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Drogen

Heroinkonsumenten erzählen, wie es ist, nach einer Überdosis reanimiert zu werden

Naloxon—ein Opioid-Antagonist—rettet jedes Jahr Hunderten Menschen das Leben.

von Max Daly
27 Dezember 2016, 10:00am

Illustration: Ella Strickland de Souza

Amerikas erster Präsident, George Washington, sagte mal in etwa, der Tod sei "ein Abgrund, aus dem kein Reisender zurückkehren darf". Heroinkonsumenten hatte er dabei wahrscheinlich nicht im Sinn. Viele von ihnen tänzeln tagtäglich gefährlich an diesem Abgrund entlang, manch einer rutscht aus und beginnt zu fallen: Die Atmung setzt aus, das Gesicht läuft blau an und in einer Frühform der Leichenstarre versteift sich der Kiefer. Die Symptome einer Überdosis. Sie gleiten den Strom ohne Wiederkehr hinab, aber dann, wie im Film, injiziert ihnen jemand ein magisches Gegenmittel, das sie von der Schwelle zurückholt. Ihre Atmung setzt wieder ein und sie können weiter leben, sei es um zu kämpfen oder für den nächsten Turn.

Mithilfe von Naloxon werden allein in Großbritannien jedes Jahr Hunderte Menschen reanimiert. In Schottland sind es täglich mindestens fünf Personen, die mit dem Mittel von einer tödlichen Überdosis wieder zurückgeholt werden. Da es in Großbritannien, genau wie in Deutschland, aus unerfindlichen Gründen kein landesweites Naloxonprogramm gibt, sind die Zahlen jedoch sehr ungleichmäßig verteilt. Beim London Ambulance Service teilte man mir aber mit, dass allein in den letzten zehn Monaten 1.440 Menschen Naloxon verabreicht worden war. Das sind fünf Leben pro Tag in der britischen Hauptstadt—nicht inbegriffen sind dabei die Extraleben, die von Arbeitern in den entsprechenden Anlaufstellen und von Heroinkonsumenten selbst gerettet wurden. In Wales wurden letztes Jahr Naloxon-Kits an Menschen ausgegeben, die mit Heroinkonsumenten arbeiten und zusammenwohnen. Diese Kits retten im Schnitt zwei Leben pro Tag.

In Deutschland ist Naloxon verschreibungspflichtig und viele Ärzte stellen ungern Rezepte an Angehörige der Konsumenten aus. Allerdings sind Konsumräume wie die des Berliner Fixpunkt e.V. mit dem Medikament ausgestattet und auf regionaler Ebene gibt es immer wieder Projekte, in deren Rahmen Konsumenten und Angehörige im Umgang mit dem Mittel geschult werden.

Aber wie ist es eigentlich für die Betroffenen, aus dem Reich der Toten zurückzukehren? Und wie erleben ihre Retter die dramatischen Minuten?

Der frühere Langzeitkonsument Kevin Jaffray hatte nur wenige Stunden nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis eine Überdosis. Während sein Körper nach und nach seine Funktionen einstellte—seine Lunge hörte auf zu arbeiten und sein Gehirn bekam nicht mehr ausreichend Sauerstoff—injizierte ihm jemand eine Spritze Naloxon und der Sensenmann verschwand wieder in der Ferne.

"Das Zurückkommen ist furchtbar. Es hat was vom Reh im Scheinwerferlicht. Du hast keine Ahnung, was gerade los ist; meistens bist du von einer Gruppe Fremder umringt; Menschen in Uniform oder Freunde starren dich sorgenvoll an und sagen dir, dass du gerade tot warst", erzählt Kevin weiter, der heute im englischen Bredford als Drogenaufklärer, Peer Worker und in einer Beratungsstelle arbeitet. "Du bist desorientiert, verwirrt, schwach und verängstigt. Du willst einfach nur wieder unter diese schützende Decke, die das Heroin über dir ausbreitet; du willst, dass alles und jeder einfach weggeht. Alles in dir will aufstehen, wegrennen und weiter machen, aber du hast keine Energie. Null. Es ist die totale Entfremdung von der Realität. Alles um dich herum spielt sich wie in einer beschissene Realityshow ab, in der du der ungewollte Star bist. Weit und breit keine Möglichkeit, sich zu verstecken."

