Vinyl

​Warum der sogenannte „Vinyl-Boom“ sich negativ auf elektronische Musik auswirkt

In einer Zeit, in der die Majors die Presswerke mit unnötigen Re-Releases verstopfen, wird es für unabhängige Dance-Labels immer schwerer, Platten zu pressen.

von David Garber
25 Januar 2016, 11:30am

Alle Fotos, falls nicht anders angegeben, von Daniel Brothers für VICE

Dan Hill ist der Betreiber von Above Board Distribution, einer Londoner Firma, die die Vervielfältigung und den Vertrieb für Labels im Rahmen sogenannter „P&D Deals" übernimmt. Zu seinen Klienten gehören Labels wie Crosstown Rebels, Rekids und Hotflush Recordings, die mit Above Board zusammenarbeiten, damit Platten gepresst und an Einzelhändler geliefert werden. In einer Zeit, in der die Verkäufe von Vinyl in den USA den Höchststand seit der Einführung der CD 1989 erreicht haben—in der ersten Hälfte 2015 wurden neun Millionen Alben verkauft, im ganzen Jahr 2014 waren es 14 Millionen—sollte man denken, dass das Geschäft besser läuft als jemals zuvor. Trotzdem, auch wenn die Verkäufe insgesamt in die Höhe schnellen, die unabhängigen Dance-Labels, mit denen Dan arbeitet—und Above Board selbst—haben oft das Gefühl, dass ihre Platten dabei untergehen.

„Plattenlabels müssen akzeptieren, dass es inzwischen länger dauert, Platten zu machen", so Dan per Mail, womit er sich auf die oft erwähnten Produktionsverzögerungen bezieht, die die Vinylbranche plagen. Wie er kürzlich dem Guardian erklärte, hat die hohe Nachfrage bei den Presswerken die Produktionszeit für Above Board beinahe verdreifacht, von ungefähr vier Wochen auf zwei bis drei Monate. „[Diese Verzögerungen] wirken sich auf den Cashflow aus, wenn du einen Vorschuss an Künstler bezahlst oder etwas für Grafikdesign oder Mastering ausgibst", erklärt er mir, „und die Labels brauchen viel länger, um das Geld wieder reinzubekommen."

Zu der Flut an Alben, die zu diesen Verzögerungen beitragen—und die Presswerke mit zusätzlichen Bestellungen verstopft—gehören auch große Popalben wie Adeles rekordbrechende Platte 25, von der in der ersten Woche 22.000 Schallplatten verkauft wurden; die drittgrößte Zahl, seit die Firma Nielsen die Verkäufe misst. Laut Nielsens Musikreport von 2015 haben Pink Floyds Dark Side of The Moon, Abbey Road von den Beatles und Kind of Blue von Miles Davis alle die Top-Ten an verkauften Vinyl-Einheiten geknackt. Platz Nummer Zehn ging an den Soundtrack von Guardians of The Galaxy. Seit mittlerweile fast einem Jahrzehnt wird berichtet, dass Vinyl wieder in Mode ist; aber mittlerweile hat es ein ganz neues Level des Mainstreams erreicht und die großen Firmen kassieren mit. Es gibt sogar eine HBO-Serie mit Starbesetzung, die einfach nur Vinyl heißt.

Du kannst mittlerweile überall Platten kaufen, von Online-Plattformen wie Discogs, Juno und eBay, bis zum örtlichen Plattenladen und ja, Urban Outfitters—auch wenn diese entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht der größte Händler der Welt sind. Das ist Amazon, das im Weihnachtsgeschäft mehr Plattenspieler verkauft hat als andere Audio-Produkte für den Heimgebrauch. In Großbritannien hat der größte Musikhändler HMV einen Plattenspieler pro Minute verkauft. Es gibt sogar das Gerücht, dass Whole Foods—und die britische Supermarktkette Tesco—Platten in ihr Angebot aufnehmen.

