"Indie-Hörer sind faul" – Hängt unser Musikgeschmack wirklich mit unserer Persönlichkeit zusammen?

Leute, die aufgeschlossen sind, hören laut Studien angeblich gerne Jazz und Klassik, dafür eher weniger Rap oder EDM – was ist wirklich dran, an diesen Kategorisierungen?

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24 Mai 2018, 10:16am

Foto von Trevin Rudy via Unsplash

In Zeiten des Internets und der ständigen Suche nach einer Erklärung, warum man sein Leben einfach nicht auf die Reihe bekommt, gibt es wahrscheinlich keinen einzigen Bereich, der noch nicht mit unserer Persönlichkeit in Verbindung gebracht wurde. Nicht nur unsere Stirnform, auch die Art und Weise wie wir unsere BHs anziehen, sagt mehr über unsere Persönlichkeit aus, als man denkt.

Keine Ahnung, ob sie die ständige Neugierde treibt, oder ob sie den Medizin-Aufnahmetest nicht geschafft und deshalb Psychologie studiert haben (unfreiwillig und verzweifelt), aber es gibt Leute, die sich mit dem Thema auch auf wissenschaftlicher Ebene befassen, ganze Studien durchführen und darüber Bücher schreiben.

Wie beispielsweise die Wissenschaftler Jason Rentfrow und Gideon Nave, die behaupten, dass Persönlichkeit Aufschluss über den Musikgeschmack gibt. Für ihre Studie haben sie über das Internet 22.252 Leute aus verschiedenen Ländern, verschiedenen Altersklassen und mit verschiedenen Hintergründen befragt. Die Personen mussten zuerst einen Persönlichkeitstest machen und dann auch eine Reihe an Musikbeispielen bewerten.

"Verträgliche, rücksichtsvolle, emphatische Leute haben jedes Musiksample gut bewertet, egal um welches Genre es sich gehandelt hat."

Für den Persönlichkeitstest wurde mit dem Big-Five-Modell gearbeitet, der die Persönlichkeit in fünf Dimensionen unterteilt: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Für den musikalischen Test wurde mit dem MUSIC-Modell gearbeitet, das zwischen "weicher", "schlichter", "anspruchsvoller", "intensiver" und "kontemporärer" Musik unterscheidet.

Das Ergebnis:

  • Leute, die offen für Erfahrungen und aufgeschlossen sind, hören eher "anspruchsvolle" Musik (komplex und dynamisch, zum Beispiel: Klassik, Jazz) und mögen keine "weiche" (romantisch und langsam z.B.: Soft Rock, R'n'B) oder "kontemporäre" (schlagend und nicht melancholisch, z.B.: Rap, EDM, Pop) Musik.
  • Extrovertierte, gesellige Menschen mögen lieber "schlichte" Musik (unkompliziert, akustisch, z.B.: Country-Musik).
  • Verträgliche, rücksichtsvolle, emphatische Leute haben jedes Musiksample gut bewertet, egal welches Genre.
  • Bei den Leuten, die mit Neurotizismus assoziiert wurden, also verletzliche und emotional labile Leute, haben genau das Gegenteil getan: also alles negativ bewertet.
  • Gewissenhaftigkeit und Perfektionismus konnte in keiner Weise mit den musikalischen Präferenzen verknüpft werden.

Mit diesem Ergebnis hat die Studie wahrscheinlich gerade mal so viel Aussagekraft wie der Zettel in einem Glückskeks. Aber was sollte man auch von einer Untersuchung erwarten, die Rap und EDM in eine Kategorie packt. Es ist zwar schön zu sehen, dass sie auf herkömmliche Genre-Lables verzichtet haben, denn Rock-Musik ist zum Beispiel nicht gleich "Rock-Musik" und Vorurteile gegenüber bestimmten Musikrichtungen würden das Ergebnis wahrscheinlich von vornherein verfälschen. Trotzdem stelle ich das Ergebnis dieser Studie mehr in Frage, als das Ergebnis meines Persönlichkeitstest zu "Welcher biblische Charakter passt zu deiner Persönlichkeit" (Das Ergebnis war "Jesus" – wahrscheinlich, weil ich angegeben habe, dass ich gerne Wasser in Wein verwandeln können würde).