"Ich bin fünfmal mit Naloxon wiederbelebt worden—und das sind nur die, an die ich mich erinnern kann", sagt er weiter. "Mein Leben war ein Kreislauf aus Knast, Krankenhaus, Obdachlosigkeit und der ständigen Suche nach Betäubung, um meine Gedanken vom Schmerz des Lebens abzulenken. Meine Angst vor dem Leben war anscheinend größer als meine Angst vor dem Tod. Das Problem mit dem Zurückkommen nach Naloxon ist, dass das Gehirn nicht akzeptieren will, dass du gerade tot warst. Es ist fast wie ein Schutzmechanismus, der die brutale Realität des Geschehenen abmildert. Die Realitätsverleugnung setzt ein und alles, was du willst, ist diese Medizin, die dich wieder betäubt."

In der Fixerszene gehören Überdosen fast zum Alltag. Barbara—eine ehemalige Langzeitkonsumentin von Heroin und Crack, die momentan an einem Substitutionsprogramm teilnimmt—schätzt, dass sie die Leben von etwa 15 anderen Heroinkonsumenten mit einer Mischung aus CPR-Maßnahmen, Mund-zu-Mund-Beatmung und Naloxon gerettet hat—Letzteres allein dreimal im Jahr 2016. Sie selbst wurde bereits siebenmal gerettet, dreimal davon mit Naloxon.

Barbara beschreibt Überdosieren und mit Naloxon zurückgeholt zu werden, als "ein bisschen wie wenn man [auf dem Weg mit dem Fahrrad zur Arbeit] auf den Kopf fällt." Zum ersten Mal wurde sie mit 19 durch Naloxon gerettet. Sie hatte alle Warnungen ignoriert, dass das Heroin, das sie sich gerade gekauft hatte, hochpotent war. "Ich habe mir mit meinem Freund im Auto einen Schuss gesetzt und das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, um 2 Uhr morgens im Krankenhaus aufzuwachen", erzählt sie. "Als Erstes fiel mir auf, dass der Arzt sauer auf mich war—der war richtig stinkig. Er meinte: 'Weißt du eigentlich, was du da machst? Du wärst fast gestorben.' Ich sah auch, dass mein Freund geweint hatte."

Hat das sie das davon abgehalten, sich weiter Heroin zu spritzen? "Nein. Ich dachte mir nur, dass ich in Zukunft einfach etwas vorsichtiger sein sollte. Das war's aber auch. Es ist wirklich sonderbar, dass eine Überdosis keinen gigantischen Riss in deinem Denkprozess verursacht. So nach dem Motto: 'Hey, du bist auf dem falschen Weg, du hast dich fast umgebracht. Hör auf!' Stattdessen dachte ich mir einfach, dass ich es verkackt hatte. In einem Moment spritzt du und fühlst dich high und dann wachst du plötzlich auf und hast keine Ahnung, was in den letzten zehn Minuten passiert ist."

Dieses Hinabgleiten in den Tod ist eine durch und durch schmerzfreie Erfahrung. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass Heroin-User selten aus ihre Überdosiserfahrung lernen und manche in ihrer Konsumkarriere gleich mehrere Male mit Naloxon zurückgeholt werden müssen. "Du bekommst von der ganzen Erfahrung kaum etwas mit, weil die Droge dich auf ein unglaublich weiches Kissen bettet. Plötzlich ist alles vorbei und deine Eltern kommen zu deiner Beerdigung. Der Grund, warum du nicht zu schätzen weißt, dass du gerade noch mit dem Leben davongekommen bist, ist die Tatsache, dass eine Überdosis kein langsamer, quälender Tod ist", sagt Barbara. "Als ich meinen Ex-Freund mit Naloxon gerettet habe, war eine der Sachen, die er danach sagt: 'Oh Gott, das war wirklich leicht zu sterben.'"


