Safer Use

Was RTL beim Jenke-Experiment verschwiegen hat, erklärt jetzt der begleitende Drogenforscher

Wir haben mit Dr. Henrik Jungaberle gesprochen, der Jenke von Wilmsdorff bei seinem Trip begleitet hat.

von Philipp Kutter
08 September 2016, 4:00pm

Dr. Henrik Jungaberle hat Jenke von Wilmsdorff bei seinem LSD-Trip begleitet. Screenshot: RTL Mediathek “Das Jenke-Experiment.”

Foto: Screenshot: RTL Mediathek "Das Jenke-Experiment"

Es muss schon lange her sein, dass eine Fernsehsendung derartig kontrovers diskutiert wurde, wie das Jenke-Experiment in den letzten Tagen. In der ersten Folge der viertel Staffel sieht man den RTL-Reporter, wie er LSD, Speed, Ritalin und (wohl vermeintlich) MDMA nimmt. Das Tempo ist rasant, über die einzelnen Substanzen erfährt der Zuschauer nur wenig. Es dominiert ein veraltetes Bild von Drogen, in dem nicht zwischen den einzelnen Substanzen differenziert wird. Der Zuschauer lernt mehr über den aktuellen Journalismus und das Privatfernsehen als über Drogen.

Bei seinem LSD-Trip wird Jenke von Wilmsdorff von zwei Experten begleitet. Zum einen von Prof Dr. Volker Auwärter, einem Toxikologen aus Freiburg. Zum anderen von Dr. Henrik Jungaberle. Er ist Präventions- und Drogenforscher, beschäftigt sich damit, wie ein integrer und integrativer Umgang mit psychoaktiven Substanzen gestaltet werden kann und wie man die negativen Auswirkungen von Alkohol und anderen Drogen vermeiden oder minimieren kann. Ihn interessiert auch wie man den Einfluss von Drogen auf die Gesundheit von Menschen wissenschaftlich erfassen kann. Zu dem Themenkomplex hat er mehrere Bücher geschrieben. Am Abend der Ausstrahlung veröffentlichte Dr. Jungaberle sein zweites von insgesamt drei Statements über seine Perspektive auf das Jenke-Experiment.

THUMP sprach mit ihm über seine Sicht des Jenke-Experiments, oberflächliche Inszenierungen und das weitestgehende Versagen des Journalismus in der Drogenberichterstattung.

Dr. Jungaberle, wie kam ihre Teilnahme an der Sendung zustande?
RTL hat mich aufgrund des Buches „High sein: Ein Aufklärungsbuch" kontaktiert, das ich gemeinsam mit Jörg Böckem verfasst habe. Sie haben mich dann gefragt, ob ich Jenke bei einem Experiment mit LSD begleiten wolle. Der ursprüngliche Plan war, dass das LSD-Experiment in einem Party-Kontext stattfinden sollte, ähnlich wie das mit MDMA/MDAI. Ich habe dann darauf gedrängt, ein anderes, introspektives Setting zu wählen. Ein ruhiger gestaltetes, kontrolliertes. RTL hat sich dann nach langem Hin und Her darauf eingelassen. Ich glaube aber, dass sie gar nicht verstanden haben, warum. Der Redaktion fehlt das Verständnis für Begriffe wie Set-und-Setting, Safer Use oder Harm Reduction.

Wie wurde das Ziel des Experiments formuliert? Was hat man ihnen vorher gesagt?
Ich würde im Nachhinein sagen, dass das Ziel war, Jenke in möglichst krassen, aufsehenerregenden Situationen darzustellen. Mir gegenüber wurde am Anfang kommuniziert, dass eine differenzierte Darstellung von Drogen angestrebt wird. Ich fand Jenkes Cannabis-Experiment viel differenzierter.

