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Geschmuggelte Festplatten, BH-Verstecke und Spezialhemden—wie die Doku ,Raving Iran‘ enstand

Anoosh und Arash sind Techno-DJs im Iran. Ein Interview mit Regisseurin Susanne Regina Meures über ihr Filmporträt einer verbotenen Leidenschaft.

von Tina Hassannia
12 Mai 2016, 10:45am

All photos courtesy of Raving Iran

[Warnung: Dieser Artikel enthält Spoiler!] Wie organisiert man einen Wüsten-Rave in einem Land, in dem solche Veranstaltungen strengstens verboten sind? Wenn es nach den beiden DJs Anoosh und Arash aus Teheran im Iran geht: sehr vorsichtig. Die neue Dokumentation Raving Iran beginnt damit, wie das Duo, das unter dem Namen Blade&Beard auftritt, heimlich eine Party plant. Es wird abgewägt, wer gefahrlos eingeladen werden kann, und was passiert, wenn die Polizei von dem Vorhaben Wind bekommt. Ratschläge gibt es zuhauf: Trenn die Männer von den Frauen; behaupte, es sei eine Hochzeit; bitte die Frauen darum, ihre Hidschabs bereitzuhalten. So sehr Anoosh, Arash und ihre Gäste Techno und Deep House auch lieben, das iranische Regime kann dem Genre nicht besonders viel abgewinnen. In dem Land ist nur klassische und traditionelle Musik erlaubt.

Trotz der schwerwiegenden Konsequenzen, die eine Entdeckung durch die Sittenwächter nach sich ziehen kann, gibt es dort eine Menge Künstler, die im Untergrund operieren. Das führt auch dazu, dass sich das Bild des modernen Iran in den westlichen Medien seit einigen Jahren langsam verändert. Statt dieser Vorstellung von einer stagnierenden und unterdrückten Gesellschaft, gelangen nach und nach Geschichten an die Oberfläche, die einen kleinen Einblick in die Kleidung, die Kultur, die Musik und das Sozialleben junger Iraner gewähren.

2013 ist die schweizerische Regisseurin Susanne Regina Meures in das islamisch regierte Land gereist, um die Geschichte von Anoosh und Arash zu dokumentieren—bis hin zum Auftritt auf dem Lethargy Festival in Zürich. Doch dort stehen die beiden jungen DJs vor der bislang schwersten Entscheidung ihres Lebens.

Wir haben uns mit Meures auf dem Toronto Hot Docs Film Festival getroffen und mit ihr über die Dreharbeiten im Iran gesprochen. Außerdem waren wir natürlich neugierig, was aus Anoosh und Arash geworden ist.

THUMP: Susanne, wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film über iranische DJs zu machen?
Vor fünf Jahren stolperte ich über einen kurzen Artikel über Techno-Partys in der persischen Wüste. Die Vorstellung von Mini-Burning Man-Festivals in einem Land mit einem der repressivsten Regime der Welt hat mich damals fasziniert. Über Facebook habe ich dann die Kids in der Szene kontaktiert, bin nach Teheran geflogen und mich mit vielen getroffen. Es war jedoch kompliziert und riskant. Im Endeffekt waren nur Anoosh und Arash bereit offen über ihre Leidenschaft zu sprechen und sich filmen zu lassen. Ihre Freunde im Film haben wir verpixelt oder anderweitig unkenntlich gemacht.

Hat die Szene vor Ort dem Bild entsprochen, das du vorher über den Artikel und das Internet bekommen hast?
Durch die Bilder auf Facebook, die die persischen Raver posten, hatte ich natürlich schnell eine Vorstellung von dem was dort abgeht. Dazu war mir natürlich klar, dass die Organisation von Partys kompliziert sein muss. Jedoch hatte ich nicht antizipiert, wie minutiös die Vorbereitung wirklich ist, wie viele Gelder an Autoritäten fliessen und wie schwer es ist, die Partygänger zusammenzutrommeln, eben weil viele Angst haben.

Sicherheit war immer das höchste Gebot und eigentlich wussten wir bis zum Schluss nicht, wie wir das Filmmaterial verwenden werden.

Was war dein erster Eindruck von deinen beiden Protagonisten und ihrer Leidenschaft?
Anoosh und Arash sind mir direkt auf Facebook aufgefallen und als ich sie dann im wahren Leben kennenlernte, bewahrheitete sich mein erster Eindruck sofort. Sie sind leidenschaftliche DJs und scheuen kein Risiko.

Was haben die Familien von Anoosh und Arash von der ganzen Sache gehalten?
Ich bin mir sicher, dass Anooshs und Arashs Eltern sich häufig mit den Aktivitäten ihrer Kinder schwertaten. Auf der anderen Seite wissen sie natürlich auch, dass die beiden alt genug sind, ihr eigenes Handeln zu verantworten und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

Was, würdest du sagen, ist die größte Gemeinsamkeit—und was der größte Unterschied—zwischen einem Schweizer und einem iranischen Rave?
Die Anatomie der Parties an sich unterscheiden sich nicht groß. Die Umstände, die daraus resultierende Angst und Maßnahmen wie Schmiergelder und Versteckspiele im Iran sind natürlich nicht mit den Parties in der Schweiz zu vergleichen.

Wie hast du es geschafft, die Geschehnisse im Iran zu filmen? Du lebst ja eigentlich in der Schweiz.
Ich bin Anfang 2013 in den Iran geflogen und dann weitere fünf Male, immer ein bis zwei Monate, über die nächsten anderthalb Jahre. Das war viel Zeit, und in der Zeit ist viel passiert.

