Collage: Lisa Ziegler, Foto: Pixabay

So ist es, einen Narzissten zu daten

An einem Tag überrascht er mit Wochenendtrips nach Rom – am nächsten macht er mich fertig, weil ich "falsch" abspüle. Wir haben Experten gefragt, ob eine Beziehung mit einem Narzissten überhaupt möglich ist.

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März 22 2017, 1:25pm

Collage: Lisa Ziegler, Foto: Pixabay

Er war nicht unbedingt der heißeste Kerl in Raum, aber lebendiger als jeder in dieser WG-Küche. Er war schlagfertig, lustig und wirkte auf die bis dahin verpennte Hausparty wie ein großer Schluck Wodka-Mate. Als ich Bier aus dem Kühlschrank holen wollte, zog er eine Flasche Gin aus dem Rucksack, die viel zu teuer für eine WG-Einweihungsparty war.

"Das Leben ist zu kurz für schlechte Drinks", sagte er. Normalerweise mache ich einen weiten Bogen um Getränke-Snobs. Aber diesmal holte ich uns zwei leere Gläser aus der Spüle. Ich war gelangweilt, er schien spannend, erzählte, dass er Gedichte schrieb, und überschüttete mich mit charmant-absurden Komplimenten – "Du hast die schönsten Ohrmuscheln, die ich je gesehen habe!" – fragte nach meinem vollen Namen und Geburtsdatum und tat so, als würde er daraus errechnen, ob die Sterne zu unseren Gunsten stehen. Wir küssten uns gleich neben der Küchenspüle. "Was machst du nächstes Wochenende?", fragte er, nachdem wir vier Stunden lang durchgequatscht und -geknuscht hatten. "Noch nichts", sagte ich.

Am nächsten Tag bekam ich eine E-Mail mit dem Betreff: Pack deine Sandalen ein. Darin: die PDF einer Buchung von zwei Flugtickets nach Rom. Ich hatte ihm irgendwann am Abend zuvor erzählt, dass ich noch nie dagewesen war. Ich dachte: Das ist aber forsch. Flog aus Abenteuerlust aber doch mit. Auch danach machte er mir den Hof wie in einem Hollywood-Film. Manchmal stand er um Mitternacht unangekündigt vor der Tür meiner Wohnung: "Ich wollte dich nur vorm Schlafengehen küssen." (Er wohnte 45 Minuten mit den Öffis entfernt.) Und auch wenn ich wusste, dass das Schema "Traumprinz erobert Prinzessin" im 21. Jahrhundert ausgedient hat, war es doch ganz nett, statt eines ironischen Löwenzahns einen riesigen Rosenstrauß zu bekommen. Und eine Liebeserklärung nach nur zwei Wochen, anstatt des monatelangen Schlafen-wir-miteinander-oder-ist-es-doch-mehr-Schwebezustands.

Eigentlich hätten da schon die ersten Alarmglocken angehen müssen, sagt Reinhard Haller, ein Psychiater und Psychotherapeut, der zu Narzissmus forscht und das Buch Die Narzissmus-Falle geschrieben hat. Ob mein Ex, nennen wir ihn mal Markus, ein Narzisst gewesen sei, kann er mir nur anhand meiner Erzählungen natürlich nicht sagen. Aber das viel zu schnelle Commitment, das Beeindrucken-Wollen, die großen Gesten, das sei "der typische Duft des Narzissten", sagt er. Genauso, dass er keine Rücksicht darauf genommen hat, ob ich ihn abends überhaupt sehen will oder Lust darauf habe, mit einem Fremden für ein Wochenende wegzufliegen. "Der Narzisst will unbedingt bekommen, was er will. Ob es dem anderen passt, interessiert ihn nicht." Die Narzissten seien häufiger männlich: "Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern liegt etwa bei 60 zu 40."

Wenn jemand verstärkt um einen wirbt, selbstbewusst und charmant ist, heißt das noch nicht, dass er ein Narzisst aus. Laut Haller zeichnen sich diese durch die "vier E" aus: Egoismus, Empathiemangel, Empfindlichkeit (sie sind leicht zu kränken) und Entwertung – um das Bild der eigenen Größe aufrecht zu erhalten, müssen sie die anderen niedermachen. "Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung sind diese Züge so ausgeprägt, dass man von einer Persönlichkeitsstörung sprechen kann", sagt Haller. "Aber auch beim Rest der Gesellschaft nehmen narzisstische Verhaltensweisen zu und werden auch sozial akzeptierter." Denn schließlich lebten wir in einer Welt, in der der Fokus auf sich selber liege und nur diejenigen erfolgreich seien, die sich selbst gut verkaufen.