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Und natürlich gibt es auch die Menschen, die andere davor zu bewahren versuchen, ein weiterer trauriger Eintrag in der Statistik werden. Und diese Menschen, die selbst keine ausgebildeten Sanitäter sind, aber Naloxon bei anderen anwenden müssen, durchleben oft grauenvolle Momente. Die Erinnerung an ihren Ex-Freund, der in ihrer Londoner Wohnung vor zwei Monaten blau anlief, ist eins der traumatischsten Erlebnisse in Barbaras Leben.

"Ich war am Telefon mit einer Freundin und machte mir eine Tasse Tee in der Küche. Er sprach mit mir und als ich ins Wohnzimmer schaute, merkte ich, dass sein Gesicht etwas grau wurde. Als ich die Teebeutel rausholte, hatte er aufgehört zu reden, und jegliche Farbe war aus seinem Gesicht verschwunden. Es ging von grau zu blau zu dunkelblau. Er atmete nicht."

Barbara beatmete ihn Mund-zu-Mund. Dazu drückte sie die Innenseiten seines Mundes auseinander, um seinen schon starr gewordenen Kiefer zu lösen. Sie sagt, das Schwerste daran sei die Kraft, die man braucht, um Luft in die Lungen des Überdosis-Opfers zu pressen. "Es ist, als würde sich ihr Körper dagegen wehren weiterzuleben." Zwischen den Atemstößen versuchte Barbara, sich daran zu erinnern, wo sie ihr Naloxon-Kit verstaut hatte. Gleichzeitig wusste sie aber auch, dass jede Sekunde, die sie mit Suchen verbringt, entscheidend sein konnte. In der ersten Schublade war es nicht. also machte sie weiter mit Mund-zu-Mund. Bei ihrem Ex regte sich nichts. Dann fiel es ihr plötzlich ein: die oberste Unterhosenschublade! Sie rannte hin, griff die Spritze und rammte ihm die Nadel direkt durch die Jeans in den Schenkel. "Nach einer Minute verwandelte sich seine Gesichtsfarbe von tiefblau in ein bräunliches gelb", erzählt Barbara. "Er öffnete seine Augen und wusste nicht, was passiert war. Ich sagte ihm, dass er gerade eine Überdosis gehabt hatte. Er antwortete nur: 'Hatte ich?'"

"Du denkst immer, dass der Tod etwas so Ernstes ist—eine große Sache. Und dann ist er plötzlich ganz simpel. Aber für die, die dir zu helfen versuchen, ist es eine der schlimmsten Erfahrungen ihres Lebens. Es ist unfassbar schrecklich."

Für andere Heroinkonsumenten, manche selbst noch high vom eigenen Schuss, ist das Retten eines Fixerfreundes nicht selten eine erschütternde Erfahrung. Andrew McAuley, leitender Epidemiologe bei Health Protection Scotland, hat Drogenkonsumenten interviewt, die ihre Freunde mit Naloxon gerettet haben. Wie viele, die plötzlich das Leben einer anderen Person retten müssen, berichteten sie ihm vor allem von Gefühlen der Panik und der Angst.

Sobald jemand eine Überdosis hat, beginnt die Uhr zu ticken. Die häufigste Todesursache bei einer Überdosis ist die Atemlähmung. Heroinkonsumenten wissen das, weil viele von ihnen schon Freunde vor ihren eigenen Augen haben sterben sehen. Je länger es dauert, bis einem Opfer geholfen wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass derjenige bleibende Hirnschäden davonträgt oder stirbt. Generell lässt sich von einem Zweistundenfenster sprechen, in dem sich ein Mensch noch retten lässt. Allerdings werden viele Betroffene erst spät entdeckt.

