Ich habe eine Woche lang geschwiegen

Das ist das schlimmste Selbstexperiment, das ich je gemacht habe.

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01 Februar 2019, 10:39am

Fotos: Dominik Pichler

Der Kragen platzte mir, als mich ein eigentlich unschuldiger Tourist auf Englisch nach dem Weg fragte: "I don’t want to talk to ANYONE!", brüllte ich.

Wie konnte es dazu kommen?

Es war einer dieser Tage gewesen, an dem das Telefon im Sekundentakt klingelte, die Mails aufploppten und ständig irgendjemand irgendetwas "Dringendes" von mir brauchte. Ich war genervt, so genervt, dass ich mir wünschte, in einem "Ein Zwilling kommt selten allein"-artigen Twist mein Leben mit einem identisch-aussehenden Fremden tauschen zu können, einem arbeitslosen Couchpotato-Michi.

Ich wollte runterkommen und wagte einen Entspannungs-Spaziergang durch die Wiener Innenstadt. Dort herrschte aber größeres Chaos als auf dem gescheiterten Fyre Festival. Dann kam der Tourist, und na ja, mir brannte die Sicherung durch.

"Vielleicht ist das die Lösung meines Problems", dachte ich, nachdem der Typ weggeflattert war wie eine verängstigte Taube, "ein paar Tage Funkstille!".

So beschloss ich, das zu tun, was meine Feinde sich schon lange von mir wünschen: einfach ein paar Tage den Mund halten.

Michi Buchinger liest ein Buch
Michi Buchinger entscheidet sich dazu, eine Woche lang zu schweigen | Foto: Dominik Pichler

Tag 1

Im Wartezimmer meines Arztes hatte ich kürzlich gelesen, dass Schweigen gut für die psychische Gesundheit sei. Ein Bericht über Vipassana, eine Art der Meditation, bei der man für zehn Tage niemanden berührt, nicht liest, nicht fernsieht, keinen Sport macht und ausschließlich "edle Stille" hält - also schweigt. So soll man Leiden überwinden und Einsicht erlangen. Ich will diese Einsicht, aber:

Pffft! Kein Fernsehen? (Während dieses Experiments lief das DSCHUNGELCAMP!) So entschließe ich mich stattdessen für "Vipassana Light", ich rede also einfach nicht, kommuniziere aber sehr wohl nonverbal, per SMS, Brief oder mit aussagekräftigen Blicken. Wie werde ich mich nach einer Schweigewoche fühlen?

Heute widme ich mich schweigend meinen täglichen To Dos: Zuerst gehe ich in den Supermarkt. An der Kasse komme ich mir vor wie das größte Arschloch, weil ich weder Hallo, noch Bitte und Danke sage, aber durchgehend grinse und wohlwollend nicke, als wäre ich ein Alien, das erst in der Woche zuvor in einem Lehrbuch erfahren hat, wie sich Menschen verhalten.

Michi Buchiner mit seinem Handy
Michi Buchinger schweigt und verständigt sich nur schriftlich | Foto: Dominik Pichler

Auch das Personal im Fitnessstudio muss heute ohne den klassischen Buchinger-Smalltalk auskommen, den sie kennen und lieben gelernt haben. Wortlos ziehe ich an ihnen vorbei und springe direkt auf das Laufband, immerhin darf ich hier ächzen und stöhnen.

Die Entspannung bleibt aus, aber meine Mitmenschen wirken freundlicher als sonst. Da ich nicht im Redefluss versinke, kann ich mich ganz genau auf ihre Mimik konzentrieren. Bei vielen Menschen, denen ich heute begegne, nehme ich ein grundzufriedenes Lächeln wahr. Vielleicht freuen sie sich, dass ich sie zur Abwechslung nicht über das Dschungelcamp zuschwafle?

Tag 2

Mein Leben lang habe ich mich als introvertierten Eigenbrötler dargestellt. Das war ein Fehler, das dämmert mir bereits am zweiten Tag meines Experiments: Ich liebe es, mit anderen Menschen zu reden. Wem soll ich nun all den Nonsens erzählen, den ich Tag ein, Tag aus treibe?

Wenigstens dem Postboten will ich mitteilen, dass das Ehepaar aus dem dritten Stock sich getrennt hat, weil sie eine andere hat, scheitere aber kläglich an der Scharade.

