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ironie

Der Ire mit der Kartoffelallergie

Ich bin Ire und ausgerechnet gegen Kartoffeln allergisch. Sogar Kartoffelwodka macht mich fertig.
26.1.15

Manche von uns müssen in ihrem Leben eine fast schon poetische Ironie ertragen: Ein unmusikalisches Kind von zwei erfolgreichen Musikern. Ein Trampel mit zwei linken Beinen, der „Tänzer" mit Nachnamen heißt.

Ich zähle mich selbst auch zu diesen Opfern, obwohl mein Fall von Ironie weitaus gefährlicher ist. Ich bin Ire und habe eine ernsthafte und vor allem lebensbedrohliche Allergie gegen Kartoffeln. Trotz meines irischen Vornamens, meiner Herkunft und meiner Staatsbürgerschaft ist dieses Knollengemüse für mich wie Gift.

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Es geht hier nicht nur um eine Aversion. Die winzigste Spur von Kartoffeln ruft eine qualvolle Reaktion hervor: ein enger Rachen, Atmenbeschwerden, grausame Krämpfe und starkes Schwitzen. Dadurch musste ich es mir zur peinlichen Angewohnheit machen, einen EpiPen mit mir herumzutragen—oder zumindest eine Packung Diphenhydramin-Tableten.

Ich habe dem Tod schon einige Male an den banalsten Orten tief ins Auge gesehen: Auf einer Sitzbank in einem Diner mit einem Truthahn-Sandwich in der Hand.

Durch diese Allergie ist mir klar geworden, dass Kartoffeln einfach überall sind. Manchmal ist es offensichtlich wie in Chipspackungen, Pommes oder Rösti. Aber sie schleichen sich auch in die überraschendsten Speisen ein. Kartoffelstärke wird oft für Brot und anderes Gebäck verwendet. Außerdem versteckt es sich in abgepacktem Reibkäse, in Crackers, in Suppenbrühe, in Hotdog-Brötchen, in Süßigkeiten, in Füllungen, in Mikrowellen-Snacks und mehr. Während du dein Abendessen genießt, untersuche ich die Zutatenlisten bis aufs kleinste Detail nach irgendeinem Hinweis auf Kartoffelstärke oder bin damit beschäftigt, dem Kellner mit meinen Fragen auf die Nerven zu gehen: „Entschuldigen Sie bitte, sind da Kartoffeln drin?"

Deshalb habe ich dem Tod schon einige Male an den banalsten Orten tief in ins Auge gesehen: Auf einer Sitzbank in einem Diner mit einem Truthahn-Sandwich in der Hand. Bei einem Picknick im Park dank eines trügerischen Hamburger-Brötchens. Der Geruch von frittierten Kartoffeln dreht mir schon den Magen um. Einmal musste ich in die Notaufnahme gebracht werden, nachdem ich ein Käse-Sandwich gegessen hatte.

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Kartoffeln haben mir auch ein bisschen die Romantik aus dem Leben gesaugt. Als Jugendlicher kochte mir meine damalige, wohlwollende Freundin Tortellini zum Abendessen. Erst nachdem wir schon fertig gegessen hatten, lasen wir die Zutaten und gerieten in Panik: „Mit Kartoffelstärke hergestellt."

„Das wird schon gehen", murmelte ich und wankte zur Tür hinaus, weil ich die allergische Reaktion lieber alleine ertragen wollte. Ich glaube, sie hat immer noch einen Schock.

Heute wage ich meine Verlobte nicht einmal zu küssen, wenn sie davor Kartoffeln gegessen hat. Erst wenn sie ihre Zähne geputzt hat. Sogar ein kleiner Kuss könnte fatal sein. Wenn mich ein Feind ausschalten wollen würde, wäre das unglaublich einfach. Alles was man dazu braucht, sind ein kleiner Kartoffelpuffer und Verführungskünste.

Als ich anfing zu studieren, kippte ich einen Wodka-Shot nach dem anderen runter, was mir teuer zu stehen kam. Der Großteil des Abends war mir kotzübel, ich war angetrunken und verwirrt. Ich erinnere mich noch, wie ich zu meinem Freund John sagte: „Ich glaube, ich bin kein guter Trinker." Erst Monate später erfuhr ich, dass manche Wodkasorten tatsächlich aus Kartoffeln hergestellt werden.

Meist gilt, geteiltes Leid ist halbes Leid. Im Falle meiner Kartoffelallergie ist es jedoch eine einsame Geschichte. Gerüchten zufolge bekam meine Urgroßmutter beim Kartoffeln schälen einen Ausschlag, aber sie konnte—wie jeder andere anständige Dubliner—so viel davon essen, wie sie wollte. Bisher habe ich noch niemanden getroffen, der die gleiche Allergie hat. Kartoffelallergien haben nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag.

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Die Allergie ist sehr selten, bestätigt Stephen Taylor, der Mitgründer des Food Allergy Research and Resource Program der University of Nebraska-Lincoln. „Bei den meisten Betroffenen tritt die Allergie bei rohen Kartoffeln auf", sagt er. „Aber es gibt einige wenige Personen, die auf verarbeitete Kartoffeln ebenso reagieren."

Wie gemein auch immer die Ironie sein mag, ich fühle mich trotzdem ein wenig erleichtert. Ich ertrage es lieber hier und jetzt als im Irland des 19. Jahrhunderts. Schon immer habe ich mich gefragt: Wenn ich vor 200 Jahren in Irland geboren worden wäre, wie hätte mein Schicksal ausgesehen?

„Das ist eine Frage der Geographie und des soziales Standes", erklärte mir John Waters, ein klinischer Gastprofessor für Irische Studien an der New York University. Wäre ich in eine wohlhabende Familie in Nordirland geboren worden, hätte ich mich wunderbar mit Hafer und Haferflocken durchschlagen können. Als Unfreier in einem anderen Teil der Insel hätte es ganz anders ausgesehen.

„Wenn du ein armer Bauer am Land oder ein Hilfsarbeiter gewesen wärst, wäre es sehr schwierig für dich gewesen, zu überleben", sagt Waters.

Kerby Miller, ein Geschichtsprofessor an der University of Missouri, der sich auf die irische Immigration spezialisiert, sagt es ein bisschen unverblümter: „Du wärst wahrscheinlich tot. Auch wenn du deine Kindheit und deine Jugend überlebt hättest, wärst du massiv benachteiligt gewesen."

Ein Ire aß damals bis zu 5,5 kg Kartoffeln pro Tag, sagte Miller. Während der Hungernot hätte mir mein Leiden auch nicht unbedingt einen Vorteil verschafft. „Du wärst wahrscheinlich nicht so wohlgenährt und gesund wie deine Nachbarn gewesen. Folglich wärst du schwächer gewesen und früher gestorben", sagte er.

Waters und Miller sind sich einig, dass ich im mittelalterlichen Irland mehr Glück gehabt hätte, bevor die Kartoffel aus Südamerika nach Europa kam. „Du hättest dich hauptsächlich von Milchprodukten ernähren müssen", sagt Miller. „Milch, Butter und Käse."

„Die Iren konsumierten im Mittelalter riesige Mengen Milchprodukte", fügte Miller hinzu. „Dort gab es manchmal auch nur Butter zum Abendessen." Ein Klotz Butter klingt nicht gerade nach einer verlockenden Mahlzeit, aber er würde mich nicht umbringen.