The Restless Youth Issue

"Hier schmiert man von der Wiege bis zur Bahre" – Rumänische Korruption am Siedepunkt

In Rumänien sind Bestechung und Korruption ganz alltäglich. Doch immer mehr Bürger, Journalisten und sogar Staatsanwälte wehren sich.

von Aaron Lake Smith
16 Juli 2017, 1:30am

Fotos von Andrei Pungovschi

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Tedy Ursuleanu hat Probleme mit ihrer Nachbarin. Bei dem Brand hat sie fast alle Finger verloren. Manchmal fallen ihr Teller herunter, was die ältere Dame ein Stockwerk tiefer stört. Am 30. Oktober 2015 war Ursuleanu auf der Record-Release-Party der Band Goodbye to Gravity im Colectiv, einem Club in einem ehemaligen Fabrikgebäude im Zentrum von Bukarest. Gegen Ende des Konzerts brach ein Feuer aus. Wie viele andere Lokale in Bukarest hatte das Colectiv das offizielle Genehmigungsverfahren durch Bestechung umgangen und war nie kontrolliert worden. Der Club war an jenem Abend überfüllt, nur ein Ausgang war zugänglich. Ursuleanu verlor im Feuer das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, rettete sie sich nach draußen zu einem Krankenwagen; 27 andere starben im Gebäude. Obwohl westeuropäische Länder bessere Behandlungsmöglichkeiten boten, entschieden sich die Behörden, den Großteil der Opfer in Rumänien zu behandeln. So starben 37 weitere Menschen in unvorbereiteten einheimischen Krankenhäusern, viele davon an Infektionen.

In Rumänien ist es seit der Revolution 1989 zu relativ wenigen großen Tragödien gekommen. Der Brand im Colectiv war daher ein Schock – auch weil er absolut vermeidbar war. "Tragisch ist nicht nur die Zahl der Opfer, sondern etwas viel Grundsätzlicheres", sagt der langjährige Bukarester Aktivist Alexandru Alexe. "An den Händen der Politiker klebt Blut." Der Brand schürte den Zorn auf die allgegenwärtige Korruption. Überlebende und Kritiker beschuldigten die gekauften Brandschutzinspektoren, die Clubbesitzer, das unzulängliche, auf Bestechung basierende Gesundheitssystem und die korrupten Politiker. In der Woche nach dem Brand gab es Massenproteste in Bukarest unter dem Motto "Korruption tötet!". Sie zwangen den Ministerpräsidenten Victor Ponta und seine regierende Sozialdemokratische Partei (PSD) zum Rücktritt. Einige Monate zuvor war Ponta bereits wegen Betrugs, Steuerhinterziehung und Geldwäsche angeklagt worden.


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Ursuleanu gehörte zu den wenigen Glücklichen, die im Ausland behandelt wurden und überlebten. Sie verbrachte fast drei Monate komatös in einem Wiener Krankenhaus. Später, im Sommer 2016, deckte der Journalist Cătălin Tolontan einen Skandal auf: Das Unternehmen Hexi Pharma belieferte rumänische Krankenhäuser seit zehn Jahren mit verdünnten Desinfektionsmitteln, die kaum wirksamer waren als Spülmittel, was unzählige vermeidbare Infektionen und Todesfälle verursachte. Ein weiterer Fall skrupelloser Geschäftemacherei, der die Bürger in Rage versetzte. Der Chef von Hexi Pharma starb in der Nacht vor seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft in einem Autounfall, was Spekulationen um Korruption auf noch höheren Ebenen anfachte.

Im Dezember 2016 kamen die Sozialdemokraten der PSD erneut an die Macht. Sie vertraten einen auf Familienwerten basierenden Konservatismus und versprachen moderate Lohn- und Sozialhilfeerhöhungen, womit sie auf dem Land und in den Städten viele Randwähler überzeugten. Da Victor Ponta unter Anklage stand und der Parteivorsitzende Liviu Dragnea aufgrund einer zweiten Anklage wegen Korruption und Einflussnahme auf Bewährung war, wurde der junge Funktionär Sorin Grindeanu zum Ministerpräsidenten ernannt.

Am 30. Oktober 2015 kam es im Nachtclub Colectiv zu einer Brandkatastrophe mit 64 Toten und 147 Verletzten. Tedy Ursuleanu verlor bei dem Brand ihre Finger. Später nahm sie an den Protesten gegen die Notverordnung der Sozialdemokratischen Partei (PSD) teil.

"In Rumänien gibt es sieben verschiedene Wörter für Bestechung. Hier schmiert man von der Wiege bis zur Bahre", erklärt mir der Journalist Mihai Radu. "Bei einer Geburt bekommt der Arzt 1.000 Euro, damit alles gut geht. Bei einer Beerdigung bezahlt man den Friedhof für sechs Totengräber. Und die halten auch noch mal die Hand auf: 'Kein Geld, kein ordentliches Grab.'" Nach der langen Genesung wurde Ursuleanu politisch aktiv. Mit Freunden startete sie eine Petition gegen den Bürgermeister von Bukarest und die PSD. Am 31. Januar, Wochen nach der Amtseinführung der PSD-Regierung, bekam Ursuleanu im Sekundentakt Nachrichten von Mitstreitern. Unter dem Vorwand, die überfüllten Gefängnisse zu entlasten, hatte die PSD per Eilverordnung den Weg für die Begnadigung Hunderter wegen Korruption verurteilter Politiker und Firmenchefs geebnet. Das Dekret gewährte Politikern und Geschäftsleuten Straffreiheit, wenn ihr "Amtsmissbrauch" einen Schaden von unter 44.000 Euro verursacht hatte. Das Gesetz war auf einen der mächtigsten Männer Rumäniens zugeschnitten, der unbedingt Ministerpräsident werden wollte: Dragnea.