Wer hätte gedacht, dass ich so kommunikativ bin? Ich vermisse es so sehr, meine geistreichen Beobachtungen und cleveren Wortspiele zu kommunizieren, dass ich für meinen Freund Dominik, der während meines Experiments gerade Urlaub auf dem Land macht, einen SMS-Live-Ticker einrichte, um den er definitiv nicht gebeten hat.

10:15: Taube fliegt bedrohlich nah an meinem Fenster vorbei

10:16: Sollte ich je in die Politik gehen, werde ich den Kampf gegen Tauben in mein Wahlprogramm aufnehmen.

10:17: "Buchinger 2020 – TAUBEN RAUS!"

Die Nachrichten bleiben unbeantwortet. Während des Tippens meiner gefühlt dreihundertsten SMS (Hmm…Funkloch auf dem Land?), erreicht mich eine Nachricht meiner Freundin Laura. "Lust, morgen Abend auf meine Hausparty zu kommen?" Ich erkläre ihr, dass das diese Woche äußerst unangenehm werden könnte. "Je unangenehmer, desto besser!", antwortet sie. Ich beschließe hinzugehen.

Michi Buchinger
Eine Woche zu schweigen ist nicht einfach | Foto: Dominik Pichler

Ich muss unter Menschen kommen, bevor ich mich in einen Typen verwandle, der ein Gesicht auf eine Orange malt und sagt, dass die seine beste Freundin ist.

Tag 3

Warum ich, der Partys ohnehin schon mehr hasst als Gargamel die Schlümpfe, es für eine gute Idee hielt, die Party zu besuchen, ist mir heute ein riesiges Rätsel.

Laura ist zum Glück gütig genug, den übrigen Gästen am Anfang zu erklären, warum ich so ruhig bin: "Michael macht eines seiner ulkigen Selbstexperimente", leitet sie ein. "Er möchte ein paar Tage lang nicht sprechen und hofft, dadurch schöner zu werden!".

Ich kann sie natürlich nicht korrigieren. Auch schlimm: Einer der Partygäste heißt, wenn ich das richtig verstanden hatte, mit Vornamen "Schnur" und ich kann ihn nicht mal bitten, mir die Schuhe zu schnüren, oder seine Geburtsurkunde verlangen.

Am Anfang versuche ich noch, mich mithilfe von Blatt und Bleistift in Unterhaltungen einzubringen. Zwei junge Hipster-Frauen diskutierten über Frühjahrsputz, aber bis ich "Ja, das habe ich auch gerade gemacht und dieses Mal sogar meine Türen mit Essigessenz geschrubbt!" aufschreiben konnte, ging es schon um zuckerfreie Ernährung; ein Thema, das in Lauras Freundeskreis sehr weit verbreitet ist, zu dem ich aber leider nichts zu sagen, oder schreiben, kann.

Irgendwann nehmen die Leute mich nicht mehr wahr. Ich verschwinde im Hintergrund, wie das zuckerfreie Dessert, das eine der beiden Hipsterinnen mitgebracht hat. Die beiden vergaßen wohl, dass ich ihrer Sprache mächtig oder überhaupt DA war, und fingen kurze Zeit später an, detailgetreu über ihre Sexkapaden und mögliche daraus resultierende Geschlechtskrankheiten zu sprechen.

Ich verabschiede mich schneller von der Party, als ich "Chlamydien" hätte sagen können.

Tag 4

Das ist das schlimmste Selbstexperiment, das ich je gemacht habe. Schlimmer noch, als jenes, bei dem ich eine Woche zu allem "Ja!" gesagt habe, und im Krankenhaus gelandet bin. Allmählich dämmert mir, dass mein Ausdrucksvermögen und meine Schlagfertigkeit die Hauptgründe sind, warum Leute mich mögen. Da ich nicht unbedingt oft für Ryan Goslings Zwillingsbruder gehalten werde, muss ich freche Wortspiele und zynische Bemerkungen rausballern, um Sympathiepunkte zu ernten.

Warum in aller Welt ich freiwillig auf meine stärkste Waffe verzichte, verwirrt mich von Tag zu Tag mehr. Hatte ich ernsthaft gedacht, dass ich, so wie Arielle, nachdem die böse Meerhexe Ursula ihr die Stimme gestohlen hat, die Leute mit meinem reizvollen Aussehen um den Finger wickeln könne? Pah! Ich arme Seele in Not.

Stattdessen langweile ich mich. Wenn ich nicht wie ein Wasserfall über meine neuesten Trash-TV-Beobachtungen plappern kann, fallen 90 Prozent meiner Tagesbeschäftigung weg und ich habe Zeit, Leiden zu überwinden und Einsicht zu erlangen, wie Vipassana einem das verspricht.

