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zukunft

Was passiert, wenn uns das Essen ausgeht?

In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts werden Kriege nicht um Land oder Öl, sondern um Nahrungsmittel geführt werden.
7.6.14
Photo via Wikipedia

Im letzten Jahrhundert haben wir mehrmals gesehen, was passiert, wenn eine Stadt verhungert. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war Osteuropa mit Hungersnöten biblischen Ausmaßes konfrontiert. Allein die Belagerung von Leningrad im Jahre 1941 hatte zur Folge, dass über drei Jahre hinweg täglich bis zu 1.000 Einwohner verhungerten. Leichen pflasterten die Straßen, und nach zwölf Monaten tauchten erstmals Berichte über Kannibalismus auf. Als die Überlebenden alle Vögel, Ratten und Haustiere aufgegessen hatten, begannen umherziehende Banden anscheinend damit, Menschen zu attackieren und zu essen. Dieses Problem wurde so gravierend, dass die Leningrader Polizei eine Anti-Kannibalismus-Spezialeinheit gründete. Kurz gesagt: Wenn einer Stadt das Essen ausgeht, ist die Kacke sehr schnell am Dampfen.

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Militärische Denkfabriken stufen derzeit die Nahrungsmittelkrise als eine der größten Bedrohungen für die Menschheit ein, mit dem Potenzial, einen weiteren Weltkrieg auszulösen. 2012 haben sich US-Präsident Obama und Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy darauf geeinigt, eine US-europäische Militäreinheit zu schaffen, die sich um den wegen fortlaufender Nahrungsmittelknappheit zu erwartenden globalen Aufruhr kümmern soll. Robert Zoellick, der Präsident der Weltbank, betonte den Ernst der Nahrungsmittelkrise: Zum ersten Mal, seit wir denken können, ist unsere Welt „eine schlechte Ernte vom Chaos entfernt".

Trotz dieser Warnungen sehen wir weiter beim explosiven Anstieg der Weltbevölkerung zu und tun nur wenig dafür, unsere Nahrungsmittelquellen bis ins nächste Jahrhundert zu erhalten. Hier bei VICE haben wir Spaß am Essen und nicht am Krieg um wertvolles Getreide. Deshalb haben wir Julian Cribb, Wissenschaftsjournalist und Autor von The Coming Famine, gefragt, wie Nahrung die Zukunft gestalten könnte.

VICE: In den 70er und 90er Jahren war die Welt mit massiven Problemen bezüglich der Nahrungsmittelnachhaltigkeit konfrontiert. Damals konnten diese überwunden werden. Warum wird es das nächste Mal so viel schlimmer sein? Julian Cribb: Damals gab es noch keine Einschränkungen auf die Größe des Ackerlandes, das man benutzt, oder auf das Wasser, das man für die Bewässerung verwendet. Auch war viel Geld für die landwirtschaftliche Forschung verfügbar. Die Welt veränderte sich nicht so dramatisch, wie jetzt. Im Grunde ist das Verdoppeln der Lebensmittelversorgung für die Menschen sehr viel schwerer geworden, weil die Beschränkungen von Hauptfaktoren wie Wasser und Öl ins Spiel kommen.

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Ist die Nahrungsmittelkrise die unmittelbarste Bedrohung für die Menschheit? Sie ist ganz einfach die größte Bedrohung für die Menschheit. Du kannst darüber streiten, was die unmittelbarste Bedrohung ist, aber wenn wir es nicht schaffen, 10 Milliarden Menschen zu ernähren, haben wir alle viel Ärger am Hals und die globale Finanzkrise und sogar der Klimawandel werden zweitrangig. Städte sind komplett davon abhängig, dass jede Nacht eine Menge LKWs kommen, um die Läden wieder aufzufüllen. Gibt es eine große Treibstoffkrise oder einen Krieg, werden ganze Städte mit 10 oder 20 Millionen Einwohnern verhungern.

Wie genau ist das gemeint? Städte werden zu gigantischen Hungergefängnissen? In den nächsten zwanzig oder dreißig Jahren werden wir Zeuge, wie eine oder mehrere der großen Metropolen wirklich verhungern. Wir alle besitzen Smartphones und man wird es auch im TV sehen. Wir wissen was passiert, wenn eine Stadt verhungert, weil das schon gegen Ende des Zweiten Weltkriegs In Osteuropa passierte. Ich glaube, dass die Welt sehr geschockt sein wird, weil wir uns nicht darauf vorbereitet haben. Unsere Städte sind nicht zukunftsfähig bezüglich ihrer Nahrungsmittelversorgung. Sie sind nicht für ein Abreißen der Nahrungsmittelversorgung bereit.

Sprichst du von bestimmten Städten? Nein, alle sind dem gleichen Risiko ausgesetzt. Alle gehen mit ihren Ressourcen gleich verschwenderisch um. Sie werfen die Hälfte ihrer Nahrungsmittel und ihr ganzes Wasser weg. Fast alle Städte dieser Welt sind extrem gefährlich aufgebaut. Die Einwohner haben keine Vorstellung davon, an welch seidenem Faden ihr Überleben wirklich hängt. Ein Unglücksfall ist früher oder später unvermeidbar und das Essen wird in einer oder mehreren Städten knapp. Und dann werden die Leute sehen, wie einige ziemlich grauenhafte Dinge passieren.

