All photos courtesy of Giulia Bianchi

Katholische Priesterinnen und ihr Kampf um spirituelle Gleichberechtigung

Über die letzten vier Jahre hinweg hat die Künstlerin Giulia Bianchi Frauen fotografiert, die sich gegen das Verbot der römisch-katholischen Kirche stellen und sich zu Priesterinnen weihen lassen.

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17 Juni 2016, 7:20am

All photos courtesy of Giulia Bianchi

Vergangenen Monat war Rom mit Plakaten gepflastert, die Fotos von katholischen Priesterinnen zeigten. Die Aktion war Teil einer Kampagne, die sich gegen das Verbot der Priesterweihe von Frauen in der katholischen Kirche einsetzt. Die Fotos stammen von Giulia Bianchi, die die letzten vier Jahre damit verbracht hat, das Herz der verbotenen Priesterinnenbewegung zu erforschen. 2013 traf die Fotografin Diane Dougherty, die ihre Priesterweihe von der Vereinigung römisch-katholischer Priesterinnen empfangen hat—und umgehend von der katholischen Kirche exkommuniziert wurde. Doch Doughertys Geschichte war nur der Beginn von Bianchis Reise. Seither hat sie über 70 Frauen getroffen und fotografiert, die sich als Priesterinnen für die spirituelle Gleichberechtigung einsetzen.

Bianchi selbst ist aus der katholischen Kirche ausgetreten, da sie der Dogmatismus der Kirche und die allgegenwärtige Schuldfrage desillusioniert haben. Eine Gruppe wie diese zu treffen, hätte sich die Künstlerin nicht vorstellen können. Die Priesterinnenbewegung, erklärt Bianchi, nimmt alle „umherirrenden Katholiken" mit offnen Armen auf—darunter auch viele Angehörige der LGBTQ-Bewegung. Die Priesterinnen vereinen liberalen Feminismus mit Priesterseminaren und Missionsarbeit. Ihre Liturgie lässt die Erbsünde außer Acht und sieht Gott als geschlechtsloses Wesen beziehungsweise Mutter und Vater. Sie predigen Inklusivität und beziehen sich mit dem Wort Jungfrau auf Frauen, deren Moral intakt ist—ganz unabhängig von ihrem Jungfernhäutchen.

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Das Projekt ist Teil von Bianchis Versuch, die Widersprüchlichkeit von Religion in der modernen Gesellschaft zu dokumentieren. Ihr fortlaufendes Buchprojekt A Lesser Geography of the Holy Land betrachtet Jerusalem und das Westjordanland als psychologischen und geografischen Schauplatz religiöser Unterschiede und Konflikte, die Bianchi in fesselnden, sensiblen und sehr persönlichen Bildern festhält. Wir haben mit der Künstlerin über die Schnittstelle zwischen Feminismus und Religion gesprochen und sie gefragt, welche Rolle ihre persönliche Geschichte bei dem Projekt gespielt hat.

New York, 2015. Denise Menard Davis besucht derzeit das Priesterseminar und macht ihren Abschluss in Theologie in New Mexico.

Broadly: Wie hast du von der Bewegung der Priesterinnen erfahren?
Giulia Bianchi: 2012 habe ich in New York gelebt und habe mich mit den verschiedenen Gruppen der modernen feministischen Bewegung beschäftigt. Ich habe Briefe quer durch die USA geschrieben, um Frauen zu finden, die in den Bereichen Kunst, Religion und Politik tätig waren. Ich wurde nach Atlanta eingeladen, um die Gruppe von Diane Dougherty, einer irisch-amerikanischen Frau um die 70, zu besuchen. Sie bezeichnete sich selbst als römisch-katholische Priesterin und ich wusste ziemlich genau—weil ich in Italien aufgewachsen bin—, dass es so etwas, wenn es nach dem Vatikan geht, nicht geben kann.

Diane war eine ehemalige Nonne, die exkommuniziert wurde, weil sie sich zur Priesterin weihen ließ. Das hat mich interessant—dieser Wandel von Ungehorsam zu Stärke. Was nur als kurzer Besuch geplant war, hat sich zu einem Roadtrip mit Diane entwickelt, um weitere Priesterinnen zu besuchen: Wir reisten mit dem Auto von Atlanta nach Kentucky und mir wurde klar, wie wichtig feministische Spiritualität war. Später bin ich nach Südamerika gereist, um auch die dortige Priesterinnenbewegung zu besuchen. Ich habe in den letzten vier Jahren mehr als 70 Priesterinnen getroffen und reise jetzt durch Europa, um zu dokumentieren, wer sie sind und was sie machen.

Mittlerweile zählt die Bewegung der römisch-katholischen Priesterinnen mehr als 215 geweihte Priesterinnen und zehn Bischöfinnen und weltweit wächst die Zahl.

