Panzer, Feuerspucker und besetzte Häuser: Das wilde Berlin nach dem Mauerfall

Bisher unveröffentlichte Fotos zeigen, welche Menschen sich vor gar nicht langer Zeit in einer scheinbar fremden Stadt austobten.

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Dez. 9 2016, 10:11am

Es sind nicht einmal 30 Jahre vergangen und Berlin-Mitte hat sich von einem experimentellen Baustellenspielplatz in ein gentrifiziertes Marketingmekka verwandelt. Wie es damals eigentlich so zwischen Reichstag und Kastanienallee abging, dokumentiert der Bildband Berlin Wonderland—Wild Years Revisited 1990-1996. Chris Keller lebt seit 1990 als Musiker und Fotograf in Berlin und ist mit Anke Fesel Herausgeber des Buchs. Er hat uns einige unveröffentlichte Fotografien zur Verfügung gestellt und von seinen Erinnerungen erzählt.

Foto: Ben de Biel

"Links das ist Miriam aus unserem besetzten Haus in der Kleinen Hamburger Straße. Und dann sind das noch Ben und von dem anderen fällt mir der Name nicht ein, die sind aber aus der Dunckerstraße. Das Foto selbst ist im Torbogen des Tacheles geschossen worden. Die posen auf jeden Fall, vielleicht für ein Theaterstück oder eine Show."

Foto: Ben de Biel

"In der Ruine des Zementwerks in Rüdersdorf bei Berlin. In den späten 60er Jahren wurde es als Jugendwerkhof genutzt, wo in der DDR unangepasste Jugendliche in einer Gefängnis-, Jugendknastsituation zur Arbeit gezwungen wurden. Ein ganz finsteres Ding. Das ist dann ganz schnell abgerissen worden und wurde historisch kaum aufgearbeitet."

Foto: Ben de Biel

"Hier sehen wir ein R.A.M.M.-Theaterstück namens Bestia Pigra. Aufgeführt in den frühen 90ern im Theatersaal vom Tacheles. Es handelt sich dabei um eine Art Zirkusspiel, das von der Bestie, oder dem Bösen im Menschen, handelt. Es treten ein paar Domina- und Dompteurs-Charaktere auf, von denen die Tiere, die ja auch Menschen sind, am Ende des Tages bestialisch hingemetzelt werden.

Das R.A.M.M.-Theater war bereits Ende der 80er in Kreuzberg aktiv und inszenierte Stücke wie zum Beispiel Stauforschung—mit zehn, zwanzig Autos, die im Stau stehen und wo die Leute dann durchdrehen. Das war ein Actiontheater, die hatten keine Angst vor großen Szenarien und viel Aufwand.

Es gab mehrere solcher Gruppen und das war alles sehr intenvsiv. Die haben nicht nur miteinander Theater gespielt oder Performances gemacht, sondern auch miteinander gelebt. Dabei entstanden teilweise extrem starke Gruppendynamiken, wo ein, zwei Alphamännchen den Ton angegeben haben."

Foto: Ben de Biel

"Noch sind die Bestien nicht dahingemetzelt und kriechen über den mit Holzspänen übersäten Boden."

Foto: Ben de Biel

"Mitglieder vom R.A.M.M.-Theater laufen über ein Feld in Mecklenburg-Vorpommern und proben für das Theaterstück Kärlek mich. Die Proben fanden immer im Schloss Bröllin statt. Stand das Stück, fuhren sie für die Aufführung in die Stadt. Ich glaub, das Landleben war für Städter aber auch nicht so ganz einfach. Wenn die dann im kalten Winter auf ihrem Schlossgut aufeinander hingen. Das Schloss gibt's übrigens immer noch, das ist jetzt eine Spielstätte und Probemöglichkeit, da finden auch Theaterfestivals statt. Allerdings nicht mehr vom R.A.M.M.-Theater."

Foto: Ben de Biel

"Flugzeug von GFA, das heißt 'Gras für alle'. Neben ihm gab es noch andere Bandmitglieder, die haben immer gejammt. Er spielt hier seinen Prophet, einen frühen Sampler. Ein toller Musiker, etwas strange Gestalt. Leider ist er schon verstorben, ich weiß gar nicht woran, vermutlich Krankheit. Ein verrückter Typ, Urberliner, Ostberliner.

Viele von den Leuten sind schon tot. Krankheit, Drogen, Selbstmord, das sind so die Gründe. Vor allem bei den Ostlern haben die Drogen stark reingeknallt, die Westler hatten eher die Möglichkeit, sich schon beim Aufwachsen mit den Gefahren auseinander zu setzen. Für die Ostler war die Lernkurve härter. Die hatten in der DDR außer Alkohol ja keine Möglichkeiten, Drogen zu nehmen und als dann das ganze Zeug da war, haben sie das dann teilweise ein wenig zu euphorisch ausprobiert—und manche mussten einen hohen Preis dafür zahlen."

