Dieser arktische Saatgut-Tresor soll unsere Ernährung sichern
Fotos mit freundlicher Genehmigung vom Svalbard Global Seed Vault.

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Ernährung

Dieser arktische Saatgut-Tresor soll unsere Ernährung sichern

Auf einer verschneiten und eisigen norwegischen Insel steht ein geheimnisvolles Gebäude, das uns Menschen vor dem Hungertod bewahren soll.
4.12.14

Wenn du glaubst, Santas Geschenke-Fabrik sei das einzige Riesengebäude in der Nähe des Nordpols, irrst du dich. Der Svalbard Global Seed Vault (auf Deutsch: „weltweiter Saatgut-Tresor auf Spitzbergen") ist nicht nur eine außergewöhnliche Ingenieursleistung, sondern außerdem der Schlüssel zur weltweiten Ernährungssicherung—für den Fall, dass die vier apokalyptischen Reiter in der nahen Zukunft mal aufsatteln sollten.

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Der Tresor, der mehr was von einem Bunker hat, bietet Platz für über vier Millionen Saatgutproben. Seit vor zehn Jahren das erste Mal die Idee für eine solche Saatgutbank aufkeimte, wurden schon 800.000 verschiedene Samen gesammelt, was einem Drittel der weltweit vorkommenden Samenarten entspricht. Eine Sache steht fest: Wenn der Klimawandel die weltweite Nahrungsversorgung bedrohen sollte, werden wir eines Tages über die Existenz des Seed Vault glücklich sein.

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Doch obwohl das Seed-Vault-Projekt extrem wichtig ist, umgibt es gleichzeitig auch eine Aura des Geheimnisvollen, was natürlich auch ein paar besonders exzentrische Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen hat. Der Koloss aus Beton befindet sich auf der norwegischen Insel Spitzbergen, die nur 1.000 Kilometer vom Nordpol entfernt liegt. Diese mysteriöse Location, die Tatsache, dass auch ein gewisser Bill Gates hinter dem Projekt steht, sowie der Umstand, dass die Anlage für die breite Öffentlichkeit nicht zugänglich ist (übrigens aus absolut verständlichen Sicherheitsgründen), lassen die Gerüchteküche so richtig brodeln. Die ganz Durchgeknallten sehen in der Mitwirkung der Rockefeller Foundation einen Hinweis darauf, dass es sich um ein Rassenhygiene-Projekt von Nazis handeln muss.

Übrigens gibt es in anderen Teilen der Welt durchaus schon Saatgutbanken—die meisten davon aber auf der südlichen Erdhalbkugel, weswegen man sich entschloss, den Seed Vault hoch im Norden zu errichten. Denn, so Grethe Helene Evjen vom norwegischen Landwirtschaftsministerium: „Es ist eine Sicherheitsmaßnahme, dass Saatgutbanken in weit voneinander entfernten Gebieten gebaut werden. Spitzbergen ist ziemlich isoliert und wird im Allgemeinen für einen sicheren Ort gehalten—fernab von anderen Genbanken."

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Grethe Helene Evjen.

Warum aber unbedingt Spitzbergen? Könnte so ein Ding nicht so ziemlich überall in der Welt stehen? „Wir haben die Anlage sehr lange geplant. Dabei wurde schnell klar, dass Samen die beste Überlebenschance haben und am besten keimen können, wenn sie an trockenen Orten und bei unter null Grad aufbewahrt werden. Auf diese Weise können sie extrem lange gelagert werden", so Grethe. „Wie lange genau, wissen wir aktuell nicht. Auf jeden Fall wissen wir von Samen, die in luftdichter, trockener und kalter Umgebung viele tausend Jahre existieren können."

Die Notwendigkeit einer kühlen Lagerung wurde dermaßen ernst genommen, dass die 1.000m2 große Anlage so konzipiert ist, dass sie tief in einen Berg hineinreicht und so ganz ganzjährig für Minusgrade sorgt. Sicherheitshalber wurde zusätzlich noch an Kühlanlagen gedacht. Die Anlage beherbergt 500 Samen pro Probe (bei— später einmal—bis zu 4,5 Millionen Samenproben), die, sobald sie auf Spitzbergen ankommen, von den Wissenschaftlern geröntgt und dann zu Kühlungszwecken in platzsparenden Kunststoffboxen verpackt werden. Vollzeitangestellte gibt es nicht, trotzdem ist rund um die Uhr ein Team von Mitarbeitern in dem Gebäude, um nach dem Rechten zu sehen (ob etwa der Strom noch läuft). Die Anlage liegt 130 Meter über dem Meeresspiegel und wird durch extradicke Stahltüren sowie armierten Beton gesichert. Kein Wunder also, dass der Seed Vault auch „Weltuntergangstresor" genannt wird.

