Drogen

Menschen erzählen, wie sie beim Klauen erwischt wurden

"Die Überwachungskamera nahm deutlich auf, wie ich auf dem Fußboden hockend Schokolade aß und die leeren Verpackungen auffällig unauffällig zurück ins Regal legte."
10.5.17

"Ich nehm dir alles weg", rappt Haftbefehl in seinem gleichnamigen Song – das ist zwar alles etwas zugespitzt und gangsterlastig, aber glaubt man Statistiken, klaut jeder Deutsche jährlich immerhin Sachen im Wert von insgesamt 26 Euro. Ein frühkindlicher Ausrutscher, der den Barbie-Schuh meiner Freundin unbeholfen auffällig in meiner Latzhose verschwinden ließ, markiert zumindest bei mir den Auftakt. Eine Barbie braucht halt immer (mindestens!) zwei Glitzerschuhe. Andere Kids klauten Billigschmuck, Süßigkeiten im türkischen Lebensmittelladen und diese billigen Handybaumelfiguren, die damals alle hatten, aber niemand kaufen wollte. Die ganz Harten organisierten echte Raubzüge mit ihren Freunden, bei denen Autos aufgebrochen oder halbe Lagerhallen leergeräumt wurden.

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Fast alle Personen aus meinem Bekanntenkreis, die ich nach ihren mehr oder weniger gelungenen Diebstahl-Erfahrungen gefragt habe, konnten mir – ohne lange zu überlegen – eine passende Anekdote aus ihrem vergleichsweise kurzen Leben erzählen. Die Schwester einer Freundin chauffierte beispielsweise massenweise DVD-Player aus dem Lager eines Elektromarkts. Eine andere Bekanntschaft brach als Teenager einen Sommer lang Embleme von teuren Autos. Und wiederum ein anderer stahl auf dem Pausenhof die richtig krassen Yu-Gi-Oh!-Karten, verkaufte sein meisterhaftes Deck an den verhassten reichen Jungen aus der Nachbarklasse, und klaute sich die ganzen Karten anschließend aus der Jackentasche seines "Kunden" zurück.

Aber nicht immer geht Klauen so "gut" aus: 2.373.774 Diebstähle wurden 2016 polizeilich erfasst – allein 355.972 davon wurden in Läden begangen. Wenn es blöd läuft, kann allein ein teurer Ladendiebstahl mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Zwar machen Inventurdifferenzen – die auch Verluste durch Diebstähle umfassen – laut einer Studie des EHI Retail Institutes nur ein Prozent des Gesamtumsatzes im deutschen Einzelhandel aus und tun (um es mal aus einer stark antikapitalistischen Perspektive zu betrachten) niemandem weh.

Aber wir wollen euch auch gar nicht mit dem Strafgesetzbuch (oder gar der Bibel!) auf die Finger hauen. Wir erzählen euch zur Abschreckung lieber ein paar Geschichten, in denen der Versuch, etwas zu klauen, richtig schön daneben ging:

Bettina*, 24

Ich habe 14 Jahre lang Hockey gespielt, so richtig als Mannschaftsmitglied mit Wettkämpfen und Turnieren. Irgendwann vor sechs Jahren fand ich in den Umkleideräumen eine teure Lederjacke und habe sie eingesteckt. Meine Intention war nicht einmal böse, ich dachte damals wirklich, die hätte jemand vergessen (warum ich sie nicht gleich abgegeben habe, ist mir selbst schleierhaft). Am nächsten Tag bekam meine Mutter dann eine Rundmail, dass eine Spielerin ihre Jacke vermisst und sie so schnell wie möglich zurückhaben möchte. Meine Mutter hat 1 und 1 zusammengezählt und mich auf "meine" neue Jacke angesprochen: Ich habe unglaubliches Muffensausen bekommen und ihr das Missverständnis geschildert.

Meine Mama hat die Lederjacke danach umgehend in einen Karton gepackt und ist bis ans andere Ende der Stadt gefahren, um das Paket ohne Absender und mit fremdem Poststempel so anonym wie möglich zu verschicken. Ob die Frau das Paket erhalten hat, weiß ich nicht – wir waren zwar im selben Verein, dadurch, dass sie in der Freizeitmannschaft spielte, hatte ich aber überhaupt keinen Bezug zu ihr und wusste nicht einmal, wie sie aussieht.

