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Wie Fremdgehen in einer polyamorösen Beziehung aussieht

Paare erzählen, warum es selbst in einer Liebe Betrug geben kann, in der Sex mit anderen erlaubt ist.

von Franki Cookney
11 März 2019, 9:37am

Von links nach rechts: Cathy Keen, Nicole Everett, Thomas Keen | Foto bereitgestellt

Als ich meinen Mann kennenlernte, sagte er mir unmissverständlich, dass Küssen in seinen Augen als Fremdgehen zählt. Da überrascht es vielleicht, dass wir heute, zehn Jahre später, beide regelmäßig Sex mit anderen haben.

Keiner von uns hatte davor eine offene Beziehung, aber wir haben immer ehrlich über Sex, Liebe und Beziehungsformen gesprochen. Wir haben uns sehr langsam an das Thema herangetastet: Erst hatten wir gemeinsam Sex mit anderen, dann sind wir eigenständig losgezogen. Heute sind wir verheiratet, leben zusammen und unsere Beziehung hat oberste Priorität. Trotzdem treffen wir uns mit anderen Menschen. Als ich meinen Mann vor Kurzem fragte, ob Küssen für ihn immer noch Fremdgehen sei, erwartete ich von ihm als Antwort nur ein Lachen. Aber er blieb ernst.

"Ja", sagte er. "Wenn das etwas wäre, auf das wir uns nicht geeinigt haben."


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Von außen mag es so aussehen, als wäre im Rahmen einer polyamorösen Beziehung alles erlaubt. Dabei basieren die allermeisten auf einer Reihe hochindividueller Vereinbarungen. Unsere nüchternen Diskussionen über persönliche Grenzen, Unsicherheiten, Bedürfnisse und Sehnsüchte stehen im starken Kontrast zum sexuell emanzipierten alles-geht-Lifestyle, den sich viele Menschen unter einer solchen Beziehung vorstellen. Auch in einer offenen Beziehung kann man betrügen. Was genau als Fremdgehen gilt, kann sich allerdings von Beziehung zu Beziehung dramatisch unterscheiden.

Laut Franklin Veux und Eve Rickert, Autor und Autorin von More Than Two: A Practical Guide to Ethical Polyamory ist Polyamorie für manche "nur eine gehobene Art zu sagen, dass du fremdgehen darfst". Aber in Wahrheit sei das Gegenteil der Fall. "Es bedeutet, dass man mehr zuhört, mehr diskutiert und sich mehr selbst analysiert, als man es vielleicht gewohnt ist."

Cathy und Thomas Keen sind seit neun Jahren zusammen, sieben davon nichtmonogam. Über ein Jahr befand sich das Londoner Paar – sie 39, er 33 Jahre alt – in einer offenen Beziehung mit der gemeinsamen Freundin Nicole Everett. In dieser Zeit konnten alle drei auch mit anderen Personen intim werden. Vor Kurzem hat die 27-jährige Everett allerdings einen neuen Partner kennengelernt, der die Sache etwas anders sieht.

"Er weiß von meiner Beziehung mit Cathy und Thomas, aber wäre nicht einverstanden, wenn ich jemand Neues daten würde", erklärt sie. "Thomas und Cathy hätten kein Problem damit, aber für ihn wäre das Fremdgehen. Es ist ein bisschen verwirrend."

In ihrem Buch Mating in Captivity: Sex, Lies and Domestic Bliss weist Psychotherapeutin Esther Perel darauf hin, dass alle Beziehungen auf Vertrauen basieren. Wenn dieses Vertrauen verletzt wird, kann das einem Verrat gleichkommen. Das gilt für monogame wie für offene Beziehungen. "Auch wenn die Regeln anders aussehen, können sie gebrochen werden. Und das hat die gleichen schmerzhaften Konsequenzen."

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Marceille Bisset | Foto bereitgestellt

Marceille Bisset, 26, war am Boden zerstört, als sie herausfand, dass ihr Partner, mit dem sie eine offene Fernbeziehung führte, heimlich andere Freundinnen hatte. Eigentlich hatte das Paar abgemacht, einander von anderen Partnern und Partnerinnen zu erzählen. Er wusste von Bissets anderen Beziehungen und sie erwartete im Gegenzug die gleiche Ehrlichkeit von ihm. Als sie einen Flug buchen wollte, um ihn zu besuchen, schrieb er ihr in einer E-Mail, dass er jemand Neues kennengelernt habe. Die neue Partnerin wolle monogam leben. Als sie nachhakte, gab er zu, dass er mit der "neuen Freundin" schon seit zwei Jahren zusammen war. Außerdem hatte er eine weitere Partnerin in einer anderen Stadt.

"Wir drei Frauen dachten alle, dass wir uns in offenen Beziehungen mit ihm befinden, aber er hat uns voreinander geheim gehalten", sagt Bisset. "Er wollte keine Verantwortung übernehmen. In einer nichtmonogamen Beziehung kannst du eigentlich alles haben – warum verheimlichst du sowas dann?"