Ein Umsatz von insgesamt 222 Millionen Dollar während der ersten zwei Quartale 2015—und Überschriften, die andeuten, dass Anbieter wie Spotify und Apple Music mit Streams vielleicht sogar zu den steigenden Vinyl-Verkaufszahlen beitragen, anstatt Labels zu verdrängen—bedeutet, dass im Plattengeschäft im Moment eine Menge Geld im Umlauf ist. Aber ist „Vinyl-Boom", wie es Journalisten nennen, wirklich der beste Begriff dafür? Oder wird Vinyl nur anders vermarktet, von Firmen, die mehr Macht haben als andere? Und wenn das stimmt, wie wirkt sich das alles auf unabhängige Dance-Labels aus?

Als weltweit geschätzter DJ und Besitzer des Chicagoer House-Plattenladens Gramaphone hat Michael Serafini die sich verändernden Verkaufszahlen von Platten in den letzten zehn Jahren aus erster Hand miterlebt. Serafini glaubt nicht unbedingt an den sogenannten „Vinyl-Boom", da er nicht glaubt, dass sich die neuen Konsumenten, die sich Vinyl zuwenden, wirklich für die Platte als Medium interessieren. Stattdessen sieht er den Wandel in der Verkäufen als ein Ergebnis davon, dass Majorlabels klassische Alben als ansprechende Sammlerobjekte neu auflegen und Einzelhändler außerhalb der Musikindustrie den „Coolnessfaktor" des Mediums nutzen, um andere Dinge besser zu verkaufen. „Vinyl ist für diese Läden ein Marketingwerkzeug", sagt er über Firmen wie Urban Outfitters. „Sie können es sich leisten, beliebte Schallplatten im Angebot zu haben, ob Klassiker oder EDM, und neue Leute anzulocken, die eine Platte ansehen und dann eine Hose kaufen."

Es interessiert sie nicht, was [die Leute] kaufen, da sie dadurch kein Geld verdienen—es geht eher darum, Aufmerksamkeit auf die größeren Artikel zu ziehen", fährt er fort. „Die Musik, die sie verkaufen, ist nichts für einen echten Liebhaber."

Serafini hat vielleicht nicht ganz Unrecht: Eine Studie des Londoner ICM Unlimited von 2015 fand heraus, dass 34 Prozent der Konsumenten, die Platten kaufen, nicht einmal einen Plattenspieler besitzen oder benutzen. Als ich mit ihm telefonierte, sagte Dan Hill von Above Board, dass er 2015 einen starken Anstieg bei klassischen, als Sammlergegenstand aufgemachten Alben, die von Majorlabels wieder neu aufgelegt wurden, ausgemacht hat; Alben, die, wie er betont, meistens für ein paar Euro in Secondhandläden zu finden sind. Nachdem sie in den 1960ern die ersten Pressmaschinen gebaut haben—und in den späten 90ern und frühen 00ern dem Vinyl ihren Rücken zugedreht und CDs und digitale Musik verkauft haben—sind Majorlabels wieder zurück auf dem Markt für Vinyl und drängen die Indies aus der Produktionslinie.

„Als wir mit Razor-N-Tape anfingen, hatten wir einen Zeitplan von sechs Wochen, mittlerweile sind wir bei 12 Wochen", sagt JKriv, (zusammen mit Aaron Dae) eine Hälfte des Indielabels aus Brooklyn, das hinter Underground-Clubhits von Künstlern wie Dimitri From Paris steht. „Wir müssen mit viel längeren Lieferzeiten arbeiten als vorher." Wie viele andere Dance-Labels hat R-N-T unter den Folgen dessen zu leiden, was JKriv mir gegenüber unverblümt als „Majorlabels, die nutzlosen Mist neu pressen, der die Presswerke verstopft, die hauptsächlich von kleinen Labels wie uns genutzt wurden" ausdrückt. Wegen dieser Verzögerungen spüren sie auch den zusätzlichen Druck, Releases, die sie zum Record Store Day veröffentlichen wollen—der jährlichen Feier des Vinyls, die für sowohl für Labels als auch Plattenläden typischerweise die höchsten Umsätze des Jahres verspricht—bis zu sieben Monate im Voraus planen zu müssen, da die Organisation dahinter dies so verlangt. Aber für Labels, die von Platte zu Platte arbeiten, ist es schwer, so weit im Voraus zu planen; es gibt zu viele bewegliche Teile, über die sie den Überblick behalten müssen, wie Cover-Artwork, die Master-Dateien und auch die Produktion selbst.

