Popkultur

Was wir aus Kochshows über Deutschland lernen

Wenn Kochen eine sinnliche Erfahrung ist, sind Tim Mälzer und Steffen Henssler das Mettbrötchen im Swingerclub.

von Lisa Ludwig
22 Februar 2018, 12:15pm

Collage: VICE || Bildschirm: pxhere | CC0 || Sendung: MG RTL D | PA | Stefan Deutsch || Tisch: imago | Westend61

"Der Mensch ist, was er isst", sagte der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach 1850. "Wir Männer sind stärker beim Geschmack", sagt Ex-Beachvolleyball-Spieler Julius Brink 2018 bei Das große Promibacken auf Sat.1. Eines haben beide gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass unser Umgang mit Essen in engem Zusammenhang damit steht, wer wir sind. Was bedeutet es also für uns als Gesellschaft, dass es im deutschen Fernsehen von Koch- und Backshows nur so wimmelt?

Das perfekte Dinner, The Taste, Die Kochprofis – Einsatz am Herd, Grill den Henssler, Kitchen Impossible, Sweet & Easy – Enie backt, Stadt Land Lecker – im deutschen Fernsehen wird gebraten, geschnippelt und abgeschmeckt, als gäbe es kein Morgen mehr. Und wir schalten ein. Ist der Deutsche also nicht nur, was er isst, sondern auch, was er einschaltet? Wir haben uns einmal durchs kulinarische TV-Programm geguckt und einiges über Deutschland gelernt.


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Deutsche sind unflexible, sterile Menschenroboter

Erinnert ihr euch noch daran, wie ihr das erste Mal Jamie Oliver gesehen habt? Den sympathischen Briten, der so leidenschaftlich kleingehacktes Gemüse in spritzendes Öl klatschte, dass die Küche danach aussah, als wäre ein Veganer explodiert? Solche Szenen bekommen wir hierzulande trotz überdurchschnittlichem Alkoholkonsum während des TV-Kochens nur in Ausnahmefällen zu sehen. In deutschen Kochshows läuft alles nach Plan und die Arbeitsflächen werden sofort wieder abgewischt. Wenn doch mal was daneben geht, gehört das nicht zur Natur des energetischen Kochaktes, sondern ist ein peinliches Missgeschick, das uns Zuschauern anschließend gleich mehrfach in Zeitlupe eingespielt wird.

Das ZDF-Format Die Küchenschlacht mag vielleicht dramatisch klingen. Als einer der drei Kandidaten beim Kochen auf Zeit allerdings wagt, seinem Eintopf eine persönliche Note zu geben, tritt das kochgewordene Ordnungsamt Alfons Schuhbeck auf den Plan und bemerkt abschätzig: "Man könnte den Weißwein natürlich auch alleine reduzieren, ohne dass man das Gemüse zusammenpatscht." Danach zieht er mit selbstherrlich zurückgeworfenem Kopf weiter, um eine Kandidatin darüber aufzuklären, dass sie ihre Tomate nicht so schält, wie es sich gehört.

Bei Kitchen Impossible wird zwar viel improvisiert, wenn die Profis Gerichte ganz ohne Rezept nachkochen sollen. Dabei werden sie allerdings auch immer von einer Person beobachtet, die das jeweilige Gericht schon bedeutend öfter gekocht hat. Als die Köchin Maria Groß in Frankreich Marmelade kochen soll und dabei zur falschen Zutat greift, erinnert ihre französische Aufseherin danach trotzdem vor allem an die "warme, liebevolle Art", mit der sie in der Küche hantierte. Ganz anders die Reaktion des deutschen Experten, als sich Groß später zum ersten Mal an deutscher Molekularküche versucht: "Ich dachte, dass Reiskörner eher schräg angeschnitten werden", giftet er unnachgiebig.

Deswegen hat Jürgen, 56, aus Neuss, beim Perfekten Dinner auf VOX immer das Tablet samt aufgerufenem Rezept in Griffweite. Statt großen Gesten und ausladend geschwungenem Gewürzstreuer, wird vorsichtig Wild auf Backblechen platziert und spitzmündig am spärlich eingeschenkten Weißwein genippt. Einer von Jürgens Konkurrenten erklärt mit großem Ernst: "Wenn mal etwas nicht genau so läuft, wie es soll, gerate ich auch schnell mal in eine gewisse Nervosität." Wenn Kochen eine sinnliche Erfahrung ist, ist Deutschland das Mettbrötchen im Swingerclub.