Ursuleanu und ihre Freunde eilten zur Piața Victoriei, einem großen Platz vor dem Regierungsgebäude. Hunderte Menschen strömten aus den umliegenden Häusern. Innerhalb weniger Stunden hatten sich mehr als 15.000 Menschen versammelt; auch in anderen Großstädten wie Cluj, Iași, Timișoara und Constanța gingen Tausende auf die Straße.

In den folgenden Nächten fanden die landesweit größten Demonstrationen seit dem Fall des Kommunismus statt. "Rumänen werden nicht so schnell wütend, aber wenn sie wütend werden, dann richtig", wie es ein Demonstrant ausdrückte. Die Menschen fanden sich spontan über Facebook und Mundpropaganda zusammen. Nacht für Nacht hielten Tausende die Piața Victoriei inmitten von Schneegestöber und Vuvuzela-Dröhnen besetzt. "Diebe!", skandierten sie. "Tretet zurück!" Feuerwerkskörper flogen auf die Gendarmerie. Szenen, die an die Euromaidan-Proteste in der Ukraine erinnerten.

Sorin Cucerai ist ein libertärer Philosoph und war in der Revolution von 1989 aktiv. Er hält die aktuellen Proteste für weitaus bedeutsamer als jene vor 27 Jahren. Auch in Kleinstädten und Dörfern gingen Tausende auf die Straße, was in dem politikverdrossenen Land so gut wie unerhört war. Das Misstrauen gegenüber dem politischen Establishment saß tief: Selbst als die Demonstranten die Aufhebung der Eilverordnung und den Rücktritts des Justizministers Florin Iordache erzwungen hatten, blieben 500.000 Demonstranten auf der Straße. Die Piața Victoriei wurde für sie Arbeitsplatz, Zuhause und Bar in einem. Ursuleanu feierte hier ihren 30. Geburtstag.

Rumäniens amtierender Ministerpräsident Sorin Grindeanu

Ich treffe in der 20. Protestnacht in Bukarest ein. Die Bewegung hat ihre Ziele noch nicht erreicht, doch der Protest flaut ab. Nur noch 600 Menschen schwenken im kalten Nieselregen rumänische Fahnen und projizieren mit Lasern "Rezist!" auf die umliegenden Hochhäuser. Eine empörte Frau mittleren Alters erzählt mir, sie habe die Nase voll von der Korruption. Ihre Mutter sei im Krankenhaus gestorben, weil das OP-Besteck nicht sterilisiert gewesen sei. "Sie stehlen und stehlen, und das direkt vor unseren Augen." Von anderen Demonstranten erfahre ich, dass die Eilverordnung nicht der Hauptgrund für die Wut ist, sondern die dreiste Selbstbedienungsmentalität, für die sie steht. Sie fühlen sich gedemütigt und für dumm verkauft. Immer wieder höre ich: "Die verarschen uns" und "Für die sind wir nur Dreck".

Bukarest ist eine chaotische Stadt. Bis vor Kurzem galt sie als Hinterhof Osteuropas und war für ihre Streuner-Rudel berüchtigt. Die meisten wilden Hunde wurden jedoch 2013 eingefangen und eingeschläfert, nachdem sie einen kleinen Jungen und ein paar Jahre zuvor einen japanischen Geschäftsmann getötet hatten. In den 1930ern beschrieb der britische Reiseschriftsteller Patrick Leigh Fermor die Stadt als "faszinierenden Albtraum" aus "Stahlbeton-Fassaden". Die Beschreibung trifft heute noch größtenteils zu. Bukarest bietet eine verwirrende Palette an Grautönen: durchgehend geöffnete Bestattungsinstitute, schmiedeeiserne Tore und Zäune, schlaftrunkene Raucher vor blechgedeckten Architekturperlen im Second-Empire-Stil. Die großen Boulevards könnten auch in Pjöngjang sein, wären da nicht die leeren Armani-Läden. In den verwinkelten Seitenstraßen riecht es nach Holzrauch und ätherischen Ölen, in kleinen Bars treffen sich Intellektuelle.

Serban Marinescu kam über die Antikorruptionsproteste zur Politik. Heute ist er Abgeordneter der neuen Partei Union zur Rettung Rumäniens, die nach dem Brand im Colectiv gegründet wurde.

Als ich Ursuleanu in ihrer Wohnung besuche, ist auch ihr Freund Mihai Grecea da. Der Filmemacher hat den Brand im Colectiv dank künstlicher Beatmung knapp überlebt. Bandagen an seinen Händen verbergen die Narben. Ursuleanu trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Best Worst Case Scenario". Wo die Ärzte ihr einen Portkatheter in die Brust setzten, trägt sie nun ein Songtext-Tattoo von Goodbye to Gravity. Bei dem Brand kamen zwei Mitglieder der Band um, zwei weitere starben an ihren Verletzungen; nur der Sänger hat überlebt. Ich frage Ursuleanu, wen sie für die Katastrophe verantwortlich macht.

