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Mental Health im Netz

Diese Trendforscherin untersucht, wie junge Leute im Internet ihr Leid inszenieren

"Früher haben Rapper mit Geldnoten auf nackte Frauen geworfen, jetzt schmeißen sie mit Xanax-Tabletten um sich. Das darf man nicht ignorieren."

von Johanna Senn
22 Mai 2019, 9:35am

Alle Fotos: Hannah Gottschalk

Wenn Angel Schmocker erklärt, was genau sie eigentlich macht, benutzt sie immer das Beispiel vom Bett. "Emotionen an sich sind unsichtbar", sagt die 26-jährige Trendforscherin, "wir wissen, wie ein Baum aussieht. Aber wenn wir von Depressionen sprechen, gibt es dafür kein allgemeingültiges Bild."

Das Bett aber, das sie immer wieder in den tausenden Mental Health-Accounts sah, die sie für ihre Masterarbeit durchforstete, wurde im Verlauf der Zeit zu einem Symbolbild, das sie mit persönlichem Rückzug vergleicht.

Angel hat "Trends & Identity" an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) studiert. In ihrer Masterarbeit "Sick Style: Welcome to the new world of sadness" geht es nicht nur darum, wie junge Menschen Depressionen, bipolare Störungen oder Panikattacken inszenieren, sondern auch, wie Menschen in den sozialen Netzwerken ganz grundlegend ihre Gefühle darstellen.

In einer Zeit, in der weltweit rund 450 Millionen Menschen an einem psychischen Problem leiden und sich laut WHO jährlich etwa eine Million Menschen selbst töten, trifft ihre Forschungsarbeit einen Nerv.


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"Sick Style" ist Angels eigene Wortkombination. Unter "Sick Style" versteht sie vier verschiedene Stil-Strömungen, mit denen psychische Probleme auf Social Media inszeniert werden: "Sadical", "Chaos Magic", "Softcore" und "Xan Culture".

Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie die Bilder Menschen helfen können, warum Selfcare auch mal negativ ist und warum die Schweizer zurückhaltender posten als Deutsche und Österreicher.

VICE: Du unterscheidest in deiner Arbeit vier Strömungen bei der Darstellung von Mental Health-Themen auf Social Media. Warum diese vier?
Angel:
Wichtig zu sagen ist, dass es sich bei den "Sick Styles" nicht um einzelne Typen handelt, sondern um Ästhetiken, die ineinander hineinfließen. Ich wollte lediglich aufzeigen: Das sind vier Bereiche, die in dieser Welt stattfinden. Aufgrund der Findings meiner Arbeit werden diese Typen in einem aktuell laufenden Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Stiftung Pro Juventute ergänzt. Unter anderem, um Jugendliche in der Prävention psychischer Krankheiten besser abzuholen und zu erreichen.

Instagram Depressionen
Screenshot von Instagram

Was ist das Positive an den "Sick Styles"?
Das Positive ist der Vergleich, den man mit anderen Personen hat. Es sind Inhalte, die eine Authentizität fördern. Beispielsweise Menschen, die Selfies posten, auf denen sie weinen. "Sick Styles" haben aber auch einen gewissen Humor à la: "Ja, es ist beschissen, aber komm wir lachen jetzt darüber." Social Media gibt dem Ganzen einen Grad an Diversität und Community-Building, so dass es fast an Institutionen wie etwa die Anonymen Alkoholiker erinnert. Es ist gratis und jeder kann mitmachen. Dieser riesige offene Zugang hat Risiken, weil alles geteilt werden kann und nichts wirklich reguliert wird. Gleichzeitig ist es aber auch extrem inklusiv. Das ist eigentlich etwas sehr Schönes.

Angel Schmocker im Interview mit VICE

Bergen denn bestimmte Gruppen Gefahren?
In manchen Inhalten werden Blut und Narben gezeigt. Für Jugendliche kann dies gefährlich sein, da sie leichter beeinflussbar sind. Es ist aber schön, dass es einen Ort gibt, wo man über diese Dinge sprechen kann. Zigtausend Leute, die dann merken: Ja, mir geht es genauso. Ich bin nicht alleine. Es gibt auch aufmunternde Communitys, die sagen: Sei, wie du bist, steh zu deinen Gefühlen, du bist nicht alleine.

Instagram Depression Memes
Screenshot von Instagram

Woran merkst du, dass psychische Krankheiten in der Schweiz stigmatisiert werden?
Wenn ich mit Journalisten spreche, fragen sie immer als Erstes: "Geht es hier nur um Aufmerksamkeit?" Das zeigt mir, dass nach wie vor Vorurteile dem Thema gegenüber bestehen.

