Wir haben ein ehemaliges deutsches IS-Mitglied im syrischen Gefängnis getroffen

"Ich habe mich der gefährlichsten, brutalsten Terrororganisation der Welt angeschlossen", sagt der 23-jährige Lukas G. aus Dortmund. "Ich erwarte nicht, dass Deutschland mich mit einem Blumenstrauß empfängt."

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24 Februar 2019, 11:27am

Ein Soldat der kurdischen Volksverteidigungseinheit YPG in Rojava ||  Foto: LE PICTORIUM | Alamy Stock Photo

Lukas G. und Alexander B. stolperten Anfang Januar durch ein Minenfeld in Syrien, als sie gefasst wurden. Drei Wochen später sprechen die beiden IS-Mitglieder mit VICE, auf einem Militärstützpunkt in der Stadt al-Hasaka auf dem Gebiet der Demokratischen Föderation Nordsyrien – Rojava.

Seit die Bevölkerung der syrischen Stadt Kobanê 2014 begann, sich gegen die IS-Besatzung zu wehren, ist ein Militärbündnis für ein säkulares, freies Syrien entstanden: DKS, die Demokratischen Kräfte Syriens. Das Bündnis besteht aus den kurdischen Volksverteidiungseinheiten (YPG) und Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) sowie sunnitisch-arabischen, christlichen und kurdisch-turkmenischen Truppen.

Unterstützt durch die Luftschläge der US-geführten westlichen Koalition, schlugen die DKS seither in Orts- und Häuserkämpfen den sogenannten Islamischen Staat in die Flucht und befreiten Städte wie Manbidsch und ar-Raqqa. Inzwischen ist das Gebiet der Terrormiliz auf weniger als ein Prozent seiner ursprünglichen Größe geschrumpft. Als dieser Artikel verfasst wird, kesseln die DKS-Kräfte wenige Tausende IS-Mitglieder in Siedlungen nahe der irakischen Grenze ein.


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Die ehemaligen IS-Mitglieder sind abgemagert, erschöpft und wortkarg

Auch G. und B. wurden von pro-demokratischen Kräften gefangen genommen. Sie schlurfen in Flip-Flops, Handschellen und Augenbinden in den Büroraum, in dem das Interview stattfindet. Die Fesseln und Augenbinden dürfen sie ablegen, stattdessen bekommen sie Kaffeetassen in die Hände. Wir sprechen frei miteinander, während ihre Wache draußen raucht. Die Gefangenen haben strähniges Haar, ihre Knochen stehen hervor: Mittlerweile sind Menschen im IS-Gebiet laut Augenzeugenberichten gezwungen, Gras zu essen, um zu überleben.

Lukas G. ist 23 und Deutscher, seine Stirn ist zerfurcht von Narben – er hat sich mit einem Stein ins eigene Fleisch geritzt, damit dort ein sogenannter Gebetsfleck entsteht, ein Beweis für tägliches Beten nach islamischem Brauch. Seit drei Jahren ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen ihn.

G. und B. wirken selbstsicher, drücken sich flüssig aus. Sie erzählen von einem Islamischen Staat, der in Chaos, Paranoia und internen Machtkämpfen versinkt. Unter anderem geht es in den erbitterten Streitigkeiten zwischen einheimischen und ausländischen Kämpfern darum, ob Menschen, die versuchen zu fliehen, gefoltert und hingerichtet werden sollen.

"Wir haben niemandem etwas getan."

Alexander B. ist 45 und ein irischer Staatsbürger aus Usbekistan. Er behauptet, ein böser Geist oder Dämon, ein Dschinn, habe von ihm Besitz ergriffen – "ähnlich wie Schizophrenie", sagt er.

B. will nach Syrien gereist sein, um sich einer Rebellengruppe anzuschließen, weil er es als seine Pflicht gesehen habe, "Muslimen zu helfen". In der von Rebellen besetzten Stadt Idlib habe er angefangen, ein Krankenhaus zu bauen: "Weil ich die Sorte Mensch bin, die ohne Plan einfach mal macht." Doch dann eroberte der IS das Gebiet. B. gesteht, er habe als Fahrer für den IS gearbeitet, sieht sich allerdings in keiner Schuld: "Ich persönlich und meine Familie, wir haben niemandem etwas getan."