"So viele tragen Schuld", sagt sie. Auch sie habe schon Genehmigungen für Luxusbauprojekte gefälscht, als sie in einer Architekturfirma arbeitete. "Ich bin auch schuld, denn ich habe vieles mitbekommen und nichts getan."

Ich frage Grecea, was er von der aktuellen Lage hält. "Ich habe sehr feste politische Ansichten", seufzt er ausweichend. Ursuleanu lacht.

"Die Menschen auf dem Platz sollten eine starke Partei gründen", sagt Grecea. "Wer könnte denn an die Stelle der PSD treten? Es gibt keine echte Alternative, schon gar nicht von links. Letztes Jahr wurde eine kleine Partei namens Union zur Rettung Rumäniens [USR] gegründet, aber sie vertritt keine bestimmte Weltanschauung. Ihre Mitglieder sind eher pragmatisch und müssen noch viel lernen, um richtige Politiker zu werden."

Laura Kövesi, leitende Staatsanwältin der Antikorruptionsbehörde DNA, kämpft gegen Amtsmissbrauch innerhalb der Regierung.

Vergangenen Dezember trat das neue Anti­korruptionsbündnis USR bei den Parlamentswahlen an und wurde mit fast zehn Prozent der Stimmen unerwartet zur drittstärksten Kraft im Parlament. Die brutale Herrschaft Nicolae Ceaușescus endete zwar 1989 mit der Hinrichtung des Despoten und seiner Frau Elena, doch sie prägt das Denken der Rumänen noch heute. Fast alle, die ich treffe, lehnen Sozialismus, Nationalismus, Russland, Parteien, Politik und Politiker ab. Hinter dem augenscheinlichen Anlass jeder politischen Mobilisierung verbirgt sich eine abgrundtiefe Wut über das fest verwurzelte Establishment, das die beiden großen Parteien verkörpern: die PSD und die oppositionelle Nationalliberale Partei (PNL). Beide sind aus der verhassten Rumänischen Kommunistischen Partei hervorgegangen. Die USR hingegen war ursprünglich ein Verband zum Erhalt der Bukarester Architektur und Grünflächen. Mit ihrem Wahlspruch "Wir sind keine Politiker" machte die neue Partei sich die politikfeindliche Stimmung zunutze.

Im verrauchten Hinterhof einer Kneipe treffe ich Șerban Marinescu, den Chefstrategen der USR. Der 37-jährige Architekt trat bei den Wahlen als Außenseiter gegen Dragnea an – in dessen Heimatkreis Teleorman, einer der ärmsten Regionen des Landes. Er verlor haushoch. Seine Art spendenfinanzierter Wahlkampf von Haustür zu Haustür ist in Rumänien nicht üblich. Außerdem ist Teleorman als uneinnehmbare PSD-Hochburg bekannt. Unternehmen, Immobilien und öffentliche Aufträge werden dort von Dragneas Parteimaschine kontrolliert. "In der Verwaltung sitzen nur PSD-Leute, in den Unternehmen auch. Da heißt es: 'Wenn ich dich auf einer Demo sehe, bist du gefeuert.' Es ist nicht gerade subtil", sagt Marinescu und kippt noch ein Bier.

Marinescu sieht man den Bukarester Kosmopoliten sofort an. Genauso gut hätte er als Großstadthipster auf dem Land zur Wahl antreten können. Ein Video von seiner Kampagne zeigt ihn unter älteren Einheimischen, die ihn gnadenlos auslachen. "Kauf uns was! Kauf uns was zu essen!", ruft eine Gruppe Männer. "So was tun wir nicht. Wir haben kein Geld. Wir sind jung und arm", protestiert Marinescu. "Komm schon, wenigstens 10 Lei für ein Bier", lachen sie. "Wir haben kein Geld, ehrlich", antwortet er. "Gebt uns bitte trotzdem eure Stimme. Die USR ist gegen die Eliten, wir sind für das Volk." In einer anderen Szene ignoriert er einen Mann, der Steuersenkungen verlangt.

"Das ist ihre Einstellung: 'Ja, wir wissen, dass Dragnea stiehlt, aber er stiehlt auch für uns'", sagt Marinescu bitter. Ich frage ihn nach der Weltanschauung der USR. Er beschreibt sie leicht gereizt als "pro-europäische liberale Partei für freie, liberale Marktwirtschaft und all das, für linke Sozialpolitik, für Minderheiten, für Homosexuelle". Er fügt hinzu: "Hier gibt es keine wirklich rechten oder linken Parteien, sondern nur Diebe, die im eigenen Interesse handeln und inhaltsleere Statements abgeben. Man kann sie nicht ideologisch bekämpfen, denn sie glauben ja selbst nicht an das, was sie erzählen." Was hofft Marinescu angesichts seiner geringen Aussichten auf Wahlerfolg zu erreichen? "Wir versuchen, alle zu mobilisieren, die schon gegen Dragnea sind. Sie wehren sich nicht gegen ihn, weil sie sich so allein fühlen wie wir selbst vor zehn Jahren. Das ist die Botschaft unserer Kampagne: 'Wehrt euch, dann passiert euch nichts.'"