Foto: Ben de Biel

"Das sind Bernardo sowie einige aus der Kleinen Hamburger und dem besetzten Haus in der Linienstraße, die eine Hausbesetzerzeitung machen. Vielleicht ist das so eine Wandzeitung, ich weiß nicht, ob das dann wirklich geprintet wurde. Auf jeden Fall sehen wir eine Zeitungsredaktion der Guerillasorte."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Einer von der Mutoid Waste Company hängt während einer Show verkehrt herum vom Kran herunter. Seine Stiefel waren übrigens vollgestopft mit Feuerwerkskörpern, die er dann gezündet hat."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Wieder Mutoid Waste Company mit einer Waffen-Ritter-Geschichte, in der einer mit einem Flammenschwert gegen einen mechanischen Drachen ankämpft."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Hier führt die Mutoid Waste Company ein richtiges Theaterstück auf und hat dafür das Areal vor dem Reichstag abgesperrt. Damals nannte man das das 'Parlament der Bäume'. Vor dem Reichstag war einfach eine Menge Platz für solche Aktionen. Die hatten sogar eine Genehmigung vom Kulturamt in Mitte. Allerdings hatte derjenige, der die Genehmigung ausgestellt hat, wohl keine richtige Vorstellung davon, was das für ein Theaterstück wird.

Mit den Panzern wollten die Mut-Kids eigentlich so eine Art Stonehenge errichten, haben aber nur eine Säule hingekriegt. Dann gab's noch ein bisschen Aufregung um die MiGs, es kam bei der Bundeswehr nämlich nicht so gut an, dass die einfach verschwunden waren. Die MiGs waren schon demilitarisiert und die NVA hat mit denen für einen Transport im Kriegsfall das Verladen von Düsenjägern auf Eisenbahnwaggons geübt. Auf wundersame Weise sind die MiGs dann aus dem Wald in die Mitte der Stadt gekommen und da fiel der Bundeswehr plötzlich auf, dass das ihre NVA-MiGs sein könnten. Die haben das dann bei der Polizei zur Anzeige gebracht, die aber meinte: 'Wenn ihr so doof seid, dass eure MiGs verschwinden, selbst schuld.' Das Verfahren wurde irgendwann aber eingestellt, weil einfach keine Schuld festzustellen war."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Auch hier ist wieder der Reichstag im Hintergrund und wir sehen drei der russischen Schützenpanzer. Die sind hier erst eingesammelt worden, später entstand daraus ein riesiges Tor."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Da sitzen sie nachts auf den Panzern und feiern. Das könnte auch irgendwo in Tschetschenien oder gerade in der Ukraine sein, weil das die gleichen Panzer sind."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Ich glaube, das ist Logo, ein Feuerspucker von DNTT. Er jongliert mit einen Feuerkranz und pustet dort das Petroleum durch. Bei DNTT waren schon immer ziemlich gute Feuerspucker, Feuerschlucker und Flammenwerferfreaks dabei."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Das ist auf dieser relativ großen Freifläche zwischen Reichstag, Charité und Spreeufer. Die Mutoids sitzen am Feuer und man sieht auch Mitglieder von Spiral Tribe, einer Techno-Traveller-Gruppe. Unter Thatcher gab es in den 1980ern ein Gesetz, das die Repetitive Beats verboten hat, weil es in England viele illegale Raves gab. In Ostberlin und dann später im Ostblock gab es für diese Leute gute Möglichkeiten, Raves und Schrottkunst zu machen, was in England aufgrund der zunehmenden Repressionen nicht mehr ging."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Eine unbekannte Frau aus dem Umfeld der Gruppe."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Das Ende der Feier."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Ich glaube, das ist X in the Mix von Spiral Tribe. Die haben zum Posen einfach irgendwelche Sachen in den Mund genommen. So eine Art temporäre Body Modification."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Ich mag das Bild, weil United Colors of Benetton damals diese kontroverse Werbekampagne hatte und irgendwie passt dieses Szenario da unfreiwillig rein. Das ist ein offensichtlich ausgebrannter Ost-Lada und alles sieht viel schlimmer aus, als es eigentlich ist. Eigentlich handelt es sich ja nur um ein stehen gelassenes Auto. In den frühen 90ern standen in Ostberlin überall Autowracks herum und es hat lange gedauert, bis man das in den Griff gekriegt hat."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Auch das gehört zu den Dingen, die man bei der Mutoid Waste Company bewundern muss, es erfordert nämlich relativ viel Know How von Statik bis Kranbedienung, um mit so schweren Gegenständen zu arbeiten. Man muss bedenken, dass da wahnsinnig viel harte Arbeit drin steckt, mit so schweren Kriegsgeräten zu hantieren."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Durch die Kinder, die mit den Travellern herumgereist sind, bekommt die Szene so etwas von Nachkriegsära. Die haben in ihren Wohnwagen, Bussen oder Lastwagen gewohnt und hatten einen sehr freien Lebensstil, sehr unabhängig. Gelebt haben sie von Spenden, die sie mit ihren Shows und Theaterstücken eingenommen haben, und so haben sie sich halt durchgeschlagen. Berlin war eine ganze Zeit ihre Basis, bis sie irgendwann in Richtung Tschechien weitergezogen sind. Mittlerweile wohnen einige der Mutoids in Mutonia, einige sind zurück nach London und einige leben auch noch in Berlin."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Mit weiß oder metallic wird die Tarnfarbe von den MiGs überstrichen. Ich glaube, eine von den MiGs ist irgendwann in Tschechien gestrandet und eine ist noch in den Händen der Mutoids. Im Vordergrund gehen Touristen vorbei."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Es war ein Teil der Action, dass die Mutoids bei den Stücken damit rumgefahren sind."

Foto: Philipp von Recklinghausen

"Das Kind hat seinen Spaß mit dem Kopfkarussell."

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