Aaron Dae und Jason Kriv von Razor-N-Tape

Auch wenn die Verkaufszahlen von Vinyl im Bereich elektronischer Musik technisch gesehen steigen—im letztjährigen Nielsen-Report war von 572.000 LPs innerhalb des Genres im Gegensatz zu 249.000 Alben 2012 die Rede—gilt dieser steile Anstieg in den letzten Jahren nicht für kleinere Independent-Labels, deren Finanzen vielleicht rückläufig sind. Und mit weniger Geld in der Hand ist es noch schwerer, sich gegen die teuren Premiumprodukte und riesigen Bestellungen, die die Majors in die Presswerke bringen, durchzusetzen.

Einfach gesagt: Die bestehende Infrastruktur zur Vinyl-Produktion kann mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Laut Daten, die von Tom Vermeulen, Inhaber eines der größten Presswerke der Welt, erhoben wurden, gibt es weltweit nur 50 Presswerke, 19 in den USA. Auch wenn in den Staaten in den letzten fünf Jahren eine Handvoll neue Werke eröffnet haben—wie Stereodisk in New Jersey, Hit-Bound Manufacturing in New York und bald das Werk von Third Man Records in Detroit—sind aufgrund der hohen Kosten für die Maschinen nur wenige potentielle Unternehmer daran interessiert, schnell neue Werke zu eröffnen.

Die Welt der Platten gehört zu den wenigen Industrien, in denen sich die Technik nicht weiterentwickelt hat; die Maschinen laufen mit alten Teilen, die nicht mehr produziert werden. Laut einem FACT-Artikel von 2015 kostet eine einzige Maschine bis zu 100.000 Dollar und es gibt Werke, die für eine einzige Schraube 5.000 Dollar hinblättern mussten. Neben den veralteten Maschinen scheiden auch viele Leute, die für den Herstellungsprozess wichtige Arbeiten ausführen, wie Galvanisierung und Mastering, aufgrund ihres Alters aus. „Leute, die Platten mastern, sind wie vom Erdboden verschwunden", sagt Serafini. „Das wirkt sich auch auf die Musik aus, denn wenn du Dinge auf Vinyl presst, dann musst du sichergehen, dass es vernünftig gemastert ist, sonst leidet die Qualität darunter."

Tom Vermeulen, Inhaber von Record Industry—dem Presswerk im niederländischen Haarlem, das als größtes der Welt gilt—hat die Auswirkungen gesehen, die Majorlabels auf die Produktionswarteschlangen haben. Vermeulen hat die Firma 1998 gekauft, in einer Zeit, in der sich das Geschäft auf einem Jahrzehntehoch befand, mit Verkaufszahlen um die 150 Millionen Dollar weltweit im Laufe des Jahres. Im Jahr 2006 waren diese Zahlen unter 50 Millionen Dollar gefallen, ohne Zweifel auch aufgrund des Anstiegs digitalen Filesharings. Er betreibt das Werk heute noch immer und arbeitet mit jedem der sogenannten „großen Drei"—Sony, Warner und Universal—bis zu lokalen niederländischen Technolabels wie Clone Records zusammen.

Record Industry produziert um die 30.000 Platten täglich, betreibt 33 Pressen sowie ein eigenes Mastering- und Cutting-Studio; alles—wie auch das Drucken der Cover—passiert unter einem Dach. Im Moment wird zwischen sieben Uhr morgens und elf Uhr abends ununterbrochen produziert, in zwei Schichten. Vermeulen sagt mir, dass er hofft, den Output auf 50.000 Platten am Tag erhöhen zu können, indem er eine dritte Schicht einführt. Vor dem Hintergrund der stetigen Flut an Bestellungen ist es schwer für Record Industry, ungeduldige Kunden zufriedenzustellen, sowohl Majors als auch Indies. „[Die Nachfrage ist] so hoch, dass wir nicht alles pünktlich pressen können und zurückstellen müssen", sagt er. „Natürlich beanspruchen Majors viel von unseren Kapazitäten, aber auch kleinere Indielabels bestellen große Mengen."

