Restaurant Confessionals

Ich habe als Kellner Geld abgezweigt und bin davon in den Urlaub gefahren

Die Arbeit in der Gastronomie ist hart. Wenn der Chef dann auch noch ein fieses Arschloch ist, finden einige Mitarbeiter Mittel und Wege, sich wenigstens gerecht zu entlohnen.

von Anonym
18 Januar 2016, 1:15pm

Foto von Kevin Harber via Flickr

Willkommen zurück zu den Restaurant Confessionals, wo wir den Leuten aus der Gastronomie eine Stimme geben, die ansonsten viel zu selten zu Wort kommen. Hier erfährst du, was sich hinter den Kulissen in deinen Lieblingsrestaurants so alles abspielt. Heute verrät uns ein Ex-Kellner aus Amsterdam, dass er zusammen mit seinen Kollegen seinem miesen Chef Einnahmen und Alkohol geklaut hat.

Als Student habe ich in einer Bar gearbeitet, die für jeden Erwachsenen ein regelrechter Spielplatz war: Der Besitzer war fast nie da und sowieso ein schrecklicher Mensch, sodass keiner der Mitarbeiter wirklich hinter ihm stand. Nach der Arbeit sind wir alle noch auf ein paar Drinks geblieben, die wir nie bezahlt haben. Manche haben auch ein paar Flaschen mit nach Hause genommen. Im Sommer, wenn wir viel Kundschaft hatten, haben wir Bier verkauft, ohne dass die Einnahmen dafür jemals in der Kasse gelandet ist. Für uns war das ganz normal. Wir haben uns das Geld einfach in die Tasche gesteckt. Heute arbeite ich in einem Büro und würde nicht mal im Traum daran denken, einen Klammeraffen oder so mitzunehmen. Aber in der Bar habe ich so viel Geld geklaut, dass ich davon in den Urlaub fahren konnte.

Schon im ersten Semester habe ich dort angefangen. Abgesehen von einigen regelmäßigen Angestellten gab es bei uns eine hohe Fluktuation. Der Besitzer hat uns gerne vor den Kunden runtergeputzt und wir mussten vor den Augen Gäste auf allen Vieren den Boden putzen. Wenn mal etwas Kleineres passiert ist, ein bisschen Kaffee ging daneben oder so, ist er sofort explodiert. Außerdem hat er einen Teil unseres Trinkgelds einbehalten, was überhaupt nicht in Ordnung war.

Die Gesundheits- oder Sicherheitsvorschriften waren ihm auch relativ egal. Die Küche war mit Abstand das dreckigste Loch, das ich je gesehen habe, natürlich inklusive Kakerlaken und Mäusen. Ich habe mich jedes Mal geschämt, wenn ich einem Gast Essen aus unserer Küche serviert habe. Alle Gerichte kamen aus dem Tiefkühlfach und wurden nur in der Mikrowelle aufgewärmt. Aber keiner der Mitarbeiter traute sich etwas zu sagen, weil sie Angst hatten, dass unser Chef komplett ausrastet.

Jeder Arbeitgeber will gemocht werden. Wenn du deinen Mitarbeitern aber eh egal bist, dann sind sich alle einig, dass man dich auch ruhig bescheißen kann. Das war definitiv schon so, als ich da anfing, auch wenn ich anfangs nicht mitbekommen habe, dass viele der alteingesessenen Angestellten sich aus der Kasse bedient haben, um ihren Dealer zu bezahlen. Nachdem ich das wusste, gab es keine Tabus mehr und ich habe zugeschaut, wie meine Kollegen während der Arbeit eine Line nach der anderen hinter der Bar gezogen haben.

Wenn es an einem Samstag gut lief, haben wir fast 10.000 Euro eingenommen. Ich bat den Barkeeper, einen guten Freund von mir, fünf Bier für die Terrasse zu machen. Er füllte die Gläser, packte das Geld aber nicht in die Kasse. Am Ende des Tages fragst du dich dann, wie viele Bier dir so „durch die Lappen gegangen" sind, während du in den Toiletten deine Kohle zählst.

Ich weiß, dass das schrecklich ist, aber das hat jeder so gemacht und es hat sich auch nicht so angefühlt, als würde man klauen. Wenn jemand so gemein zu seinen Angestellten ist und ihnen so wenig zahlt, dann sorgt man eben selbst dafür, dass man auch genug verdient.

Das Einzige, was der Besitzer gut konnte, war, das Personal richtig zusammenzustellen. Es gab junge und ältere Kellner und Barkeeper: Die Jüngeren haben Studenten und Touristen angezogen, die Älteren hatten einen guten Draht zu den Einheimischen.

Die Arbeit da hat mir echt viel Spaß gemacht, was vor allem an dieser etwas komischen Mischung lag. Während meiner vier Jahre als Kellner war die Bar mein zweites Zuhause. Ich liebte die Stammkunden, die Alkoholiker, die um vier Uhr nachmittags anfingen, sich ein Herrengedeck nach dem anderen, einen Kopstootje, zu genehmigen, bis sie komplett betrunken waren. Am nächsten Tag waren sie zur selben Zeit da und begannen wieder von vorn, man konnte die Uhr nach ihnen stellen. Ich kannte die ganze Nachbarschaft. Irgendwann war es einzige große Party und ich habe gar nicht mehr mitbekommen, wie traurig das alles eigentlich war. Ich weiß nicht, wie viele Nächte ich in der Bar blieb, bis die Putzkolonne kam. Oft war dabei Koks im Spiel und ich habe immer viel getrunken.

Aber die ganzen Jahre über ist niemand dahintergekommen. Die Buchhaltung war miserabel. Irgendwann wurde am Zapfhahn eine Art Zähler installiert. Einer der älteren Kolleginnen war das zu viel. Sie hat immer gratis Bier rausgegeben, das hat Ausmaße angenommen. Manchmal haben wir bei ihr abends etwas getrunken und wollten unsere Rechnung dann auch bezahlen, das wollte sie aber nie. Am Tag, als der Zähler angebaut wurde, hat sie gekündigt.

Insgesamt war das eine ganz schön heftige Zeit. Ich frage mich immer, wie meine Studentenzeit wohl gewesen wäre, wenn ich woanders gearbeitet hätte. Irgendwann habe ich mich auch nicht mehr mit meinen Freunden getroffen, sondern hing die ganze Zeit in der Bar rum

Ob ich mich schuldig fühle? Nur für das, was ich meinem Körper in der Zeit zugemutet habe. Aber nicht für das, was ich meinem Ex-Chef angetan habe.