Simona, 21

Wenn ich betrunken bin, klaue ich immer die unmöglichsten Dinge – meistens aus den Clubs, in denen ich am Wochenende tanze (und mich betrinke). So konnte ich über die Jahre eine beachtliche Sammlung an gestohlenen Objekten in meiner Wohnung anreichern: Kerzengläser, Moscow-Mule-Kupferbecher, eine Vinylplatte, die irgendwo über einer Tanzfläche von der Decke hing. Nach meinen Raubzügen streife ich oft mit Freunden durch die Stadt und versuche, mein betrunken-kleptomanisches Verhalten etwas einzudämmen – was an besagtem Abend schon mal nicht klappte. Ich stieß nämlich auf eine Baustelle. Einer meiner Freunde klaute eines dieser tragbaren Baustellenlichter und nahm es mit, nur um es an einer anderen Stelle wieder abzusetzen. Das hat in meinem Freundeskreis Tradition – und technisch gesehen ist es auch nicht unbedingt Diebstahl.

Irgendwann hatte ich das Baustellenlicht aber in der Hand und fühlte mich damit ein bisschen wie der Wildhüter Hagrid mit seiner Petroleumlampe. Während ich also mit meinem Baustellenlicht durch die Gassen huschte und mantrisch (und betrunken) "Huhu, ich bin Hagrid" wiederholte, entdeckte ich zwei Polizisten auf Streife, die genau auf mich zukamen. Ich traf die naheliegende Entscheidung, das Licht an Ort und Stelle abzusetzen und mich so zu benehmen, als hätte ich es nie berührt. Keine Ahnung, warum hier ein Baustellenlicht allein an der Wand steht! Das war ich nicht! Leider hatten die beiden Polizisten mich längst gesehen und den diebischen Hintergrund der Aktion richtig erkannt: Sie notierten meine Personalien und ich musste 60 Schweizer Franken Strafe zahlen. So richtig böse waren sie mir allerdings nicht – sie mussten selbst lachen.


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Day, 26

Als ich 15 war, hing ich, wie jeder Teenager, immer mit meinen ganzen Kumpels draußen ab. Wir haben geraucht, getrunken und einfach in der Nachbarschaft herumgelungert. Eines Tages waren wir alle (mit mir waren wir ungefähr zehn) unglaublich hungrig. Und pleite. Daraufhin hatte ich die glorreiche Idee, in einer Pizzeria anzurufen und alles zu bestellen, worauf wir Lust hatten: von Pizza Margherita bis Bier. Die zehn Pizzen ließen wir an irgendeine Adresse in der Nachbarschaft liefern. Eine halbe Stunde später – und hier kommt der brillante Teil meines Plans – rief ich nochmal an und bestellte eine einzelne Pizza an eine andere Adresse in der Nähe der ersten.

Weil ich wusste, dass der Lieferant den neuen "Kunden" nicht wegen der anderen Bestellung warten lassen und diese Adresse zuerst anfahren würde, mit der Riesenlieferung im Kofferraum natürlich, haben wir uns alle dort im Garten einquartiert und auf den Wagen gewartet, der dann auch prompt kam. Während der Mitarbeiter also die Pizza zur Haustür brachte, rannten wir so schnell wir konnten zum Wagen und klauten die große Bestellung. Eine perfekte Idee – hätte uns der Lieferant nicht gesehen. Der erkannte nämlich die Situation und fing nun selbst an zu rennen, und zwar hinter uns her. Nach einer relativ kurzen Verfolgungsjagd gab er schließlich auf. Ich hörte nur noch, wie er "Lasst mir doch wenigstens die Thermoboxen hier!" rief, der arme Kerl. Konsequenzen gab es nach der Aktion nicht, er hatte uns ja eigentlich nur so halb erwischt.

Farina*, 21

Foto: privat

Vor etwa drei Jahren habe ich mit Freunden eine Woche lang München besucht, um die Stadt zu sehen und eine gute Zeit zu haben. Die hatte ich auch: An einem Abend war ich so betrunken, dass ich auf der Suche nach Essbarem in einer Tankstelle gelandet bin – leider komplett bargeldlos. So ohne Geld, mit viel Hunger und Alkohol im Blut habe ich mich hinter einem Regal auf dem Boden niedergelassen, um drei Tafeln Schokolade aufzureißen und so schnell wie möglich in mich reinzustopfen. Nach gefühlt Stunden (in Wahrheit waren es wahrscheinlich fünf Minuten) kamen zwei muskelbepackte Angestellte einer Sicherheitsfirma auf mich zu und wollten mich festhalten. Betrunken wie ich war, legte ich sofort einen Sprint in Richtung Ausgang hin. Betrunken wie ich war, legte ich mich auch sofort auf die Nase. Nicht mal einen Meter aus der Tankstelle hinaus habe ich es geschafft.

