Warum Ohrenschmalz die ekligste und unterschätzteste menschliche Ausscheidung zugleich ist

Es besteht aus 1.000 Inhaltsstoffen, kann Herpes heilen und bei Asiaten ist es grau. Die Geheimnisse des Ohrenschmalzes und warum wir es auf keinen Fall mit Wattestäbchen bekämpfen dürfen.

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Jan. 9 2017, 4:53pm

Foto: Colin Mutchler | Flickr | CC BY 2.0

Jeder Mensch hat es. Sogar alle Säugetiere. Das, was uns auf einen Nenner zusammenschrumpfen lässt, was uns alle in friedvoller Einigkeit verbindet, ist nämlich nicht der Fortpflanzungstrieb, auch nicht der Verlust der Milchzähne und schon gar nicht die Unfähigkeit, sich am Ellbogen zu lecken. Es ist: das Ohrenschmalz. Medizinisch korrekt das Zerumen. Eine gelb-bräunliche, fettige und bittere Absonderung der Ohrenschmalzdrüsen im äußeren Gehörgang. Übrigens neben der Galle das einzige bitter schmeckende Sekret, das unser Körper produziert.

Ich selbst habe eine recht aktive Ohrenschmalzproduktion. Teilweise höre ich sogar schlecht, weil meine Ohren mit der gelben Masse so dermaßen vollgestopft sind, dass ich mir von meiner mittlerweile sehr vertrauten HNO-Ärztin die Gehörgänge ausspülen lassen muss. Basierend auf meinen lebhaften aurikularen Ausscheidungen pflegen sie und ich mittlerweile ein fast freundschaftliches Verhältnis. Ich weiß, was mit ihren Kindern los ist, sie fragt, mit einigem Hintergrundwissen, nach den neuesten Entwicklungen in meinem Privatleben. Der eigentliche Vorgang, für den ich in ihre Praxis komme, läuft allerdings so ab, dass ich mir ein nierenförmiges Plastikschälchen an den Kiefer halte und Frau Doktor mir einen angenehm warmen Wasserstrahl in die Ohren jagt oder wahlweise das Schmalz aus meinem Ohr mit einem Metallröhrchen aussaugt. Am besten beides zusammen. Eine Prozedur, die jedem frustrierten Großstadtsingle ein völlig neues Lebensgefühl beschert.


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Doch nicht jeder sitzt sich in der Praxis in Erwartung einer erlösenden Ohrspülung gern den Hintern wund und so doktort die Mehrheit der Bevölkerung im Dämmerlicht vor dem ungeputzten Badezimmerspiegel selbständig mit Wattestäbchen in ihren Gehörgängen herum. Wer kennt ihn nicht, diesen Moment, halb Erfolg, halb Faszination über das eigene Selbst, wenn auf dem Q-tip ein gelber Rest zurückbleibt. Ist das Gefundene gar krustig und orange-bräunlich, erleben wir einen Triumph, höchstens vergleichbar mit dem Endorphin-Rausch, den man spürt, wenn man sich einen reifen, prächtigen Pickel ausdrückt. Es ist eine Freude, die uns ereilt, obwohl oder vielleicht gerade weil sie eigentlich völlig unnötig ist. Denn die Gehörgänge reinigen sich in der Regel von selbst. Kaubewegungen und winzige Härchen in unseren Ohren transportieren den Schmutz in Richtung Ohrmuschel und damit nach draußen. Was dort ankommt, ist ein Potpourri aus Ohrenschmalz, Hautschüppchen, Schmutz- und Staubpartikeln. Unser Ohr wischt sich quasi selbst einmal durch.

Wie der Alltag jedoch beweist, hat nicht jeder die Geduld und das Vertrauen, seinen Ohren die Reinigung völlig autonom zu überlassen. Manchmal ist das Gefummel, das sanfte Kitzeln des Wattestäbchens einfach zu schön, selbst wenn man sich den gesamten Schmutz auf diese Weise tief in den Gehörgang drückt. Wer sich das Schmalz nun also zielgerichtet vorm Trommelfell platziert hat, braucht nur noch kurz abzuwarten, bis der ganze Dreck getrocknet ist. Mit ein wenig Pech bildet sich dann nämlich ein dicker, getrockneter Pfropf, der dort festklebt. Nun stehen dem Ohrpuler verschiedene Szenarien zur Verfügung, wie sich solch ein Pfropf verhalten kann: Entweder er übt permanenten Druck auf das Trommelfell aus oder er sitzt zwar fest, wackelt dabei aber beständig hin und her. Beides nur mäßig attraktive Vorstellungen für eine gelungene Abfallverwertung im Ohr.

Foto: Lenore Erdman | Flickr | CC BY 2.0

Dazu kommt: Wer sich mit einem Wattestäbchen die Ohren auskratzt, kann so die Haut des Gehörgangs verletzen. Der Puler schafft so quasi selbst eine Höllenpforte für die Teufelchen namens Entzündung und Ekzem. Die praktischen Dinger, die der US-Amerikaner Leo Gerstenzang 1926 erfand und Q-tip (Q=Quality) taufte, sollten, warnen Ärzte, ausschließlich zur Reinigung von Tastaturen, der Pflege elektronischer Kontaktstellen oder der Korrektur einer ungeschickt aufgetragenen Wimperntusche verwendet werden. Aber wir wissen alle, wie hoffnungslos es ist, der Menschheit vorzuschreiben, ausschließlich Dinge in Körperöffnungen zu stecken, die dafür intendiert sind.