Auch Lukas G. antwortet ausweichend, übernimmt aber mehr Verantwortung für sein Handeln: "Ich habe mich der gefährlichsten, brutalsten Terrororganisation der Welt angeschlossen. Ich erwarte nicht, dass Deutschland mich mit einem Blumenstrauß empfängt." Wie B. streitet er ab, sich aktiv an den Kämpfen beteiligt zu haben. Er habe sich zu Hause in Deutschland eine Fußballverletzung zugezogen, hätte also gar nicht kämpfen können, selbst wenn er gewollt hätte. Dem Islamischen Staat habe er sich allerdings willentlich angeschlossen: "Ich wollte in einem Land leben, wo ich meine Religion frei ausüben kann."

Der 23-Jährige aus Dortmund sagt, er habe zwei Jahre lang als IS-Polizist Autos nach Drogen und Zigaretten durchsucht, dabei allerdings nie eine schwerere Strafe verhängt als eine Woche Haft. Schließlich will er erkannt haben, dass "der IS sich den Menschen gegenüber nicht islamisch verhält", und habe der Organisation den Rücken gekehrt. Bei einem Fluchtversuch habe man ihn verhaftet. "Ich wollte Religionsfreiheit", sagt Lukas, "aber in Deutschland musste ich für meine Religion nie ins Gefängnis. Im Islamischen Staat schon."

Ungereimtheiten und Ausweichmanöver

In ihren Geschichten gibt es Unstimmigkeiten. Warum etwa brachte Alexander B. seine Frau und sein zehn Monate altes Baby mit, wenn er wirklich nur vorhatte, sich drei Monate lang in Syrien aufzuhalten? Warum behauptet Lukas G., er habe sich in den Anfangsjahren des Kalifats so weit wie möglich von den IS-Behörden entfernt niedergelassen, obwohl er doch unter IS-Herrschaft leben wollte? Auf wiederholte Nachfragen reagiert G. einsilbig, B. flüchtet sich in Klagen über sein eigenes Schicksal.

Doch ab und an verrutscht die Maske. Auf die Frage, wie das Leben in Syrien für seine junge Ehefrau gewesen sei, schweigt G. fast eine Minute lang. "Schrecklich", antwortet er schließlich, mehr will er nicht sagen.

Alexander B. verliert die Beherrschung, regt sich über die "Scheinheiligkeit" seiner Mitgefangenen auf: Sie würden behaupten, Muslime zu sein, dennoch "rauchen sie ununterbrochen". Auch als das Gespräch auf das Verhältnis der Einheimischen zum IS kommt, wird er ungehalten. Er klagt, Zivilpersonen würden "die Vorteile und die Wohltätigkeit des Islam genießen", sich aber nicht als Teil des Islamischen Staats verstehen. "Da heißt es wir gegen die – dawla und a'wam", schließt er angewidert und verwendet dabei die arabischen Wörter, mit denen IS-Mitglieder zwischen ihrem "Staat" und dem "gemeinen Volk" unterscheiden. Es ist das einzige Mal im Gespräch, dass B. für den IS das Wort "wir" verwendet.

Als der Islamische Staat militärisch unter Druck geriet, hätten die Spannungen zugenommen. "Der IS hat sich selbst zerstört", sagt Lukas G. Er behauptet, er habe einen religiösen Buchladen eröffnet, um über die Runden zu kommen, nachdem er aus dem IS ausgetreten sei. Doch dann hätten die Mudschahidin, die Gotteskrieger, sein Inventar konfisziert und zerstört. "Die Iraker leiten alles", fährt er fort. "Ausländer werden sehr schlecht behandelt. Sie haben uns gefragt: 'Warum wollt ihr essen? Warum wollt ihr leben? Ihr seid doch hergekommen, um zu sterben.'" 95 Prozent der aus dem Ausland stammenden Menschen in IS-Gebieten hätten sich offen gegen die Terrororganisation ausgesprochen, so G. "Drei, vier Jahre zuvor hat man solche Sachen nur heimlich seinen Vertrauten gesagt."

