Medien

„Medienpranger“: mit goldenem Tampon gegen Sexismus

Der medienkritische Blog sammelt Artikel und Beiträge, die teils unterschwellig, teils offen sexistisch sind. Wir haben mit einer der Verantwortlichen gesprochen.
12.7.16
Bild mit freundlicher Genehmigung von aktivistin.ch

Sexismus gibt es eigentlich überall: egal ob allgemeine Gesellschaft oder Subkulturen, Medien oder Popkultur. Dieses Thema betrifft oft genug, aber eben nicht nur, Frauen. Sexistische Rollenbilder und Geschlechterstereotypen existieren ebenso gegen Männer und alle anderen Geschlechteridentitäten—und sind dabei mitunter so subtil, dass man sie gar nicht mehr richtig wahrnimmt. Vielleicht nimmt man sie aber auch einfach hin, weil man sie schon zu oft gelesen, gehört, gesehen hat und irgendwann stumpft man eben ab.

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Hinnehmen wollen die Schweizerinnen von aktivistin.ch medialen Sexismus allerdings nicht mehr. Mit Medienpranger haben sie einen Blog auf die Beine gestellt, der sexistische Berichterstattung nicht nur aufzeigen, sondern die jeweiligen Probleme auch deutlich benennen soll. Aktuell konzentrieren sie sich dabei nur auf die Schweizer Medienbranche, Seiten wie der Bildblog oder Übermedien zeigen jedoch, dass es auch hierzulande Bedarf nach medienkritischen Angeboten gibt. Doch wie aussichtslos ist der Kampf gegen fragwürdige Rollenbilder und Geschlechterstereotypen in einer Branche, in der oft genug Klicks mit nackter Haut generiert werden? Und wo fängt sexistische Berichterstattung eigentlich an? Wir haben bei Carmen Schoder, einer der beteiligten Aktivistinnen, nachgefragt.

Mehr lesen: Ich möchte gar keine geile Sau sein"—Visa Vie über Sexismus im Deutschrap

Broadly: Warum ist eine Seite wie Medienpranger wichtig? Was war der Auslöser?
Carmen Schoder: Der Medienpranger ist wichtig, weil Sexismus Alltag in Schweizer Redaktionen ist. Dieser geschieht oft so subtil und nebenbei, dass man ihn gar nicht bewusst wahrnimmt. Medien tragen so dazu bei, dass Geschlechterstereotypen aufrecht erhalten und Männer und Frauen ungleich behandelt werden. Für uns ist klar: Rollenklischees behindern Individuen in ihren Möglichkeiten und die Gesellschaft als Ganzes in ihrer Entwicklung. Wir möchten, dass jede Person selbst entscheiden kann, wer sie ist und was sie tut; frei von gesellschaftlichen Einschränkungen, Erwartungen und Zwängen. Sprache ist mächtig und prägt, ihre Wirkung wird aber zu oft unterschätzt. Medien, deren Werkzeug Sprache ist, sind Multiplikatoren und stehen deshalb weitaus stärker in der Verantwortung, solche Stereotypen nicht unhinterfragt zu reproduzieren. Wir erwarten von Redakteurinnen und Redakteuren, dass sie sich dieser Verantwortung bewusst sind.

Es amüsiert uns immer, wenn ältere, weiße Herren uns die Welt erklären möchten.

Damit dieses Bewusstsein gestärkt wird, gibt es nun unseren neuen Blog. Der Medienpranger sammelt und hinterfragt Artikel, die Männer und Frauen auf ihr Geschlecht reduzieren. Wir haben Mitte April damit begonnen, den Blog aber erst anfangs Juli publik gemacht.Auslöser waren für uns Aktivistinnen des Netzwerks aktivistin.ch persönliche Erlebnisse. Zu oft haben wir genervt umgeblättert oder umgeschaltet, weil uns der Sexismus in den Medien beelendet und ermüdet. Wir wollen endlich etwas dagegen tun! Eine Arbeitsgruppe unseres Netzwerkes hat sich dann das Konzept zum Medienpranger überlegt und umgesetzt.

Ihr habt besonders negativ auffallenden Medien goldene Tampons geschickt. Kam darauf irgendeine Reaktion?
Das stimmt nicht ganz. Wir haben eine Liste mit den größten Redaktionen des Landes gemacht und den Verantwortlichen als Teaser schon mal einen Tampon geschickt. Also nicht nur Blick und Co., sondern auch NZZ und St. Galler Tagblatt oder Branchenseiten wie persönlich.com oder medienwoche.ch. Zudem haben einige Redakteur_innen, die schon über uns berichtet oder irgendwie mit uns zu tun haben, auch einen Werbetampon erhalten.

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Die großen Reaktionen der klassischen Medien waren bisher ausgeblieben, wir konnten Interviews für Radios oder den Jugendsender Joiz geben. Darüber hinaus hat uns Medienredakteur Rainer Stadler von der NZZ eine ganze Kolumne gewidmet, in der er uns erklärt, weshalb unsere Medienkritik mit medienpranger.ch falsch ist. Es amüsiert uns immer, wenn ältere, weiße Herren uns die Welt erklären möchten und wir schulden ihm natürlich noch eine Antwort. Neben den klassischen Medien konnten wir allerdings eine große Reichweite auf Facebook und Twitter erzielen und auch die Traffic-Kurve unserer Website schlug massiv nach oben aus.

