Autonome Autos werden kommen, aber wie sieht die Zukunft des Motorrads aus?
Das futuristische Design der Motorradstudie BMW VISION NEXT 100 knüpft an das erste von BMW produzierte Motorrad an: das BMW R32 aus dem Jahr 1923. Bild: BMW
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Autonome Autos werden kommen, aber wie sieht die Zukunft des Motorrads aus?

​In der Welt der selbstfahrenden Autos wären selbstfahrende Motorräder der logische nächste Schritt, oder? BMW-Mitarbeiter verraten, warum die Reise in eine andere Richtung geht.
26.10.16

Präsentiert von BMW. Anzeige

Autos und Motorräder pflegen schon seit über einem Jahrhundert eine friedliche Koexistenz. Während das Auto für die Personenbeförderung zuständig ist, wurde das Motorrad zur Freizeitmaschine: ein Symbol für Freiheit, Aufbruch und die Freude am Fahren.

In den nächsten Jahren allerdings werden wir auf unseren Straßen nicht weniger als den revolutionärsten Wandel in der Geschichte des Autofahrens erleben: Selbstfahrende Autos sind dabei, den Verkehr zu erobern. Doch was wird aus der Freiheit und Romantik des Motorradfahrens, wenn unsere Mobilität von autonomen Fahrzeugen beherrscht wird? Klar ist: Den Wandel werden wir früher erleben, als so manch einer heute denkt. Die Pläne der Branche in Sachen autonome Autos sind ehrgeizig: So kündigte BMW beispielsweise die Einführung komplett autonomer, selbstfahrender Autos bis zum Jahr 2021 an. Was bedeutet all das für die Zukunft des Motorrads?

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Als einer der Marktführer stellt BMW bereits seit den frühen 1920er Jahren Motorräder her. Die bayerischen Motorenwerke starteten die Zweiradproduktion noch vor der Fertigung von Autos, die sie erst in den 1950er Jahren in industrieller Serienfertigung hochfuhren. Ein Blick auf die Geschichte des Unternehmens zeigt auch, wie sich beide Bereiche bis heute parallel und symbiotisch weiterentwickelten. Features und Entwicklungen der BMW-Autobranche, wie Traktionskontrolle, Sitzheizung und Fahrassistenzsysteme á la Side View Assist kamen auch den BMW-Motorradfans zugute.

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Der Wandel hin zu selbstfahrenden Autos wird auch die Rolle, die PKWs für unsere Mobilität spielen, verändern. Das Auto wird noch mehr zum reinen Personenbeförderer, zu einem Transportmittel, das uns von einem Ort zum anderen bringt—während wir die letzten Emails auf dem Weg in den Feierabend schreiben oder zur Entspannung unsere Lieblingsserie streamen. Nun stellt sich die Frage, welche Auswirkungen dieser grundlegende technologische Wandel auf das Motorrad haben wird. Da der Fahrer und sein Umgang mit der Technik ein essentieller Teil des Fahrens sind, ist die Entwicklung eines Motorrads, das die Mitarbeit des Fahrers überflüssig macht, doch eher unwahrscheinlich. Wie wird also das Motorrad der Zukunft aussehen?

Selbstfahrende Autos ja, aber selbstfahrende Motorräder?

Dezente, aber nützliche Informationen, wie die Fahrgeschwindigkeit oder Warnungen zu Baustellen auf der Strecke, könnten auf einen digitalen Visor und damit ins direkte Sichtfeld des Fahrers projiziert werden.

„Motorräder mit autonomen Fahrfunktionen auszustatten, ist sehr viel schwieriger", beschreibt Prof. Huei Peng, Direktor des Mobility Transformation Centers an der University of Michigan, die anstehende unterschiedliche Entwicklung von Autos und Motorrädern. Peng sieht den wesentlichen technischen Grund dafür in der Instabilität von Zweirädern bei geringen Fahrgeschwindigkeiten. BMW hat für dieses Problem jedoch bereits eine Lösung gefunden: Beim neuen Motorradkonzept des Unternehmens VISION NEXT 100, das die Firma Anfang Oktober in Los Angeles vorstellte, wird ein Umkippen des Motorrads durch ein Balance-System, das den gyroskopischen Effekt ausnutzt, verhindert. Das System hält das Motorrad auch bei geringen Geschwindigkeiten extrem stabil—ingenieurstechnisch rücken selbst-fahrende Motorräder also durchaus in greifbare Nähe.

