet ihr hier. Allerdings ist das Video nur für starke Mägen geeignet.

Die Prozedur des verpflanzten Affenkopfs. Bild: White et al. 1971 | Gemeinfrei

Tatsächlich erinnert Canaveros Vorschlag verblüffend an Whites Prozedur der Affenkopftransplantation. Und die Beschreibung des Prozederes klingt nicht weniger wahnwitzig: Der zu transplantierende Kopf muss zunächst auf 12 bis 15 Grad Celsius heruntergekühlt werden. Dann trennt der Arzt schnell beide Köpfe gleichzeitig ab und muss binnen einer Stunde den zu erhaltenden Kopf auf dem Spenderkörper verkabeln.

Canavero schreibt in seinem Paper: „Die größte technische Hürde für eine Kopftransplantation ist ist natürlich die Verbindung der Rückenmarks von Spender und Empfänger. Ich bin überzeugt, dass die Technologie für diese Verbindung nun extisiert. Diverse, bislang hoffnungslose medizinische Verbindungsversuche könnten von dieser Prozedur profitieren."

Die Lösung läge laut Canavero in einem besonders präzisen, scharfen Schnitt „der mit Hilfe von Fusogenen und Versiegelungen mit ihren Gegenpolen verknüpft würde. Sie sind in der Lage, Zellmembranen sofort wiederherstellen, die durch eine mechanische Verletzung beschädigt wurden." Diese Verklebung könnte mit speziellem Plastik von statten gehen, was schon beim Rückenmark von Hunden gut geklappt habe.

Das Herz muss dabei stillstehen und der Spenderkörper ebenfalls gekühlt werden. Ist der Kopf mit dem Kreislaufsystem verbunden, folgt der wichtigste und kritischste Schritt: Die Verknüfung mit anderen lebenserhaltenden Systemen inklusive dem Rückenmark. Voila: Ein topfitter Mensch entstünde. Yeah, Science!

Welche Implikationen hat es, wenn ein alter Mensch in einem jungen Körper weiterlebt?

Wer von euch aufgepasst hat, mag sich jetzt vielleicht die Frage stellen, was mit den restlichen, nicht mehr verbundenen Körperteilen passiert. Tatsächlich ist die mit der Kopftransplantation verbundene Bioethik mindestens genauso vertrackt wie der eigentliche medizinische Eingriff (dessen Kosten sein Erfinder selbst auf rund ​zehn Millionen Euro beziffert). 

Streng genommen handelt es sich bei der Prozedur nämlich nicht um eine Kopftransplantation, sondern um eine Körpertransplantation. Denn der definierende Teil des Menschen ist (zumindest für die westliche Wissenschaft) der Kopf mit seinem Gehirn—der Rest des Körpers ist dem untergeordnet und kann je nach Bedarf als Ersatzteillager dienen. Aber welche Implikationen hätte es, einen alten Mann in einen jungen Körper zu verpflanzen?

„Wenn die Gesellschaft das nicht will, mache ich es auch nicht."

Wie psychologisch belastend der Eingriff wäre, lässt sich ebenfalls kaum abschätzen. Schon bei Menschen, die ein neues Gliedmaß transplantiert bekommen, zeigt sich eine Beeinträchtigung: Die Empfänger vermissen ihr Körperteil oder fühlen sich in ihrem Selbstbild geschädigt. Es ist also nicht gesagt, dass die Person, die aus dem OP-Saal heraus kommt, dieselbe ist, die ihn betreten hat.

Letztlich ist es eine hochphilosophische Frage: Was macht uns aus? Sitzt unser Geist in den Nervenbahnen hinter unseren Augen und nirgendwo sonst oder sind wir auch unser Körper? Selbst die recht alltägliche Frage, was eigentlich mit Amputaten passiert, kann kaum ohne ein gewisses Unbehagen diskutiert werden.

Nichtsdestotrotz: Gerade laufen Versuchsreihen, die herausfinden wollen, ob die Injektion von jungem Blut auch eine ähnlich verjüngende Wirkung auf die Gehirne von Alzheimerpatienten hat wie schon erfolgreiche Tierversuche versprechen.

Doch Canavero selbst ist kein Frankenstein—er stellt sich ebenfalls größere, weit über die Forschung herausragende Fragen:

„Deswegen hab ich schon vor zwei Jahren angefangen, öffentlich darüber zu reden", wird er im New Scientist zitiert, der dem kontroversen Thema eine ganze ​Titelstory gewidmet hat. „Wenn die Gesellschaft das nicht will, mache ich es auch nicht. Andererseits… nur weil niemand in den USA oder Europa begeistert ist, heißt das keineswegs, dass es nicht woanders durchgeführt werden könnte."

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