Tim Mälzer trank schon 2008 gerne vor laufender Kamera | Foto: imago | Scherf

Ohne Alkohol geht in Deutschland gar nichts

Wenn sich der Deutsche dann doch mal ein bisschen locker machen möchte, greift er zur Flasche. Das ist keine Unterstellung, sondern eine statistisch belegte Tatsache. Nur drei Prozent der Erwachsenen hierzulande trinken gar keinen Alkohol. Im Schnitt liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei über 130 Litern im Jahr, wobei Bier mit 104 Litern den deutlichen Spitzenplatz belegt. Wer alleine trinkt, hat in der öffentlichen Wahrnehmung ein Problem. Wer es unter Menschen tut, ist gesellig. Und wer sich beim Kochen so richtig vollaufen lässt, ist ein echter Gourmet. Deswegen ist es eigentlich auch kein Wunder, dass Alkohol in deutschen Kochsendungen mindestens ebenso elementar ist wie sexistische Witze und hässliche Tischdekoration.

"Ich hoffe, die trinken alle Alkohol", sagt Umzugsunternehmer Jürgen besorgt, als sich die anderen Teilnehmer von VOX’ Das perfekte Dinner in seiner Wohnung einfinden. Als Kandidatin Sanja den Begrüßungs-Drink ablehnt, bietet er ihr authentisch hilflos ein Mineralwasser an. Der Deutsche ist von Natur aus das Gegenteil von locker – wie soll er also mit wildfremden Menschen Spaß haben, wenn nicht alle ein bisschen angeschickert sind? Vielleicht haben die Macher von Kitchen Impossible Alkohol deswegen fest ins Sendekonzept integriert. Starkoch Tim Mälzer und seine Kollegin Maria Groß trinken schon in den ersten zehn Sendeminuten Bier, Wein und Crémant. Statt sich mit bissigen Kommentaren über die Leistung des Konkurrenten lustig zu machen, lachen sie irgendwann nur noch betrunken.

Das alles ist nachvollziehbar, schließlich passt die Apfelsaftschorle schon rein optisch nicht so gut zum blutigen Steak wie ein guter Rotwein. Dass die Grenzen zwischen Genuss und Besäufnis auch vor laufenden Kameras verschwimmen, zeigte sich 2013 bei einer Folge von Das perfekte Promi Dinner. Moderator Niels Ruf war irgendwann so betrunken, dass ihm sein aufwendig angerichteter Fisch auf den Boden fiel. Die Gäste fanden’s lustig: Mit ordentlich Promille zieht sich schließlich auch der deutscheste Deutsche den Stock aus dem Arsch.

Wer in Deutschland kein Fleisch isst, ist ein Aussätziger

Wenn es neben Alkohol noch etwas gibt, für das sich der Durchschnittsdeutsche so richtig begeistern kann, dann sind es tierische Produkte. Wurst und Fleisch sind ähnlich tief in der deutschen DNA vergraben wie Fliesentische und die ständig wiederkehrende Beschwerde, einfach nicht patriotisch sein zu dürfen, weil man dann "direkt wieder als Nazi gilt". Ein gutes Essen baut sich in Deutschland traditionell um ein großes Stück Fleisch auf, da können in Berlin oder Hamburg noch so viele vegane Foodtrucks herumstehen.

"Gutes Essen" ist auch heutzutage noch für viele zwingend irgendwas mit Rinderfilet, was sich insbesondere beim Perfekten Dinner zeigt. Wer aus moralischen oder gesundheitlichen Gründen keine tierischen Produkte essen möchte, wird also zum ultimativen Endgegner eines jeden sorgsam geplanten Menüs – und stürzt damit selbst experimentierfreudige Hobbyküche in eine mittelschwere Sinnkrise. Ganz abgesehen davon, dass sich die Kandidaten vor dem Menü eines veganen Mitstreiters in schönster Regelmäßigkeit panisch fragen, ob sie da denn auch "satt" werden. Veganer, scheint der klassische Eisbein-Fanatiker überzeugt zu sein, sind nämlich keine normalen Menschen mit normalem Hungergefühl und Stoffwechsel. Sie existieren vor allem, um anderen ein schlechtes Gewissen zu machen.