Aber werden die Entwickler die theoretischen Möglichkeiten auch in die Praxis umsetzen? Der Chef von BMW Motorrad widerspricht: „Ich kann mir kein autonomes Motorrad vorstellen", erklärt Stephan Schaller gegenüber Motherboard. „Ich seh da keinen Sinn drin. Auf dem Motorrad willst du unabhängig sein, frei sein, dein eigenes Ding machen. Für mich ist das Motorrad eine analoge Insel in der digital vernetzten Welt."

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Die technischen Innovationen, die selbstfahrende Autos ermöglichen, werden aber dennoch aus einem anderen Grund auch das Motorrad von Morgen erreichen: Der wichtigste Antrieb für die Entwicklung autonomer Steuerungssysteme liegt nämlich darin, das Unfallrisiko zu minimieren—ein Ziel, dass selbstverständlich auch im Motorradbau zentral ist.

BMW-Vorstandsmitglied Peter Schwarzenbauer betont ebenfalls, dass die Entwicklung in diese Richtung gehen muss: „Vieles von dem, was wir im PKW-Bereich an autonomen Mobilitätskonzepten entwickeln, werden wir in Zukunft standardmäßig in Motorrädern sehen. Hier hat das aber nichts mit dem autonomen Fahren zu tun, sondern erhöht einfach die Sicherheit im Vergleich zu den Motorrädern von heute", erklärt Schwarzenbauer.

Wie man sieht, steht das BMW VISION NEXT 100 auch ohne Motorradständer aufrecht.

Die Entwicklung autonomer Autos wird das Motorrad nicht von unseren Straßen verdrängen oder seine gesellschaftliche Rolle verändern—es wird einfach ein Verkehrsmittel mit größerer Sicherheit und einem noch höheren Spaßfaktor. „Die Konzepte von Künstlicher Intelligenz, Schwarmintelligenz und Echtzeit-Informationen über den Verkehr aus der Cloud—das gibt es ja alles schon, wir haben diese Techniken ja bereits. Und wir können sie nutzen", erklärt der Chefdesigner von BMW Motorrad Edgar Heinrich gegenüber Motherboard. „Wie wir diese Technologien nutzen, wird unsere Entscheidung als Hersteller sein. Man kann sie für autonomes Fahren benutzen, man kann sie aber auch nutzen, um Risiken zu reduzieren und das Fahrvergnügen zu steigern, weil der Fahrer dadurch beispielsweise auf Schutzkleidung verzichten kann."

Sich so sicher auf dem Motorrad zu fühlen, dass man guten Gewissens auf Protektoren in der Bekleidung verzichtet, ist schwer vorstellbar—auch auf einem smarten Motorrad, das alleine stehen kann. Schließlich sind da ja noch die anderen: die Autos und die sonstigen Verkehrsteilnehmer. Wie vermeidet man, dass deren Fehlverhalten zur Gefahr für den Motorradfahrer wird? „50 Prozent der Motorradunfälle, hauptsächlich in den Städten, sind Kollisionen mit Autos, deren Fahrer nicht aufgepasst haben", so Schaller. „Deshalb ist die sogenannte Vehicle-to-Vehicle-Kommunikation, also die Kommunikation von Fahrzeug zu Fahrzeug, so wichtig."

Vehicle-to-Vehicle-Kommunikation

Da die autonomen Fahrzeuge sich erfolgreich an unsere Straßen anpassen müssen, werden nicht nur Autos gebaut, die alleine fahren, anhalten und steuern können. Autonome Fahrzeuge müssen sich perfekt und nahtlos in ihre Umgebung einfügen. Das erhöht die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer—einschließlich der Fußgänger, Radfahrer und Motorradfahrer.

Die perfekte Integration erreicht man durch komplexe, drahtlose Kommunikationssysteme, die intelligente Fahrzeuge miteinander verbinden. Wie Peng ausführt, können über die Vehicle-to-Vehicle-Kommunikation Autos, Motorräder und alle anderen Fahrzeuge, die auf den Straßen unterwegs sind—ob nun selbstfahrend oder gefahren—miteinander „sprechen" und dadurch Kollisionen verhindern. „Die Sicherheitsabstimmung zwischen Auto und Motorrad kann über dieselben Kommunikationskanäle erfolgen wie die Kommunikation zwischen zwei Autos. Nur die Art der Mitteilungen muss natürlich an die besonderen Eigenschaften eines Motorrads angepasst werden", beschreibt Peng gegenüber Motherboard.

