Vom Aufstieg und Fall eines Trance-Giganten

Wie die Partyreihe Gatecrasher zu einer weltweiten Clubinstitution wurde—und daran zugrunde ging.

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Sep. 28 2016, 2:58pm

Du hättest schon mit geschlossenen Augen und Ohren durch das Großbritannien der 90er laufen müssen, um nichts von Gatecrasher mitzubekommen. Was als eine spontane Partyreihe begann, wurde schon bald zu einer Marke, die 26 Compilations hervorbrachte, weltweit Clubs ausverkaufte und eine Millenniumparty veranstalte, die 25.000 Raver nach Sheffield lockte, um dort das neue Jahrtausend einzuläuten.

Der brüllende Gatecrasher-Löwe war einst das Symbol der Trance-Generation. Heute ist der König der Clubs ausgestorben. Wie konnte das passieren?

Anlässlich der Schließung des Fabric und des allgemein eher bedauernswerten Zustands der britischen Clubkultur blicken wir zurück auf die bewegte Geschichte eines frühen Giganten der britischen Clubkultur, der erst zu abnormer Größe aufstieg und letztendlich als buchstäbliches Aschehäuflein endete. Und damit sind wir bei Simon Raine.

Bevor er Scott Bond kennenlernte, war Simon Raine einfach nur ein Typ, der Reinigungsverträge für ein paar Clubs auf der britischen Insel ausschrieb. 1993 entschloss sich das Duo dann dazu, eine gemeinsame Partyreihe in Birmingham zu starten: Gatecrasher. Bald darauf zogen sie mitsamt ihrer Veranstaltung in eine Stadt, die buchstäblich nach einer anständigen Clubnacht lechzte: Sheffield. Trance-Fans aus dem ganzen Land hatten ihre neue Heimat gefunden.

Die Gäste kamen oft kostümiert nach Sheffield. Foto: Jamie Moore, Flickr (CC BY-ND 2.0)

1997 zog Gatecrasher nach einigen Venue-Wechseln in sein neues, permanentes Zuhause, das Republic. Die stillgelegte Fabrik befand sich in baufälligem Zustand, weswegen Scott und Simon beim Kauf einen günstigen Deal herausschlagen konnten. Schon wenig später galt ihr Event als die angesagteste Samstagsabendveranstaltung der Stadt. Bekannte DJs kehrten dort ein und aus und spielten das beste an House, Techno und Trance für eine stetig wachsende Zahl begeisterter Anhänger. Die Leute waren bereit, einmal durchs ganze Land zu reisen, nur um vor dem DJ-Altar zu beten.

Pete Tong: Es gab wahrscheinlich keinen Laden, in dem du als DJ mehr Spaß hattest, als im Gatecrasher.

Aber was machte Gatecrasher so besonders? Warum prügelten sich tausende Menschen darum, ihr Wochenende in einer stickigen Lagerhalle in Sheffield verbringen zu dürfen? Ich habe mit ein paar Crasher-Jüngern Kontakt aufgenommen, um mit ihnen über die gute alte Zeit zu sprechen, in der man sich in froher Hoffnung, vielleicht reingelassen zu werden, in Bikini und Fellstiefeln bekleidet einen Block entfernt anstellen musste.

Mitgerissen von der Euphorie

Gatecrasher machte die Clubbesucher zu VIPs. An der Decke funkelten Sterne, es gab Laser und eine Anlage von der Größe eines kleinen Bungalows. Man hatte das Gefühl, der Club würde sich so viel Mühe für dich geben, wie du dir für ihn gegeben hattest. Pete Tong sagte damals: „Es gibt wahrscheinlich keinen Laden, in dem du als DJ mehr Spaß hast, als im Gatecrasher. Trotz der ganzen Gimmicks, die in die Clubkultur Einzug gehalten haben, haben sie dort nicht vergessen, wie man einfach eine gute Zeit hat."

GJ pilgerte jedes Wochenende 400 Kilometer von Glasgow nach Sheffield. Für sie bestand der Hauptanreiz in der Musik. „Es war euphorisch", erzählt sie mir. „Ich kann mir vorstellen, dass es ähnlich ist, wie die Euphorie, die du bei einigen religiösen Zeremonien erfährst. Der Geruch, das Gemeinschaftsgefühl und die alles überlagernde Soundwand reißen dich einfach mit. Du bleibst mit dem tiefen Bedürfnis zurück, alles noch einmal erleben zu können, und fühlst dich denen, die mit dir dort waren, tief verbunden."

