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Radio Slave erklärt, warum es in Berlin am besten ist

Kylie Minogue fällt dir vielleicht nicht direkt ein, wenn du ans Berghain denkst—es sei denn du bist ein großer Radio Slave-Fan.

von Daniel Melfi
15 Juli 2015, 11:05am

Photo by Sime Eskinja

Es ist wahrscheinlich schon etwas her, dass dir Kylie Minogues „Can't Get You Out of My Head" zum letzten Mal durch ... nun, den Kopf gegangen ist. Dass du bei dem Song unweigerlich an das berühmt-berüchtigte Berghain denken musst, ist dann noch mal eine ganze Ecke unwahrscheinlicher—es sei denn, du hast die letzten zehn Jahre aufmerksam Radio Slaves musikalisches Schaffen verfolgt.

Radio Slave, beziehungsweise Matt Edwards und seines Zeichens auch Gründer des Labels Rekid, ist ein Pionier der Dance-Musik. Aufgewachsen im South London der 80er stand er gerade in der vollen Blüte seiner Jugend, als die erste Welle elektronischer Musik die britischen Inseln erreichte. „Es war ein goldenes Zeitalter für die Musik und die Entwicklung innerhalb der Musik", sagt Edwards. Da zu der Zeit an so etwas wie Internet noch nicht zu denken war, musste die damalige Jugend das Undenkbare tun: vor die Tür treten und auf Entdeckungstour gehen. Edwards nahm alles, was er zwischen die Finger kriegen konnte, und so wurde diese Zeit zu seinen musikalischen Lehrjahren. Egal ob Afrika Bambaataa oder New Order, Edwards tauchte Hals über Kopf in die Musik ein.

1990 begann Edwards dann, regelmäßig in legendäre Clubs wie die inzwischen schon lange nicht mehr existierende Milk Bar zu gehen. „Innerhalb von 2 Jahren legte ich dann selbst in dem Club auf. Es ging schon alles ziemlich schnell für mich", sagt er. „Ich war damals an der Uni, aber eigentlich ging ich jeden Tag in den Plattenladen."

Vor der großen Drum'n'Bass Explosion in Großbritannien war die Szene für elektronische Musik noch lange nicht so dominant wie heute. Edwards war vor allem an der Musik und der dazugehörigen Community interessiert. „Wir reisten damals durch ganz England zu den Raves und dem ganzen Zeug. Es war damals eine viel enger vernetzte Gemeinschaft." Die Vorstellung, ein paar gleichgesinnte Individuen zu treffen, war einfach sehr verlockend für Edwards. Er verbrachte einen Großteil der frühen 90er damit, die Erhabenheit des späten Larry Levan in Londons Ministry of Sound in sich aufzusaugen. „Ich wusste so gut wie gar nichts über Disco, aber sobald ich ihn spielen hörte, wollte ich alles über diesen DJ rausfinden, was ich konnte—alles über ihn oder seine Musik lesen, was ich bekommen konnte", sagt Edwards. „Damals wurde diese Musik noch viel mehr romantisiert als heute."

Fotos von Sime Eskinja

Mitte der 90er verbrachten Edwards und seine Freunde in London viel Zeit im Studio und vergruben sich dort in Analog-Equipment—überall Kabel und Modular-Synthesizer. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis er später nach Brighton zog und dort die Möglichkeit entdeckte, Musik auch außerhalb eines Studios zu machen—mit nicht viel mehr als einem PC. „Ich fing an, mit einem jungen Typen zusammenzuarbeiten, Serge Santiago", erzählt Edwards, „und so wurde Radio Slave geboren."

Edwards hatte schließlich das Gefühl, dass die Zeit für einen Wechsel gekommen war. „Man hat richtig gemerkt, dass das hier das neue Zuhause für elektronische Musik in Europa werden würde", sagt er. Das Freiheitsgefühl und die einzigartigen Möglichkeiten schlugen ihn schließlich in seinen Bann und er zog Anfang der 2000er nach Berlin. Es war auch fast sofort zu hören, wie die Stadt auf seine Musik abfärbte. Egal ob Hits wie Blacklight Sleaze oder seine Panorama Garage Remixe, seine neue Umgebung übte zweifellos einen großen Einfluss auf ihn aus. Als er dann erlebte, wie Berghain-Residents wie Boris den großen Saal dort zerlegten, war es um ihn geschehen. „Das brachte mich zurück an diese frühen Tage im Ministry of Sound. Diese unglaublich hypnotische Musik zu hören, packte mich mit Haut und Haar."