Das mag daran liegen, dass dem fleischessenden Durchschnittsdeutschen zum Thema Veganismus außer Tofu und Gemüse nicht viel einfällt. Profi-Köche haben diese Entschuldigung allerdings nicht.

Als Steffen Henssler in Henssler tischt auf ein Süßkartoffelgratin mit dramatischer Geste als "vegan" identifiziert, buht jemand im Publikum. Henssler lacht – und fordert sein Publikum anschließend spaßhaft dazu auf, Tierknochen über dem Gratin zu verreiben. Auch Tim Mälzer stöhnt auf, als er bei Kitchen Impossible ein veganes Gericht nachkochen muss. "Boah, das ist hier so ein dreckiger Lumpenmilch-Chia-Rotzkram”, schiebt er nach. "So was säufst du nur, wenn du abgeschlossen hast mit Intimrasur." Veganismus scheint auch in Profikreisen ein Begriff zu sein, von dem man sich möglichst fern hält. "Ich liebe vegan-vegetarische Küche", behauptet Mälzer anschließend. "Ich nenne sie nur nicht so."

Wenn nicht mal Starköche ihre Vorurteile überwinden können, werden Vegetarier und Veganer wohl auch in den nächsten zehn Kochsendungen den Satz hören müssen: "Eine Alternative zum Steak habe ich leider nicht. Willst du ein bisschen Brot haben?"

Enie van de Meiklokjes und Johann Lafer | Foto: imago | Future Image

In Deutschland sind Geschlechterrollen noch klar verteilt

In deutschen Haushalten gibt es nach wie vor klare Regeln: Die Frau kocht und sorgt dafür, dass es heimelig ist. Der Mann bringt dafür das Geld nach Hause. Zumindest ist es das, was sich rechtskonservative Parteien wie die AfD wünschen. In der Realität hat das vermeintliche "Heimchen" oft zumindest einen Halbtagsjob, weil sich mit einem Gehalt keine Familie mehr ernähren lässt.

Dass Kochen alleinige Frauenaufgabe ist, stimmt auch sonst nicht. Profiküchen sind seit jeher männerdominiert, es gibt mehr männliche als weibliche Sterneköche. Das zeigt sich auch klar in deutschen Kochshows: Die Aushängeschilder großer Formate waren angefangen von Alfred Biolek über Ralf Zacherl bis hin zu Tim Mälzer auch in Deutschland primär Männer. Deswegen ist auch das Bild des brillanten Hitzkopfs, der auch mal lauter wird, wenn etwas nicht funktioniert, klassisch männlich besetzt. Gordon Ramsay lässt grüßen. In einem Stern-Interview erklärte Tim Mälzer mal, dass es schwierig sei, Frauen für Kochshows zu gewinnen. "Ich habe das Gefühl, dass Frauen diesen Wettbewerb nicht schätzen. Wir fragen viele Frauen an, die meisten sagen ab."

Dazu passt, dass die Frauen in Formaten wie Sally Backt oder Sweet & Easy – Enie backt vor allem die tiefenentspannte Hausfrau geben, die auch das schwierigste Rezept einfach wirken lässt. Augenzwinkernd erklärt Moderatorin Enie van de Meiklokjes, dass sich die Zuschauerin keine Sorgen darum machen müsse, wenn der Kuchen ein bisschen kalorienreicher ausfalle. Naschen müsse schließlich erlaubt sein: "Wer hat behauptet, die fetten Jahre sind vorbei? Davon habe ich nichts mitbekommen!"

Wenn Männer in der Küche aktiv werden, müssen Steaks dick sein und Fett spritzen. Frauen werden in deutschen Kochsendungen hingegen weiterhin als kalorienbewusste Küchenfeen angesprochen. Wenn der Mensch also nicht nur das ist, was er isst, sondern auch das, was er einschaltet, gibt es beim deutschen Selbstverständnis so einige Baustellen. Selbst Tim Mälzer musste schließlich nach mehreren gescheiterten Nudelformversuchen deprimiert feststellen: "Da habe ich begriffen, was eine gestörte Selbstwahrnehmung ist."

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