Rumäniens Nationale Antikorruptionsbehörde DNA lehrt die Mächtigen das Fürchten, indem sie Tausende Politiker, Oligarchen, Firmenchefs und Multimillionäre anklagt.

Marinescu spricht aus Erfahrung. Vor zehn Jahren schlug ihn die Bukarester Polizei nach einem Streit mit einem Taxifahrer brutal zusammen. Sein Fall wurde acht Jahre lang verschleppt und erst bearbeitet, als er damit vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zog, der zu seinen Gunsten entschied und ihm 7.500 Euro Entschädigung zusprach. 2013 hatte er ein weiteres einschneidendes Erlebnis mit dem System, nachdem er mit Kollegen einen Architekturpreis zur Umgestaltung des zentralen Platzes der Stadt Râmnicu Vâlcea gewonnen hatte. Der Bürgermeister der Stadt rief nachts an, um ein Treffen zu vereinbaren. Offenbar wollte er einen Teil der Geldprämie. "In Rumänien ist das nichts Ungewöhnliches. Wenn ein Bürgermeister sich merkwürdig verhält, weiß man gleich, was los ist", lacht Marinescu. Seine Freunde rieten davon ab, doch er nahm an einer verdeckten Ermittlung teil, die den Bürgermeister für vier Jahre ins Gefängnis brachte.

Der rumänische Präsident Klaus Johannis

Rumäniens Nationale Antikorruptionsbehörde DNA unterstützte die Ermittlungen. Das erstaunlich unabhängige staatsanwaltliche Organ wurde 2003 anlässlich des EU-Beitritts gegründet, zeigt aber erst seit Kurzem seine Zähne. Während des Beitrittsprozesses modernisierte Rumänien sein Justizsystem und bildete eine neue Generation von Juristen gemäß der rechtsstaatlichen Prinzipien des Westens aus.

Vlad III., ein Fürst aus dem 15. Jahrhundert, der den meisten als Dracula bekannt ist, gilt vielen Rumänen heute noch als mächtiges Symbol für die gnadenlose Verfolgung der korrupten herrschenden Klasse. Seine heutige Inkarnation wäre dann wohl Laura Kövesi. Die ehemalige Profi-Basketballerin ist heute leitende Staatsanwältin der DNA und lehrt die Mächtigen das Fürchten, indem sie Tausende Politiker, Oligarchen, Firmenchefs und Multimillionäre anklagt. Bei schönem Wetter warten ganze Journalistentrauben am Nebeneingang der DNA, um zu sehen, welche Politiker in Handschellen zum Verhör geführt werden. Kövesi scheut sich nicht, gegen die Eliten des Landes vorzugehen, darunter der ehemalige Ministerpräsident Adrian Năstase, der einen Suizidversuch unternahm, um der Festnahme zu entgehen. Jetzt hat die DNA erneut Dragnea im Visier.

An einem sonnigen Morgen besuche ich die Jahrespressekonferenz der DNA im Palatul Cercului Militar Național, einem Offizierskasino im Neo-Renaissance-Stil. Hinter den Fernsehreportern, die auf ein Interview mit Kövesi hoffen, wartet eine Schar lächelnder Staatsanwälte darauf, den Besuchern die Hände zu schütteln. In einer prächtigen Marmorhalle präsentiert Kövesi Diplo­maten, Militärvertretern und Oppositionspolitikern nüchtern die Erfolgsbilanz des letzten Jahres: unglaubliche 1.270 Anklagen, unter anderem gegen 3 Minister, 6 Senatoren, 11 Parlamentarier, 47 Bürgermeister, 16 Richter. Der Schaden beläuft sich auf mehr als 250 Millionen Euro.

Der rumänische Präsident Klaus Johannis, ein ehemaliges Mitglied der Nationalliberalen Partei und heute Unterstützer der Bewegung gegen Korruption, gratuliert der Behörde und verspricht, den Kampf "mit Volldampf" weiterzuführen. Natürlich werden Johannis, Kövesi und die DNA wegen ihrer Arbeit auf jede erdenkliche Weise attackiert. Völlig haltlos bezeichnen manche sie als die neue Securitate, nach Ceaușescus brutaler Geheimpolizei. Letzten Dezember tauchte der nationalistische Medienmogul Sebastian Ghiță vor seiner Festnahme ab, doch sein Fernsehsender RTV wurde zur Anti-Kövesi-Plattform und warf ihr vor, sie wäre CIA-Agentin. Der Sender behauptete außerdem, sie würde Verbindungen zur Geheimpolizei unterhalten und hätte ihre Doktorarbeit plagiiert.

"Politiker werden zu richtigen Nervensägen, wenn sie für 20 bis 70 Tage in U-Haft sitzen", sagt der Aktivist Alexe. "'Muss ich wirklich für 12 bis 20 Jahre ins Gefängnis?' Ja, musst du. Der durchschnittliche Rumäne wünscht sich für die dicken Fische lange Haftstrafen. Und dass ihr Vermögen eingezogen wird."

Eine der Parolen der Demonstranten lautet: "DNA – sperrt die Schurken weg!" Zwischen den Marmorstatuen im Palatul Cercului Militar Național wirken die Militärvertreter und Parteifunktionäre recht entspannt, doch insgeheim müssen manche sich sorgen, dass sie als Nächste dran sein könnten.

