Wir haben das wahrscheinlich einzige Foto von Tal Silberstein analysiert
Gideon Markowicz | dpa | picturedesk.com
Schon wieder Wahlen!!!

Wir haben das wahrscheinlich einzige Foto von Tal Silberstein analysiert

Eine unerwartete Wende (ha!) in der Causa Silberstein (HA!) schockiert mal wieder die Republik: Vom Spin-Doctor der Stunde existiert offenbar nur ein einziges Foto. Höchste Zeit, um jeden einzelnen Pixel davon unter die Lupe zu nehmen.

Wenn man sich fragt, wer zur Hölle eigentlich Tal Silberstein ist – und viele Menschen fragen sich, wer zur Hölle eigentlich Silberstein ist –, und wenn man dafür auch noch das Internet konsultiert, dann bekommt man zuallererst eine (zumindest visuell) klare Antwort: Ein müde aussehender Pfropf in Türkis mit dem Charisma einer Kartoffel.

Die Silberstein-Affäre (HA!) rinnt nun schon seit Wochen in den medialen Abfluss, ohne dabei wirklich ganz abzusickern. Und egal, wie viele +++ neue Entwicklungen +++ noch aufgedeckt werden, egal wie viele +++ brisante WhatsApp-Leaks +++ noch ans Licht kommen und egal, wie viele abgeschriebene Enthüllungen noch auf oe24 gepostet werden – es gibt eine Sache, die dabei immer gleich bleibt: Das Foto, das diese Artikel begleitet.

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Das eine Foto, dieses eine Foto, das von nahezu jedem Medium hergenommen wird, um die Silberstein-Saga (HAAA!) zu bebildern und inzwischen jeder von euch mehrmals gesehen haben dürfte. Umso schwerer fällt es mir auch, euch an dieser Stelle mitteilen zu müssen, dass es sich bei diesem einen Foto in Wahrheit um sechs Fotos handelt, die sich allerdings nur minimal in Bildausschnitt und Einstellung unterscheiden. Sechs Fotos also, die nicht nur sehr ähnlich sind, sondern zusammen auch das gesamte Bild-Sortiment der größten Nachrichten- und Presseagentur Österreichs zum Fall Silberstein darstellen.

Aufgenommen wurden die Bilder bei Tal Silbersteins Verhaftung am 14. August 2017. Ein paar aufmerksamen Menschen ist bereits aufgefallen, dass die exklusive und exzessive Verwendung dieser Fotos Vorverurteilung verursachen und genau deshalb problematisch sein könnte. Und damit liegen diese Menschen auch nicht ganz falsch.

Aber kennt ihr das, wenn man ein Wort so oft sagt, dass es anfängt, irgendwie komisch zu klingen, gar nicht mehr wie ein richtiges Wort? Ungefähr so verhält es sich auch mit diesen Bildern. Sie sind eigentlich keine richtigen Fotos mehr – vielmehr Kunstwerke, abstrakte Collagen aus Zufällen, Kompositionen von Details, die zufällig gemeinsam ein Foto ergeben. Und Details sind da, um untersucht zu werden. Also machen wir das.

Beginnen wir bei der zentralen Komponente.

Das T-Shirt

Lasst uns einfach gar nicht erst um den heißen Brei herumreden und stattdessen gleich über den Elefanten im Raum sprechen: Das T-Shirt ist, kurz gesagt, ÖVP-türkis. Zumindest wäre es einfach, schnell darauf zu schließen. Aber die Sache ist die: Die Farbe, die auf der offiziellen ÖVP-Website verwendet wird, hat den hexadezimalen Farbcode #63c3d0. Der Code des Silberstein-Shirts ist (ungefähr, wenn man die Belichtung des Fotos außen vor lässt) #acf2fe. Zum Vergleich:

Shades of Cyan (Links: ÖVP-"Türkis", rechts: Silberstein-Shirt)

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Die beiden Farben unterscheiden sich nicht nur in ihrer Schattierung maßgeblich – eigentlich ist die von der ÖVP als Türkis bezeichnete Parteifarbe laut den Experten von Encycolorpedia genau genommen ein mittel-heller Cyan-Ton und damit mehr im Blau-Bereich, als Türkis das jemals sein könnte.

So oder so handelt es sich bei beiden Nuancen nicht gerade um eine modische Auswahl, zumal die InStyle doch bereits Anfang des Jahres klar und deutlich Apfelgrün und Barbie-Pink als die Trendfarben für 2017 ausgerufen hat. Ja, für euch sieht es vielleicht gleich aus, you think this has nothing to do with you, aber diese Farbe wurde sorgfältig für Leute wie euch ausgewählt. Und von diesem Peek-&-Cloppenburg-Aufdruck will ich gar nicht erst anfangen.

Ich weiß ja nicht, aber ich sehe hier die schlampige GZ-Hausübung eines Hauptschülers. Oder Erbrochenes, nachdem es getrocknet und eingescannt wurde. Oder eine artsy Hommage an die Hochhaus-Szene aus Inception. Ein bisschen sind es aber auch die Todesstern-Baupläne, und ein kleines bisschen sind es Kritzeleien aus einem TU-Lehrsaal, und ein noch kleineres bisschen sind es meine ersten Paint-Versuche als Sechsjähriger, bei denen es einzig und allein darum ging, möglichst viele Kästen aufzuziehen.