Wie sehen sie den LSD-Trip? Bleibenden Eindruck beim Zuschauer haben vor allem die Szenen im Freien hinterlassen. Zuerst hält Jenke Sie für seinen Sohn, später hat er einen paranoiden Moment, in dem er ihnen und dem Toxikologen Prof. Dr. Auwärter kurzzeitig nicht mehr traut.
Jenke war meilenweit von einem Horrortrip entfernt. Er hatte eine gute und tiefe psychedelische Erfahrung, bei der es um sein persönliches Netzwerk von Beziehungen, sein Verhältnis zur Natur und seine weitere Lebensplanung ging.
In dem jetzigen Schnitt sieht man noch jede Menge von den positiven Erfahrungen. Ruhiges Sitzen, Liegen und nach Innen schauen. Aber die zwei kurzen negativen Episoden wurden hervorgehoben.
Die erste Szene, in der er diese Verkennung hat und mich für seinen Sohn hält, ging ein oder zwei Minuten. Durch einfache menschliche Anteilnahme—in die Augen schauen und ihn berühren—ist die Verkennung wieder verschwunden. Im Voice Over der Sendung hat er diesen Moment dann geglättet durch die Formulierung „mein Sohn in mehreren Jahren". Intensive Anteilnahme ist eine typische Regel für Tripsitting und Safer Use. Der andere kriegt das Gefühl, dass man seinen Prozess nachfühlen kann und für ihn da ist. Dann verschwindet die Angst. Das ist kein Drama, kein wirkliches psychopathologisches Erlebnis.

Und die zweite Szene?
Die Paranoia ging ebenfalls nur zwei oder drei Minuten. Volker Auwärter und ich sind der Auffassung, dass sie durch die Anstrengung des Spazierens befördert wurde.
Das mit Jenke vereinbarte Ziel war schon, neben der nach innen schauenden Erfahrung eine Naturbegegnung zu ermöglichen. Ich hatte zusätzlich den Eindruck, dass die Kamera eine sehr große Rolle für ihn gespielt hat. Denn die verstärkt immer ein inneres Beobachter-Ich, das dann auch mal misstrauisch entgleisen kann.

Dr. Henrik Jungaberle: „Jenke war meilenweit von einem Horrortrip entfernt."


Der Moment, in dem Jenke dann wegrennt, wirkte auf viele Zuschauer gespielt.
Die Frage habe ich mir in dem Moment auch gestellt. Im Dialog mit ihm und Prof. Auwärter hab ich aber gemerkt, dass es nicht gespielt war. Es war auf jeden Fall ein authentischer LSD-Trip. Er hat eine Dosis von 200 Mikrogramm eingenommen, was nicht wenig ist, sondern im mittleren Bereich liegt. Jenke hatte auch kleine Momente der Ego-Auflösung, die für ihn aber faszinierend waren. Da kamen solche Aussagen wie „Wenn das die Menschen wüssten..." oder „Wenn ihr sehen könntet, was ich jetzt sehe...".
Die Sorge der Regie war allerdings, dass man nicht genug sehen würde. Es ging ihnen also darum, Action zu produzieren. Im Zusammenschnitt wirkt der LSD-Trip natürlich trotzdem ruhig, verglichen mit den anderen Experimenten.

War das Setting nicht generell etwas schwierig?
Der Ort war hervorragend. Die Vorbereitung von Jenke war aber mehr als suboptimal. Ich hatte den Eindruck, dass er vorher keine Texte über LSD gelesen hat. Nicht mal die Seiten aus „High Sein: Ein Aufklärungsbuch", die ich allen Beteiligten als Minimum empfohlen hatte. Wer wissen will, was wirklich passiert ist, kann das hier nachlesen.

Jenke sagt am Ende des Trips, dass er viel über sich gelernt habe. Doch dann kommt wenige Sekunden später ein Schnitt und es wird eine negative Szene mit den drei Menschen mit Tiermasken gezeigt. Es wirkt so, als dürfte nichts Positives stehen bleiben.
Genau. Das ist der wesentliche Unsinn und die Verschleierung, die die Redaktion im Schnitt erzeugt hat. Nachdem er sagte, dass er viel über sich gelernt habe, hat er noch einen andere Satz gesagt. Der wurde aber gelöscht, offiziell wegen Bedenken mit dem Jugendschutz.