Aber es geht auch schlimmer. Konservativer. Wie diese Studie zum Beispiel, die Musikrichtungen unter anderem mit Attributen wie "arbeitet hart" oder "arbeitet nicht hart" assoziiert. Leute, die Country-Musik, und Pop-Musik hören, arbeiten laut der Studie hart, das Gegenteil trifft auf Leute zu, die Reggae, Indie oder Rock hören. Leute, die Dance/Electronica hören, sind angeblich positive Menschen, während Leute, die Indie hören ein niedriges Selbstwertgefühl haben. Wahrscheinlich haben viele von uns Vorurteile gegenüber Leuten, die bestimmte Musikrichtungen hören (bewusst oder unbewusst). Wenn aber ein Typ mit Professor- und Doktor-Titel eine Studie durchführt, die Vorurteile schafft, dann wird es uns nur schwerer fallen, jeder Musikrichtung wie Mutter Teresa zu begegnen.

Ja, die menschliche Persönlichkeit ist kompliziert und die Frage, wie man den Musikgeschmack einer Person wissenschaftlich erfassen kann, wahrscheinlich fast genauso komplex. Ich bewundere es deshalb sehr, wenn Leute auch nur versuchen, sich diesen Themen zu stellen. Trotzdem frage ich mich, wie viel Sinn so eine Studie tatsächlich macht. Immerhin wird der Musikgeschmack noch von so vielen anderen Dingen mitbestimmt – von den Leuten in deiner Umgebung, deiner Herkunft, deinem Alter, den Erfahrungen, die du in deiner Kindheit gemacht hast (Freud 4-EVER lol).

Um sicher zu gehen, dass ich nicht einfach zu kritisch bin oder vielleicht sogar nur aufgrund meiner Persönlichkeit alles als negativ bewertet habe, habe ich mich mit Dr. Thomas Schäfer, der im Bereich Weiterentwicklung psychologischer Forschungsmethoden und Analyseverfahren forscht, zum Thema unterhalten.

Noisey: Glauben Sie, dass der Musikgeschmack mit der Persönlichkeit zusammenhängt und wenn ja, warum zur Hölle und wie?
Dr. Thomas Schäfer: Nur zu einem sehr geringen Teil. Es gibt tatsächlich Persönlichkeitseigenschaften – wie etwa das sogenannte Sensation Seeking (das Bedürfnis nach physiologisch stark anregenden Tätigkeiten) –, die mit dem Bevorzugen bestimmter Musik zusammenhängen. Zum Beispiel Heavy Metal. Darüber hinaus sind die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Musikpräferenzen statistisch extrem klein und über verschiedene Studien hinweg überhaupt nicht eindeutig.



Welche anderen Faktoren, neben der Persönlichkeit, beeinflussen den Musikgeschmack?
Mit Abstand der wichtigste Faktor ist das Alter. Danach kommt die persönliche Lerngeschichte: Wo und wann bin ich groß geworden und welche Musik war in meinem persönlichen Kontext vorherrschend? Was haben meine Eltern, später meine Peers gehört? Hatte ich Musikunterricht? Habe ich ein Instrument gelernt oder in einer Band gespielt?

Gibt es auch noch andere Faktoren?
Ja, ähnlich wichtig sind die sogenannten musikalischen Funktionen, also die Ziele, die man mit dem Musikhören verfolgt. Ganz oben steht dort die Emotionsregulation – hilft mir meine Musik in gute Stimmung zu kommen, abzuschalten oder in Erinnerungen zu schwelgen, werde ich diese Musik mögen. Von diesen Funktionen gibt es viele. Dabei – so meine ich – ist es völlig egal, welche Musik das ist; das Erfüllen dieser Funktionen kann mit (fast) jeder Musik geschehen.