Letztendlich ist dieser Aufdruck vielleicht auch nur eine Art moderner Rorschachtest, bei dem jeder und jede nur das sieht, was er oder sie am meisten fürchtet. Ich sehe in erster Linie modischen Psychoterror. Ganz zu schweigen von den Jeans in klassischer Stefan-Raab-Waschung und den willkürlich wirkenden Schriftzügen, die das ganze Shirt zusätzlich einrahmen.

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Wartet, was steht auf dem Shirt?

BOSS GREEN!

"Boss Green", der grüne Chef! Womöglich ein Code? Ein Hinweis darauf, dass es eben doch mehr Türkis als Cyan ist? Ein Illuminati-Buchstabenrätsel? Ein Anagramm für "Beer Songs"? "Been Gross"? Ein verzweifelter Hilferuf? Oder der Name einer wichtigen Schlüsselfigur im Fall Silberstein? Warum ist der Name "Boss Green" wichtig genug für eine unterschwellige Cameo auf einem T-Shirt? Arbeitet Tal Silberstein vielleicht für diesen "Boss Green"? Und welche Rolle spielt diese Person in der hochsensiblen Skandal-Affären-Causa-Intrige? Wer könnte hinter diesem grünen Alias stecken? Ist es der Hulk? Yoda? Rachel von Friends? Ein Ninja Turtle? Shrek? Marsimoto? Der Grinch? Ulrike Lunacek? Siri, wer ist hier der "Boss Green"?

"Boss Green" ist, wie sich schlussendlich herausstellen sollte, die "aktive Sportswear-Linie von HUGO BOSS" und damit nichts weiter als der traurige Beweis dafür, dass Tal Silberstein bereit ist, eine geschätzte Summe zwischen 50 und 90 Euro für ein Stück Kleidung auszugeben, das aussieht wie die Poloshirts von Dieter Bohlen. Und das, liebe Freunde, ist der wahre Skandal an dieser ganzen Sache. Aber darüber berichtet ja wieder niemand.

But wait, there's more!

Feel the Inspiration

Ich spüre nichts. Rein gar nichts.

Das Jahr der Jahre

Wer als Kind seine Sachen bei C&A gekauft hat, der weiß, dass ein richtig verranztes Print-Leiberl erst dann wirklich vollständig ist, wenn irgendwo die Worte "Urban", "Original", "Classic" oder einfach eine Jahreszahl auftauchen. Letztere hat ihren Auftritt hier im unterem rechten Eck, wenn auch in Form von römischen Zahlen. Römische Zahlschrift findet laut ihrem Wikipedia-Eintrag heutzutage übrigens nur noch für "besondere Zwecke" Gebrauch – besondere Zwecke, zu denen etwa die jährlich stattfindende (und auf jeden Fall weibliche) Super Bowl, das letzte Bruno-Mars-Album oder eben dieses cyanfarbene Tal-Silberstein-Boss-Green-Shirt gehören. MCMXCVII, what's good?

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An dieser Stelle möchte ich mich bei meiner Mathe-Lehrerin aus der Oberstufe bedanken, die mir beigebracht hat, wie man römische Zahlen in arabische umrechnet. Noch mehr möchte ich mich aber bei meiner Informatik-Lehrerin bedanken, die mir gezeigt hat, wie man Dinge googelt und damit die bloße Existenz meiner Mathelehrerin obsolet gemacht hat: 1997.

Dass Silberstein hier ausgerechnet auf das Jahr verweist, in dem Kylie Jenner geboren wurde, ist natürlich kein Zufall. 1997 war, wie wir alle wissen, allgemein ein eher turbulentes Jahr – die Titanic ging im Kino unter, Prinzessin Diana starb einen tragischen Unfalltod, das erste österreichische Frauenvolksbegehren sammelte über 600.000 Unterschriften und die Website des ORF ging online.

Ein Blick auf die ersten sechs Plätze der Jahrescharts von damals verrät darüberhinaus, dass 1997 zumindest musikalisch das traurigste Jahr in der Geschichte dieses schönen Österreichs gewesen sein muss: "Candle In The Wind", "I'll Be Missing You", "Time To Say Goodbye", "When I Die", "Don't Speak", "Un-Break My Heart" – 1997 war, den Inhalten erfolgreicher Popsongs nach zu urteilen, ein waschechtes Trauerspiel. Und 20 Jahre später spiegelt sich dieses Trauerspiel auch in Tal Silbersteins Mimik wieder.

Mona Lisas Lächeln

Diese schläfrigen Hundeaugen, die Karl-Heinz-Grasser-Gedächtnis-Brille, das grau melierte Deckhaar, der Fünftagebart, und dieses geheimnisvolle Mona-Lisa-Lächeln, das einen verunsichert darüber zurücklässt, welche Emotion der Mann gerade verspürt. Ob er nun in Traurigkeit ertrinkt, pure Glückseligkeit empfindet, ob ihm das alles ein bisschen wurscht ist, oder ob Tal Silberstein in diesem Moment einfach nur die Inspiration feelt – wir werden's vorerst nicht erfahren. Aber wir werden bis zum Ende des Wahlkampfs noch reichlich Gelegenheiten bekommen, um darüber zu grübeln.