Beeindrucken, das konnte Markus besonders gut. In den ersten drei Wochen war ich vor allem eins: verknallt und fasziniert. Von seinem Job in einem Verlag. Von seiner Großzügigkeit. Davon, dass er immer für alles eine Antwort hatte und, dass alle Menschen ihm an den Lippen hingen. Aber nach und nach fiel mir ein, dass seine Geschichten sich meistens um ihn selbst drehten, sein Wissen oft ins Besserwissen umschlug, er mir so gut wie immer ins Wort fiel und sich seinen Lifestyle eigentlich gar nicht leisten konnte. Immer häufiger gerieten wir aneinander, weil er fand, dass ich ihm nicht genug Aufmerksamkeit gab, ihm nicht richtig zuhörte, wenn er über seine Arbeit sprach und nicht schnell genug (heißt: nicht sofort) auf seine Nachrichten antwortete. Außerdem kritisierte er meine Klamotten und meine Freunde. Einmal zofften wir uns, weil er meine Art abzuspülen unannehmbar fand – "Wenn du da so herumwischst, kannst du es gleich lassen" – und ich fand, dass meine Spültechnik ihn nichts angeht.

Und dann kam der Tag, an dem er fragte, ob ich ein Gedicht von ihm lesen und sagen könnte, an welchen Stellen es zu verbessern wäre. Ich tat genau das. Meine Kritik war sanft, aber er rastete aus, sagte, dass ich ihn nicht verstehe und ihn nicht als Lyriker schätzen würde. Und überhaupt: Auf intellektuellem Level würden wir nicht zusammenpassen. Zwei Tage lang reagierte er nicht auf meine SMS, auch nicht, als ich ihm schrieb, dass eine gute Freundin im Krankenhaus lag. Als er wieder vor meiner Haustür stand – mit Blumen, neuem Gedicht, ohne Entschuldigung –, war sein Gedicht das Erste, worüber er reden wollte.

"Narzissten haben oft etwas Faszinierendes, aber sie sind nicht beziehungsfähig", sagt Haller. Bei Narzissten seien eigentlich nur zwei Beziehungskonstellationen möglich. "Nummer eins: Narzisst liebt Narzisst. Das sind die Traumhochzeiten, die nach drei Monaten scheitern, weil es nur einen Gott geben kann. Oder der Narzisst sucht sich einen Partner, der damit glücklich ist, hinter ihm zu stehen und ihn zu bewundern." Und wenn man keine Lust hat, das erste Mitglied im Fanclub des Partners zu sein? "Es kommt drauf an, wie stark die narzisstischen Verhaltensweisen ausgeprägt sind", sagt Haller. "Manchmal ist eine Beziehung noch möglich. Man muss aber dem Narzissten seine Grenzen aufzeigen, ihm immer mit Humor begegnen und ihm auch Lob geben, weil er das braucht. Aber wenn jemand wirklich eine narzisstische Störung hat, gilt nur eins: Flucht ergreifen." Behandeln lasse sie sich nämlich kaum.

"Wer ein schwaches Selbstwertgefühl hat, sollte auf jeden Fall die Finger von Menschen mit narzisstischen Tendenzen lassen", sagt Sven Grütterfien, der die Plattform umgang-mit-narzissten.de betreibt. "Der Narzisst wird in der Beziehung immer versuchen, seinen Vorteil und seinen Wunsch durchzudrücken und seinen Partner zu destabilisieren." Aber wer selbstbewusst ist und für sich selbst einstehen kann, kann zumindest eine Affäre wagen. "Narzissten sind oft schillernde Liebhaber mit einer vereinnahmenden Aura. Wenn man nur ein Abenteuer will, kann das wunderbar sei. Man muss nur den Punkt kennen auszusteigen."

Genau das habe ich getan. Markus und ich hielten nicht einmal drei Monate, dann machte ich Schluss. Seitdem hat mir nie wieder jemand Rosen geschenkt. Dafür hat auch niemand mitten in der Nacht vor meiner Tür gestanden und wollte für sein künstlerisches Werk gelobt werden.

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