Spiegelt sich dieses Phänomen des Rückzugs auch in der Gesellschaft wider?
Ja, das sieht man zum einen an der steigenden Jugend-Einsamkeit in der Schweiz und auch überall sonst. Durch die Digitalisierung kann man seine Selbstisolation ewig hinauszögern. Du musst nicht mit Menschen interagieren, wenn du nicht willst. So kommt man aber in einen Teufelskreis: Du isolierst dich, weil es dir nicht gut geht, und dann geht es dir noch schlechter, weil du dich isolierst. Darum ist es auch wichtig, dass man nicht mehr nur über Krankheiten redet, sondern auch übergeordnete Themen wie Krisen, die Beschleunigung der Gesellschaft und die Digitalisierung thematisiert.

Angel Schmocker Interview mit VICE

Wie könnte ein gesunder Umgang mit Social Media aussehen?
Ich finde nicht, dass es eine gefährliche Welt ist, die man limitieren und verbieten sollte. Das Internet kann man eh nicht kontrollieren. Prävention ist essentiell. Hier ist es wichtig, dass Jugendliche früh darauf vorbereitet werden; dass sie nicht ahnungslos mit diesem riesigen Universum konfrontiert werden. Das kann in Schulen passieren. Es gibt aber auch jetzt bereits Kurse für Eltern.

In der Schweiz bist du eine der Ersten, die sich in der Trendforschung mit diesem Thema beschäftigt.
Ich habe viele Studien zum Einfluss der Social Media-Nutzung in Verbindung mit Mental Health gefunden. Aber ich habe kein einziges Fachbuch gefunden, dass genau das beschreibt, was ich untersucht habe. Darum wird das jetzt in der Grundlagenforschung auch weiter vertieft.

Angel Schmocker Interview VICE

Ist die Hemmschwelle in der Schweiz größer, im Netz psychische Probleme zu zeigen?
Ich glaube schon. Die Schweiz ist privater und anonymer. Das habe ich auch in der Forschung gemerkt; irgendwann habe ich auch Accounts aus Deutschland und Österreich angeschaut, da es zu wenig Schweizer Accounts gab.

In deiner Arbeit zitierst du den TED-Talk von Katlyn Firkus. Die Psychologin sagt: "Wir leben in einer Gesellschaft, die davon überzeugt ist, dass wir mehr wert sind, wenn es uns schlecht geht." Siehst du das auch so?
Ja. Die Romantisierung des leidenden Künstlers beschäftigt uns seit jeher. Ob das Batman ist, der seine Eltern verloren hat, oder Van Gogh, der sich das Ohr abschneidet. Es herrscht eine große Faszination mit dem Mad-Genius-Effekt. Das propagiert, dass man interessanter ist, wenn man ein psychisches Problem hat. Das ist das Gefährliche.

Was ist zum Beispiel der Grundtenor der "Sadical"-Ästhetik?
"Sadical" ist eine grandiose Wortkombination von mir aus "sad" und "radical" (lacht). Es ist ein Extrem. Die Menschen nutzen hier Diagnose-Begriffe, äußern sich mit Sätzen wie: "Ich bin fertig mit der Welt" oder "Ich will mir was antun", sie melden sich aus der Psychiatrie mit: "Ich weiß nicht, ob ich heute wieder rauskomme"; "Ich weiß nicht, ob ich es überlebe". In dieser Strömung wird nicht mehr viel inszeniert. Die Menschen zeigen: So sehe ich aus, wenn es mir richtig schlecht geht.

Instagram Depressionen
Screenshot von Instagram

Hat diese rohe Darstellung damit zu tun, dass die Menschen keine Energie mehr haben, sich noch zu inszenieren?
Ein gewisser Grad von Inszenierung ist immer dabei, weil jemand etwas produziert und anschließend teilt; das ist an sich eine bewusste Handlung. Aber wie es geteilt wird, ist essentiell: Man merkt, es ist sehr aus dem Moment heraus. Es sind nicht mehr so viele Filter oder lange Captions involviert. Es fühlt sich mehr wie ein Statusupdate an.

Was zeichnet die "Sadical"-Ästhetik aus?
Oft sind es Halbportraits. Menschen, die im Bett liegen, im Badezimmer oder im Spital ein Selfie machen. Oder es ist nur Text auf schwarzem Hintergrund. Zum Beispiel: "Ich bin fertig." Für Außenstehende fühlt sich das vielleicht etwas dramatisch an, ist für mich aber deswegen nicht weniger authentisch.

Depression Memes im Internet
Screenshot von Instagram

Ist bei "Sadical" die Gefahr zur Überidentifizierung am größten?
Ja. In der Therapie wird einem oft gesagt, dass man Generalisierungen vermeiden soll. Wenn man seinen eigenen Charakter zu sehr mit seiner Krankheit verschmilzt, ist es viel schwieriger davon loszukommen. So kann man auch dem eigenen Fortschritt im Weg stehen.