Colette Chichirău, USR-Mitglied und Abgeordnete im rumänischen Parlament

Marinescu hat mich ins USR-Büro im gigantischen Parlamentspalast eingeladen, der ein ganzes ehemaliges Stadtviertel einnimmt. Angeregt durch eine Reise nach Nordkorea veranlasste Ceaușescu 1984 den Bau des Palastes, die Fertigstellung erlebte er allerdings nicht mehr. Heute zählt das Bauwerk zu den größten Verwaltungsgebäuden der Welt, ein marmorner Schrein der Macht. Die Flure im Inneren sind so lang wie Fußballfelder und mit roten Teppichen und Kristalllüstern dekoriert, an den Wänden hängen Porträts schnurrbärtiger rumänischer Helden.

Die Abgeordneten der USR haben in dem labyrinthartigen Palast einen eichengetäfelten Flügel bezogen und wirken immer noch ein wenig erstaunt über ihre neu gewonnene Macht – wie Praktikanten, die plötzlich den Schlüssel zur Vorstandsetage haben. Ich frage Marinescu, wie der Übergang von der Zivilgesellschaft in die Hallen der Macht verlaufen ist. Er flüstert: "Als wir angefangen haben zu protestieren … da hat man den Unterschied gemerkt." Auf der USR-Konferenz schwirren junge Assistenten mit beschwingtem Schritt umher; sie wirken erfreut über ihre neue Position. "Unglaublich. Wir sind Parlamentarier", sagt die 39-jährige Abgeordnete Cosette Chichirău mit leuchtenden Augen. Chichirău ist letztes Jahr aus den USA zurückgekehrt. Nach ihrer Doktorarbeit und ein paar Jahren in der Finanzbranche engagierte sie sich im Wahlkampf des demokratischen Kandidaten Bernie Sanders. Als der die Vorwahl verlor, kehrte Chichirău in ihre Heimat zurück, um dort selbst in die Politik zu gehen. Sie führte einen Crowdfunding-Wahlkampf im Stil von Sanders und versprach, das politische System in Ordnung zu bringen. Damit gewann sie in ihrer Heimatstadt Iași, einer der größten Städte Rumäniens.

Als die Eilverordnung erlassen wurde, eilte Chichirău zum Regierungsgebäude, um ihre Kollegen von diesem Schritt abzubringen, aber sie kam nicht hinein. Also traf sie sich mit anderen USR-Abgeordneten auf dem Platz. Als immer mehr Menschen dazukamen, wurde die USR zum Sprachrohr der Protestierenden. Für ihre heftige Kritik an Dragnea und anderen PSD-Funktionären warf man ihnen vor, ihr Verhalten sei für Politiker unangemessen. Im Flur vor dem USR-Büro stellt Chichirău nach, wie sie Dragnea mit einer großen Gruppe in die Enge trieb und lautstark beschimpfte, während er versuchte, sich in einen Aufzug zu flüchten. "Sie dachten, der Palast wäre sicher. Aber jetzt können sie sich nirgendwo mehr verstecken", sagt sie. "Manche von ihnen wollen nicht akzeptieren, dass wir Kollegen sind. Sie sagen: 'Einige Bürger haben uns angegriffen.' So haben sie uns tatsächlich wahrgenommen. Ihr erster Gedanke war: 'Diese Bürger haben kein Recht, sich hier aufzuhalten.'"

Mitglieder von Casa Jurnalistului, einem unabhängigen Journalistenkollektiv, das zur staatlichen Korruption recherchiert, in der Küche ihres gemeinsamen Hauses in Bukarest.

Es scheint, als seien die Presse, die NGOs und die demokratische Opposition allesamt noch zu neu, um sich desillusioniert und träge zu fühlen. Die Journalisten, die ich treffe, sind stolz auf ihre schlagkräftigen Recherchen und unterstützen einander wie in einem Kollektiv. Sie scheinen die Jagd auf die Mächtigen und die Politiker zu genießen. Die NGO-Büros sehen mehr nach DYI- und Start-up-Kultur aus; das Schild an der Tür einer von George Soros finanzierten Einrichtung ist handgeschrieben. Mein Übersetzer Matei Bărbulescu lebt und arbeitet in dem Journalistenkollektiv Casa Jurnalistului. Es finanziert sich über Patreon und liegt mitten in einem heruntergekommen Viertel, in dem Tag und Nacht Roma-Popmusik läuft. Der junge Journalist Vlad Ursulean hat das Kollektiv hier 2012 in einem besetzten Haus gegründet. Über die sozialen Netzwerke hat sich die Gruppe nach und nach ein Publikum aufgebaut. Dabei kombinieren sie Live-Reportagen von Demonstrationen mit knallharter, zeitaufwändiger Recherche. Für eine Longform-Reportage hat das Kollektiv auch schon Flüchtlinge auf ihrem Weg aus der Türkei begleitet. So hat sich Casa Jurnalistului allmählich einen Namen gemacht und treue Abonnenten gewonnen. Das Kollektiv zog in ein heruntergekommenes Haus und finanziert sich heute zusätzlich über verrückte Tanzpartys im Keller und den Verkauf von Feiertagsdeko auf Handwerkermärkten. "Wir sind wütend, weil sich rumänische Journalisten so billig verkaufen", sagt der 29-jährige Ursulean, "deshalb verkaufen wir uns noch billiger." Mit seinen Einnahmen finanziert das Kollektiv auch ein Fellowship-Programm. Angehende junge Journalisten bekommen bei ihnen für neun Monate eine Unterkunft und ein Stipendium. Sie lernen den Umgang mit Texten und Videos – und was es heißt, kollektiv zu arbeiten.