Doch Ohrenschmalz ist auch keine eigenwillige Bosheit des Körpers, die unseren Alltag ein kleines bisschen ekliger machen soll. Wie alle anderen Ausscheidungen wie Schweiß, Sperma, Urin oder Speichel hat auch Ohrenschmalz seine Berechtigung im Zyklus der körperlichen Existenz. Auch wenn unsere schwungvoll steigenden Hygienestandards das Gegenteil behaupten wollen, sind die Vorteile des Zerumens nicht zu leugnen. Das klebrige Sekret fettet die Haut des Gehörgangs, hält sie so geschmeidig und verhindert, dass sie austrocknet und zu jucken anfängt. Außerdem hält es den Säureschutzmantel aufrecht, der das Eindringen von Krankheitserregern verhindert, und die enthaltenen Lysozyme, Bestandteile des menschlichen Immunsystems, töten Bakterien ab. Die positiven Eigenschaften des verkanntesten Ausscheidungsprodukts des menschlichen Körpers sind schier endlos: Ohrenschmalz hilft sogar gegen Herpes, belegt eine wissenschaftliche Studie.

Doch so tief muss man in die Geheimnisse der Biologie gar nicht herabsteigen, die offensichtlichsten Abschreckungsmaßnahmen von Ohrenschmalz sind jedem Menschen bekannt und heißen: Geruch und Geschmack. Diese Kombination aus widerlich und igitt schreckt Insekten effizient ab. In unseren Ohren wohnt eine geheimnisvolle Schatzkiste, bestehend aus gelblicher Schmiere, in der bisher um die 1.000 Inhaltsstoffe identifiziert werden konnten. Darunter tummeln sich Kohlenwasserstoffe, Squalen, Wachsester, Blutfette, Cholesterin, Cholesterinester, freie Fettsäuren, Hydroxysäuren und noch einige fettliebende (lipophile) Komponenten.

Auf der Erde existieren übrigens zwei verschiedene Arten von Ohrenschmalz. Afrikaner und Westeuropäer ziehen bei einem Griff ins Ohr die uns bekannte gelblich-bräunliche Klebemischung heraus. Asiaten hingegen haben ein gräuliches, staubähnliches Sekret, wie unter anderem die Website ohren-reinigen.de ausführlich verrät. Verantwortlich für die Beschaffenheit des Zerumens ist das Gen ABCC11. Ach, und bei Walen lässt sich sogar das Alter mit einer Untersuchung des Ohrenschmalzes erkennen.

Foto: hiro | Flickr | CC BY 2.0

Doch all diese wundersamen Eigenschaften des Zerumens helfen uns nicht, wenn es darum geht, dem Zwang zu widerstehen, sich doch noch mal ein Stäbchen ins Ohr zu stecken. Wer medizinisch korrekt die Ohren putzen will, muss sich in die Q-tip-Abstinenz begeben. Nur ein feuchter Waschlappen oder Wattebausch darf die Eingangspforte zum Hörorgan mit einer milden Reinigung beglücken. Alternativ kann man sich beim Duschen oder Haarewaschen ein wenig lauwarmes Wasser in den Gehörgang laufen lassen und danach mit einem weichen Tuch abtrocknen, die DIY-Version der professionellen Ohrspülung.

Zwischen den bösen Wattedingern und dem öden Waschlappen liegt allerdings ein unendliches Universum der aurikularen Putzmöglichkeiten. Ohren-reinigen.de bietet hier einen kleinen Eindruck davon, wie wir im zeitgemäßen Ordnungswahn dem Sekret auf die Schliche kommen können. Es gibt Ohrensprays, Ohrlöffelchen, Ohrkerzen und sogar elektrische Reiniger, die aussehen wie eine Bohrmaschine. Die Wirksamkeit der Gerätschaften hängt allerdings stark von Geschicklichkeit und Mut des Schmalzgeplagten ab. Eine entfernte Bekannte, die heute nicht mehr auf ihr Missgeschick angesprochen werden möchte, brannte sich beispielsweise beim Gebrauch von Ohrenkerzen ein Loch ins Trommelfell und landete im Krankenhaus. Andere hingegen schwören auf den Entspannungseffekt und die Intimität bei der Partneranwendung. Einigermaßen wirksam sind Tropfen und Sprays, die den Schmalz lösen und herauslaufen lassen. Solange man diese nicht bei Fieber, Durchfall oder unangenehm riechenem Ohrausfluss anwendet, kann dabei auch nicht allzu viel passieren.

Und natürlich gibt es wie bei allen körperlichen Beschwerden auch eine Menge Hausmittel, die man sich selbst brauen kann. Das Ohr lässt sich vor allem mit hautfreundlichen Schmiermitteln wie Mandel- oder Olivenöl säubern, auch ein Dampfbad kann bei der Entschmalzung zum Erfolg führen.

Wer gar nicht auf Q-tips verzichten kann, sollte sich Babywattestäbchen besorgen. Bei der Variante ist der Wattebausch so dick, dass man gar nicht tief genug ins Ohr hinein kommt. Dabei entsteht leider nicht das wohlige Fummelgefühl in Trommelfellnähe, aber danach muss man auch nicht zum Arzt.

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