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"Ich liebe Allah, und ich liebe die AfD" – Wir waren auf der skurrilsten Pressekonferenz Deutschlands

VonMatern BoeselagerFotos vonGrey Hutton

Der frisch konvertierte AfDler Arthur Wagner versuchte zu erklären, wie er zwischen Muslimen und Björn Höcke "eine Brücke bauen" will.

Arthur Wagner kann es selbst noch nicht so richtig fassen. "Das kann doch gar nicht sein, dass ein kleiner Arbeiter solche Aufmerksamkeit bekommt!", ruft er in den Raum. "Ich versteh selbst nicht, was hier passiert!" Was passiert, ist Folgendes: Mindestens 30 Journalisten zwängen sich in eine holzgetäfelte Stube im ersten Stock eines Potsdamer Wirtshauses, um zu hören, was Arthur Wagner zu sagen hat. Sechs Kameras sind auf ihn gerichtet, draußen steht ein Übertragungswagen, es gibt sogar einen Livestream. Und das alles nur, weil Wagner in der AfD ist – und vor Kurzem zum Islam übergetreten ist.

Als der Berliner Tagesspiegel diesen Übertritt letzte Woche öffentlich machte, wurde der kleine, rundliche Mann aus Falkensee, einer 40.000-Einwohner-Stadt westlich von Berlin, plötzlich zum gefragtesten AfDler Deutschlands. Immerhin saß Wagner noch kürzlich im Brandenburger Landesvorstand einer zutiefst islamfeindlichen Partei. Wenn seine Partei erstmal an der Macht sei, hatte der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke gerade erst in einer Rede gedroht, werde man dafür sorgen, "dass am Bosporus mit den drei großen M – Mohammed, Muezzin und Minarett – Schluss ist." Auf Arthur Wagners Übertritt hat sein eigener Landesverband mit einem ziemlich eindeutigen Statement reagiert: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", steht jetzt auf dessen Webseite. Dass nun aber ein Mitglied des Landesverbands zum Islam gehört, habe man selbst erst aus der Presse erfahren. "Wir haben diese Entscheidung nicht ohne Überraschung zur Kenntnis nehmen müssen."

Wagner hat also einiges zu erklären.

Deshalb sitzt er, der eigentlich Fahrer beim Samariterbund ist, in einem dreiteiligen Anzug vor den angereisten Journalisten. "Salam aleikum", begrüßt er die Runde. Er schwitzt ein bisschen und wirkt aufgeregt, aber entschlossen. "Sie können Arthur schreiben. Oder Ahmad."

"Sie können Arthur schreiben. Oder Ahmad."

Im Laufe der nächsten Stunde erfährt man dann einiges über Arthur/Ahmad Wagner. Dass er sich als "Nationalkonservativen" sehe, "seit ich vier Jahre alt bin!". Dass er Russlanddeutscher und im Ural aufgewachsen ist, wo es, sagt er, sehr viele Muslime gebe, mit denen er sich immer gut verstanden habe. Dass er in den 90ern nach Dresden gekommen sei und dort am Bau gearbeitet habe, später habe er in Hannover studiert und irgendwann eine Firma gegründet, die sei aber pleite gegangen. Danach folgte eine schwere Zeit. "Ich war Alkoholiker. Ich hatte Deutschland aufgegeben. Ich hatte den Sinn des Lebens aufgegeben." Aber dann kam die AfD nach Falkensee, und Wagner fühlte sich gerettet.


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Damals, 2014, hatte er sich einen Fragenkatalog mit zwölf Fragen zur Zukunft Deutschlands vorbereitet, und in drei Minuten habe der damalige Landeschef Alexander Gauland ihm alles beantwortet. "Ich bin der AfD deshalb sehr dankbar, und ich werde der AfD immer treu bleiben", sagt er. Hat Alexander Gauland ihn also vom Alkoholismus geheilt? "Eigentlich ja. Das ist so", antwortet Wagner. "Aber ich glaube nicht, dass er es war. Das war Herr Gott." Als jemand nachfragt, ob Gott also durch Alexander Gauland gewirkt habe, sagt Wagner, er müsse darüber erstmal nachdenken. "Danke für die Frage", sagt er dann.