Zurück über den Teich. An einem regnerischen Herbsttag in New York statte ich Brooklynphono einen Besuch ab, einem kleineren Werk, das vom Ehepaar Fern und Tom Bernich betrieben wird; einem Paar, das Underground Dance-Musik liebt und das das New Yorker Techno-Urgestein Levon Vincent zu ihren Klienten und Freunden zählt. Als ich vor dem Backsteingebäude im rasant gentrifizierten Sunset Park Viertel von Brooklyn stehe, weist nur ein kleiner gesprühter Plattenspieler auf der Tür auf das hin, was hinter den Türen vor sich geht. Beim Eintreten kommt mir sofort der Geruch von verschiedenen penetranten Substanzen und Chemikalien entgegen, ergänzt von einem Orchester aus pumpenden Geräuschen, die die fünf Pressen des Werks erzeugen, zu denen auch eine Seven-Inch-Presse gehört, die vom örtlichen Schrottplatz gerettet wurde.

Eine frische Platte aus der Presse von Brooklynphono

Brooklynphono, 2005 gegründet, ist eines von nur drei Presswerken, das im Moment in der Stadt in Betrieb ist. Die anderen beiden sind Brooklyn Vinyl Works und Hit-Bound Manufacturing. (Will Socolov, ehemaliger Besitzer des lange aktiven Presswerk EKS, das im Jahr 2012 schloss, soll laut Berichten einen neuen Betrieb in der Gegend eröffnen.) Tom und Fern sind seit über 10 Jahren im Geschäft und haben die Tiefen der späten 00er genauso miterlebet wie die geschäftige Zeit der Gegenwart. Aber anders als bei Record Industry hat sich die höhere Nachfrage laut Fern nicht besonders auf ihre normale zwei- bis dreimonatige Produktionszeit ausgewirkt. Brooklynphono hat derzeit einen Output von 2000 12"-Platten und um die 750-1000 7"-Platten pro Tag—alle in einer einzigen achtstündigen Schicht gepresst. Mit den Jahren, so Tom, haben er und Fern es geschafft, ihren Betrieb so zu optimieren, dass sie aus den Schichten, dem Material und den Mitarbeitern das Beste rausholen. Sie haben ihr Geschäft so gestaltet, dass sie die Nachhaltigkeit der Maschinen gewährleisten, anstatt einfach so viel wie möglich zu pressen.

Tom Bernich an der Presse

„Die Gewinnspanne ist bei uns viel geringer [als bei den großen Werken], wenn du also große Stückzahlen presst und vier oder fünf Maschinen benutzt anstatt drei, dann kannst du etwas Geld verdienen", sagt Tom. „Die mittelgroßen Firmen sind gesund und die großen Firmen mit 20 oder mehr Maschinen müssen es wirklich gut machen." Laut Tom ist der Schlüssel dafür, Gewinn zu machen, für mittelgroße Werke wie Brooklynphono, einen loyalen Kundenstamm aufzubauen und Wert auf Qualität zu legen. „Wenn du ein gutes Produkt herstellst und einen vernünftigen Preis verlangst, dann wirst du am nächsten Tag noch da sein", sagt er.

Brooklynphono arbeitet durchaus auch mit Majors, versucht aber ihr Bestes, um die Bestellungen von normalen, kleineren Klienten abzuarbeiten. „Wir haben die Möglichkeit, genug Geld zu verdienen und eine Rücklage zu schaffen, um uns in trockenen Zeiten am Leben zu halten", sagt Tom über die Arbeit mit den Majors. „Ich verstehe es, mehr Arbeit anzunehmen, als du bewältigen kannst, und viele kleinere Labels hinten anzustellen, die dich in den langsameren Zeiten am Leben gehalten haben. Wir haben eine ganz gute Balance, sodass wir jedem gerecht werden können, aber den Majors wird etwas mehr berechnet, was uns hilft, mit [den größeren Werken] Schritt zu halten und vielleicht ein wenig Geld extra zu verdienen, damit wir eine weitere Maschine kaufen oder etwas bauen können, das noch weitere zehn Jahre da ist."