Die Studie von Adrian North sagt, dass beispielsweise Leute, die Indie-Musik hören nicht hart arbeiten. Es gibt aber auch positive Assoziationen. Glauben Sie, dass solche Studien Vorurteile generieren und wenn ja, sind diese dann berechtigt? Immerhin basieren sie auf wissenschaftlicher Grundlage.
Hier muss man extrem vorsichtig sein, da solche Studien lediglich Korrelationen zeigen. Rein statistisch wird man in einer großen Zahl von Variablen immer Korrelationen finden. Das heißt ganz und gar nicht, dass diese Variablen auch automatisch kausal etwas miteinander zu tun haben. Diese Korrelationen sind erstens in der Regel sehr klein und können zweitens schlicht Zufall sein, oder auf die Wirkung ganz anderer Hintergrundvariablen zurückgehen. Das weiß man alles nicht und daher ist es schwer beziehungsweise unmöglich, eine sinnvolle Aussage aus solchen Korrelationen abzuleiten. Und ja, natürlich führt so etwas zu Vorurteilen. Das ist aber völlig ungerechtfertigt und aus meiner Sicht auch unverantwortlich.

Was halten Sie von den Kategorisierungen in der ersten der beiden Studien?
In der Forschung muss man Kategorisieren. Man muss immer vereinfachen, um Aussagen ableiten zu können. Die Kategorisierung von Musik oder Persönlichkeit gelingt hierbei recht gut.

Was halten Sie generell von der Studie von Jason Rentfrow?
Zu dieser Studie (und allen weiteren Studien um Jason Rentfrow): Diese Arbeitsgruppe wird nicht müde zu behaupten, es gäbe Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Musikpräferenz und man könne das eine aus dem anderen vorhersagen. Das stimmt aber nicht. Die Zusammenhänge sind wirklich sehr klein, mit wenigen Ausnahmen und eben über verschiedene Studien hinweg nicht eindeutig. Sprich, wenn man die Persönlichkeit von Menschen kennt, kann man die Variation im Musikgeschmack nur zu wenigen Prozent dadurch vorhersagen. Um zu sehen, wie viel Prozent genau, haben wir (Anm.: er und Claudia Mehlhorn) eine Metaanalyse gemacht, in die alle Studien zu Persönlichkeit und Musikpräferenz eingeflossen sind. Wir fanden, dass im Schnitt nur ca. 3,5 Prozent erklärt beziehungsweise vorhergesagt werden können. Sprich: Um den Musikgeschmack vorherzusagen, taugt die Persönlichkeit nicht wirklich.

Jetzt abgesehen von diesen Studien – man stößt ziemlich oft auf Persönlichkeitstest oder auf Artikel, die über die Auswirkung von Persönlichkeit auf andere Bereiche sprechen. Warum sind wir generell so neugierig, was unsere Persönlichkeit betrifft?
Ich denke, wir alle wollen gern etwas über uns selbst erfahren. Daher sind so einfache psychologische Ergebnisse (die oft viel zu platt und pauschal daherkommen) immer sehr interessant für uns. Eigentlich hätten wir alle gern einen guten Freund, der uns immer sagt, was er wirklich von uns hält und von uns denkt – Gutes und Schlechtes. Solche Studien (zumindest deren populäre Berichterstattung) liefern so etwas. Zweitens wollen wir im sozialen Miteinander immer gut dastehen, also ein bestimmtes Bild abgeben. Daher achten wir sehr genau darauf, was bestimmte Vorlieben oder Verhaltensweisen über uns verraten könnten. Was denkt jemand, wenn er weiß, dass ich Jazz mag? Diese Information kann für meine Selbstdarstellung, aber euch für den Selbstwert sehr wichtig sein.

Wenn euch das Thema interessiert, könnt ihr euch hier und hier Studien von Dr. Thomas Schäfer durchlesen.

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