Bevor man 2005 in Großbritannien damit anfing, Naloxon-Kits in der Drogenszene zu verteilen, war alles, was Konsumenten im Notfall tun konnten, rudimentäre Erste-Hilfe- Maßnahmen durchzuführen oder das Rufen eines Krankenwagens abzuwägen (manche Menschen sehen jeden Notruf als potentiell schädlichen Kontakt mit dem Gesetz). Obwohl sie das Erlebte unglaublich schockiert hatte, sprachen die meisten Konsumenten, die McAuley interviewt hatte, von einem Gefühl der Erleichterung und des Stolzes, wenn sie das Leben eines anderen mit Naloxon gerettet hatten. Manche von ihnen hätten danach sogar enge Beziehungen zueinander aufgebaut.

Aber nicht alle sind glücklich darüber, zurückgeholt zu werden. Manche sind sogar richtig angepisst. Eine Naloxon-Kit-Studie des South London & Maudsley NHS Foundation Trust 2009 berichtet von einer Frau, die nach der Wiederbelebung von ihrem Retter 20 Britische Pfund Entschädigung für den versauten Trip einforderte.

Marcus Ellis, ein Drogenarbeiter des Bristol Drug Projects, rettete in den letzten zwei Monate zwei Leben—beides Heroinkonsumenten, die auf dem örtlichen Friedhof eine Überdosis erlitten hatten. Der erste war ein Mann um die 30, der mit Schaum vor dem Mund am Boden lag. Er hatte aufgehört zu atmen. Nach vier Dosen Naloxon (jede Spritze enthält fünf) begann er wieder flach zu atmen und Marcus konnte das Weiß seiner Augen sehen. Er kam wieder zu Bewusstsein und bedankte sich später bei Marcus. Jedes Mal, wenn sie sich über den Weg laufen, sagt Markus, "gibt er mir dieses Lächeln. Wir sprechen nicht darüber, aber er weiß, dass ich ihm das Leben gerettet habe."

Es dauerte nicht lange und Marcus war wieder auf dem Friedhof. Dieses Mal injizierte er Naloxon einem Mann um die 40, der blau angelaufen war. Als er wieder zu Bewusstsein kam, waren seine ersten Worte: "Wer zum Teufel bist du? Du hast meinen Turn ruiniert." Obwohl er sich nicht bewegen konnte, warnte er den Sanitäter, der gerade eingetroffen war, dass jeder Versuch ihn ins Krankenhaus zu bringen, in einem Kampf enden würde. "Sein Kumpel ist dann in den nächsten Busch, um sich einen Schuss zu setzen, und beide gingen in Richtung der untergehenden Sonne davon. Das Traurige daran ist, dass ich ihm sein Leben nur für ein paar Tage gerettet hatte. Zwei Tage später starb er an einer Überdosis alleine in seinem Schlafzimmer. Niemand war da, um ihm zu helfen."

In Großbritannien steigt die Zahl der Herointoten momentan wieder auf ein Rekordhoch. Der Bedarf nach einer Ausgabe von Naloxon nach dem schottischen Modell ist also offensichtlich gegeben.

Auch in Deutschland ist 2015 nach einem jahrelang rückläufigen Trend wieder eine Zunahme der erstmals auffälligen Heroinkonsumenten registriert worden. Die Zahl der Drogentoten indes nimmt bereits seit vier Jahren beständig zu—allein 2015 waren es mit knapp 200 Personen ein Fünftel mehr als im Vorjahr, fasst die Tagesschau den Jahresbericht zur Rauschgiftkriminalität zusammen.  

Kirsten Horsburgh, die landesweite Koordinatorin des Naloxon-Projekts für das Scottish Drugs Forum, sagte mir: "Bei der Mehrheit der Überdosen sind Opiate involviert und sie geschehen im Beisein anderer Menschen. Das bietet die perfekte Möglichkeit, einzugreifen und kostbare Zeit zu gewinnen, bis der Krankenwagen eintrifft. Es steht außer Frage, dass Naloxon Leben rettet und in den richtigen Händen Hunderte versehentliche und vermeidbare Todesfälle verhindern könnte."

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