Die Casa Jurnalistului ist ein marodes Haus, in dem überall Bierdosen herumstehen. Es hat einen Hinterhof zum Grillen, einen bunkerartigen Keller und im luftigen Dachgeschoss eine Redaktion. In der Casa gibt es keine genaue Arbeitsteilung. Alle Journalisten sind auch Redakteure, drehen und schneiden Videos und berichten über Facebook Live. So produzieren sie ein breites Spektrum an hochwertigen Inhalten. Liana Fermeșanu, eine junge Journalistin, die an einem Frühlingstag im Hof etwas für den Handwerkermarkt bastelt, arbeitet gerade an einem Enthüllungsbericht über psychiatrische Anstalten. Ihre Kollegin Ștefania Matache sitzt an einer umfassenden Reportage über die Probleme der Bukarester Transgender-Community.

Meine Arbeit besteht zur Zeit vor allem darin, Geld abzulehnen. Von Unternehmern, Politikern, Oligarchen, anderen Zeitungen. Sie brauchen frischen Wind in ihren Redaktionen und
versuchen, uns mit Geld zu ködern.

Die Redaktion steht allen unabhängigen Journalisten der Stadt offen. Eines Abends werde ich Zeuge, wie eine studentische Praktikantin von einem Mitglied des Kollektivs ihren ersten Auftrag bekommt. Ihr Traum, Journalistin zu werden, geht endlich in Erfüllung. Sie sitzt mit einer angebrochenen Dose Bier an ihrem Schreibtisch, reißt die Arme hoch und jubelt: "Ja! Ich hab eine Story! Ich hab eine Story!"

Ursulean erzählt mir: "Meine Arbeit besteht zurzeit vor allem darin, Geld abzulehnen. Von Unternehmern, Politikern, Oligarchen, anderen Zeitungen. Sie brauchen frischen Wind in ihren Redaktionen und versuchen, uns mit Geld zu ködern." Auf meine Frage, warum er das Geld nicht annehme, erwidert er: "Das ist schmutziges Geld. Sauberes Geld kommt nur von den Abonnenten. Die sagen sich: 'Diese Story hat mein Leben verändert. Ich möchte dazu beitragen, das Leben anderer Menschen zu verändern.'" Bevor er dem System den Rücken kehrte, war Ursulean jahrelang Teil des journalistischen Mainstreams. Gerade hat er in Boston einen kurzen Aufenthalt am New England Center for Investigative Reporting beendet. Dort kam er bei der Arbeit an einer Story über Fracking in Osteuropa zu dem Schluss, dass so etwas von Bukarest aus viel besser geht.

Die Piața Victoriei steht für den Protest der Städter, hier dagegen versammelt sich die Arbeiterklasse aus der Provinz. Männer in Arbeiterkappen und Schiebermützen lärmen mit
Lufthupen und Vuvuzelas und skandieren: "PSD! PSD!"

Einige der wichtigsten Enthüllungen von Casa haben Schlaglichter auf das korrupte Gesundheitssystem geworfen. Dank einer umfangreichen, dreiteiligen Reportage von Luiza Vasiliu konnte Rumäniens bekanntester Arzt für seine experimentellen und schädlichen Operationen an Kindern endlich vor Gericht gestellt werden. Vor zehn Jahren habe ich den unglaublich düsteren Film Der Tod des Herrn Lazarescu gesehen, in dem ein Rentner wegen leichter Beschwerden im Krankenhaus landet, dort durch die Hölle des rumänischen Gesundheitssystems geht und schließlich stirbt. In Rumänien wird klar, dass der Film ziemlich realitätsnah ist. "Wir haben hier so eine Redensart", spottet Bărbulescu, mein Übersetzer. "'Mit einer Kleinigkeit ins Krankenhaus gehen und tot wieder rauskommen.'"

In Târgoviște versammeln sich PSD-Anhänger, um Ministerpräsident Grindeanu zu unterstützen.

Spät eines Nachts werde ich diskret über das Gelände des Colentina-Krankenhauses in das Kellerbüro des jungen Neurochirurgen Gobej Ionut geführt. Ionut wirkt gut gelaunt, in seinem schwarzen Haar zeigen sich die ersten grauen Strähnen. Er hat vor Kurzem Aufsehen erregt, indem er den neuen Krankenhausverwalter öffentlich anprangerte, weil dieser den Überstundenlohn kürzen wollte und dem Personal erklärt hatte: "Die Patienten interessieren uns nicht." Ionut postete den Vorfall auf Facebook und suchte nach Freiwilligen, die unentgeltlich bei einer besonders langen und schwierigen OP helfen konnten. In Rumänien ist die Behandlung in öffentlichen Krankenhäusern zwar kostenlos, aber das System krankt an Korruption und politisch motivierten Personalentscheidungen. Am Eingang zu Ionuts Abteilung hängt ein Poster, auf dem steht: "Gesundheit hat keinen Preis! In Rumänien gibt es professionelle und ehrliche Ärzte!" Als ich ihn darauf anspreche, sagt Ionut: "Ich verurteile keine Kollegen, die sich bestechen lassen. Mein Monatsgehalt beträgt 800 Euro. Die Gehälter sind insgesamt sehr niedrig. Wer ständig Überstunden macht und dafür nicht bezahlt wird, bittet üblicherweise die Patienten zur Kasse. Das Geld wird unter den Mitarbeitern aufgeteilt und alle sind zufrieden", sagt er und lacht resigniert.