Die 54-jährge Leanne, die eigentlich anders heißt, erzählt mir, wie ihre offene Ehe zerbrach, nachdem ihr Mann mit einer Frau geschlafen hatte, von der er wusste, dass sie damit nicht einverstanden sein würde. "Die Regel unserer polyamorösen Ehe war, dass wir nicht mit anderen Sex haben, ohne vorher miteinander darüber zu sprechen", sagt Leanne. "Mein Ex wollte mit der Mutter von einem der Freunde meines Sohns schlafen. Er wusste, dass ich Nein gesagt hätte, also hat er es sechs Monate lang hinter meinem Rücken getan."

"In nichtmonogamen Beziehungen legt man selber fest, wie man mit anderen Beziehungen umgeht und wo die Grenzen liegen", sagt Psychologin und Sex- und Intimitätscoach Dr. Lori Beth Bisbey. "Wenn man das hintergeht, tritt man die ganze Arbeit, die man in eine Beziehung gesteckt hat, mit Füßen. Es geht nicht um Sex, es geht nicht um Eifersucht – auch wenn Poly-Paare entgegen verbreiteter Meinung damit ihre Probleme haben –, es geht um die Lüge."

Die Regeln variieren von Beziehung zu Beziehung. In manchen sind vielleicht Partner eines bestimmten Geschlechts Tabu, bei anderen bestimmte Sexakte. Bei vielen, wie auch bei meinem Mann und mir, braucht es erst die Zustimmung des oder der anderen, bevor man sich mit jemand Neuem einlässt. Aber Regeln können sich ändern. Die meisten polyamourösen Paare, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass sich die Definition von "Fremdgehen" bei ihnen mit der Zeit geändert hat.

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Tereza und Josef | Foto bereitgestellt

Tereza und Josef Sekovovi führten zehn Jahre eine monogame Beziehung, bis sie sie vor zwei Jahren öffneten. Die zu Beginn noch strengen Regeln lockerten das in Prag lebende Paar mit der Zeit. Ursprünglich hatten sie vereinbart, mit niemandem ohne vorheriges Einverständnis zu schlafen. Als Josef aber einmal spät in der Nacht vor der Entscheidung stand, ob er seine Frau wegen einer gerade gemachten Bekanntschaft anrufen und wecken soll, wurde ihnen klar, dass ihre Vereinbarung nicht besonders praktikabel war. "Wir haben uns langsam rangetastet. Zuerst haben wir gesagt, 'Küssen und Kuscheln ist OK'. Als wir gesehen haben, dass wir gut damit umgehen, haben wir uns darauf geeinigt, dass auch Sex mit anderen OK ist", sagt Josef.

Kommunikation ist alles. Auch wenn es nichtmonogame Paare gibt, die sich bewusst dafür entscheiden, einander nichts von ihren anderen Geschichten zu erzählen, beharrten alle, mit denen ich gesprochen habe, darauf, dass Ehrlichkeit und Offenheit der einzige Weg seien, Fremdgehen zu vermeiden. "Es steht gar nicht zur Debatte, es nicht zu erzählen", sagt Tereza. "Es wäre sehr komisch, wenn ich etwas vor Josef verstecken müsste. Das würde sich anfühlen, als würde ich ihn hintergehen." Josef sieht das genau so. "Etwas Intimes mit jemand anderem zu haben und Tereza nicht davon zu erzählen, wäre für mich Fremdgehen."

Das Gespräch nach der Zeit mit einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin kann in einer nichtmonogamen Beziehung genauso wichtig sein wie das Etablieren gemeinsamer Grenzen davor. Bei Cathy und Thomas ist das definitiv der Fall. "Es ist OK, getrennte Beziehungen zu haben, aber ich erzähle Thomas immer davon und, nachdem ich bei einer anderen Person war, erleben wir immer eine Art Wiedervereinigung. Ich muss dann dafür sorgen, dass Thomas sich in der Beziehung sicher fühlt, dass ich noch da bin, ihn noch liebe und meine Familie Priorität hat", sagt Cathy.

Safer Sex ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Eine Studie der University of Michigan, die Daten von mehreren hundert Individuen über einen Online-Fragebogen auswertete, fand heraus, dass Menschen, die in monogamen Beziehungen fremdgehen, öfter ungeschützt Sex haben als solche in offenen Beziehungen. "Kein Kondom zu verwenden und das nicht zu sagen, ist wahrscheinlich das Schlimmste, was du in einer offenen Beziehung machen kannst", sagt Cathy. "Das ist mir mit meinem Ex passiert. Am Ende hatte ich Chlamydien. Wir alle hatten Chlamydien. Ich war so unfassbar sauer."

Auch wenn klar ist, dass die meisten polyamorösen Paare Fremdgehen eindeutig missbilligen, so wenden viele ein, dass es nicht zwangsläufig das Ende der Beziehung bedeuten muss, wenn es passiert. Auch wenn sie in der Vergangenheit verletzt wurde, glaubt Marceille, dass nichtmonogame Menschen besser darin sind, einen solchen Vertrauensbruch zu verarbeiten: "Nicht monogam zu sein hat den Vorteil, nach dem Fremdgehen eine Beziehung neu strukturieren zu können, ohne sie zwangsläufig beenden zu müssen."

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