Warum sind "The New Witches" auch ein "Sick Style"?
"Chaos Magic", wie diese Strömung auch bezeichnet wird, zeigt die moderne Witchcraft-Szene, beinhaltet aber auch die Grunge und Emo-Ästhetik. Die Auseinandersetzung mit Emotionen ist in der ganzen Witchcraft, Magie und Astrologie-Szene ein wichtiger Teil. Welche Energien lasse ich in mein Leben? Sind es gute? Sind es schlechte? Wie kann ich ein bewusstes Leben führen? Diese Dinge zu verbinden, ist nur auf den ersten Blick etwas abstrakt.

Instagram Witchcraft
Screenshot von Instagram

Die Szene hat auch etwas Feministisches, etwas Empowerndes.
Ja klar! Frauen können sich mit dem Bild der Hexe identifizieren. Die Hexe ist eine zwiegespaltene Figur, die sehr mächtig ist. Es geht auch darum, die Maßnahmen in die eigenen Hände zu nehmen. Wie lebe ich mein Leben, welche Energien lasse ich hinein?

Instagram Witchcraft Mental Health
Screenshot von Instagram

Du schreibst in dem Zusammenhang auch von einem gewissen Eskapismus.
Die Hexe ist ein Bild der Außenseiterin. Hexen wurden von der Gesellschaft gefürchtet und verbrannt. Damit können sich viele Leute identifizieren, die mit ihrer Identität oder ihren psychischen Problemen zu kämpfen haben, die sich dem Normalbürger nicht verbunden fühlen.

Bei "Softcore" nutzen die Menschen viele Pastellfarben, viele positive Botschaften.
Diese Ästhetik feiert das Weiche: "Steh zu deinen Gefühlen", "Du bist gut so wie du bist". Diese Ästhetik findet man auch stark in der Body-Positivity und LGBTQ-Szene. Die Posts von Accounts, die sich mit LGBTQ-Rechten auseinandersetzen, tauchen oft auch in der "Softcore"-Szene wieder auf. Das hat aber auch einen ganz klaren Grund: "Softcore" verlangt Authentizität. Menschlichkeit, Verletzlichkeit und Intimität.

Was waren dort die dominierenden Themen?
Bei "Softcore" geht es nicht einmal per se um Mental Health, sondern eher um Emotional Wellbeing. Bei "Softcore" werden auch selten die richtigen Diagnosebegriffe verwendet. Diese Posts könnte jeder teilen, ohne sich als depressiv zu outen. Es sind Dinge, die uns generell als Menschen ermuntern, unser Selbstwertgefühl heben, und die zeigen sollen, dass Support da ist.

Wann wird dieses "never feel guilty about your feelings" egoistisch?
Self-Care ist ein Riesenthema unserer Zeit. Das hat auch mit Individualisierung zu tun: Ich gestalte mein Leben, wie ich es will. Es kann auf eine Art auch schädlich sein – in dem Sinn, dass man sich komplizierten Situationen entzieht oder sich selbst isoliert. Das große Problem ist, Isolation passiert dann aus dem Gedanken, dass man sich nicht isoliert, sondern nur auf sich schauen möchte. Aber auch so kann man wieder in diesen Teufelskreis kommen. Ein Mensch braucht soziale Interaktion, und die lässt sich auch durch Social Media nicht ersetzen.

Du führst auch "Xan-Culture" auf.
"Xan-Culture" ist vor allen Dingen eine Ästhetik, die auch auf den ganzen Meme-Accounts sehr präsent ist. Sie hat aber auch Berührungspunkte zur Mental Health-Szene wie etwa – wie schon der Name sagt – Xanax. Das Beruhigungsmedikament ist auch ein Riesenthema in der Cloudrap-Szene. Früher haben die Rapper in Musikvideos mit Geldnoten auf nackte Frauen geworfen, jetzt werfen sie mit Xanax-Tabletten.

Instagram Mental Health Depression
Screenshot von Instagram

Wieso überschneiden sich diese Welten?
Cloudrap ist einer der einflussreichsten und populärsten Musikstile der Welt. Wenn jemand mit Millionen von Followern in Musikvideos mit Betäubungsmitteln herumschmeißt, muss man sich nicht wundern, dass das auch sonst irgendwo auftaucht. Eine Theorie besagt, dass die populärsten Drogen immer auch ein Spiegel des Zeitgeists sind. In den 90ern, als die Wirtschaft boomte, war das Koks. Inzwischen sind es Beruhigungsmittel, verschreibungspflichtige Medikamente gegen Angststörungen. Das sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Und das darf man nicht ignorieren.

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