Mit seinem bewundernswerten Widerstand gegen die Korruption eckt Ionut zwangsläufig an. "Ich behaupte nicht, dass wir die einzige unbestechliche Abteilung im gesamten öffentlichen Krankenhaussektor sind, aber außer uns gibt es nicht viele andere. Wir sind eine Ausnahme. Das belastet das Verhältnis zu unseren Kollegen. Sie finden, dass wir den Markt zerstören." Die Bestechung im öffentlichen Sektor ist so tief verwurzelt, dass die meisten Patienten Ionut in seiner Sprechstunde mit Geldbündeln locken wollen und wütend werden, wenn er ablehnt. Im Laufe des Gesprächs wirkt Ionut zunehmend unsicher, was seine vorbildliche, korruptionsfreie Abteilung angeht. "Ich war erstaunt, wie schwierig es war, mein Team von dieser Maßnahme zu überzeugen." Als wir am Ende des Interviews zu einer Führung durch das Krankenhaus aufbrechen, räumt er ein: "Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht hundertprozentig sicher, ob mein Team nicht doch Schmiergeld annimmt. Aber eins mache ich allen klar: Sollte ein Patient, warum auch immer, vernachlässigt werden, setze ich Himmel und Erde in Bewegung, damit die verantwortliche Person aus dem Team fliegt."

Nacht für Nacht gehen die Proteste weiter. Zwischen 500 und 5.000 junge Bukarester, überwiegend aus der Mittelschicht, prangern lautstark die allgegenwärtige Korruption in der Verwaltung, im Gesundheitssystem und in der PSD-Regierung an. Außerhalb von Bukarest sieht es jedoch ganz anders aus. Auf dem Land haben 40 Prozent der Menschen kein fließendes Wasser und landesweit sind laut einer Studie des Zentrums für Bildungsevaluation etwa 40 Prozent aller Jugendlichen "funktionale Analphabeten". Zwischen der Hauptstadt und dem ländlichen Rumänien liegen Welten.

An einem verregneten Morgen fahre ich zu einer regierungsfreundlichen Kundgebung von Bukarest in die zwei Stunden entfernte Provinzstadt Târgoviște, wo Ceaușescu und seine Frau 1989 hingerichtet wurden. Die Provinzstädte sind PSD-Hochburgen, jede hat in ihrem Zentrum ein Parteibüro mit dem PSD-Symbol, der roten Rose. Mehr als 5.000 Teilnehmer mit roten Schals strömen zur Kundgebung ins Stadtzentrum. Viele sind aus Târgoviște, andere sind mit organisierten Bussen aus ganz Rumänien hierhergekommen. Die Piața Victoriei steht für den Protest der Städter, hier dagegen versammelt sich die Arbeiterklasse aus der Provinz. Männer in Arbeiterkappen und Schiebermützen lärmen mit Lufthupen und Vuvuzelas und skandieren: "PSD! PSD!" Die Stimmung wird mit der Nationalhymne und diversen Techno-Versionen von Beethovens "Ode an die Freude" weiter angeheizt. Die Veranstaltung fühlt sich an wie eine Mischung aus Fußballspiel und Gewerkschaftskundgebung.

Welche Ziele die Opposition verfolgt und wie sie sich entwickeln wird, ist noch unklar. Die demokratisch gewählte Regierung wollen sie nicht stürzen. Sie verstehen sich als gebildete, moderne Europäer und wollen anstelle der korrupten politischen Klasse "ehrliche Menschen" in der Regierung sehen.

Nacheinander betreten PSD-Funktionäre in roten Overalls die Bühne und bearbeiten das Publikum: "Gute Morgen, Freunde! Wir unterstützen die Regierung! Diese Regierung setzt sich für Rumänen ein, nicht für Ausländer! Unsere Gegner sind schlechte Verlierer!" Nach der Kundgebung marschieren die Menschenmassen zwei Stunden lang im Regen durch die Stadt. Anwohner in heruntergekommenen Hochhäusern schwenken von den Balkonen rote Schals. Eine Grundschullehrerin meint, die PSD sei beliebt, weil sie die Löhne erhöhe und "an das Volk denkt".

Mir fällt wieder ein, was der Philosoph Sorin Cucerai mir über 1989 erzählt hat: „Die Demonstration, an der ich am 21. Dezember 1989 teilgenommen habe, war ein Protest der urbanen Elite. Am nächsten Tag riefen die Industriearbeiter in Bukarest zum Generalstreik auf. Mich hätte Ceaușescu als 'Konterrevolutionär' oder 'kriminelles Element' ohne Zögern erschießen lassen, aber mit den Arbeitern konnte er das nicht machen, schließlich war er Kommunist. Also versuchte er zu fliehen. Der Generalstreik war in Wirklichkeit die erfolgreichere Protestaktion. Fragt man aber die Menschen – fragt man mich – dann war ich der wahre Rebell, denn ich war zuerst da, und auf mich hätte Ceaușescu schießen lassen. Es gibt zwei sehr verschiedene Kräfte, die Ceaușescu gestürzt haben. Die urbane Elite tendierte zur Demokratie und zum Westen und stimmte für die neu gegründeten liberalen Parteien, während die Arbeiterklasse die Nationale Rettungsfront wählte [die das postkommunistische Rumänien dominierte]. Seit 27 Jahren besteht dieses Land eigentlich aus zwei Ländern, die einander entweder ignorieren oder hassen."