Trotz des nicht unerheblichen Eintrittspreises von 15 Britischen Pfund und der ständig drohenden Wahrscheinlichkeit, gar nicht erst reinzukommen—angeblich wurden in einer Nacht 2.000 Menschen weggeschickt, da der Club um Mitternacht schon seine Maximalkapazität von 1.350 erreicht hatte—, wagten zahlreiche Menschen ihr Glück. Reisebusse aus dem ganzen Land spuckten jedes Wochenende Feierwütige aus, die sich brav ans Ende der langen Schlange stellten.

Die Partygänger machten sich für diesen Anlass zurecht—oder in manchen Fällen auch nicht. Zwar gab es eine Art Dresscode, aber wie in so vielen anderen Clubs kam es darauf an, wie du die Sachen trugst, nicht was du trugst. Aus dieser Freiheit entstanden die Crasher Kids, die alles darauf setzten, die Rave-Mode ins nächste Jahrtausend zu führen: mit Neonhosen, Hundehalsbändern, mit Schwarzlichtfarben eingeschmierten Haaren, fluoreszierenden Armbändern, Taucherbrillen, Fellrucksäcken und auf die Brust geklebten Schaumstoffbuchstaben.

Die Crasher Kids und ihre Klamotten

Für GJ bekam die Mode einen gigantischen Stellenwert. Zu ihrem 21. Geburtstag kaufte sie sich eine Nähmaschine, um Outfits für ihre Partynächte schneidern zu können. Während des Studiums verdiente sie Geld damit, Stulpen für Raver in ganz Großbritannien zu nähen. „Meine Mutter half mir sogar einmal dabei, zusätzliches Reflektormaterial zu besorgen, indem wir bis ein Uhr morgens warteten, zu einer Straße fuhren, in der es Leitkegel gab, drei davon klauten, in ihren Kofferraum schmissen und nach Hause fuhren", erinnert sie sich. „Ich zog dann sorgsam die Reflektoren ab und machte winzige Crasher-Löwen daraus, um ein Outfit damit zu verzieren. Die Mode der Crasher Kids war so liebevoll und sorgfältig hergestellt, dass ich nicht anders konnte, als sie zu bewundern. Es war ein Schmelztiegel der Selbstdarstellung ohne diese ganze Möchtegern-Selbstbesessenheit der Magazin-Kultur, die die treibende Kraft hinter der Mainstream-Clubszene war."

GJ: Der Türsther hatte anscheinend gemerkt, dass ich drei Stunden volle Pulle durchgetanzt hatte. Es brauchte dann ein paar Überredungskünste, um ihm zu versichern, dass ich nicht high war, sondern lediglich die Kraft eines Ochsen hatte.

1998 veranstaltete Gatecrasher dann gigantische Open-Air-Events, von denen das erste in Zusammenarbeit mit Ministry of Sound live von Radio 1 übertragen wurde. Damit rückte die Marke viel mehr in den Fokus des Mainstreams. Kommerzialisierung schlich sich ein und ein Jahr später gingen sie mit ihrer Party auf Welttournee. Bei einem Besuch in Australien wurde dem dritten Gatecrasher-Betreiber, Simon Oates, klar, wie weit ihre Marke es gebracht hatte: „Es war abgefahren. Die ganzen Kids dort waren genau so angezogen wie bei uns. Sie nannten sich allerdings die Sydney Kids."

Der Look ist in den Erinnerungen allerdings präsenter als in der Google-Bildersuche. Charlie, ein echtes Crasher Kid, erzählt mir, dass das gegenseitige Dokumentieren kein integraler Bestandteil des Phänomens war, weil alle zu viel Spaß hatten, um sich darum zu scheren—so wie es sein sollte. Wie du dir vorstellen kannst, hatte dieser Spaß manchmal auch etwas mit Drogenkonsum zu tun. Ecstasy, Speed und Poppers waren damals die Substanzen der Wahl: Partydrogen, die den erhebenden Rausch des Trance reflektierten. „Der DJ lockte einen mit einem Sample, haute dann richtig rein und dann drehten alle durch", erzählt mir Charlie. „Es hat uns in gewisser Weise eingefordert. Es war wie ein Kult."

Crasher Kids. Foto via VICE

Aber nicht jeder war dort, um progressiven Trance mit Drogen zu kombinieren. GJ machte die ganze Nacht, wie viele andere Stammgäste, nüchtern durch. „Ich habe nie Drogen angefasst. Ich weiß noch, wie meine Freunde von einem Türsteher zur Seite genommen und gebeten wurden, mich draußen an die frische Luft zu bringen. Er wollte nicht, dass ich Probleme bekomme. Er hatte anscheinend gemerkt, dass ich drei Stunden volle Pulle durchgetanzt hatte. Es brauchte dann ein paar Überredungskünste, um ihm zu versichern, dass ich nicht high war, sondern lediglich die Kraft eines Ochsen hatte, wenn es darum ging, lange Zeit durchzutanzen."

