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Wer hat Angst zu teilen?

In Berlin beginnt am Mittwoch die transmediale—das Festival ist längst keine digitale Nischenkonferenz mehr, sondern beschäftigt sich von Flüchtlingskrise bis Überwachung mit den großen politischen Fragen unserer Zeit.

von Max Hoppenstedt
30 Januar 2016, 8:00am

Echtzeit, Hellmuth Costard & Jürgen Ebert, 1983. Bild: Deutsche Kinemathek, Berlin

1957 landete ein Raumschiff mitten im Zentrum Berlins. Direkt an der Spree errichtete der Architekt Hugh Stubbins die wunderbar futuristische Kongresshalle, die als „Leuchtturm der Freiheit" noch weit bis nach Ost-Berlin hin sichtbar war. Heute steht das Gebäude mit den Stahlbeton-Flügeln nicht mehr unmittelbar an einer der heißesten Grenzen des Kalten Kriegs sondern direkt neben dem Kanzleramt und mitten im geographischen Machtzentrum eines anderen Deutschlands: Die binäre Ost-West-Konfrontation ist Vergangenheit, doch die Konflikte der Welt haben längst wieder das Zentrum Berlins erreicht: Die Geflüchteten, die von Krisen im Nahen oder Mittleren Osten vertrieben werden, das Ringen in der europäischen und internationalen Schuldenkrise, die globale Bedrohung des Terrorismus und der Kampf, um die von Geheimdiensten weltweit aufgespannte Überwachung des Internets. Eine neue globale Unruhe hat Europa erfasst und verändert die politischen Diskurse in Deutschland. Status: Es ist kompliziert.

Am 3.2.2016 öffnet die Berliner Kongresshalle ihre Tore für die 29. Ausgabe der transmediale—und auf dem Kongress, der einst als Video- und Medienkunst-Festival begann, werden in diesem Jahr mehr denn je die großen politischen Debatten eine Rolle spielen. In vier Themensträngen wird darüber diskutiert werden, wie wir auf die Unruhe und den Wandel unserer Zeit reagieren sollen: Wie sichern wir uns gegen den Terror und wie verändern diese Systeme unseren Alltag? Wie organisieren wir demokratischen Protest und Online-Dissidenz nach Snowden? Was ist noch übrig von den „Facebook-Revolutionen" des Arabischen Frühlings? Wem gehört überhaupt, was ich in der Big-Data-Cloud teile? Wie behauptet man sich als Arbeitnehmer in der globalen Netzwerk-Ökonomie? Sind Maker-Enthusiasmus und Hacker-Kultur ein Teil der Lösung oder als kalifornische Ideologie auch Teil des Problems?

Anxious to Secure, Anxious to Act, Anxious to Make und Anxious to Share heißen die Programmschwerpunkte, in denen es immer wieder um eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, idealen Möglichkeiten und düsterer Realität geht. Nirgendwo ist diese Diskrepanz offensichtlicher als in der Sharing Economy:

Für die Träume der Netzgemeinde der 90er-Jahre war das freie, globale Verteilen von Inhalten ein wichtiger Motor, heute ist es längst auch ein globales Geschäftsmodell von Facebook bis Uber. Könnte das Prinzip der Commons, der freien Gemeingüter, tatsächlich auch als Ideal einer gerechteren, analogen Welt dienen oder ist Sharing inzwischen nicht mehr als eine Ökonomie und eine weitere Kommodifizierung des Alltagslebens? Dass eine neue Kultur der Commons, eine neue kollaborative Kultur des Teilens, für die Macher der transmediale eine Lösung sein könnte, zeigte Kurator Kristoffer Gansing schon mit dem Diskussionsprojekt der Cultural Commons in den vergangenen Jahren.

Vor dem Hintergrund der vielfältigen Fragen und Herausforderungen folgt die transmediale in diesem Jahr keinem einheitlichen Motto, aber zeigt umso nachdrücklicher, dass das Festival sich längst nicht mehr auf eine digitale oder medienkünstlerische Nische beschränkt. Vielmehr ist die Konferenz politischer denn je und das Programm, das Leiter Kristoffer Gansing gemeinsam mit einigen Co-Kuratoren zusammengestellt hat, widmet sich nach der Diskussion der Snowden-Folgen und dem Wandel der globalen Arbeitswelt in den vergangenen Jahren, den Zusammenhängen der gesamtpolitischen Lage.

Motherboard wird auch in diesem Jahr ein Panel auf der transmediale präsentieren: Unter dem Titel „Border Visions" diskutieren wir den deutschen Umgang mit der Flüchtlingskrise, ihre überwachungs-technische, biometrische und bürokratische Verwaltung und die Zukunft der Grenzpolitik in der vernetzten Welt. (Auf der transmediale-Website findet ihr weitere Informationen zum Panel.)

Hatsune Miku. Bild: LaTurbo Avedon / Crypton Future Media Inc. 2007

Weitere Highlights im diesjährigen transmediale Programm sind eine Weltpremieren-Performance des japanischen Software-Popstars Hatsune Miku, die die Frage aufwirft, wem eigentlich ein Pop-Star gehört, die Premiere einer interaktiven Philip K. Dick Hommage in Form eines Exploration Games, eine Keynote von Hito Steyerl, der Auftritt von F.M. Einheit, der erstmals seine Sound-Archive aus Einstürzende Neubauten-Tagen öffnet, um sie zusammen mit dem Medientheoretiker Siegfried Zielinski zu einer neuen Performance zu verarbeiten und eine Workshop-Reihe, die jedermann ein direktes Arbeiten mit den Snowden-Archiven ermöglichen soll.

Das gesamte Programm des Festivals findet ihr auf der transmediale-Website.

Wir verlosen zwei mal zwei Tickets unter allen Einsendern, die uns eine Mail an Motherboard@viceland.tv schreiben und uns ihre Fragen zum Thema Whistleblowing und Überwachungsstaat schicken, die dann im transmediale Panel mit Jacob Applebaum, Markus Beckedahl und Wolfgang Kaleck live im HkW diskutiert werden könnten.

Motherboard wird nicht nur das Border Visions präsentieren, sondern auch in den kommenden Tagen direkt von der transmediale berichten.