Rockerbosse als Palettendiebe: Die Chefs der Osmanen Germania stehen vor Gericht

Aber nicht wegen Drogenhandels, Erpressung oder Gewalt.

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30 Januar 2019, 11:43am

Foto: imago | blickwinkel

Die Osmanen Germania wollten ganz hoch hinaus. "Wir kommen und übernehmen das ganze Land", lautete die Ansage in dem Rap-Video, mit dem die Gruppe sich Anfang 2016 der Welt vorstellte – indem sie vor allem ihre Muskeln, Macheten und Schusswaffen in die Kamera hielten.

Und tatsächlich sah es damals so aus, als würde diese Neugründung die Rockerszene gründlich aufmischen: Polizei-Experten sprachen von der am schnellsten wachsenden Gruppierung der Rockerszene, die Gruppe selbst behauptete gegenüber VICE, in nicht mal einem Jahr auf 2.500 Mitglieder gewachsen zu sein. Die Osmanen schienen unaufhaltsam, die Gründer Mehmet B. und Selcuk S. auf dem besten Wege, einflussreiche Männer zu werden.


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Heute, knapp drei Jahre später, ist das alles vorbei. Das Rap-Video ist längst offline, und im Juli 2018 ließ der Innenminister Horst Seehofer die "Osmanen Germania" komplett verbieten, weil von dem Verein eine "schwerwiegende Gefährdung für die Allgemeinheit" ausgehe. Am Dienstag mussten sich nun Mehmet B. und Selcuk S. in Darmstadt vor Gericht verantworten. Allerdings nicht wegen irgendwelcher Rocker-typischen Verbrechen wie Drogenhandel, Erpressung oder Gewaltdelikten. Sondern wegen eines Straftatbestands, der deutlich mehr nach Späti als nach Nachtclub klingt: Pfanddiebstahl. Genauer gesagt: Die beiden werden beschuldigt, Euro-Paletten geklaut zu haben.

Um "fair" zu bleiben: Es handelt sich um Pfanddiebstahl in relativ großem Stil. Selcuk S., der laut Bild beim Gesundheitskonzern Fresenius in Friedberg angestellt war, soll einen Kollegen überredet haben, gebrauchte Paletten aus dem Verkehr zu ziehen. Der Kollege hat bereits gestanden, dass er das für einen Euro pro Palette gemacht habe.

Selcuk S. und seine Komplizen hätten die Paletten dann ein- bis zweimal pro Woche abgeholt und gegen Pfand getauscht. Insgesamt, glaubt die Staatsanwaltschaft, hätten Mehmet B., Selcuk S. und ein dritter Komplize auf diesem Wege 8.222 Euro-Paletten geklaut. Bei 4 Euro Pfand pro Palette wären so immerhin 32.888 Euro zusammengekommen. Dazu sollen sie außerdem noch über Tausend Gitterboxen bei einem Linde-Werk bei Aschaffenburg gestohlen haben, im Wert von 42.035 Euro. Wie gesagt, Pfanddiebstahl in ziemlich ungewöhnlichem Umfang. Angeklagt sind die beiden (und sieben weitere) deshalb wegen bandenmäßigen Diebstahls und Hehlerei. Im schlimmsten Fall kann es dafür bis zu 10 Jahre Gefängnis geben, sagt ein Sprecher des Landgerichts.

Ein angemessenes Ende für die vollkommen bizarre Geschichte der "Osmanen Germania". Ihre Vertreter behaupteten zwar stets, es handele sich um nichts weiter als einen friedlichen, sozial gestimmten "Boxclub". Trotzdem schaffte es dieser scheinbar aus dem Nichts gekommene Club in kürzester Zeit, sich in den nächsten zwei Jahren ein halbes Dutzend Großrazzien gegen seine Mitglieder einzufangen, mit Vorwürfen, die von Geldwäsche über Erpressung bis zum versuchten Mord gingen.

Ebenso schnell stürzte der Club sich in einen brutalen Konflikt mit einer kurdischen Gruppe, bei dem es Brandanschläge und Handgranaten nur so hagelte. Gut dazu passte, dass dann herauskam, dass die "Osmanen" gute Verbindung nicht nur zu den türkischen Rechtsextremisten von den "Grauen Wölfen", sondern offenbar auch zur türkischen Regierungspartei AKP selbst hatten – die sie soll sie laut Medienberichten sogar mit Geld zum Kauf von vollautomatischen Waffen ausgestattet haben.

Der aktuelle Prozess könnte aber ein Zeichen sein, dass den Osmanen-Gründern diese ganzen Verbindungen nicht zu Kopf gestiegen sind: Nur weil man Geld von der türkischen Regierung bekommt, heißt das noch lange nicht, dass man einen Riesenstapel Euro-Paletten links liegen lassen muss, wenn sie unbewacht in der Gegend herumstehen.

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