Sarasota, Florida, 2015. Bridget Mary Meehan ist seit 2009 Bischöfin. Heute ist sie in der inklusiven katholischen Gemeinde Mary Mother of Jesus in Florida tätig.

Spricht die Priesterinnenbewegung auch über die Geschichte sexueller Gewalt innerhalb der katholischen Kirche? Ist das ein Thema?
Ja, das tun sie und sie verurteilen es ganz offen. Über Pädophilie in der Kirche wird auch im Hinblick auf die anderen Fehler der Kirche gesprochen. Vater Roy Bourgeois wurde exkommuniziert, nachdem er 2008 an einer „unzulässigen" Priesterweihe teilgenommen hatte (unzulässig, weil die Person, die zum Priester geweiht wurde, eine Frau war) und er wies darauf hin, dass viele Priester, die der Pädophilie bezichtigt wurden, nicht exkommuniziert wurden. Was die Leute fordern ist eine Rechenschaftspflicht, die von der Spitze der katholischen Kirche ausgeht, Wahrhaftigkeit und einen Wandel des Systems.

An welchen anderen Formen von Aktivismus oder sozialer Arbeit beteiligen sich die Priesterinnen?
Viele Priesterinnen sind Mitglied von One Billion Rising [eine Kampagne, die sich für das Ende von Gewalt gegen Frauen einsetzt], UN-Beraterinnen, Missionarinnen, Vertreterinnen der LGBTQ-Rechte usw. Sie setzen sich insbesondere gegen Krieg und Gewalt ein. Aktivismus steht oft in Verbindung mit Missionsarbeit. Blanca Cecilia Santana Cortés aus Kolumbien beispielsweise arbeitet mit Sexarbeitern und afrokolumbischen Frauen, die in extremer Armut leben, zusammen. Sie sorgt nicht für sie, wie es eine Wohltätigkeitsorganisation tun würde, sondern lehrt sie, freie, feministische Menschen zu sein und für ihre Rechte zu kämpfen. Sie bringt ihnen bei, wie man arbeitet und für seine Familie sorgt. Sie zeigt ihnen nicht wie man christlich ist, sondern wie man wie Christus ist.

Eines des Plakate der Kampagne #ordainwomen in Rom.

Viele der frauengeführten Kongregationen stehen Geschiedenen, Homosexuellen und Transgender offen—also Menschen, die von der katholischen Kirche ausgeschlossen werden. Warum, denkst du, sind sie offener als die Kirche?
Die Priesterinnen glauben an die radikalste Auslegung der Evangelien. Jesus hat niemanden aus seinem Leben ausgeschlossen und auch sie schließen niemanden vom Abendmahl aus. In ihrem Verständnis ist Gott (nicht nur der Vater) reine Liebe. Sie verkörpern liberale feministische Lehren innerhalb des Katholizismus, predigen bedingungslose Inklusivität und die ausnahmslose Gleichstellung von Minderheiten. Das erste Mal, als ich zu einer Messe von einer Priesterin ging, habe ich bemerkt, dass ihre Liturgie zwar katholisch war, sich die Messe jedoch in bestimmten Punkten unterschied: Sie sprechen nicht von der Erbsünde und wenn sie über Gott reden, sagen sie Mutter und Vater beziehungsweise verwenden genderneutrale Begriffe.

Wurde eine der Frauen seit ihrer Priesterweihe schon mal in irgendeiner Form bedroht?
Soviel ich weiß, haben die Frauen noch keine direkten gewalttätigen Gegenreaktionen erlebt, doch sie bekommen—genau wie ich—oft Hass-Mails von Fremden.

Der Vatikan glaubt, dass die Priesterweihe von Frauen ein schlimmes Verbrechen ist. Es gab sogar einen Erlass, der besagt, dass jeder, der an der Weihe einer Priesterin teilnimmt, automatisch exkommuniziert wird. 2010 hat der Vatikan die Priesterweihe von Frauen auf dieselbe Verbrechensstufe gestellt wie pädophile Straftaten von Priestern. Dennoch gibt es tausende katholische Priester, die des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurden, jedoch nicht exkommuniziert wurden.

Wegen dem Verbrechen, an der Priesterschaft von Frauen beteiligt zu sein, haben Mitarbeiter der katholischen Kirche schon oft ihren Job verloren. Pastoralhelfer, Professoren, Geistliche, Krankenschwestern und sogar Nonnen haben ihre Renten, ihre Unterstützung und ihre Wohnung verloren, die sie von einer der katholischen Organisationen erhalten haben—darunter auch Schulen und Krankenhäuser. Sie dürfen keine Sakramente mehr empfangen und dürfen auch nicht neben ihren Familien auf einem katholischen Friedhof beerdigt werden.

Buenaventura, Colombia, 2015. Selina ist Krankenschwester. Als sie an Tuberkulose erkrankt ist, wurde von der Priesterin Blanca Cecilia Santana Cortés unterstützt.