Seit 2015 haben landesweit 600.000 Menschen an regierungskritischen Demonstrationen teilgenommen, so wie diese Demonstranten in Bukarest im Januar 2017.

Welche Ziele die Opposition verfolgt und wie sie sich entwickeln wird, ist noch unklar. Die demokratisch gewählte Regierung wollen sie nicht stürzen. Sie verstehen sich als gebildete, moderne Europäer und wollen anstelle der korrupten politischen Klasse "ehrliche Menschen" in der Regierung sehen. Sie laufen dem Phantom einer europäischen Identität hinterher, wollen sich aber nicht eingestehen, dass die EU und der gesamte Westen auch keine Felsen in der Brandung mehr sind. Die Bewegung zeichnet sich weniger durch klare Forderungen und konkrete politische Vorstellungen aus; vielmehr findet sie gerade ihre Linie und lotet die Grenzen der rumänischen Demokratie aus.

An einem meiner letzten Sonntage in der Stadt bilden 5.000 Menschen mit leuchtenden Smartphones eine menschliche Europafahne. In der Dunkelheit wirkt sie wie eine Art Bat-Signal, ein Hilfeschrei nach einem Superhelden, der aber in Brüssel kaum mehr als ein Schulterzucken auslösen würde. Marinescu ist mit ein paar Freunden dort. In den letzten Tagen habe ich viel über einen Skandal in der USR gehört: Ein Abgeordneter hat auf Facebook dazu aufgefordert, Obdachlose der Polizei zu melden, und so die liberalen Unterstützer der Partei gegen sich aufgebracht. Der Post wurde sofort gelöscht und eine Entschuldigung veröffentlicht, aber als ich Marinescu darauf anspreche, seufzt er und sagt: "So was passiert, weil die Partei neu ist und gerade enormen Zuwachs hat. Dadurch ist sie sehr schwer zu kontrollieren. Es handelt sich eigentlich um eine Bewegung, und wir versuchen zurzeit, sie in eine Partei zu verwandeln. Das ist nicht gerade einfach."

Ein skeptischer Rufer in der Wüste ist der preisgekrönte Romanautor und linke Aktivist Vasile Ernu. "Dieser Kampf gegen die Korruption gaukelt den Leuten vor, man könne absolut alles erreichen", sagt er. "Solange diese Bewegung gewinnt, wird bestimmt alles großartig. Doch niemand weiß, was Korruptionsbekämpfung wirklich bedeutet." Ernu, ein abgeklärter Mittvierziger mit rotem Schal und schwarzer Baskenmütze, war anfangs an der Piața Victoriei dabei. Er war aber schnell ernüchtert, als Banker und Liberale dazustießen, die all ihre Hoffnung auf die DNA setzten. "Banker, die gegen Korruption protestieren. Das ist doch absurd."

Ernu meint, die Antikorruptionsbewegung habe gar nicht den Willen, sich der Armut und Ungleichheit in Rumänien anzunehmen. "Im Grunde leben wir in einem Land, das von einer konservativen Weltanschauung dominiert ist. Alle Parteien haben ihre Programme auf ausländische Investitionen und die Mittelschicht zugeschnitten. Jetzt führen die Parteien, die die Mittelschicht repräsentieren, einen neuen, attraktiven Diskurs: den Kampf gegen die Korruption. Aber es ist schon seltsam, dass die Antikorruptionsbewegung vor allem gegen Parteien kämpft und nur sehr selten gegen das Großkapital oder Konzerne vorgeht. Das eine Prozent, die wirklich Reichen, lässt die DNA in Ruhe."

Ernu erzählt, man bezeichne ihn wegen seiner Kritik an der Bewegung als "PSD-Unterstützer". "Die PSD ist eine konservative Partei. Sie kämpft gegen LGBT-Rechte. Sie ist sehr populistisch, nationalistisch und unternehmensfreundlich. Andererseits ist die PSD die einzige Partei, die noch nie die Armen gedemütigt hat. Die Technokraten sind dagegen nämlich arrogante Idioten. Sie stempeln einen als Faulpelz oder Säufer ab – und dann wundern sie sich, wenn sie von armen Leuten keine Stimmen bekommen."

Kurz bevor ich Bukarest verlasse, legt ein PSD-Senator dem Parlament das Gesetz zur Lockerung der Antikorruptionsbestimmungen erneut vor. Die Menschen, die ich interviewe, sind sich nicht einig, wo das hinführen wird. Doch am Sonntagabend nach meiner Abreise wird es endlich Frühling, und 10.000 Menschen versammeln sich auf dem Platz. Zum ersten Mal seit Januar ziehen wieder Menschenmassen durch die Stadt. Vor Ceaușescus monumentalem Parlamentspalast machen sie halt und protestieren lautstark. Schließlich ziehen sie weiter zum unscheinbaren DNA-Gebäude und rufen: "DNA, gebt nicht auf, weicht nicht zurück, wir sind auf eurer Seite!"

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