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Das globale Mobiltechnologieunternehmen Qualcomm geht noch weiter. Hier werden unter dem Schlagwort „Vehicle-to-Everything" Kommunikationslösungen entwickelt, die das Fahrzeug mit seiner gesamten Umwelt verbinden. Dank dieser Lösungen können autonome und semi-autonome Fahrzeuge sowohl miteinander kommunizieren als auch mit Fußgängern, der Straßeninfrastruktur, der Cloud—einfach mit allem. Die Fahrzeuge tauschen ihre Sensorendaten miteinander aus und verhindern so Kollisionen „durch kooperatives Fahrverhalten".

Das Motorrad der Zukunft ist sicherer denn je

Klar ist: Das Motorrad der Zukunft wird dem Fahrer mehr Sicherheit bieten als heute. Es könnte beispielsweise vor einer drohenden Kollision leicht abbremsen, das Hindernis vorsichtig umfahren oder dank Warnsystemen die Sicherheit erhöhen und den Fahrer durch Vibrieren oder Lichtsignale vor einer akuten Gefahr warnen.

Mit einem speziellen Visor könnte der Motorradfahrer außerdem wichtige Informationen direkt in sein Sichtfeld projiziert bekommen, ohne von der Straße aufblicken zu müssen. Der Visor wäre gleichzeitig ein Windschutz, da der Biker wahrscheinlich keinen Helm mehr tragen würde.

Mit diesem Visor, den BMW speziell für die Motorradstudie VISION NEXT 100 entwickelt hat, werden relevante Fahrinformationen direkt ins Sichtfeld des Fahrers projiziert.

Dass Motorradfahrer keinen Helm mehr tragen, mag nach einer abwegigen Idee klingen. Tatsächlich ist ein solcher Schritt durchaus denkbar, wenn wir Motorräder haben, die sich selbst ausbalancieren, durch aktive Sicherheitssysteme geschützt sind und sich über durchdachte und gut integrierte Vehicle-to-Vehicle-Kommunikationssysteme auf ihr Umfeld reagieren. Solche Verfahren werden das Risiko einer tödlichen Verletzung tatsächlich deutlich reduzieren—auch wenn es sich nie komplett ausschließen lässt.

Die intelligenten Systeme laufen unbemerkt im Hintergrund und melden sich erst, wenn eine schwierige Situation im Straßenverkehr entsteht. „Wir können ein System entwerfen, das das Fahrverhalten überprüft und nur unterstützend eingreift, wenn es notwendig wird", sagt Holger Hampf, Leiter Design Kundenerlebnis der BMW AG, der digitale Erfahrungen für Autos designt hat und diese nun auf Motorräder überträgt. „Die Systeme sollen die Sicherheit des Fahrers aktiv und durchgängig gewährleisten. Ich weiß nicht, ob ich bei Motorrädern von kompletter Autonomie sprechen würde, aber das Motorrad kann seinem Fahrer auf jeden Fall assistieren."

Digitale „Companions" unterstützen den Fahrer ohne abzulenken

Wenn autonome Autos wirklich umfassend unseren Straßenverkehr erobern, wird sich zeigen, wie wir als Gesellschaft mit den von BMW so genannten digitalen „Companions" umgehen wollen. Auch wenn wir uns schnell an die selbstfahrenden Fahrzeuge gewöhnen werden, so ist es gut zu wissen, dass uns der analoge Spaß am Motorradfahren noch lange erhalten bleiben wird. „Beim Motorradfahren stehst du in direkter Verbindung mit der Welt, die dich umgibt", sagt Hampf.

„Das Motorrad der Zukunft soll uns nur die Informationen mitteilen, die wir unbedingt benötigen. Sie sollten sich auf ein Minimum beschränken und sehr dezent präsentiert werden, damit du nicht vom Fahrerlebnis abgelenkt wirst. Das Motorrad stand schon immer für großen Fahrspaß. Das Fahrerlebnis ist hier besonders unmittelbar. Du stehst auf dem Motorrad in einem viel direkteren Kontakt mit deiner Umwelt als im Auto."

Gerade in einer Welt, in der die Straßen von Autos ohne Lenkrad dominiert werden, wird es den Menschen gefallen, auf ein Motorrad zu steigen und sich für eine Weile auszuklinken. „Stell dir vor, du lebst in einer komplett autonomen Welt: Was machst du da am Wochenende?" stellt BMW-Vorstandsmitglied Schwarzenbauer abschließend eine rhetorische Frage, die er gleich selbst beantwortet. „Du steigst auf dein Bike und genießt die Freiheit!"