Was sagt er?
„Das war eine gewaltige Erfahrung. (...) Das ist eine hochspannende Erfahrung." (Hier der Link zum ganzen Zitat). Diese Einschätzung durfte aus Sicht von RTL nicht stehen bleiben.

Positive Momente gingen im Jenke-Experiment unter. Screenshot: RTL Mediathek "Das Jenke-Experiment."

Es wurde auch nicht erwähnt, dass es in den letzten Jahren vielversprechende Forschungen zu LSD im psychotherapeutischen Bereich gab.
Richtig. All das habe ich aber im Vorfeld deutlich gemacht. Nicht zuletzt, weil ich auch daran beteiligt war, diese Sachen in Deutschland anzuschieben und zu publizieren. Das einzige, was sie am Anfang des Trips reingeschnitten haben, war meine Aussage, dass LSD Psychosen auslösen kann. Allerdings war das eine von sehr vielen Aussagen. In der Vorbereitung haben wir über das Setting, die innere Einstellung und das Loslassen gesprochen. Diese Aspekte wurden durch den Schnitt aber ausradiert.

Generell wirkt das Konzept der Sendung sehr zweifelhaft.
Ich habe der RTL-Redaktion vorher mehrfach gesagt: „Ihr macht zu viele Experimente. Wo ist der rote Faden? Was ist die präventive, kulturelle oder politische Botschaft?" Das wurde ignoriert. Man hätte fünf Sendungen machen können, um den einzelnen Substanzen gerecht zu werden. Das ist ein wesentliches Versagen von RTL. Sie haben hier eine wirre Abfolge von Szenen zusammengeschnitten, ohne Tiefe. Auch RTL hat einen Bildungs- und Präventionsauftrag.

Die Sendung wirkt selbst wie im Rausch. Hier die eine Droge, dann mal schnell die andere.
Die Regieassistenz hat mich nach der Ausstrahlung des Experiments angerufen. Die waren wie betrunken von den 24 % Zuschauerquote, die sie hatten. Ich war nicht naiv und habe nicht gedacht, dass RTL eine Arte-Sendung macht. Aber ich habe erwartet, dass RTL an ein paar Stellen differenzierend darauf hinweist, dass nicht alles, was schlecht läuft in der Welt, mit Drogen zusammenhängt. Bei Jenkes Experiment mit Cannabis wurde das zum Beispiel gemacht.

Ist die Darstellung von Drogen in dem Jenke-Experiment ein Spiegelbild der Mehrheitsmeinung in Deutschland? Drogen sind böse, ihr Konsum wird moralisiert und man versucht nicht einmal, den Menschen dahinter nachzuvollziehen.
Es gibt ein großes Manko im Kenntnisstand von Jugendschutzbeauftragten und Journalisten, was Drogenberichterstattung angeht. Ich habe in den letzten zwei Jahren mehrfach erlebt, dass Menschen über Drogen schreiben, die das noch nie gemacht haben. Viele nehmen dann den einfachsten Weg, das althergebrachte Erschrecken zu produzieren (Scare Tactics). Das spricht für eine massive Ahnungslosigkeit und Unstrukturiertheit in der Bildung dieser Journalisten. Die haben keine Vorstellung davon, wie man in einer wissenschaftlich begründeten und verantwortungsvollen Weise über Drogen spricht. Das Zurückkippen in die primitiven Botschaften ist immer noch vorhanden. In den letzten zehn Jahren hat sich daneben aber auch eine hochwertige Drogenberichterstattung entwickelt. Sendungen wie Scobel auf 3Sat zum Beispiel oder die Rausch-Doku, die vor kurzem im ZDF lief. Es gibt viel Mut, Drogen anders darzustellen, sie nicht mehr moralisch-religiös wegzudenken, weil sie nicht sein sollen.

