Heulsuse der Woche: antifeministischer Start-up-Dude vs. Bild-Zeitung

Ein Cannabis-Investor will Berlin wegen progressiver Geschlechterbilder verlassen und die Boulevardzeitung glaubt, dass die Integrationsbeauftragte mit ihrer Grußkarte Weihnachten zerstört hat.

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21 Dezember 2018, 12:23pm

Links: rawpixel.com | Pexels | CC0 || Rechts: Gaspard | Wikimedia | Public Domain

Es ist mal wieder an der Zeit, sich über ein paar Menschen zu wundern, die mit der Welt nicht fertigwerden.

Heulsuse #1: antifeministischer Start-up-Gründer

Der Vorfall: Unternehmer Sebastian Diemer fühlt sich in Berlin nicht wohl.

Die angemessene Reaktion: Umziehen. Die Hauptstadt ist nicht für jeden was und das ist absolut in Ordnung.

Die tatsächliche Reaktion: Umziehen und sich in einem Facebook-Beitrag unter anderem über den "exzessiven Feminismus" in Berlin beschweren.

Berlin ist ein hartes Pflaster. Nicht nur für die Leute, die gerade Stress mit Fler haben. Berliner sind per se schlecht gelaunt, die Jobs schlecht bezahlt, der Wohnungsmarkt die absolute Hölle und wer dem Großstadtstress mal für ein paar Stunden entfliehen möchte, muss nach Brandenburg rausfahren – und kann da mit Neonazis und Wölfen rumhängen. Andererseits gibt es hier überall Spätis, niemand guckt einen vorwurfsvoll an, wenn man in der U-Bahn schon mittags Bier trinkt, und im Sommer ist Berlin tatsächlich eine sehr schöne, sehr lebenswerte Stadt. Es gibt also gute Gründe, hier zu wohnen.

Allerdings nicht für Sebastian Diemer. Der Start-up-Gründer geriet diese Woche in die Schlagzeilen, weil er mit einem außerordentlich heulsusigen Facebook-Post seinen Abgang aus Berlin verkündete. Und die Gründe lesen sich ein bisschen, als wäre der Fintech-Unternehmer eine Figur, die sich ein Internettroll ausgedacht hat. Diemer stört sich nämlich nicht nur an den drogennehmenden Hipstern, die lieber Party machen, statt Projekte umzusetzen. Nein, ein Dorn im Auge ist ihm auch der "exzessive Feminismus". Eine scheinbar unüberwindbare Bedrohung, vor der er jetzt nach Frankfurt am Main flieht. Dort erhofft er sich "konservativere Rollen" (sic), also Männer, "die sich verhalten und aussehen wie Männer", und natürlich Frauen, die angemessen weiblich auftreten. "Leute, die normale Jobs haben, normale Beziehungen und ansatzweise normal aussehen."

Auf Twitter haben Feministinnen bereits signalisiert, dass Diemer auch in der Bankenstadt nicht sicher vor ihnen sei. Und was das Thema Drogen angeht: Ganz so schlimm scheint er das dann doch nicht zu finden. Sein Plan für den neuen Lebensabschnitt in Frankfurt? Ein Cannabis-Start-up.


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Heulsuse #2: Bild-Zeitung

Der Vorfall: Die Pressestelle der Integrationsbeauftragten Annette Widmann-Mauz verschickt eine Weihnachtskarte an Journalistinnen und Journalisten und wünscht ihnen besinnliche Tage "egal woran sie glauben".

Die angemessene Reaktion: Sich freuen, dass dem Wunsch nach Inklusion auch in der Ansprache auf Festtagskarten Rechnung getragen wird.

Die tatsächliche Reaktion: Eine regelrechte Kampagne gegen die Politikerin starten und ihr vorwerfen, sie würde Weihnachten "abschaffen".

Ach, Bild. Du stetiges journalistisches Ärgernis. Gerade erst hat Chefredakteur Julian Reichelt mit gewagt tiefem Ausschnitt den Negativpreis "Goldene Kartoffel" abgelehnt, da kommst du schon mit der nächsten sinnlosen Diskussion um die Ecke, die klischeekartoffeliger nicht sein könnte. Unter der Dachzeile "Integrationsbeauftragte schafft 'Weihnachten' ab" arbeitest du einen Fall auf, der dich so richtig, richtig empört. Und das in einer Zeit, in der große Teile Deutschlands schon glühweintrunken im heimischen Tannengesteck hängen.

Was ist passiert? Die Pressestelle der Integrationsbeauftragten Annette Widmann-Mauz hat an Pressevertreterinnen und -vertreter eine Karte verschickt, in der sie ihnen eine "besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr" wünscht – "egal woran sie glauben". Alles richtig gemacht also. Schließlich haben auch Nicht-Christen ein Recht darauf, einen guten Rutsch gewünscht zu bekommen. Oder nicht? Nun, nicht wenn es nach der Bild-Zeitung geht. Für die ist die Tatsache, dass auf der Karte zwar Weihnachtsdekoration (Tannenbaum und Nikolausmützen) zu sehen ist, das Wort "Weihnachten" aber nirgendwo Erwähnung findet: ein Verrat unserer "Werte". Das schreibt die Bild nicht selbst, zitiert dafür aber gleich mehrere Abgeordnete, die sich durchweg entsetzt von dieser Karte zeigen.

Nun findet Weihnachten natürlich auch dann statt, wenn das Wort Weihnachten nicht auf jeder einzelnen Jahresend-Glückwunsch-Karte auftaucht. Sollte Annette Widmann-Mauz aber tatsächlich ganz alleine in der Hand haben, ob Christi Geburt auch in diesem Jahr in Deutschland gefeiert wird oder nicht? Ihr könnt aufatmen. Die CDU-Politikerin hat ihren Twitter-Followern (und auch ganz explizit der Bild) bereits am 18. Dezember "Fröhliche Weihnachten" gewünscht. Unabhängig davon soll es außerdem eine zweite Festtagskarte gegeben haben, auf der das Wort "Weihnachten" sehr wohl auftauchte.

Props aber in jedem Fall an die Pressestelle von Widmann-Mauz. Eine Sprecherin reagierte auf die Empörung der Bild nämlich ausgesprochen trocken mit: "Sie scheinen die Karte ja ganz offensichtlich als Weihnachtskarte identifiziert zu haben."

Und jetzt dürft ihr abstimmen: Wer soll die Heulsuse der Woche sein?*

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