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Wird dies ein langsamer Prozess sein oder kann eine einzelne Begebenheit alles starten? Nun, erst letztes Jahr hat eine große Überschwemmung Bangkok von der Außenwelt abgeschnitten. Solche Ereignisse können innerhalb weniger Tage passieren. Gäbe es einen Arabischen Frühling in Saudi-Arabien, könnte schon morgen das Öl nicht mehr fließen. Die Welt ist ahnungslos und für solche Dinge nicht vorbereitet.

Wenn Nahrung eine noch weiter begrenzte Ware wird, sind Landwirte dann die neuen Ölbarone? Landwirte kontrollieren nicht die Nahrungsmittelversorgung, diese wird weltweit von 20 großen Unternehmen dominiert. Diese Unternehmen bestimmen, was bei dir ankommt. Es handelt sich um Supermärkte, eine kleine Anzahl an Nahrungsherstellern sowie einige wenige sehr große Getreidehandelunternehmen. Sie bestimmen im Grunde den Nahrungspreis auf der ganzen Welt. Sie haben diesen fest im Griff und sind auch mit der Kern des Problems. Landwirte haben quasi keine Mitsprache und verlassen die ländliche Gegend in Scharen, weil die großen Unternehmen sie verarschen.

Seit über einem Jahrhundert hat die Regierung Zuschüsse für die Landwirtschaftsforschung gekürzt. Machen wir es so der nächsten Generation unmöglich, etwas zu verbessern? Ja, in Australien kann man das so sagen. Bei unserer Richtlinie zur Sicherstellung von Nahrung können wir uns auch gleich einen Kopfschuss geben. Wir haben die Denkanstrengungen für Ideen zu nachhaltigeren Nahrungsmittelsystemen halbiert.

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Aber wie kann man erwarten, dass die Leute sich dafür interessieren, wenn sie immer nur volle Regale im Supermarkt sehen? Das Problem ist, dass Supermärkte die Leute von der Realität isolieren. Wenn man etwas isst, dann hat man keine Vorstellung davon, wie viel Erde, Wasser oder Treibstoff gerade konsumiert wird. Wir brauchen ein groß angelegtes Bildungsprogramm, weil im Jahr 2050 die urbane Bevölkerung auf 8 Milliarden Menschen angestiegen sein wird. Wenn die nicht interessiert, wo ihr Essen herkommt, dann senden sie die falschen Marktsignale und fördern Zerstörung anstatt Nachhaltigkeit.

Es wurden Lösungen wie Vertical Farms in Städten, Algenfarmen und Biokulturproduktion in Massen vorgeschlagen. Aber die sind extrem teuer. Gibt es gegenwärtig eine Regierung, die so etwas finanziell unterstützt, auch wenn es gerade kein sehr bekanntes Problem ist? Na ja, die chinesische Regierung kauft auf der ganzen Welt Land, um Biotreibstoffe anzubauen. Sie wissen, dass ihnen eine Öl- und eine Nahrungsmittelkrise bevorstehen. Deswegen investieren sie weltweit und haben Cubbie Station, Australiens größte Bewässerungsfläche, gekauft. Aber die australische Regierung ignoriert die weitreichenderen Folgen. Niemand in Australien hat eine wirkliche Ahnung davon, wie ernst die Sicherstellung von Nahrung bedroht ist.

Haben wir noch die Zeit, das Ganze abzuwenden? Ich kann das Wetter nicht vorhersagen, also kann ich das nicht wirklich beantworten. Aber innerhalb der nächsten zehn Jahre gibt es wahrscheinlich große Wetterkatastrophen, die die Nahrungsmittelpreise steil nach oben treiben werden. Es ist zu spät, etwas gegen die jetzigen Preisanstiege und Probleme zu tun, aber wenn wir damit anfangen, jetzt wieder in Landwirtschaft und Wissen über Nahrung zu investieren, könnten wir noch rechtzeitig Katastrophen innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte verhindern.

Was passiert, wenn wir nicht rechtzeitig handeln? Was passiert, wenn die Bevölkerung nicht länger ernährt werden kann? Die Biologie lehrt uns, dass bei einem starken Anstieg der Anzahl eines Tieres, seien es nun Hasen oder Heuschrecken, diese Anzahl auch wieder stark zurückgeht. Normalerweise geht die Population stark zurück, wenn ein Tier seine Ressourcen überschreitet. Einige Wissenschaftler sagen einen solchen starken Rückgang voraus. Sie sagen, dass am Ende dieses Jahrhunderts noch eine Milliarde Menschen übrig sind. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das eintritt.

Es ist doch nicht möglich, dass 5/6 der Weltbevölkerung verhungern. Die Szenarios, die von den amerikanischen, britischen und skandinavischen Denkfabriken erstellt wurden, besagen, dass eine Reihe von Hungersnöten bevorsteht, die zu Kriegen führen, möglicherweise sogar zu Atomkriegen. Dies beinhaltet auch massive Bevölkerungsverschiebungen, wenn mehrere hundert Millionen Menschen aus den betroffenen Gebieten flüchten. Das sind jetzt nicht nur meine Worte, das sind die Worte der Verteidigungsdenkfabriken aus der ganzen Welt, die realistisch darüber nachdenken, was im späteren Teil dieses Jahrhunderts passieren könnte.

Also gibt es vielleicht einen Weg? Ich fordere die Leute eindringlich auf, diese Dokumente zu lesen, denn sie machen Angst und bringen einen dazu, sein Verhalten zu überdenken.