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James Blunt ist der Beweis dafür, dass ihr Social Media nicht trauen könnt

James Blunts Twitter-Game war in letzter Zeit so lit, dass es mich überzeugte, entgegen aller Vernunft sein neues Album anzuhören. Ich habe dabei viel gelernt.

von Nina Damsch
04 April 2017, 12:59pm

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Foto: Imago

Im Battlerap gibt es eine Methode, die ich gerne die "Bunny Rabbit-Strategie" nenne. Die "BRS" bezeichnet das Vorgehen, die eigenen, offensichtlichen Schwächen und wunden Punkte direkt selbst anzusprechen und so als Waffe für den Gegner unbrauchbar zu machen. Seinen Ursprung findet diese Taktik im Film 8 Mile, in dem Eminem als Battlerapper B Rabbit sein finales Battle gegen Papa Doc mittels dieser Strategie gewinnt. Diese Methode ist nicht nur im Battlerap praktisch, um feindliche Angriffe zu vermeiden und Schwächen in deren Gegenteil zu verkehren, sondern auch im echten Leben. Man kann eben viel von Battlerap lernen. Jüngstes Anschauungsexemplar: James Blunt. 

James Blunt hat keinen besonders guten Ruf. Im Gegenteil. Er gilt unter vielen Musikfreunden als fürchterlicher Musiker, sein Hit "You're Beautiful" als Hymne aller Menschen, die Musik hassen und ein Outing als James Blunt-Fan verpasst einem automatisch den Scharlachroten Buchstaben des schlechten Geschmacks. James Blunt weiß das und hat scheinbar auch das ein oder andere mal 8 Mile gesehen. Denn für die Promophase seines neuen Albums The Afterlove hat er sich – metaphorisch gesprochen – einmal kräftig auf den Hoodie gekotzt, ist auf die Bühne im Shelter gestiegen und hat aus voller Brust "Fuck the free World" gebrüllt. James "B" Blunt Rabbit ist geboren und fickt das Twitter-Game kaputt. 

Alles begann mit dieser simplen, dennoch ungewöhnlichen Album-Ankündigung auf Twitter. Mit Selbstironie und einer gewissen "Ich gebe keinen Fick"-Haltung hat sich James Blunt seitdem in mein Herz getwittert. Das beginnt bei der Selbstbeschreibung in seiner Bio ("Cockney rhyming slang for the good stuff; Proof that one song is all you need") über den oben erwähnten ersten Promomove bis hin zu den Tweets, die seither folgten. James Blunt ist irgendwie cool geworden

Und er hört eindeutig Battlerap. 

Boom! Ich war so beeindruckt von Social Media-James, dass ich bereit war zu vergessen, was ich bisher dachte über ihn zu wissen, und hörte mir The Afterlove an. Dabei wurden mir einige Dinge klar. 

1. Social Media ist nicht das echte Leben

Ist James Blunt doch nicht plötzlich ein ziemlich cooler Kerl geworden, sondern bin ich einfach auf eine gut durchdachte Promostrategie reingefallen? Vielleicht. Vielleicht ist James Blunt aber auch tatsächlich ein ziemlich cooler Kerl. Wer weiß. Jedenfalls bedeutet das aber nicht, dass seine Musik plötzlich auch cool ist. Denn das ist sie nicht. Um es genauer zu sagen: Es ist nach wie vor ein Zugeständnis schlechten Geschmacks, James Blunts Musik zu mögen und wer mir nicht glaubt, der höre sich "Don't Give Me Those Eyes" an. 

Wie sich jemand auf Social Media präsentiert und wie diese Person im echten Leben ist, muss nicht unbedingt deckungsgleich sein. Weiß eigentlich jeder, ist trotzdem gut, in gewissen zeitlichen Abständen immer mal wieder daran erinnert zu werden. Danke dafür, James. 

2. Man kann trotzdem James Blunt cool finden

Es ist absurd. Ich musste mir bei "California" kapitulierend die Kopfhörer von meinen Ohren reißen,  und trotzdem blieb dieses Gefühl in mir bestehen. Auch wenn James Blunt meine Ohren gerade sanft, liebevoll und gewaltsamer Zurückhaltung geschändet hatte, mochte ich ihn irgendwie immer noch. Eine Art musikalisches Stockholm-Syndrom vielleicht? 

3. Machen elektronische Synths á la Diplo James Blunts Musik besser und weniger kitschig?

Nein. 

4. Akzeptiere deine Schwächen und du wirst ein besserer Mensch

Vermutlich die wichtigste Erkenntnis: James Blunts Musik ist für Musikliebhaber immer noch das Haar in der Suppe, der Stein auf dem Weg, der Döner fressende Tourist in der S-Bahn. Dennoch ist er mit The Afterlove auf Platz 3 der weltweiten iTunes-Charts einstieg, viele Fans (und Leute, die sich nicht trauen, es zuzugeben) lieben das Album und er verdient einen Haufen Geld damit. Und zeigt allen, die etwas daran zu meckern haben, vermutlich den Mittelfinger. So auch uns. Und dafür feiern wir ihn. Denn so läuft Battlerap, wie Savas uns bereits lehrte: "Rap zieht mit sich, dass du irgendwann allein bist/ Und dass jeder Mensch der findet, dass du Scheiße rappst, dein Feind ist". Das gilt auch für Popmusik. 

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