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Und angesichts jüngster UN-Berichte, die den Klimawandel für eine ernste Bedrohung für unsere Lebensmittelversorgung halten, sollten wir besser hoffen, dass den Samen nichts geschehen wird. So sieht das auch Grethe: „Der Klimawandel stellt für uns alle eine echte Bedrohung dar, da in vielen Teilen der Welt die herkömmliche Agrarproduktion schwer in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Man wird aufgrund veränderter Umweltbedingungen auf andere Sorten setzen müssen. Und genau da kommt die Sicherstellung der Artenvielfalt dank der Arbeit im Seed Vault ins Spiel."

Außerdem, so Grethe weiter, könne am Ende ein jeder Samen zur Nahrungssicherheit beitragen—und den Wissenschaftlern bei der Entwicklung von klimatisch angepasstem Saatgut behilflich sein.

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Dass die Sache mehr als dringlich ist, liegt auch am explosionsartigen Wachstum der Weltbevölkerung. So geht der Thinktank Population Matters davon aus, dass die Weltbevölkerung mit einer 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit bis 2100 auf 11 Milliarden Einwohner anwachsen wird. Ziemlich viele Münder also, die gefüttert werden müssen. „Der Bedarf nach mehr Lebensmitteln und größeren landwirtschaftlich genutzten Flächen wird deswegen zunehmen. Letzteres wird aber kaum möglich sein, weswegen wir beim Thema Produktivität an den Stellschrauben drehen müssen", so Grethe.

Ob die Forscher im Seed Vault existierende Varietäten auch an neue (und zukünftige) klimatische Bedingungen anpassen, will ich von Grethe wissen. „Vollkommen richtig", erfahre ich von ihr. „Wie die Samen auf Licht und Temperaturen reagieren, ist ein wichtiger Teil unserer Forschungen."

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Wenn die Klimaerwärmung weiter zunimmt und das Wetter außerdem fortwährend feuchter wird, steigt gleichzeitig auch die Gefahr von Pflanzenkrankheiten. „Dann werden wir Gene brauchen, die gegenüber dieser neuen Krankheiten resistent sind", erklärt mir Grethe.

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Dass wir hier nicht über paranoide Fantasien reden, zeigt ein Fall aus dem vorletzten Jahrhundert. So hat die sogenannte Große Hungersnot in Irland, die 1845 begann, insgesamt einer Million Menschen das Leben gekostet und zwei Millionen weitere auswandern lassen, als es aufgrund einer damals neu auftretenden Kartoffelfäule zu wiederholten Kartoffel-Missernten kam.

Aber nicht nur der Klimawandel stellt ein Problem dar. Auch Monokulturen stehen der dringend nötigen Erhaltung von Biodiversität im Weg. „Wenn die ganze Welt dieselben Getreidesorten verwendet, ist das ein großes Risiko", findet Grethe. „Es würde ausreichen, wenn sich bestimmte Pflanzenkrankheiten so entwickeln, dass sie unterschiedliche Teile der Welt befallen. Genau in solchen Szenerien kann die Abhängigkeit von Monokulturen schnell in einem Disaster enden."

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Auch wenn es im Inneren des Gebäudes um sehr ernste Dinge geht, ist während der Design-Phase auch der ästhetische Aspekt der Anlage nicht zu kurz gekommen. Denn indem die Vorderseite das Polarlicht reflektiert, werden der Seed Vault und die umliegenden Berge in ein himmlisch glänzendes Licht getaucht. „Auch in der kältesten arktischen Nacht wird unsere Anlage wie ein Juwel zum Leuchten gebracht", verrät sie mir. „Einfach nur wunderschön."

Auch wenn für manche Verschwörungstheoretiker der Seed Vault Anlass für abstruse Illuminati-Deutungen ist, bedeutet das Projekt für die meisten von uns die Hoffnung auf eine Zukunft, in der möglichst wenige Menschen Hunger leiden müssen.