Auch wenn der Club den Ruf hat, seine Gäste willkürlich auszusuchen, schafft er es doch immer wieder, jedem, der die großen Industriehallen mal von innen gesehen hat, nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. „Dieser Club ist nicht für jeden", sagt Edwards. „In Clubs geht es um Sex, Drogen und Rock'n'Roll—darum geht es auch dort. Es geht darum, loszulassen. Man muss Menschen einfach dieses Gefühl von Freiheit vermitteln—und das Berghain ist so ein Ort." Auch wenn Edwards wahrscheinlich einige wichtige Einflüsse aus seiner neuen Umgebung ableiten kann, ist seine Musik immer auch eine Hommage an seine britischen Wurzeln geblieben. Großbritannien hat er nach eigener Aussage zu verdanken, mit solchen Künstlern wie Rekids Standbein Mr. G in Kontakt gekommen zu sein. Sein Label Rekids gründete Edwards 2006 und seitdem hat er dort kontinuierlich Musik von House bis Techno rausgebracht—mittlerweile fast 80 Veröffentlichungen. 2013 war Edwards allerdings gezwungen, das Label aufgrund finanzieller Unstimmmigkeiten erst mal auf Eis zu legen. „Ich hatte immer vorgehabt, weiterzumachen, nur dauerte die Pause leider 18 Monate an", so Edwards. Dank der Hilfe seines Buchhalters schaffte er es, das Label wieder auf die Beine zu stellen. „Ich wollte es nur gut machen und das Beste für alle Leute rausholen, die involviert waren. Die Dinge liefen nämlich lange einfach nicht gut."

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Heutzutage verbringt Edwards seine Zeit in einer Art Balance-Akt. „So sehr ich es auch liebe, Clubtracks zu machen, so mache ich auch gerne Musik, die man sich zu Hause anhören kann", sagt er. In seinen Augen sind zu viele DJs zu viel unterwegs, was sich letztendlich negativ auf die Qualität ihrer eigenen Musik auswirkt. Ohne die nötige Zeit, in Plattenkisten zu wühlen oder kreative Musik zu produzieren, haben sie auch nicht mehr die Zeit, das Qualitätsprodukt abzuliefern, für das sie bekannt geworden sind. Das führte bei dem Engländer zu einem Perspektivenwechsel. „Ich wusste nicht, wohin ich gehen soll", sagt er über seine kurze Kreativ-Blockade. „Ich hatte zu viel gemacht. Ich musste einfach einen Schritt zurückgehen und wieder etwas Boden unter den Füße gewinnen."

Edwards ist sich aber ziemlich sicher, in welche Richtung er gerne mit Rekids gehen würde. Wenn er so auf den Katalog seines Labels zurückschaut, sagt er, dass sich der Kreis langsam schließen würde und dass die neue Musik ähnlich wäre, wie das, was er vor fast zehn Jahren produziert hat. „Wir leben in einer Zeit, in der es so viel Musik gibt, die mehr als 20 Jahre auf dem Buckel hat und die immer noch relevant und spielbar ist. Du musst sie nur finden—und natürlich danach suchen."

Zusätzlich zu dem anscheinend niemals enden wollenden Strom an Musik, den Edwards veröffentlicht, hat er jetzt auch sein eigenes Fashion-Projekt mit dem Namen Electric Uniform ins Leben gerufen, zu dem auch eine Reihe Trikot-Shirts mit den Namen berühmter DJs auf dem Rücken gehört—größtenteils Freunde von ihm. Edwards spendet mit jedem verkauften Shirt fünf Euro an eine Berliner Wohltätigkeitsorganisation. Egal ob Nina Kraviz ihr Acid Jesus Shirt zum Auflegen anzieht oder Chris Liebing seine heißgeliebtes Trikot mit der Nummer 23, Edwards nutzt den positiven Einfluss aus, den so ein Spaßprojekt haben kann. „Es ist ähnlich wie Platten zu verkaufen—es hat einen ähnlichen Vibe", sagt er. „Mit Kleidung hatte ich aber geschäftlich noch nie was zu tun und es ist wirklich aufregend."

Zur Zeit tourt Radio Slave durch die halbe Welt, London ist dabei, Barcelona, gerade kommt er aus Toronto zurück. „Wenn ich in einer Metropole bin klappere ich immer auch ein paar Plattenläden ab", und je mehr Plattenläden Edwards abklappert, desto besser für alle.

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