B. ergänzt: "Eine deutsche Schwester wurde vom IS inhaftiert und gefoltert, bis ihr ganzer Körper mit Wunden übersät war. Weil sie gehen wollte." Früher hätten die Islamisten alle, die fliehen wollten, gefangen genommen, doch als ihr Gebiet schrumpfte, hätten sie die vielen Flüchtigen nicht mehr aufhalten können. Und was ist mit den Einheimischen in den besetzten Gebieten? "Wenn sie nicht im IS-Gebiet leben wollten, hätten sie es schon verlassen", sagt der 45-Jährige.

Obwohl die Terroristen den Bodenkrieg so gut wie verloren haben, gibt es in Irak und Syrien weiterhin Tausende militante Islamisten, die in Schläferzellen auf ihren Einsatz warten. "Der Islamische Staat ist eindeutig noch eine Bedrohung", sagt Lukas G., vor allem die Südtürkei sei weiterhin "voll von IS-Mitgliedern" und es sei "sehr einfach für alle ausländischen Kämpfer", die Grenze in die Türkei zu überqueren.

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Kurdische Protestierende bei einer Demonstration in London gegen den türkischen Militäreinsatz in der Region Afrin, Februar 2018 || Foto: WENN Rights Ltd | Alamy Stock Photo

Ob der IS bestehen bleibt, hängt deswegen stark von der Frage einer türkischen Invasion ab. Seit die Türkei vergangenes Jahr die Region Afrin im Norden Syriens besetzt hat, haben von der Türkei unterstützte Milizen dort die Scharia ausgerufen, sie entführen, foltern und ermorden Zivilistinnen und Zivilisten. Laut Amnesty International sieht in der Vorgehensweise der Milizen schwere Menschenrechtsverletzungen.

Eine ähnliche Invasion in weiteren Teilen Rojavas könnte die Region destabilisieren und die Art Chaos verursachen, von dem sich der IS nährt. Die französische Regierung hat deshalb Ende Januar verkündet, sie werde 130 mutmaßliche IS-Kämpfer nach Frankreich holen und dort vor Gericht bringen. Ansonsten, so die Befürchtung, könnten sie im Chaos der türkischen Invasion untertauchen und von der Bildfläche verschwinden.

Westliche Länder wollen keine Verantwortung für ihre Bürger übernehmen

Andere westliche Nationen wie Deutschland, Irland und Großbritannien haben bisher keine derartigen Pläne verkündet, obwohl in den kurdischen Lagern tausende Ex-Mitglieder des IS sitzen. Die autonome Regierung von Rojava hat den Westen wiederholt dazu aufgerufen, Verantwortung zu übernehmen. So lange ihre Bitte nicht erhört wird, müssen die von Kurden und Kurdinnen angeführten Kräfte allein mit den Überresten des IS klarkommen. "Ich weiß, dass ich vor Gericht komme, aber ich will nach Hause", sagt der Ire B. "Das hier ist immer noch ein Kriegsgebiet."

Alexander B. und Lukas G. sagen, die DKS behandeln ihre Gefangenen human. Doch angesichts der Gefahr, die weiterhin im Nordosten Syriens herrscht, ist unklar, wie lange die pro-demokratischen Truppen ihre Gefangenen noch halten und beschützen können und ob die Kämpfer sich jemals vor Gericht für ihr Handeln verantworten müssen.

Nach dem Interview bittet Alexander B. um Hilfe bei einer Übersetzung: Er will den kurdischen Offizier, der mit seiner Verwahrung betraut ist, um Auslieferung nach Irland bitten. "Bisher hat uns die irische Regierung nicht geantwortet", erklärt der Offizier. "Für uns wäre das kein Problem, wenn er zurückgeht." Der Kurde unterstreicht seine Haltung, indem er sich symbolisch die Hände abstaubt. Dann werden die beiden Europäer abgeführt.

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