Unabhängige Dance-Labels haben ihre eigenen Wege, inmitten des Überangebots an Platten zu überleben und zu gedeihen. Justin Carter—(zusammen mit Eamon Harkin) Mitbegründer des Party-Kollektivs und House- und Techno-Labels Mister Saturday Night aus Brooklyn—ist ein eingefleischter Vinyl-Fan. Die beiden haben ihr Label 2012 gegründet; wie bei den DIY-Partys, die sie von Zeit zu Zeit Samstagnachts (und im Sommer jeden Sonntag) in der Stadt veranstalten, haben sie darauf bestanden, alles selbst zu machen, vom Stempeln bis zum Vertrieb.

„Uns wurde schnell klar, dass es diese Engpässe im Produktionssystem von Platten in den Staaten gibt", erzählt mir Carter. „Es ist eine ziemlich schwerfällige Industrie." Nach ein paar Jahren wurde Mister Saturday Night klar, dass sie ein wenig Hilfe benötigen, um in die erste Reihe der Produktionslinie zu gelangen, besonders wenn andere Labels mehr oder weiter im Voraus zahlen. Im Jahr 2013 haben sie sich letztendlich für einen Produktionsdeal mit einer Firma namens Crosstalk entschieden, denen sie eine Provision gezahlt haben, damit sie die Produktion und die Herstellung für sie koordinieren, während sie selbst die gesamte Eigentümerschaft über die Platten behielten und als Vertrieb fungierten. Letztendlich haben sie sich einem traditionellen P&D-Deal mit einer Firma namens FIT Distribution in Detroit zugewandt.

Justin und Eamon von Mister Saturday Night

Im Zuge dieses Deals haben Mister Saturday Night sich die Strategie angeeignet, zwei Platten gleichzeitig zu pressen. Das gab ihnen die Möglichkeit, den unvermeidbaren Verzögerungen bei der Pressung voraus zu sein und die Pressungen vor dem jeweiligen Releasedate zu lagern, anstatt darauf zu warten, dass eine nach der anderen ankommt.

Das seit Jahrzehnten aktive, legendäre britische Label Mute Records, Heimat von berühmten experimentellen elektronischen Acts wie Depeche Mode und Moby, hat die Auswirkungen dieser Engpässe am eigenen Leib erfahren; hauptsächlich durch die Schwierigkeit, gefragte Alben nachpressen zu lassen. „Titel wie M83s Hurry Up, We're Dreaming waren nicht mehr verfügbar, weil das Nachpressen bis zu sechs Monate dauern kann", so Nicole Blonder, Mutes Leiterin von Marketing und Vinyl-Produktion, per Mail. Auch wenn Mute versucht, dem vorzubeugen, indem sie Platten weit im Voraus nachbestellen, waren Titel monatelang nicht lieferbar. „Die Fans sind frustriert, sie verstehen es nicht und wir können das nachvollziehen", sagt sie. „Es sorgt mindestens für Ängste und schadet schlimmstenfalls unseren Profiten."

Auch wenn viele Vertriebe, die mit Majors arbeiten, von der höheren Nachfrage profitieren, die, die nur mit Indies arbeiten, bekommen den Druck ebenfalls zu spüren. Aaron Siegel von Detroits FIT Distribution ist da keine Ausnahme. Seine Liste an Klienten umfasst wichtige amerikanische Dance-Labels wie Theo Parrishs Sound Signature und Juan Atkins Metroplex und er sagt, dass er sich Taktiken aneignen musste, um diesen Verzögerungen auszuweichen und die Erwartungen zwischen Presswerken und ungeduldigen Labelbesitzern zu managen. „Es regt die Presswerke auf, wenn die Leute ununterbrochen fragen: ‚Wann erscheint es?'", sagt er. „Ich sage das Veröffentlichungsdatum nicht; es ist schwer zu wissen, wann die Sachen fertig sein werden."