Wagner bedankt sich überhaupt sehr oft bei den Journalisten. Auch für die Frage, was er denn von den Äußerungen Björn Höckes zum Islam halte. "Das tut mir extrem weh, das war widerlich", ruft er. "Ich weiß nicht, was der Björn geraucht hat!" Ansonsten mache der rechten Flügel der AfD aber sehr gute Arbeit.

"Ich weiß nicht, was der Björn geraucht hat!"

Wie Wagner jetzt genau zum Islam gekommen ist, bleibt etwas vage. Die Erleuchtung habe er schon 2015 auf einer Reise in die Stadt Ufa gehabt, der Hauptstadt der russischen Republik Baschkortostan. Aber erst 2017 sei er offiziell konvertiert, indem er in der Moschee dort dreimal das Glaubensbekenntnis gesprochen habe. Seitdem sei er "innerlich völlig anders" und "sehr, sehr glücklich". Dass er im Januar seinen Posten im AfD-Landesvorstand niedergelegt hat, habe damit aber nichts zu tun – er habe sich der Arbeit dort einfach nicht mehr "gewachsen" gefühlt.

Ob er jetzt noch eine Zukunft in der AfD hat, scheint Wagner selbst nicht wirklich zu wissen. "Da lasse ich mich überraschen", lacht er. Aber: "Ich liebe Allah, da kannst du mich schlagen."

"Die AfD muss leben, das ist wichtig. Und ich muss noch wachsen, denn ich bin ganz, ganz klein jetzt."

Er für seinen Teil werde der Partei treu bleiben ("Ich liebe die AfD") und sieht seine Aufgabe jetzt darin, "Brücken zu bauen" zwischen den Nationalkonservativen und der Gemeinschaft der Muslime. Die AfD sei, was die Muslime angeht, einfach ein bisschen "verwirrt" – und das sei die Schuld der "linken 68er-Presse", weil die den Rechten den Islam eben nicht richtig erklären könne.

Dass die Nationalkonservativen und die Muslime sich verstehen, sei aber extrem wichtig für die Zukunft Deutschlands, vielleicht sogar der Welt, denn das 21. Jahrhundert werde "das Jahrhundert des Islams". Immer wieder deutet er an, dass da "etwas ganz Großes" im Kommen sei. Was das ist, kann Wagner aber nicht so richtig erklären. Einer seiner Versuche hört sich so an:

"Ich muss erstmal richtig Deutsch lernen, damit ich Sachen zusammenfassen kann. Wir haben sehr wenig Zeit, sehr wenig Zeit. Und ich bitte darum: Die AfD muss leben, das ist wichtig. Und ich muss noch wachsen, denn ich bin ganz, ganz klein jetzt."

Die Journalisten im Raum werden zunehmend unruhig. "Ist denn das alles Ihr Ernst?", fragt schließlich einer. "Oder kommen Sie vom Böhmermann?" Wagner prustet vor Lachen. Aber: Nein. "Es ist mir bitterernst. Für Leute, die im Islam drin sind, gibt es keine Witze."

Trotzdem: Die ganze Konferenz wirkt wie eine Szene aus einer dieser Gesellschafts-Satiren wie Schtonk! oder Heil. Wagner selbst scheint das immer wieder zu merken, wenn er sich die zwei Dutzend Journalisten vor sich anschaut. "Wieso sitzen wir hier?", ruft er dann. "Wer hat das entschieden?" Für ihn scheint das ein Beweis zu sein, dass Gott seine Hand im Spiel hat. Genauso gut könnte man aber auch auf den Gedanken kommen, dass nicht nur Wagner, sondern alle, die ihm zuhören, von allen guten Geistern verlassen wurden.

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