Michi Buchinger langweilt sich
Michi Buchinger langweilt sich bei seinem Selbstexperiment | Foto: Dominik Pichler

Aber ich bin einsam. Ich fühle mich wie der traurige Protagonist in einem schlechten Film, der den ganzen Tag nur aus dem Fenster starrt oder in der Embryostellung auf dem Boden liegt. Dieser Tage gehe ich besonders gerne früh schlafen und freue mich auf meine Träume – da darf ich sprechen. Da ich es äußerst beunruhigend finde, dass ich nach nur vier Tagen des Schweigens nicht mehr ganz so viel Freude am Wachsein empfinde, bitte ich Laura per SMS, mich zum Abendessen zu treffen. Alleine!

"Erzähl’ mir einfach irgendetwas! Egal was, ich höre zu! Darf sogar was über zuckerfreie Ernährung sein!", schreibe ich ihr, und freue mich, als sie zusagt.

Natürlich ist das Treffen anfangs ein bisschen unangenehm und sieht für die Kellner und Kellnerinnen vermutlich entweder nach einer Geiselnahme oder einem verrückten Sex-Spiel aus.

Wie ein verwirrter Tourist zeige ich einfach auf die Namen von Speisen in der Karte und wirke wahrscheinlich, als stünde ich kurz davor, zu fragen, wo man denn die günstigsten Souvenirs kaufen könne – dennoch habe ich den Eindruck, meiner guten Freundin näher zu sein, als das in den letzten Monaten der Fall war, und fühle mich endlich nicht mehr so einsam.

Es tut gut, mich vollkommen auf mein Gegenüber einzulassen und zur Abwechslung mal einfach nur zuzuhören.

Tag 5

Das ist vielleicht ein offensichtliches Learning, aber: Meine schweigende Woche hat mich zu einem besseren Zuhörer gemacht. Von dem Zwang befreit, jeder Aussage meines Gegenübers mit einer Anekdote aus meinem eigenen Leben zu kontern, konnte ich mich gestern Abend so richtig auf Laura einlassen.

Heute dagegen bin ich ein bisschen aufgeregt. Ich soll heute Abend ein Lesung in Frankfurt halten. Weil es mir schwerfiel, aus beiden meiner Bücher eine Stelle zu finden, die ich dem Publikum vortanzen kann, habe ich mich dazu entschlossen, dass meine ersten seit fünf Tagen gesprochenen Worte jene sein sollen, die ich an das Publikum richte.

Aber: Was, wenn am Flughafen jemand was von mir möchte? Was, wenn ich beim Security Check gefragt werde, ob es sich bei meinen Zahnpflege-Tabs um Medikamente handle und, wenn ja, an welcher komischen Krankheit ich denn bitte leide, dass ich dafür nach Minze duftende Tabletten einnehmen muss?

Doch ich werde nicht befragt, ich muss nur warten, und so bleibt mir genug Zeit, um über die vergangenen Tage nachzudenken. War es wirklich eine gute Abhilfe gegen meine Gereiztheit gewesen, das Sprechen bleiben zu lassen?

Klar, ich habe vier Tage lang (gezwungenermaßen) keine unschuldigen Passanten mehr angebrüllt, aber dennoch kam ich mir im Rahmen meines Experiments vor wie der Protagonist in einem schlechten Film, der sich von einem wohlwollenden Flaschengeist einen Wunsch erfüllen lässt, nur um auf die harte Tour zu lernen, dass man besser vorsichtig sein sollte mit dem, was man sich wünscht.

Ich habe immer gedacht, ich sei introvertiert und suche Ruhe. Doch diese Woche habe ich erfahren, dass mir die Kommunikation mit anderen wichtiger ist als gedacht. Nicht zu kommunizieren, wirkt sich stark auf meine Stimmung aus. Ich bin doch sehr gern sozial. Ist das vielleicht die Einsicht, die Vipassana einem verspricht?

Wenige Stunden später sitze ich meinem Frankfurter Publikum gegenüber. Die ersten Worte aus meinem Mund klingen rau und tief, wie eine sehr schlechte Hildegard-Knef-Imitation und die Vibration in meinem Hals ist so ungewohnt, dass ich erst mal ein bisschen huste.

Aber endlich habe ich meine stärkste Waffe zurück: meine Stimme. "Hallo Frankfurt, Michi Buchinger hier!" sage ich. Ich bin mir sicher: So schnell höre ich nicht mehr auf zu reden.

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