Egal ob mit oder ohne Drogen, jeder kann das Potential der typischen Gatecrasher-Mischung bescheinigen. Ein besonderes Amalgam aus Musik, Mode und Menschen, die zusammen etwas einzigartig Wundervolles ergeben. Auch das Gebäude selbst war Teil dieser großen Liebe. Die verfallende Lagerhalle hatte ihren eigenen Charme und vermischte die industrielle Vergangenheit der Stadt mit einer erdachten Zukunft. Es gab den zwei Stockwerke hohen Main Room mit seinem gewellten Metalldach. Darin befand sich eine erhöhte Kanzel und vorne eine Bühne, die die DJs mitten in das Geschehen rückten. Der obere Teil des Raums wurde von einer Galerie und einer Brücke durchzogen, von der man die vollgepackte Tanzfläche überblicken konnte. Tatsächlich war der ganze Laden ein einziges Labyrinth aus Türen, Gängen und Ecken, was nicht wenige Partygäste verwirrte. Doch das war für viele auch Teil des Spaßes; Freunde zu verlieren, hieß neue Freunde kennenzulernen. Die meisten von uns erwarten von unserem Lieblingsclub mehr, als dass es nur ein Club ist. Und für die Menschen, mit denen ich über Gatecrasher gesprochen habe, war er das—es war eine Familie.

Echte Crasher Kids in Aktion. Foto: Jamie Moore, Flickr (CC BY-ND 2.0)

Es war ein Ort, der auf großartige Weise Gewohntes mit Individuellem kombinierte. Er fühlte sich fröhlich und sicher an. Er brachte viel Geld ein und die großen Künstler standen Schlange, um dort spielen zu können. Was änderte sich also?

Die Neuankömmlinge blickten verächtlich auf das ganze Neon herab—es galt als veraltet—und die Crasher Kids blickten auf die ganzen Menschen herab, die keine vernünftigen Crasher Kids waren.

Im Frühling 1999 wurde über den ersten mit Drogen im Zusammenhang stehenden Todesfall berichtet. Einen Monat später gab es Gerüchte, dass Judge Jules darum gebeten hatte, eine Box aufstellen zu lassen, in der Raver ihre Gimmicks und Glowsticks vor dem Betreten des Ladens abgeben können. Es machte sich ein unangenehmes Gefühl breit. Die vorherrschenden Kräfte versuchten, dem Cyber-Fun ein Ende zu bereiten und die Individualität und Kreativität zu ersticken, die Gatecrasher um sich herum aufgebaut hatte. Die Stimmung richtete sich zunehmend gegen die ehemals gefeierten Crasher Kids. Dieser Graben sollte in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends noch um ein ganzes Stück tiefer werden.

Gatecrasher wandelt sich

Das immer Mainstream-orientiertere Publikum brachte die Türsteher dazu, eine Extraschlange für die Crasher zu schaffen. „Es gab Elitedenken auf beiden Seiten", erinnert sich Fi. „Die Neuankömmlinge blickten verächtlich auf das ganze Neon herab—es galt als veraltet—und die Crasher Kids blickten auf die ganzen Menschen herab, die keine vernünftigen Crasher Kids waren. Gegen Ende war es sehr cliquenhaft."

Mit dem Publikum veränderten sich auch die Drogen. Pillen waren immer schwieriger zu beschaffen und wurden unzuverlässiger. Stattdessen breitete sich Ketamin aus. Schließlich führte die Polizei eine Razzia im Club durch und verhaftete 13 Menschen. Der örtliche Polizeichef Steve Hicks sagte, dass „alle Substanzen analysiert werden, aber die Beweise deuten darauf hin, dass das Gelände mit Drogen überschwemmt war."

Die Polizei gab außerdem an, dass Gatecrasher vollständig kooperierte und es keine Probleme mit der öffentlichen Ordnung geben würde. Doch alle Augen richteten sich jetzt natürlich auf den Club und sein vermeintlich hedonistisches Klientel. 2003 wurde Gatecrasher dann schließlich von einer wöchentlichen zu einer monatlichen Veranstaltung runtergeschraubt und fand letztlich nur noch zu besonderen Anlässen statt. Mottonächte und Partys zu Feiertagen waren die Regel. Im Bemühen, dem Club etwas von seinem Ansehen zu bewahren, wurde das Gebäude kernsaniert und bekam den neuen Namen Gatecrasher One.

Der Glanz verblasste langsam. Die Kids wurden erwachsen und der Club veränderte sich. „Es war Zeit, den Absprung zu schaffen, bevor die Party aufhörte. Bevor der Kater die guten Zeiten übertraf", so Charlie.