Ich musste mir dann mit den Muskelmännern das Filmmaterial der Überwachungskamera anschauen, das mich ganz eindeutig dabei zeigte, wie ich auf dem Fußboden einer Tankstelle hockend Schokolade aß und die leeren Verpackungen auffällig unauffällig zurück ins Regal legte. Trotzdem beharrte ich darauf, dass ein Irrtum vorliege, ich das nicht war und die beiden mir ein Verbrechen anhängen wollten: "Ich bin zwar etwas angetrunken, aber gestohlen habe ich nichts! Die unterstellen mir hier Diebstahl! Eine Frechheit!", rief ich sichtlich empört einer unbeteiligten Frau zu, die fragte, ob alles in Ordnung sei. Einer meiner drei Begleiter hob dann für mich 50 Euro ab und gab sie meinen neuen Freunden vom Sicherheitspersonal, damit ich gehen durfte. Die Schokolade hatte zwar einen Wert von maximal zehn Euro, aber immerhin konnte ich so eine Anzeige und eine Nacht auf dem Polizeirevier umgehen.

Jasmin*, 24

Als ich 13 war, gab es in meiner Heimatstadt einen kleinen Laden, der den Ruf hatte, sich besonders gut für Ladendiebstähle zu eignen: Es gab wohl keine Kameras und auch sonst niemanden, der sich für stehlende Jugendliche interessierte. Eines Freitags ging ich nach der Schule mit einer Freundin zu besagtem Laden und stopfte mir die Taschen mit Dingen voll. Es war eine Art Ein-Euro-Laden, der von Billigschmuck über Plastikblumen und Kopfmassage-Spinnen allerhand Produkte "Made in China" verhökerte.

Weil es beim ersten Mal offensichtlich klappte, tat ich es immer wieder. Das ging zwei Wochen lang erstaunlich gut. Ich versorgte meine Freunde mit unnützen Geschenken und stockte meinen Vorrat an Billigschmuck auf. Der Kick, etwas Verbotenes zu tun und damit davonzukommen, war im Nachhinein betrachtet aber viel ausschlaggebender. Eines Tages nahm ich eine andere Freundin zum Klauen mit. Es war ihr erstes Mal und sie war unglaublich nervös, sodass sie sich nicht traute, mit ihren vollen Taschen den Laden zu verlassen. Ich war zwar schon mit Sack und Pack vor der Tür, entschied mich als Mensch der Moral aber dazu, meiner Freundin aus der Situation zu helfen. (Ich habe zwar geklaut, aber immerhin kann man mir nicht vorwerfen, ich sei eine schlechte Freundin!) Leider hatte der Ladendetektiv, den es scheinbar doch gab, schon vor meiner Rückkehr gecheckt, was wir da vorhaben, und forderte uns auf, die Taschen zu leeren. Damit hatte er die Beweise. Er nahm uns mit in sein Büro, rief die Polizei und klagte, von dem Geld der Verluste, die der Laden durch Diebstähle machte, hätte er sich drei neue Autos kaufen können. Natürlich taten meine Freundin und ich so, als hätten wir zum ersten Mal geklaut – was ja zumindest in ihrem Fall korrekt war –, stimmten reuevoll in seinen Klagegesang ein und nickten verständnisvoll mit dem Kopf, bis die Polizei uns abholte und inmitten der belebten Einkaufsstraße in den Polizeiwagen verfrachtete. Mir war das schrecklich peinlich, weil einige Freunde, die auch unterwegs waren, uns dabei sahen. Die Polizisten nahmen anschließend aber nur unsere Daten auf und riefen unsere Eltern an. Von einer Anzeige sah der Ladenbesitzer zum Glück ab. Zu Hause gab es dann zwei Tage Handyverbot und eine Moralpredigt – die Strafe fiel aber vor allem deswegen so gering aus, weil ich meinen Eltern erzählte, meine Freundin hätte mich zu der Aktion angestiftet. Hm, vielleicht war ich ja doch nicht so eine gute Freundin, wie ich dachte.

*Namen geändert

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