Damit unabhängige Plattenfirmen überleben und sich entwickeln können, braucht es einen Ausweg aus diesen Verzögerungen. Es braucht frische, talentierte Gesichter, die dort weitermachen, wo viele fertige Handwerker aufgehört haben, die Arbeiten wie Mastering und Galvanik ausgeführt haben. Es braucht auch neue Presswerke, neue Maschinen und mehr nachhaltige Wege, damit zu produzieren und sie am Leben zu erhalten [Das neue System von Newbilt Machinery ist ein toller Anfang, trotzdem kostet es bis zu 160.000 Dollar]. Aber am wichtigsten ist es laut Michael Serafini, dass Konsumenten das Interesse daran verlieren, Platten als Geschenkartikel zu kaufen, und dass Majorlabels diese nicht mehr pressen.

Natürlich ist die Vorstellung einer Welt voller Presswerke mit glänzenden neuen Maschinen und ohne Wartezeiten eine Art Wunschtraum. „Es wird jemand sein, der wirklich die Passion dafür hat", sagt Justin Carter über einen möglichen Unternehmer. „Die Nachfrage überfordert die Lieferkette, aber es reicht noch nicht dafür, dass jemand eine neue Pressmaschine baut, was wahrscheinlich Millionen Dollar kosten wird." Selbst mit diesen stark steigenden Verkaufszahlen sind wir noch Welten vom goldenen Zeitalter des Vinyls im Jahr 1973 entfernt, als alleine mit Singles in den USA 500 Millionen Dollar erwirtschaftet wurden. „Auch wenn es mehr Nachfrage nach Vinyl gibt, wie viel mehr Nachfrage kann es noch geben?", fragt Carter. „Wir kommen nicht einmal in die Nähe der Menge an Platten, die während der Zeit produziert wurden, als du dir eine Schallplatte kaufen musstest, wenn du Musik hören wolltest."

Trotzdem hauchen einige Leute der Branche noch neues Leben ein. Laut einem Interview mit Pitchfork gibt es den reichen Vinyl-Liebhaber Jack White, dessen Label Third Man Records plant, ein 1.000 Quadratmeter großes Werk mit blitzenden, neuen Maschinen in Detroit zu eröffnen. Und seit letztem Jahr gibt es einen ähnlichen Betrieb in Kenilworth, New Jersey, namens Stereodisk, einen selbsternannten „One-Stop-Shop", zu dem ein Mastering-Studio und eine Pressmaschine gehören. Es wurde 2015 vom ehemaligen Presswerkangestellten Leandro Gonzalez aus Brooklyn eröffnet und mit nur einer halbautomatischen Maschine spezialisiert sich das Werk auf qualitativ hochwertige Pressungen in kleiner Stückzahl ausschließlich für Independent-Labels.

Grünes Granulat für die Herstellung von Vinyl

Unabhängig von den Schwankungen des allgemeinen Musikmarkts, eine Sache ist sicher: In der Dance-Community ist Vinyl langfristig angesagt. Per Mail weist der amerikanische Techno-Künstler Ambivalent (aka L4-4A) darauf hin, dass wahre Musikfans und DJs im Kern immer Sammler sein werden. „Jeder DJ, den ich kenne, [und der Vinyl auflegt], tut das aus Liebe und ist im Herzen ein Fan", sagt er. „Ein echter Fan, der etwas besitzen will, an das er sich erinnern kann und das er anfassen kann." Er fährt fort: „Ich habe nie aufgehört, Vinyl zu kaufen, auch wenn ich Musik digital spiele, und das ist immer eine Erinnerung für mich, dass es nicht um Nützlichkeit geht und nicht um Effizienz oder Komfort. Es geht darum, etwas zu schätzen, das Bestand hat.

Für die Betreiber von Indielabels, die unermüdlich arbeiten, damit ihre Platten gepresst und verschickt werden, geht es nicht darum, schnelles Geld zu machen oder Millionen an Alben zu verkaufen; es geht vielmehr darum, die Musik nach da draußen zu bekommen, in einem Format, das gut klingt und sich bedeutsam anfühlt. „Es gibt eine ganze Liste an Pros und Contras bei Vinyl, also ist es nicht das beste Format überhaupt, aber es hat seine Zeit und seinen Ort", gibt Tom mir gegenüber bei Brooklynphono zu. „Wenn jemand viel Energie in das Pressen einer Platte gesteckt hat und es dann ein Publikum von fünf- oder zehntausend Leuten gibt, die sie mögen—dann ist das alles, was zählt."

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