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Die Brille

Irgendjemand muss es ja aussprechen: Die rahmenlose Brille channelt auf fast schon beängstigende Weise The Late Great Karl-Heinz Grasser. Bis KHG waren Politikerbrillen so. Danach waren sie so. Zumindest für diese kurze, glorreiche Zeit, die als Schwarzblau in die Geschichtsbücher eingegangen ist und auf die wir uns natürlich schon unendlich in ihrer Neuauflage freuen. Dann wurde es brillenmodetechnisch wieder dunkel in der Republik.

Bis jetzt. Strache hat mit seinen neuen Brillen den Anschluss an diese große Tradition leider verpasst. Silberstein nimmt den lange herumliegenden Ball auf und setzt den KHG-Style als Bekenntnis zu Kurz-Strache fort – denen das Auffliegen von Silbersteins Schmutzkampagne überhaupt erst an die Macht verholfen haben wird.

Was für ein poetischer Sehbehelf. Danke für nichts.

Die Hose

Ein inzwischen eingestellter Tumblr widmet sich Männern, die lässige Jeans mit viel zu weiten Hosenbeinen (also von Silbersteins Façon) zu Anzugsschuhen tragen. Es ist ein beunruhigendes Zeitdokument, das mit Recht beendet wurde, weil diese Dinge nicht für die Nachwelt konserviert werden sollten. Aber jetzt, wo wir sowieso schon seit Tagen in allen Medienberichten auf die Hosen von Tal Silberstein starren und nicht anders können, als an den alten Tumblr und die darin vertretenen Jeans-Schuh-Kombis zu denken, können wir auch gleich einen Schritt weitergehen und mutmaßen, wie es mit dem Bein außerhalb des Bildes weitergeht.

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Geht man nach den Tumblr-Beispielen – und setzt voraus, dass Tal Silberstein eines davon sein könnte –, müsste der Politikberater zum Zeitpunkt seiner Verhaftung die schwarz glänzenden Schuhe eines Texaners auf Gambling-Urlaub in Las Vegas getragen haben. Macht mit dieser Information, was ihr für nötig haltet.

Die Bank

Wer zwischen 1970 und 2017 in Österreich war und in irgendeiner Form mit Schulen, Magistraten oder anderen öffentlichen Institutionen zu tun hatte, kennt diesen Look sehr gut.

Es ist dieser ganz spezielle Glanz und diese frei sichtbare Rutschigkeit von lackierten Behörden-Bänken, wie man sie in allen Wartezimmern vom Schuldirektor über das AMS bis hin zum Bezirksamt kennt, die Tal Silbersteins Foto die nötige Erdung gibt. Auf die Art bondet er gleichzeitig mit der österreichischen Bevölkerung und löst beängstigende Assoziationen mit unseren schlimmsten, verletzlichsten Momenten aus, in denen wir im Limbus der Behördenwillkür im eigenen Saft gegart sind. Es ist ein düsteres "Schaut, ich bin wie ihr! (Fühlt euch ja nicht sicher, XO!)", falls er sich den Sitzplatz aussuchen konnte; und ein genau so düsteres "Egal, wie viel einem Christian Kern bezahlt, am Ende landet man auf derselben schäbigen Bank wie bei beim Abgeben seines Meldezettels", falls er es nicht konnte.

Die Uhrzeit

Vielleicht ist es einfach nur die aktuelle Uhrzeit. Halb vier in Israel zum Zeitpunkt der Verhaftung. Schon klar. Aber vielleicht gibt sie uns auch versteckt einen Hinweis auf die historische Tragweite des Moments oder so.

Was wir jedenfalls durch investigative Google-Recherche herausgefunden haben: Um 15:30 Uhr am 12. April 1945 wurde der US-Präsident Franklin Delano Roosevelt für tot erklärt. 15:30 Uhr ist auch die Zeit, zu der man im "Führerbunker" Schüsse hörte und kurz darauf die Leichen von Adolf Hitler und Eva Braun fand. Und am 20. September 1966 wurden in einem Sojabohnen-Gewächshaus in Illinois um genau 15:30 Ortszeit 4 Feuerwehrmänner schwer verletzt, als die zweite von drei Explosionen das Gewächshaus erschütterte, wie das tolle Buch History of Soybean Crushing weiß.

Was das alles bedeutet, ist freilich schwer zu sagen. Ob Emo-Diktatoren-Botschaft, Präsidentschafts-Größenwahn oder Gewächshaus-Analogie – das Deutungsfeld, das damit aufgemacht ist, sagt zumindest viel über UNS und unsere Assoziationen mit dem Fall Silberstein aus. Was unserem Verständnis von Kindergartenpsychologie nach soviel bedeutet wie: Wir sind so fucking froh, wenn dieser Wahlkampf ein Ende hat.

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