Halten sich die Frauen wie die männlichen Priester auch an das Zölibat? Oder dürfen sie Familien haben?
Die Priesterinnen glauben, dass das Zölibat für jeden Menschen optional sein sollte. Niemand kann dazu gezwungen werden, ohne dass es zu psychologischen oder sozialen Problemen führt. Das konnten wir ja bereits in der Kirche beobachten. Viele Frauen in der Bewegung waren früher Nonnen und haben sich für das Zölibat entschieden, aber es ist ihre freie Entscheidung.

Ich habe mit den Frauen auch viel über Sexualität unterhalten und dabei viele meiner Vorurteile verloren. Eine der ehemaligen Nonnen, die sich für das Zölibat entschieden hat, hat immer wieder betont, wie wichtig es ist, sich mit seiner Sexualität auseinanderzusetzen. Sie hat mir Ratschläge gegeben, wie ich in meinem Körper präsenter sein und wie ich besser masturbieren könnte.

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Wie entstehen die Porträts von deinen Modellen?
Der Kurator und Kritiker John Szarkowski schrieb: „Ein Porträt ist der Streit zweier Absichten über die Kontrolle der Seele des Modells." Diese Vorstellung wurde auch von anderen Kollegen immer wieder bestätigt, weil etwas Wahres in dieser Aussage steckt. Dennoch bin ich an jedes Porträt anders rangegangen, als eine Art Zusammenarbeit. Ich möchte intime Porträts erschaffen. Dafür habe ich meine Kamera oft in den Schlafzimmern oder den Küchen der Frauen, die ich fotografiert habe, aufgestellt. Ich versuche, die Person vor mir zu verstehen: Ich erzähle ihr von meiner Intuition als Fotografin und sie sagt mir, was sie über die Fotos denkt.

Als dokumentarische Fotografin wandere ich immer auf dem schmalen Grat zwischen der Schilderung der Wirklichkeit und meinen persönlichen Eindrücken. Was ich festhalte, ist der plötzliche, flüchtige Blick durch die Vorstellungen in meinem Kopf—die Spannung zwischen Gedankenwelt und der echten Welt, eine Begegnung zwischen Vorstellung und der Realität.

Atlanta, Georgia, 2013. Gabrielle ist eines der transgender Mitglieder der First Metropolitan Community Church in Atlanta, die alle „umherirrenden Katholiken" aufnimmt.

Du bist selbst keine praktizierende Katholikin. Wie ist deine Beziehung zur Kirche? Wie haben die Frauen, die du interviewt hast, darauf reagiert?
Ich bin in den 80ern im katholischen Italien groß geworden. In jedem Klassenzimmer hing ein Kruzifix. Mit 9 habe ich meine erste heilige Kommunion erhalten: Ich habe mich angezogen wie eine Nonne, nur in weiß, mit einer großen Lilie in den Händen.

Wenn man—so wie ich—katholisch erzogen wurde, dann bedeutet gläubig sein gleichzeitig immer auch, dass man ein schuldiger Sünder ist. Meine philosophischen und wissenschaftlichen Fragen wurden von keinem Pfarrer beantwortet. Mit 17 entschied ich, dass ich die Kirche mit ihren Dogmen und Riten für ignorante Menschen und auch die Vorstellung von Gott hasste. Stattdessen habe ich meine Spiritualität im Buddhismus und in der Kunst ausgelebt. Durch die Priesterinnen bin ich wieder mit dem Katholizismus und meiner Geschichte in Dialog getreten. Keine der Frauen hat versucht, mich zu bekehren. Sie haben keine Stempel oder Schubladen für Spiritualität. Dorothy Shugrue, eine furchtlose, 77-jährige Irin, hat mir mal gesagt: „Giulia, gib deinen alten Geschichten eine neue Bedeutung. Die alten Geschichten sind so gut." Und das versuche ich.

Jerusalem, Israel, 2014. Eine Gruppe von Nonnen am Eingang der Grabeskirche in Jerusalem.

Was willst du mit deinem Projekt bewirken?
Ich möchte, dass Leute über Sexismus in unserer Gesellschaft und in der Religion sprechen. Ich möchte ihnen neue positive Wege zeigen, um die Werte von Frauen zu fördern und die Kirche zu verändern. Dieser gemeinsame Kampf verbindet die Frauen aller großen Religionen. Ich habe beschlossen, die Bewegung der katholischen Priesterinnen zu dokumentieren, weil ich zum einen eine persönliche Verbindung zu dieser Geschichte habe, aber auch, weil ich hervorheben möchte, wie wichtig ziviler und religiöser Ungehorsam ist.

Nablus, Palestine, 2013. Ein palästinensisches Mädchen in einem der Flüchtlingslager in Nablus.

Nablus, Palestine, 2014. Zeina Ramadan trägt ihr Hochzeitskleid.

"Ich habe einen Altar gebaut", Jerusalem, Israel, 2013.