Wie müsste eine angemessene Drogenpolitik aussehen?
Es müsste eine komplette Entkriminalisierung des Konsums etabliert werden, ähnlich dem portugiesischen Modell. Wer eine—vielleicht schlechte, vielleicht gute—Gesundheitsentscheidung trifft, ist kein Verbrecher. Ich hatte der RTL-Redaktion übrigens auch vorgeschlagen, Jenkes Interview mit Dr. João Goulão, Chef des Anti-Drogen-Programms in Portugal, in die Sendung aufzunehmen. Dieser hat die erfolgreiche liberale portugiesische Politik wesentlich mitgestaltet. Leider kam es nur auf die Homepage von RTL.
Entkriminalisierung heißt aber natürlich nicht: Drogen im Supermarkt oder megakapitalistische Vermarktung von Cannabis, an der eine kleine Gruppe von Investoren dann genauso verdient wie an Zahnpasta.. Das wäre fatal, weil so kein Jugendschutz, kein Schutz von psychisch erkrankten Menschen und unerfahrenen Konsumenten gewährleistet werden kann. Vorstellbar sind Fachgeschäfte mit einer hohen Zugangsschwelle. Dort sollten dann aus den wesentlichen Substanzklassen (z.B. Stimulanzien und Psychedelika) ein oder zwei Substanzen legal erworben werden können—jene, die am risikoärmsten sind. Alle anderen, risikoreicheren würden im illegalen Bereich bleiben.
Zugleich sollte man sich aber bemühen, durch den Fortschritt der Wissenschaft für jede Substanzklasse zunehmend ungefährlichere Substanzen zu entwickeln, die weniger Suchtpotential oder Neurotoxizität haben. Substanzen, die weniger „dirty" im ganzen Gehirn wirken, sondern spezifisch und für die wir deshalb auch Antidote haben, die bei Vergiftungen zielgerichtet eingesetzt werden können, um Menschenleben zu retten. Wenn man akzeptiert, dass sich der Konsum nicht verhindern lässt und die schädliche Illusion einer drogenfreien Welt aufgegeben hat, sollte dazu übergegangen werden, die besten Forscher auf die Entwicklung von solchen Substanzen anzusetzen. Auch im Interesse der öffentlichen Gesundheit.

Eine letzte Frage: Hat Jenke nun MDMA oder MDAI genommen?
Ich war nicht dabei, aber ich gehe davon aus, dass es MDAI war.

Weil die Dosis viel zu hoch ist?
250mg MDMA sind eine viel zu hohe Dosis, um sich das auf einen Schlag ins Gehirn zu brennen. Besonders für jemanden, der—wie Jenke—noch nie ein Entaktogen probiert hat. Vergleichen wir es mit der Dosis, die von Ärzten in den aktuellen amerikanischen Therapiestudien zur Behandlung von Traumapatienten eingesetzt werden: 80mg, 100mg, 125mg. Und die niedrigen Dosen scheinen viel besser zu funktionieren.

Klar gibt es Leute in der Party-Szene, die noch viel höhere Dosierungen zu sich nehmen. Aber aus Sicht von Safer Use ist das unvertretbar. Und auch für MDAI ist das eine hohe Dosierung.

*

Dr. Henrik Jungaberle hat mehrere Bücher veröffentlicht. Am bekanntesten ist vermutlich „High Sein. Ein Aufklärungsbuch", das auch für Menschen ohne medizinisches Fachwissen verständlich ist. Das „Handbuch Psychoaktive Substanzen" geht dagegen mehr in die Tiefe. Wer sich einen Überblick zum Forschungsstand von Therapien mit psychoaktiven Substanzen verschaffen will, kann das mit Therapie mit psychoaktiven Substanzen. Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA" tun.

Folge THUMP auf Facebook und Instagram.