Zum Weltfrauentag am 8. März ließen die Aktivistinnen ein Transparent von der Großmünsterkirche in Zürich hängen. Foto mit freundlicher Genehmigung von aktivistin.ch

Beschränkt ihr euch auf Sexismus gegen Frauen oder beschäftigt sich Medienpranger auch mit LGBTQ und Männern?
Im Medienpranger geht es generell um Sexismus, egal wer davon betroffen ist. Einige unserer Beiträge betreffen auch Männer. Beiträge, die direkt LGBTQ-Personen betreffen, haben wir bisher keine veröffentlicht. Wir freuen uns jedoch über Einsendungen, denn der Kampf gegen die Diskriminierung von LGBTQ-Personen ist ein wichtiges Thema bei aktivistin.ch.

Wo fängt für euch sexistische Berichterstattung an? Auf eurem Blog steht ein Bikini-Stockfoto ja mehr oder minder „gleichberechtigt" neben einem beinahe heiter verfassten Beitrag über Rachepornografie.
Für uns ist beides eine Art von Sexismus. Durch das Verleihen des Goldenen Tampons Ende des Jahres haben wir die Möglichkeit, besonders schlimmen Sexismus zu küren. Sexismus hat aber verschiedene Formen und jede davon ist schädlich. Das fängt im Kleinen an und deshalb nehmen wir auch Artikel in unseren Blog auf, von denen man behaupten könnte, dass das jetzt doch gar nicht so schlimm sei. Man muss sich das als eine Art Skala vorstellen: Von 1 für „ein bisschen sexistisch" bis 5 „ich-fass-es-kaum-dass-das-hier-steht sexistisch". Wir möchten, dass sich die Leser_innen unseres Blogs bei jedem Artikel Gedanken machen und sich auch selbst eine Meinung darüber bilden, was für eine Wirkung dieser Artikel oder dieses Bild auf sie hat. Uns geht es darum, zum Nachdenken anzuregen und sich mit dem Thema Sexismus auseinanderzusetzen. Oft ist der Begriff Sexismus sehr abstrakt. Mit dem Medienprager wird greifbar, was für Formen Sexismus haben kann und wo er überall auftaucht.

Wir wollen nie mehr lesen, wie schön doch eine Politikerin ist, wie eine Auseinandersetzung zwischen Frauen per se ein Zickenkrieg ist.

Hat der Durchschnittsmedienkonsument überhaupt ein Bewusstsein dafür hat, welche Geschlechterstereotypen unangemessen sind und wo medialer Sexismus anfängt?
Die zahlreichen Reaktionen, die wir erhalten haben, zeigen: Viele Medienkonsument_innen nehmen sexistische Berichterstattung sehr wohl war und stören sich daran. Nur hatten sie bisher keine Möglichkeit, sich öffentlich dazu zu äußern. Hier bietet der Medienpranger eine Plattform. Anderseits gehen wir davon aus, dass einige Leser_innen medialen Sexismus nicht wahrnehmen und Geschlechtersterotypen stark verinnerlicht haben. Hier soll der Medienpranger auch Aufklärungsarbeit leisten.

In der Diskussion um den mutmaßlichen Vergewaltigungsfall Gina-Lisa ging es in Medienberichten immer wieder um ihr Aussehen. Habt ihr das verfolgt? Wie schätzt ihr die Rolle der Medien ein?
Wir haben den Fall Gina-Lisa-Lohfink verfolgt und aktivistin.ch hat #teamginalisa via Social Media unterstützt, sowie den Fall bei einer Vernissagen-Intervention zum Buch Miis Züri thematisiert. Die Berichterstattung dazu fand vor allem in deutschen Medien statt. Da sich der Medienpranger nur auf Schweizer Medien fokussiert, gibt es keinen Beitrag von uns dazu.

Zum Fall grundsätzlich können wir sagen, dass das Wechselspiel zwischen klassischen und sozialen Medien sehr intensiv und zuweilen toxisch war. Diese Dynamik können wir bei Fällen, deren Inhalt emotional ist, immer wieder feststellen und gerade da wäre sachliche Aufklärungsarbeit der klassischen Medien gefragt. Die klassischen Medien stoßen Themen an, die dann oft auf Social Media weiterdiskutiert werden und deshalb tragen klassische Medien bei emotionalen und vor allem persönlichen Themen eine große Verantwortung.

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Was sind für euch die Säulen nicht-sexistischer Berichterstattung und was würdet ihr euch zusammengefasst von der deutschsprachigen Medienbranche wünschen?
Wir wünschen uns eine faire und sachliche Berichterstattung. Wir wünschen uns, dass bei Politikerinnen, Sportlerinnen und Künstlerinnen—wie bei ihren männlichen Arbeitskollegen—über ihre Leistungen berichtet wird und nicht über ihre Kleidung, ihren Körper oder ihr Liebesleben. Wir wünschen uns, dass bei einem Artikel über Fußballfans auch mal Frauen porträtiert werden und bei einem Artikel über engagierte Eltern auch mal Väter.

Wir wollen nie mehr lesen, wie schön doch eine Politikerin ist, wie eine Auseinandersetzung zwischen Frauen per se ein Zickenkrieg ist, wie Männer zu unfähigen Papis degradiert werden. Grundsätzlich: Wir würden gerne alles Mögliche über alle möglichen Frauen lesen—solange die Artikel ohne Sexismus, Klischees und Geschlechterstereotypen auskommen.