Foto: Jim Barter, Flickr (CC By 2.0)

Am Montag, den 18. Juni 2007, wurden Rettungskräfte wegen eines Feuers zum Club gerufen. Angeblich soll der Brand in der DJ-Kanzel ausgebrochen sein und dann schnell auf das ohnehin schon marode Gebäude übergegriffen haben. Die wenigen, sich noch im Gebäude befindenden Mitarbeiter kamen ohne Verletzungen davon. 25 Feuerwehrmänner, die den Brand bekämpften, wurden nur um Haaresbreite von einer zusammenstürzenden Hälfte des Gebäudes verfehlt.

Die Straßen um das Gebäude wurden von der Polizei abgesperrt und Horden von Schaulustigen kamen vorbei, um dabei zuzusehen, wie das hundert Jahre alte Gebäude in sich zusammenfiel. Sheffields Internetforen waren voll mit Behauptungen, dass man den Rauch in so ziemlich jeder Ecke der Stadt riechen könne. Es war ein Gebäude voller Zeug, das nur zu gerne den Flammen zum Opfer fallen wollte. Viele Menschen spekulierten danach, ob Gatecrasher vor seinem unabdingbaren Ende nicht vielleicht den Freitod gewählt hatte.

Gatecrasher will never die

Noch lange danach konnte man auf dem Holzzaun vor dem zerfallenen Stein- und Stahlskelett des Gebäudes die Worte „Gatecrasher will never die" lesen. Die Menschen legten sogar Blumen nieder und Busse voller Trauergemeinschaften kamen und hielten Schweigeminuten für ihren geliebten Club ab. Es war das Ende einer Ära.

Drei Jahre nach dem Feuer verkündete Simon Raine die Rückkehr des Gatecrasher nach Sheffield, mit einer 5 Millionen Pfund schweren Neueröffnung des Clubs an einem neuen Ort im Stadtzentrum. Unterstützt wurde er dabei von Judge Jules, Trevor Nelson und über 14.000 Bürgern, die Briefe geschrieben hatten und einer Facebookseite beigetreten waren, um eine Bewilligung der Pläne zu erwirken. Die Begeisterung dauerte jedoch nicht lange an. Der Stadtrat lehnte das Projekt mit der Begründung ab, dass es die Erneuerung der Stadt insgesamt aufs Spiel setzen würde.

In diesem Jahrzehnt hatte die Marke Gatecrasher mit weiteren Problemen zu kämpfen. Dem Club in Leeds wurde aufgrund von Gewaltvorfällen die Lizenz entzogen, was die Betreiber aber erfolgreich anfechten konnten. Gatecrasher Birmingham (der letzte Vorzeigeladen) wurde nach einer Messerstecherei geschlossen und die Gatecrasher-Firma meldete mit 3,5 Millionen Britischen Pfund Insolvenz an.

Als letzter Nagel im Sarg des ehemaligen Republic eröffneten im September 2016 „Gatecrasher Apartments" auf dem Gelände des runtergebrannten Clubs. Eigentumswohnungen? Was kommt bitte als Nächstes?

Auch wenn das dauerhafte Zuhause des Gatecrasher Immobiliengeschäften weichen musste, lebt die Marke weiter. Die aktuellste Veranstaltung in Sheffield war die Gatecrasher Reunion im Juli, zu der alte Lieblinge wie Scott Bond, Tall Paul und Paul Oakenfold in die „Steel City" zurückkehrten. Waren Charlie, Jill, GJ oder Fi auch dabei? Die Antwort ist ein einstimmiges Nein.

„Man sollte es dabei belassen", so GJ. „Die Euphorie, sich zusammen mit Gleichgesinnten in der Musik zu verlieren. Es gab Geld, Hoffnung, Leichtsinn, großartige Musik und Optimismus. Es war ein Ort mit Kreativität im Innersten. Gatecrasher war ein Schmelztiegel, der sich eine Auswahl von Dingen nahm, die bereits da waren, und sie zusammensetzte. Das machte ihn so besonders."

Hoffentlich wird auch Fabric außerhalb seines Gebäudes weiter existieren, als eine Präsenz, die weder Steine noch Mörtel braucht, um weiterzuleben. Aber wir können die Evolution nicht bekämpfen. Moden, Gewohnheiten, Musik, Drogen—alles kommt und geht. Die Rave-Kultur begann draußen in den Feldern und Lagerhallen, bevor die Welle in das Bewusstsein des Mainstreams schwappte und wieder hinaus ins Meer zog. Für diejenigen, die sich im Zentrum dieses Sturms befunden, war es etwas Magisches, etwas Unvergessliches und etwas, das ihr Leben verändert hat. Aber sie wollen nicht dorthin zurück. Es ist Zeit für etwas Neues.

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