Bist du davor schon mal im Iran gewesen und wieso konntest Du immer wieder einreisen?
Ich war zuvor einmal dort, zum Wandern. Und um ehrlich zu sein, ich hatte großes Glück. Es ist keine Selbstverständlichkeit alle paar Monate ein neues Touristenvisum ausgestellt zu bekommen. Es war sicher von Vorteil, dass ich von der Schweiz aus geflogen bin. Das politische Verhältnis zwischen beiden Ländern ist recht gut. Ein Visum in Großbritannien zu beantragen wäre komplizierter gewesen, in den Vereinigten Staaten sowieso.

Wie waren deine Begegnungen mit der Polizei?
Wir wurden ständig von der Polizei angehalten. Ich hatte aber vorgesorgt. Nach jedem Dreh bzw. jeder Aufnahme habe ich die Memory-Card mit der Footage mit einer Speicherkarte voller Touristen-Aufnahmen ausgetauscht. Die Karte mit dem Filmmaterial habe ich dann in meinem BH versteckt. Am Flughafen gab es auch jeweils gründliche Gepäckkontrollen. Abgesehen von Unmengen Schweizer Schokolade—auf dem Hinflug—und iranischem Nougat—auf dem Rückflug—hatte ich aber nichts vorzuweisen.

Die Kamera habe ich in einem Hemd versteckt, welches ich auf dem Basar habe anfertigen lassen. Bis das Hemd saß und funktionierte, vergingen zehn Besuche beim Schneider.

Das heißt, die Aufnahmen steckten auch am Flughafen in deinem BH?
Nein, das wäre natürlich unmöglich gewesen. Das Filmmaterial habe ich auf Festplatten mit Iranischen Studenten aus dem Land geschmuggelt. Sie waren auf Heimatbesuch und haben die Festplatten mit in die Länder genommen, in denen sie studieren. Das Material landete also in irgendwelchen europäischen Städten, von wo aus ich es dann per Kurier in die Schweiz habe liefern lassen.

Haben Anoosh, Arash und du vorher besprochen, wie in einem Ernstfall vorzugehen ist und welcher Gefahr man sich durch den Dreh aussetzt?
Ja, darüber haben wir natürlich häufig gesprochen und der Dreh wurde auch einige Male abgebrochen. Sicherheit war immer das höchste Gebot und eigentlich wussten wir bis zum Schluss nicht, wie wir das Filmmaterial verwenden werden bzw. was für eine Art Film es werden wird. Wären Amoosh und Arash im Iran geblieben, hätte der Film eine andere Form angenommen, um die DJs nicht in Gefahr zu bringen.

Ich liebe diese Szene im Ministerium für Kultur und Islamische Führung, wo sie versuchen Bewilligungen für ihre Musik einzuholen — gefolgt von den Szenen, wo sie ihre Musik versuchen zu verkaufen aber ständig von den Ladenbesitzern abgewiesen werden. Die repetitive Natur des ganzen Unterfangens stellt gut dar, was es heißt, ein Underground-Musiker im Iran zu sein.
Der Dreh im Ministerium war sehr aufwendig und da wir nur einen Versuch hatten dort zu drehen, musste alles akribisch vorbereitet werden. Wir sind viele Male dorthin, haben das Gebäude inspiziert und geschaut wer wo wie sitzt, damit wir überhaupt etwas auf die versteckte Kamera bekommen. Dazu mussten wir sehen wie häufig wir am Eingang durchsucht werden, da ich unbedingt Funkmikrofone verwenden wollte. Die Kamera habe ich in einem Hemd versteckt, welches ich auf dem Basar habe anfertigen lassen. Bis das Hemd saß und funktionierte, vergingen zehn Besuche beim Schneider.

Noisey: Im Iran kannst du für deine Metal-Leidenschaft hingerichtet werden.

Jemand sagt im Film über das iranische Regime: „Sie lieben es, belogen zu werden." Das ist ein tolles Zitat und dazu noch eine schlaue Beobachtung. Viele Iraner, die die Einhaltung der Regeln sicherstellen sollen, wissen selber, dass diese sehr willkürlich sein können. Wenn Menschen sie also anlügen—und das tut dort jeder an irgendeinem Punkt—haben sie kein Problem damit, weil sie im Nachhinein behaupten können, von nichts etwas gewusst zu haben.
Absolut. In den westlichen Medien herrscht dieses Bild von der unterdrückten Gesellschaft—und natürlich stimmt das auch—, aber wir sehen wenig von der „Normalität", die die Leute dort auch leben. Viele haben Mittel und Wege gefunden, mit der Repression umzugehen. Das hat mir auch an den Szenen in den Cafés und Druckereien gefallen: Viele lehnten es ab, Anoosh und Arash zu unterstützen, aber man merkt, dass sie es zumindest in Erwägung ziehen.

Auf ihrer Facebook-Seite haben Anoosh und Arash vor Kurzem ein Foto gepostet, auf dem sie offizielle Dokumente hochhalten. Wie ist ihr Status jetzt? Haben sie Asyl bekommen?
Ja, sie haben nun zwei Jahre in einem Flüchtlingsheim in den Schweizer Bergen gelebt, umringt von Schafen und Kühen. Das muss hart für sie gewesen sein, zwei junge Typen, DJs, aus Teheran. Aber es gibt gute Neuigkeiten: Sie haben vor kurzer Zeit ihre Aufenthaltsgenehmigung bekommen und dürfen erst einmal bleiben. Wir freuen uns nun auf den Kinostart in Deutschland und der Schweiz, wo wir sicher bei viele Premieren anwesend sein werden.

Raving Iran läuft am 22. September in den Kinos an. Am Freitag und am Samstag ist der Film zuvor noch beim DOK.fest in München zu sehen.

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Tina Hassannia ist bei Twitter, THUMP natürlich auch.

Interviewzuarbeit: Thomas Vorreyer